| Deutsche
Regierung betreibt mit Hilfe faschistischer Exilanten deutscher und
kroatischer Herkunft die Spaltung Boliviens |
Balkanisierung
in Südamerika
Quelle:
german-foreign-policy.com
vom 08.07.2007
LA
PAZ/SANTA CRUZ
(Eigener
Bericht) - Kritiker aus Lateinamerika werfen Organisationen der deutschen
Außenpolitik die Verwicklung in eskalierende südamerikanische
Autonomiekonflikte vor. Dabei geht es um Auseinandersetzungen, die in
Bolivien bereits zur Jahreswende zu blutigen Unruhen führten. Gegenwärtig
entzündet sich der Streit vor allem an dem Entwurf für ein
Autonomiestatut, den Gouverneure von vier bolivianischen Departements zu
Wochenbeginn präsentiert haben. Regierungskreise in La Paz nennen das
Dokument „separatistisch“ und „aufrührerisch“. Es sieht die
weitgehende Unabhängigkeit rohstoffreicher Provinzen vor. Angesichts der
drohenden Gewalteskalation sprechen Beobachter von Parallelen zur
Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien vor dem Beginn der dortigen
Sezessionskriege, in deren Entstehung Deutschland maßgeblich involviert
war. Wie es jetzt in Bolivien heißt, haben deutsche Dezentralisierungsmaßnahmen
auch dort den Boden für die aktuellen Autonomieforderungen bereitet;
zudem sind Partnerorganisationen einer deutschen Parteienstiftung
unmittelbar involviert. Spuren führen auch in Kreise deutscher Exilanten,
die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika flohen. Sie genießen die
besondere Fürsorge der Berliner „Deutschtums“-Politik.
Am
vergangenen Montag präsentierten die Gouverneure der vier bolivianischen
Departements Santa Cruz, Tarija, Pandi und Beni Entwürfe für einen künftigen
Autonomiestatus. Er sieht für die mehrheitlich von Nachkommen weißer
Einwanderer bewohnten Bundesstaaten im bolivianischen Tiefland unter
anderem das Recht vor, Steuereinnahmen und -ausgaben in eigener Regie zu tätigen.
Damit versuchen die rechtsoppositionellen Departementschefs, den
Rohstoffreichtum ihrer Region gegen die Regierung in La Paz sowie gegen
das arme Hochland im Westen Boliviens auszuspielen. Im bolivianischen
Tiefland befinden sich die zweitgrößten Erdgasreserven Südamerikas
(nach Venezuela), ein Großteil liegt in Santa Cruz und Tarija.
Organisationen wie das Bürgerkomitee Santa Cruz (Comité Cívico Pro
Santa Cruz) - ein Zusammenschluss, der von Unternehmern und
Latifundien-Besitzern dominiert wird - versuchen mit ihren Autonomieplänen
die von Berlin, Brüssel und Washington bekämpften Verstaatlichungsmaßnahmen
der Regierung Morales im Rohstoffsektor zu torpedieren.
Aufrührerisch
Vor
diesem Hintergrund stoßen die Autonomiepläne auf vehementen Widerstand
insbesondere der indigenen Bevölkerung. Im Sommer vergangenen Jahres,
zeitgleich mit der Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung, fand in
Bolivien ein Referendum über einen Autonomiestatus für einzelne
Departements statt. Während damals in den vier reicheren Provinzen eine
Mehrheit für größere regionale Entscheidungsbefugnisse stimmte, wurde
das Begehren von den Wählern der fünf ärmeren Hochland-Departements
abgelehnt; im Gesamtergebnis fielen die Autonomiepläne durch (mit 56
Prozent Gegenstimmen). Dennoch halten die reicheren Gouvernements an ihren
Vorhaben fest. Juan Carlos Urenda, ein Berater der Regionalregierung von
Santa Cruz, droht damit, den Autonomieentwurf per Referendum
durchzusetzen. Die Regierung in La Paz stuft das gesamte Vorhaben als
„aufrührerisch, „separatistisch“ und „antidemokratisch“ ein,
weil es „gegen die Verfassung“ gerichtet sei.[1]
Dezentralisierung
Kritiker
der Autonomiepläne werfen deutschen Entwicklungsorganisationen und
Parteienstiftungen vor, den Konflikt genährt zu haben. Separatistische
Gruppierungen wie das Bürgerkomitee Santa Cruz knüpfen mit ihren Aktivitäten
an Programme an, die die deutsche Entwicklungspolitik seit 2002 in dem südamerikanischen
Land unterhält. Sie wurden Bolivien im Rahmen einer
Entschuldungsinitiative auferlegt und sind im „Programa de Apoyo a la
Gestión Pública Descentralizada y Lucha contra la Pobreza“ (PADEP)
zusammengefasst.[2] Im Rahmen von PADEP unterstützen die Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit (GTZ) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau
(KfW) seit 2002 im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums die
Dezentralisierung Boliviens - Maßnahmen, an die sich jetzt weiter
reichende Autonomieforderungen anschließen.
Partnernetzwerk
Gefördert
werden die bolivianischen Autonomieforderungen zudem durch ein
internationales Netzwerk, das Kontakte nach Deutschland unterhält. Dabei
handelt es sich um die Confederación Internacional por la Libertad y la
Autonomía Regional (CONFILAR), die sich im vergangenen Herbst in
Guayaquil (Ecuador) konstituiert hat. In einer programmatischen Erklärung
propagiert CONFILAR „das System eingeschränkter Regierungen, freier Märkte
und vom Staat unabhängiger privater Institutionen, (...) inspiriert durch
den wahren klassischen Liberalismus.“[3] Die Organisation fordert
weitreichende Autonomierechte für einzelne Regionen in den Ländern Südamerikas.
Neben dem bolivianischen Departement Santa Cruz gehören dem
Autonomie-Netzwerk mit Guayaquil (Ecuador) und Zulia (Venezuela) weitere
wirtschaftsstrategisch bedeutende Regionen an, die sämtlich in Opposition
zu ihren Zentralregierungen stehen. In CONFILAR engagieren sich auch
Partnerorganisationen der deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) aus
deren lateinamerikanischem Partnernetzwerk RELIAL (Red Liberal de América
Latina).[4]
Paramilitärisch
Angesichts
der Autonomiekonflikte in Bolivien, die bereits vor Monaten zu schweren
Unruhen führten und von Organisationen wie CONFILAR verstärkt werden,
sprechen Beobachter inzwischen von einer drohenden „Balkanisierung“ Südamerikas.[5]
Die Spannungen, die durch deutsche Organisationen begünstigt werden und
deren Protagonisten Kontakte nach Deutschland unterhalten, bedrohen das
sich formierende Staatenbündnis ALBA (Alternativa Bolivariana para las Américas).
ALBA strebt eine von den europäischen und nordamerikanischen Zentren
weitgehend unabhängige Politik an. Bolivien und Venezuela sind
ALBA-Mitglieder, Ecuador steht dem Zusammenschluss nahe.
Gewalteskalationen sind in den Autonomiekonflikten nicht auszuschließen.
In einem der ostbolivianischen Sezessionsdepartements (Pando) haben sich
nach Regierungsangaben inzwischen paramilitärische Gruppen formiert. Auch
tritt die ultrarechte Jugendunion Santa Cruz (Unión Juvenil Cruceñista,
UJC) als militärischer Arm des Bürgerkomitee Santa Cruz auf. Ihr Anführer
Jorge Begner Hollweg gehört dem bolivianischen „Deutschtum“ an.[6]
Exilanten
Der
Begriff „Balkanisierung“ ist offenbar nicht nur mit Blick auf den
Zerfall Jugoslawiens gewählt, sondern bezieht sich konkret auf treibende
Kräfte der bolivianischen Autonomiebestrebungen. Nach der Niederlage der
faschistischen Staaten im Zweiten Weltkrieg ging ein großer Teil der
NS-Eliten und ihrer Kollaborateure nach Südamerika ins Exil. Besonders
die Region um Santa Cruz entwickelte sich zum Anlaufpunkt einer Reihe von
Alt-Nazis aus Deutschland sowie italienischer und kroatischer Faschisten.
In den jugoslawischen Sezessionskriegen spielten kroatische
Exilantenfamilien aus Santa Cruz eine nicht unwichtige Rolle: Sie
entwendeten Waffen aus den Beständen der bolivianischen Armee und
schmuggelten sie mit Hilfe des bolivianischen Konsulats in Hamburg nach
Kroatien. In den aktuellen Sezessionsbestrebungen sind sie erneut in hohem
Maße aktiv. Berichten zufolge genießen sie die Unterstützung deutschstämmiger
Exilantenfamilien, die nach wie vor auf besondere Fürsorglichkeiten aus
Berlin vertrauen können („Deutschtum im Ausland“). „Und die
deutsche Regierung unterhält mit Hilfe von Nichtregierungsorganisationen
und der GTZ praktisch ein Viertel des Staatsapparats“ [7], heißt es in
Bolivien: Ein Interessengeflecht, das die Parteilichkeit der deutschen
Seite in den innerbolivianischen Auseinandersetzungen verstärkt.
Weitere
Informationen über deutsche Maßnahmen gegen ALBA-Staaten finden Sie
hier: Was
kommt nach Castro?, Wandel
durch Entwicklung, Warnungen,
Eigentum
verpflichtet, Top
down, bottom up, Kuba-Spagat
und Wandel
durch Umarmung.
[1]
Bolivia: estatuto autonómico de Santa Cruz es „sedicioso“ (Gobierno);
AFP 03.07.2007
[2] Modernisierung des Staates; www.bmz.de. S. auch Eigentum
verpflichtet
[3] Por la libertad y la autonomía regional en Hispanoamérica;
www.elcato.org
[4] Zum CONFILAR-Vorsitzenden wurde Carlos Dabdoub Arrien gewählt, der Präsident
des Bürgerkomitee Pro Santa Cruz. Neben Dabdoub Arrien zählten unter
anderem auch José Luis Tapia vom „Instituto de Libre Empresa“ (ILE)
aus Peru sowie Walter Justiniano von der „Fundación Libertad y
Democracia“ (FULIDE) aus dem bolivianischen Departement Santa Cruz zu
den Teilnehmern des Forums. Beide Organisationen sind Mitglieder im Red
Liberal de América Latina (RELIAL), das von der
Friedrich-Naumann-Stiftung (FNSt) gefördert wird.
[5]
Bolivia
: Hoy, la derecha va por el poder; www.rebelion.org/noticia.php?id=43155
[6] Gobierno anuncia juicio contra integrantes de la Unión Cruceñista;
www.comunica.gov.bo/cgi-bin/index.cgi?j20060704134312
[7] La verdad sobre la „media luna“; constituyentesoberana.org/info/?q=node/700
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