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Sanktionen
für Frieden
Internationale
Kampagne ruft zum Boykott, zum Investitionsstopp und zu Sanktionen gegen
Israel auf. Aktion soll helfen, ein Ende der Besatzung zu erreichen
Von
Martin Forberg
jungeWelt
vom 26. Februar 2009 – Als Folge des Krieges gegen die Palästinenser
im Gazastreifen hat die Diskussion wieder an Aktualität gewonnen, ob
Sanktionen helfen können, ein Ende der israelischen Besatzung zu
erreichen. Auf dem Weltsozialforum 2009 im brasilianischen Belem wurde
der 30. März zu einem »weltweiten Aktionstag in Solidarität mit dem
palästinensischen Volk« erklärt. An diesem Tag soll für Boykottmaßnahmen
und den Entzug von Investitionen gegenüber israelischen und
internationalen Unternehmen geworben werden, die »die israelische
Apartheid und Besatzung aufrechterhalten«. Die Notwendigkeit der
strafrechtlichen Verfolgung mutmaßlicher israelischer Kriegsverbrechen
wird ebenso zum Thema gemacht wie die Aufhebung von Freihandelsabkommen
mit Israel und ein Waffenembargo.
Mitte Februar forderten etwa 50 französische Wissenschaftler ein Ende
der Blockade des Gazastreifens. Sie bekundeten, jegliche Zusammenarbeit
mit israelischen Institutionen, die sich »an der Besatzung beteiligen«,
einstellen zu wollen. Gleichzeitig erklärten sie sich mit denen
solidarisch, die sich in Israel »mutig für die menschlichen, sozialen
und politischen Rechte der Palästinenser« einsetzen. Schon Anfang
Januar hatten über 500 israelische Künstler und Intellektuelle für
Sanktionen plädiert, solange ihr Land das humanitäre Völkerrecht
nicht respektiere. Für Aufsehen sorgte die globalisierungskritische
kanadische Autorin Naomi Klein. In ihrer Kolumne im britischen Guardian
unterstützte sie im vergangenen Monat die von »einer breiten Koalition
palästinensischer Gruppen« im Jahr 2005 initiierte Kampagne »Boykott,
Desinvestition, Sanktionen«, kurz BDS.
Klein vergleicht BDS mit dem Boykott des südafrikanischen
Apartheidregimes. Seit 2006 habe Israel weltweit seine diplomatischen,
kulturellen und Handelsbeziehungen verbreitern und vertiefen können -
trotz Libanon-Krieg, Beschleunigung der Siedlungspolitik und der
Blockade des Gazastreifens. Deshalb sei jetzt internationaler Druck auf
Israel nötig. »BDS« sei allerdings kein Dogma, sondern eine Taktik
– und wegen der starken Abhängigkeit des kleinen Landes vom Außenhandel
erfolgversprechend.
In Deutschland rief die Kolumne zunächst ein beinahe feindliches Echo
hervor: In der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit unterstellte Thomas Assheuer,
Klein habe dazu aufgerufen, »israelische Geschäfte zu boykottieren und
den Kauf jüdischer Exportartikel (sic!) zu unterlassen«. Der Autor
verwendete hier selbst einen Begriff, den es so nur im Bewußtsein
eingefleischter Antisemiten geben kann: denn was sollen »jüdische
Exportartikel« sein? Tatsächlich hat Klein weder das eine noch das
andere gefordert, sondern betont: »Ich boykottiere die israelische
Wirtschaft, nicht aber Israelis.«
Martin Altmeyer wiederum machte in der taz bei Naomi Klein »Antisemitismus
von links« aus. Auch er umschiffte die konkrete Auseinandersetzung mit
der Guardian-Kolumne und improvisierte statt dessen frei über ihr jüngstes
Buch »Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus«.
Die Autorin bediene dort die »ganze Palette antisemitischer Klischees«
und projiziere sie auf den Staat Israel. Daß selbst die Zitate, die
Autor Altmeyer ausgewählt hat, diese infamen Behauptungen nirgendwo stützen,
schien nicht weiter zu stören.
Die beiden Beiträge blieben nicht unwidersprochen: Es sei »ein
intellektuelles und moralisches Armutszeugnis«, eine »kanadische Jüdin
mit dem deutschen Nationalsozialismus (und dies auch noch in einer
deutschen Zeitung) zu assoziieren«, hieß es in einem Zeit-Leserbrief
(29.1.2009). In der taz erinnerte Daniel Bax daran, daß Klein selbst »oft
genug davor gewarnt hat, Antisemitismus zu bagatellisieren«. Antijüdische
Parolen auf Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg würden mit Recht
skandalisiert. Eine »Boykottkampagne gegen Israel zu fordern«, sei
jedoch so legitim, wie ein Boykott gegen andere Staaten auch, meint Bax.
Dabei bleibt er selbst gegenüber einer Boykottforderung skeptisch.
Festzuhalten bleibt, daß es in Deutschland vor dem Hintergrund der
Nazibarbarei nötig ist, den Begriff »Boykott« durch »Sanktionen« zu
ersetzen. Parallel hierzu sollte die Israel/Palästina-Solidaritätsbewegung
mehr als bisher gegen alle Formen von Rassismus arbeiten und den Dialog
zwischen Juden und Muslimen, zwischen hier lebenden Menschen palästinensischer
und israelischer Herkunft fördern.
Wer ein Zwei-Staaten-Konzept will, das diesen Namen verdient, kommt
indes um Druck auf Israel nicht herum, weil anders die Besatzung als
strukturelles Haupthindernis für einen Frieden nicht überwunden werden
kann.
Die BDS-Kampagne jedenfalls kann in den letzten Wochen einige spektakuläre
Erfolge verbuchen: Um hier nur einen zu nennen: Der Konzern Veolia
verlor im Januar einen Auftrag in Schweden im Wert von 3,5 Milliarden
Euro: Bislang betreibt das französische Unternehmen die U-Bahn im
Bezirk Stockholm, sie erhielt aber den Folgeauftrag für die nächsten
acht Jahre nicht. Eine Entscheidung aus rein wirtschaftlichen Gründen,
wie die zuständige Behörde betonte. Die schwedische Hilfsorganisation
Diakonia vermutet indes, daß Medienberichte über die
Veolia-Beteiligung am CityPass-Stadtbahn-Projekt in Jerusalem
ausschlaggebend waren. Durch CityPass werden die israelischen Siedlungen
Pisgat Zeev und French Hill im 1967 besetzten Ost-Jerusalem zusätzlich
an West-Jerusalem angebunden.
Die israelische Frauenorganisation »Coalition of Women for Peace« hat
mittlerweile im Internet eine Liste israelischer und internationaler
Unternehmen veröffentlicht, die von Besatzung und Siedlungspolitik
profitieren (www.whoprofits.org).
Die Forderung nach Sanktionen schließt durchaus nicht aus, palästinensische
und israelische Unternehmen bewußt zu unterstützen, die sich für
einen gleichberechtigten Frieden einsetzen. |