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BP
und die 'kleinen Eichmanns'
AUTOR: Chris
HEDGES
Übersetzt
von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice
Quelle
Tlaxcala
Auf
Kommunisten-online am 23. Juni 2010 - Kulturen, die nicht
anerkennen, dass das menschliche Leben und die natürliche Welt eine
geheiligte Dimension haben, einen immanenten Wert jenseits vom Geldwert,
kannibalisieren sich selbst bis sie sterben. Sie plündern rücksichtslos
die natürliche Welt und die Mitglieder ihrer Gesellschaft im Namen des
Fortschritts bis zur Erschöpfung oder bis zum Kollaps, blind für die
Wut ihrer Selbstzerstörung. Das Ausströmen des Öls in den Golf von
Mexiko, geschätzt auf vielleicht mehr als 100 000 Barrel (à 164 l) täglich,
ist Teil unseres verrückten Todesmarsches. Es ist ein weiterer Schlag,
ausgeteilt vom kapitalistischen Staat: der Handel von Leben gegen Gold.
Aber diesmal wird der Kollaps, wenn er kommt, nicht auf die Geographie
einer verfallenen Zivilisation beschränkt bleiben. Er wird weltweit
sein.
Jene,
die diesen globalen Genozid ausführen – Männer wie BPs
Generaldirektor Tony
Hayward
– versichern uns, dass „der Golf von Mexiko ein sehr großer Ozean
ist. Die Menge Öl und Dispergiermittel, die wir in ihn schütten, ist
winzig im Vergleich zur totalen Wassermenge“. Sie sind, um einen
Ausdruck von Ward
Churchill zu leihen – 'kleine Eichmanns'. Sie dienen
Thanatos, den Kräften des Todes, den dunklen Instinkten, die Sigmund
Freud in den menschlichen Wesen identifizierte, die uns dazu treiben,
alle lebenden Wesen zu vernichten, einschließlich uns selber. Diese
deformierten Individuen haben nicht die Fähigkeit zur Empathie. Sie
sind zugleich banal und gefährlich. Sie besitzen die merkwürdige Fähigkeit,
riesige destruktive Bürokratien zu organisieren und bleiben dennoch
blind für die Konsequenzen. Der Tod, den sie austeilen, ob durch die
Schadstoffe und die krebserregenden Stoffe, die Krebs zu einer Epidemie
gemacht haben, die Todeszone, die mit Windeseile im Golf von Mexiko
geschaffen wird, die schmelzenden polaren Eiskappen oder der Tod von 45
000 Amerikanern im vergangenen Jahr, die sich die erforderliche
medizinische Pflege nicht leisten konnten, sind Teil des kalten und
rationalen Tausches von Leben gegen Geld.
Die Großunternehmen und jene, die sie leiten, verbrauchen,
verschmutzen, unterdrücken und töten. Die kleinen Eichmanns, die sie
leiten, residieren in einem Parallel-Universum von atemberaubendem
Reichtum, Luxus und von herrlicher Abgelegenheit, die sich durchaus mit
der des abgeschotteten Hofes in Versailles vergleichen lässt. Die
Elite, abgeschützt und bereichert, fährt fort zu gedeihen, während
der Rest von uns und die natürliche Welt zu sterben beginnen. Sie sind
gefühllos. Sie werden den letzten Tropfen Profit aus uns saugen,
bis nichts mehr übrig ist. Und unsere Business-Schulen und
Elite-Universitäten spucken zehntausende von diesen tauben, dämlichen
und blinden System-Managern aus, die mit verfeinerten Fähigkeiten des
Managements begabt sind und der Unfähigkeit für gesunden
Menschenverstand, Mitgefühl und Reue. Diese Technokraten verwechseln
die Kunst der Manipulation mit Wissen.

Tony Hayward
Die
Großunternehmen und jene, die sie leiten, verbrauchen, verschmutzen,
unterdrücken und töten. Die kleinen Eichmanns, die sie leiten,
residieren in einem Parallel-Universum von atemberaubendem Reichtum,
Luxus und von herrlicher Abgelegenheit, die sich durchaus mit der des
abgeschotteten Hofes in Versailles vergleichen lässt. Die Elite,
abgeschützt und bereichert, fährt fort zu gedeihen, während der Rest
von uns und die natürliche Welt zu sterben beginnen. Sie sind gefühllos.
Sie werden den letzten Tropfen Profit aus uns saugen, bis nichts mehr übrig
ist. Und unsere Business-Schulen und Elite-Universitäten spucken
zehntausende von diesen tauben, dämlichen und blinden System-Managern
aus, die mit verfeinerten Fähigkeiten des Managements begabt sind und
der Unfähigkeit für gesunden Menschenverstand, Mitgefühl und Reue.
Diese Technokraten verwechseln die Kunst der Manipulation mit Wissen.
„Je
länger man ihm zuhörte, desto offenbarer wurde es, dass seine Unfähigkeit
zu sprechen eng mit seiner Unfähigkeit zu denken, insbesondere, vom
Standpunkt eines anderen zu sprechen verbunden war“, schrieb Hannah
Arendt in 'Eichmann in Jerusalem'. „Mit ihm war keine Kommunikation möglich,
nicht, weil er log, sondern weil er umgeben war von den zuverlässlichsten
Absicherungen gegen Worte und die Gegenwart von anderen und damit gegen
die Realität als solche.“
Unsere
herrschende Klasse von Technokraten, besteht, wie John
Ralston Saul betont, aus Analphabeten. „Eine der Gründe,
weshalb er unfähig ist, die notwendige Beziehung zwischen Macht und
Moral zu erkennen, ist, dass moralische Traditionen das Produkt von
Zivilisation sind, und er so wenig Kenntnis von seiner eigenen
Zivilisation hat“, schreibt Saul über den Technokraten. Saul nennt
diese Technokraten 'Hedonisten der Macht' und warnt, dass ihre
„Besessenheit für Strukturen und ihre Unfähigkeit oder ihr Unwille,
diese mit allgemeiner Wohlfahrt zu verbinden, macht diese Macht zu einer
abstrakten Kraft – eine Kraft, die meistens an den wirklichen Bedürfnissen
einer schmerzhaft wirklichen Welt vorbei wirkt.“

Tommy Thomdean (Indonesien)
BP, die 6.1
Milliarden $ Gewinn im ersten Quartal dieses Jahres gemacht hat, hat
niemals die Erlaubnis von der Ozeanographischen und Atmosphärischen Behörde
erhalten. Der Schutz des Ökosystems spielte keine Rolle. Aber BP steht
nicht alleine da. Das Bohren mit äußerster Missachtung für das Ökosystem
ist die allgemeine Praxis der Ölgesellschaften, laut eines Berichtes in
der New York Times. Unser kapitalistischer Staat hat die
Umweltbestimmungen konsequent entkernt, wie er auch die
Finanzbestimmungen und den habeas corpus entkernt hat. Die Großunternehmen
machen keinen Unterschied zwischen unserer persönlichen Verarmung und
der Verarmung des Ökosystems, das die menschliche Spezies am Leben erhält.
Und der Missbrauch, von uns und der natürlichen Welt, wuchert unter
Barack Obama genauso wie unter George W. Bush. Das Markenprodukt, das im
Weißen Haus sitzt, ist eine Marionette, ein Gesicht, das zur Maskierung
eines heimtückischen Systems benutzt wird, unter dem wir als Bürger völlig
entmachtet wurden und unter dem wir, zusammen mit der Natur, zu
Kollateralschaden herabgesunken sind. Wie Karl Marx schon verstand, ist
der ungehemmte Kapitalismus eine revolutionäre Kraft. Und diese
Kraft frisst uns auf.
Karl
Polanyi hat in seinem 1944 geschriebenen Buch 'The Great Transformation'
(Die große Umwandlung) die verheerenden Konsequenzen – die
Depressionen, Kriege und den Totalitarismus – aufgezeichnet, die aus
dem sogenannten sich selbst-regulierenden Markt entstehen. Er begriff,
dass „Faschismus wie Sozialismus in einer Markt-Gesellschaft wurzeln,
die zu funktionieren sich weigert“. Er warnte, dass ein
finanzielles System ohne starke Regierungskontrolle sich immer in einen
Mafia-Kapitalismus – und ein Mafia-politisches System -
verwandelt, was eine gute Beschreibung unserer korporativen Regierung
ist. Polanyi warnte, dass sobald Natur und menschliche Wesen zu Objekten
werden, deren Wert vom Markt bestimmt wird, die Natur und die
menschlichen Wesen zerstört werden. Spekulative Exzesse und wachsende
Ungleichheit, schrieb er, sprengen die Fundamente für einen steigenden
Wohlstand in die Luft und stellen „die Zerstörung der Gesellschaft“
sicher.
„Indem
es über die Arbeitskraft eines Menschen verfügt, würde das System
nebenher über die physische psychologische und moralische Entität
'Mensch' verfügen, die mit diesem Begriff verbunden ist“, schrieb
Polanyi. „Beraubt der schützenden Decke kultureller Institutionen, würden
menschliche Wesen zugrundegehen an den Effekten sozialer Preisgabe; sie
würden sterben als Opfer akuter sozialer Verwirrung durch Laster,
Perversionen, Verbrechen und Hunger. Die Natur würde auf ihre Elemente
reduziert, Nachbarschaften und Landschaften würden geschändet, Flüsse
verschmutzt, militärische Sicherheit gefährdet, die Kraft, Nahrung und
Rohmaterialien zu produzieren, würden zerstört. Schließlich würde
die Verwaltung der Kaufkraft des Marktes periodisch Geschäftsunternehmen
liquidieren, denn der Mangel und Übersättigung an Geld würde ebenso
verhängnisvoll für die Unternehmen sein wie Dürre und Überschwemmungen
in primitiven Gesellschaften. Zweifellos sind Arbeit, Land und Geldmarkt
wesentlich für eine Marktökonomie. Aber keine Gesellschaft könnte den
Auswirkungen eines solchen Systems an rohen Fiktionen selbst für einen
sehr kurzen Zeitraum widerstehen, wenn seine menschliche und natürliche
Substanz als auch seine Unternehmens-Organisationen nicht geschützt
werden vor den Verwüstungen dieses satanischen Willens.“
Der
kapitalistische Staat ist ein führerloser Güterzug. Er zerfetzt das
Kyoto-Abkommen in Kopenhagen. Er plündert die US-Staatskasse, damit Börsenspekulanten
fortfahren können, mit den Milliarden der Steuerzahler-Subsidien zu
spielen in unserem perversen System des Casino-Kapitalismus. Er
entrechtet unsere Arbeiterklasse, dezimiert unseren Produktionssektor
und verweigert Gelder, um unsere Infrastruktur zu unterhalten, unsere öffentlichen
Schulen und unsere Sozialeinrichtungen. Er vergiftet unseren Planeten.
Wir verlieren jedes Jahr auf der ganzen Welt Ackerland, größer als
Schottland durch Erosion und Ausdehnung der Städte. Es gibt schätzungsweise
25 000 Menschen, die jeden Tag irgendwo in der Welt an verseuchtem
Wasser sterben. Und etwa 20 Millionen Kinder werden jährlich durch
Unterernährung geistig behindert.
Amerika
stirbt genauso, wie alle imperialen Projekte zugrundegegangen sind.
Joseph Tainter argumentiert in seinem Buch 'The Collapse of Complex
Societies' (Der Zusammenbruch komplexer Gesellschaften), dass die
Kosten, um ein Imperium am Laufen zu halten und zu verteidigen am Ende
so erdrückend werden und die Eliten so verkalkt werden, dass es
effizienter wird, die imperialen Superstrukturen abzuschaffen und zu
lokalen Formen der Organisation zurückzukehren. An dem Punkt werden die
großen Monumente der Imperien, von den Tempeln der Sumerer und Maya bis
zu den römischen Bäder-Komplexen aufgegeben, werden nicht mehr benutzt
und wachsen zu. Aber dieses Mal, warnt Tainter, da wir keinen Ort mehr
haben, wohin wir auswandern oder expandieren können, „wird die
Welt-Zivilisation als Ganzes zerfallen“. Dieses Mal werden wir den
Planeten mit uns hinabreißen.
„Wir
in den glücklichen Ländern des Westens betrachten unsere 200-jährige
Seifenblase von Freiheit und Überfluss als normal und unausweichlich;
sie ist das 'Ende' der Geschichte genannt worden, sowohl im zeitlichen
als auch theologischen Sinne“, schreibt Ronald Wright in 'A Short
History of Progress' (Eine kurze Geschichte des Fortschritts). „Doch
diese Neue Ordnung ist eine Anomalie: das Gegenteil von dem, was gewöhnlich
geschieht, wenn Zivilisationen wachsen. Unser Zeitalter wurde
finanziert, indem wir den halben Planeten an uns rissen, ausgeweitet
durch Übernahme des größten Teils der anderen Hälfte, und wurde
aufrechterhalten, indem wir neue Formen natürlichen Kapitals,
insbesondere fossile Treibstoffe, ausgaben. In der Neuen Welt hat der
Westen die größte Goldgrube aller Zeiten gefunden. Aber es wird keine
zweite wie sie geben, falls wir nicht die zivilisierten Marsleute von
H.G. Wells finden, ausgerüstet mit der Anfälligkeit für unsere
Krankheitserreger, was sie im Krieg der Welten ausgelöscht hat.“
Die
moralische und physische Ansteckung entspricht der kulturellen
Ansteckung. Unser politischer und ziviler Diskurs ist zu einem
Geschwafel geworden. Er wird beherrscht von aufwendigen Spektakeln,
Klatsch über Berühmtheiten, Reklamelügen und Skandalen. Der Kitsch
und das Anzügliche nehmen unsere Zeit und Energie gefangen. Wir sehen
nicht, wie die Wände um uns herum zusammenfallen. Wir investieren
unsere intellektuelle und emotionale Energie in dummes Zeug und absurden
Dinge, in die leeren Vergnügungen, die eine degenerierte Kultur
beschäftigen, so dass wir, wenn der Kollaps am Ende kommt, verständnislos
und ängstlich in die Hölle getrieben werden können.
Quelle:
truthdig-
BP And The 'Little Eichmanns'
Originalartikel
veröffentlicht am 17.5.2010
Über
den Autor
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