Henryk
M. Broder und die »Lust am Einknicken«. Kampfansage an 1,5 Milliarden
Moslems
Von Knut Mellenthin
Quelle:
jungeWelt
vom 17.
Januar 2007
Ohne
lange um Erlaubnis zu fragen, wirft sich der Autor sofort auf die Couch,
und Sekunden später offenbart er uns gnadenlos sein Problem: »Um ein
Haar wäre auch ich ein Terrorist geworden. Alle Voraussetzungen waren
gegeben.« (S. 7) – »Ich wäre der idealtypische Amokläufer gewesen.«
(S. 8) – Aber es konnte aus dieser Traumlaufbahn nichts werden, »weil
mir schon im Biologieunterricht beim Sezieren eines Regenwurms schlecht
wurde. Da ich nicht Terrorist werden konnte, blieb mir nichts anderes übrig,
als Journalist zu werden.« (S. 9)
Eine vermutlich gar nicht so seltene Berufsentscheidung von idealtypischen
Amokläufern, die kein Blut sehen können und die es aus irgendwelchen Gründen
nicht in die Politik zieht. Der Spiegel-Journalist Henryk Broder hat ein
Buch von der »Lust am Einknicken« geschrieben. Gemeint ist die »vorauseilende
Selbstaufgabe« Europas vor den moslemischen Horden – die von den europäischen
Politikeliten und Medien bereitwillig hingenommene, ja sogar feige
vorangetriebene »Transformation Europas in einen islamischen Kontinent«.
Es geht also um ein Phantom, das wenig mit der Wirklichkeit und viel mit
der Produktion von Wahnvorstellungen und Haß zu tun hat.
In Deutschland ist Broders Buch ein Bestseller. Wäre es in Ländern wie
Großbritannien oder Frankreich erschienen, hätte man dort von den 167
Seiten überhaupt nicht Notiz genommen. Das Thema wird da schon seit
einigen Jahren von Autoren mit erheblich größerem geistigen Tiefgang
bearbeitet. Deutschland steht auch hier wieder einmal deutlich unter dem
Weltniveau.
»Eurabische
Alpträume«
Das
Kultbuch der Kämpfer gegen die vermeintliche islamische »Überfremdung«
hat vor zwei Jahren die britische Historikerin Gisèle Littman, bekannter
unter ihrem Künstlernamen Bat Ye'or, veröffentlicht: »Eurabia – The
Euro Arab Axis«. Die Autorin hat den Begriff »Eurabia« zwar nicht
erfunden, wohl aber dessen Anwendung als Schimpfwort für die »Islamisierung«
Europas. Sie behauptet, daß seit der sogenannten Ölkrise von 1973 eine
geheime Verschwörung zwischen den europäischen und arabischen Eliten
bestehe. Europa habe sich dadurch vom Bündnis mit den USA gelöst und sei
»in den arabisch-islamischen Einflußbereich übergewechselt«. Deshalb führe
Europa, so Bat Ye'or, einen »versteckten Krieg gegen Israel«. Als
hervorragenden Beweis nennt sie, daß die Europäer die Forderung nach
einem Palästinenserstaat akzeptieren.
Die in dieser Szene herrschende Geisteshaltung zeigt sich in reißerisch-wahnhaften
Artikelüberschriften wie »How Europe Died« (Wie Europa starb), »While
Europe Slept« (Während Europa schläft), »Europe's Suicide?« (Europas
Selbstmord?), »The Slow Death of Europe« (Der langsame Tod Europas), »Eurabia
is no Fairytale« (Eurabia ist kein Märchen), »The Rapid Islamization of
Europe« (Die rapide Islamisierung Europas), »Eurabian Nightmares« (Eurabische
Alpträume), »Goodbye Europe, Hello Eurabia«, »The Muslim Brotherhood's
Conquest of Europe« (Die Eroberung Europas durch muslimische
Bruderschaften) oder »Why Al-Qaeda Will Dominate the European Union«
(Weshalb Al Qaida die EU dominieren wird). Im Zentrum dieser
Weltanschauung steht die im 19. Jahrhundert entstandene vulgärdarwinistische
Theorie vom ewigen Kampf der Rassen und Kulturen, in dem die Schwachen
untergehen und die Stärkeren über kurz oder lang die Weltherrschaft an
sich reißen. Und da der Westen »schwach, dekadent und nicht einmal
bedingt abwehrbereit« ist (Broder, S. 24), hat er gegenüber dem Islam
bereits das Handtuch geworfen. Kapitulation besteht nach Ansicht dieser
Szene schon darin, wenn man das historische Faktum eines islamischen
Anteils an der europäischen Kulturgeschichte anerkennt. Einige Autoren
gehen sogar so weit, die Kreuzzüge als legitime Verteidigung zu
rehabilitieren.
Historisch gesehen hat die Theorie vom Kampf der Rassen und Kulturen um
die Weltherrschaft immer dazu gedient, das eigene aggressive Machtstreben
zu legitimieren, indem man es als gerechte, überlebensnotwendige, vom
Gegner aufgezwungene Selbstverteidigung darstellt. Auch heute geht es im
Kern um nichts anderes. Die Vorstellung, daß die Moslems nach der
Weltherrschaft streben, mag zwar in den Köpfen einiger Fundamentalisten
vorhanden sein. Sie ist aber sehr weit von der Realität entfernt.
Tatsache ist vielmehr, daß der in der NATO vereinigte Westen einen
eskalierenden Angriffskrieg gegen die moslemische Welt führt. Schauplätze
sind heute schon Afghanistan, Irak, Libanon, die von Israel besetzten Palästinensergebiete.
Eine Ausdehnung auf Somalia, Iran, Pakistan zeichnet sich ab. Dieser Krieg
kostet Hunderttausende Menschenleben, verwüstet und destabilisiert die
angegriffenen Länder nachhaltig und richtet sie für einen unabsehbar
langen neokolonialen Status zu.
Rassistische
Vorurteilsbildung
Henryk
Broder hat für den Irak-Krieg geworben, und er fordert jetzt von den
Europäern, sie müßten den USA und Israel bei der »Entwaffnung der
Mullahs«, also beim geplanten Krieg gegen Iran, helfen. In diesem militärstrategischen
Kontext ist sein Buch »Hurra, wir kapitulieren« ein Beitrag zur
rassistischen Vorurteilsbildung gegen die Moslems und ihre Religion, den
Islam. Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus verhöhnt Broder
als »feinsinnig« (S. 11), was in seinem Sprachgebrauch soviel wie »schwachsinnig
und völlig überflüssig« bedeutet. Wer differenziert, der kapituliert
im Grunde schon, lautet die Botschaft. Broder steigert sich noch mit dem
Kalauer, der Unterschied zwischen Islam und Islamismus entspreche
vermutlich dem zwischen Alkohol und Alkoholismus (S. 53). Und er landet
schließlich bei der von ihm offensichtlich geteilten Unterstellung, »daß
der Islamismus den Islam nicht mißbrauchen, sondern ihn wörtlich nehmen
könnte« (S 54). Wer ist schuld, wenn moslemische Kinder ihre deutschen
Mitschüler beschimpfen und verprügeln? Der Islam. Der umgekehrte Fall
taucht in Broders Buch selbstverständlich gar nicht erst auf. Ein ganzes
Kapitel über Gewalttätigkeiten an deutschen Schulen beruht auf der
absurden Prämisse, daß Streitereien und Handgreiflichkeiten ausschließlich
von moslemischen Kindern und Jugendlichen ausgehen. Broders Erklärung:
Sie sind von ihren Eltern im Geist der Intoleranz und der Verachtung
Andersgläubiger erzogen worden.
Nach diesem Muster reiht der Autor völlig einseitig Fallbeispiele
aneinander, von denen die meisten ursächlich kaum etwas mit dem Islam zu
tun haben, um seine Grundthese vom unvermeidlichen »Clash of
Civilizations« zu untermauern. Den der Westen nach Ansicht Broders schon
verloren hat: »Der freie Westen, der sonst bei jedem Hakenkreuz auf einer
Hauswand ›Wehret den Anfängen!‹ ruft, hat gezeigt, daß er der
islamischen Offensive nichts entgegenzusetzen hat.« (S. 20) Das könnte
auch in einem NPD-Flugblatt stehen.
Ein Beispiel für Broders Methode der akkumulativen Vorurteilsbildung: »Im
Januar 2006 forderten drei Moslem-Väter von Mädchen an einer Linzer
Volksschule die Einführung des Kopftuches – für Lehrerinnen.« (S. 47)
Die Väter, zwei Bosnier und ein Tschetschene, weigerten sich laut Broder
auch, die Lehrerinnen mit »Sie« anzureden, weil sie als Frauen keinen
Respekt verdienten. Falls die Geschichte sich wirklich so zugetragen haben
sollte – was bei Broder schwer zu beurteilen ist, da er konsequent auf
die Nennung von Quellen verzichtet –, handelt es sich um drei
Exzentriker mit einem außerordentlich flegelhaften Benehmen. Über
Moslems in Europa sagt uns der völlig untypische Einzelfall genaugenommen
gar nichts. Und über die unterstellte europäische »Lust am Einknicken«
ebenso wenig.
Ein weiteres Beispiel: In Spiegel Online schrieb Broder am 4. Januar in
einer Aufzählung angeblicher moslemischer Verrücktheiten, mit denen in
Europa viel zu verständnisvoll umgegangen werde: »Aus Oberösterreich
wurde bekannt, daß zwei Mütter muslimischer Schüler gegen die Benutzung
des Kreuzes als Pluszeichen bei Rechenaufgaben protestierten – ein
christliches Symbol sei ihren Kindern nicht zumutbar.«
Tatsache ist, daß in allen moslemischen Ländern das international übliche
Pluszeichen in Kreuzform verwendet wird. Das einzige Land, das aus
ideologischen Gründen ein eigenes Pluszeichen kreiert hat – in Form
eines auf den Kopf gestellten T – ist Israel.
Die Geschichte aus Oberösterreich ist also bestenfalls völlig atypisch
und belanglos. Kein vernünftiger Mensch würde aus dem Auftauchen eines
Geisterfahrers auf der Autobahn schlußfolgern, daß sich in Deutschland
der Linksverkehr durchsetzt und die Polizei bereits kapituliert hat.
Einiges deutet außerdem darauf hin, daß der Vorfall mit den beiden Müttern
nur ausgedacht ist. Er fand sich zuerst am 22. Dezember vorigen Jahres in
einer moslemfeindlichen Glosse der österreichischen Tageszeitung Die
Presse – ohne Angabe des Ortes, ohne jedes Detail und ohne Quelle.
Andere österreichische Medien scheinen von dem angeblichen Vorfall keine
Notiz genommen zu haben. Noch am selben Tag stand die fragwürdige Meldung
auf der Webseite »Politically Incorrect«, die hemmungslose
Antimoslemhetze mit blindem proisraelischen Hurra-Patriotismus verbindet.
Seither geistert die angebliche Geschichte aus Oberösterreich durch die
einschlägigen Blogs, zusammen mit aggressiv rassistischen Kommentaren, in
denen sich selbsternannte Herrenmenschen über die unterstellte Dummheit
der Moslems lustig machten. Motto: selbst schuld, wenn sie nichts lernen
wollen!
[Eine Passage des Beitrages müssen wir aufgrund eines von Udo Ulfkotte
beim Landgericht Frankfurt/Main erwirkten Beschlusses bis auf Weiteres
entfernen. Red.]
Fahr
nicht mit dem Moslem!
Wer
gern bis zur Schleudertrauma-Grenze den Kopf über verrückte Moslems schüttelt,
kommt auch auf der von Henryk Broder und einigen seiner Freunde edierten
Webseite »Die Achse des Guten« immer wieder voll auf seine Kosten.
Nachprüfbar sind die Geschichten meist nicht, oft stammen sie aus
tendenziösen Quellen wie »Sharia Watch«. Dort erfährt man
beispielsweise, daß es im kanadischen Vancouver moslemische Taxifahrer
gibt, die sich weigern, Blinde mit ihrem Hund zu transportieren, weil
Hunde im Islam als unrein gelten. (18.11.2006) Wer schon mal versucht hat,
in Deutschland mit einem großen Hund ein Taxi zu besteigen, weiß
allerdings, daß das kein ausschließlich religiöses Problem ist.
Wie unverschämt und intolerant sich moslemische Taxifahrer benehmen,
zeigt sich, laut »Achse des Guten«, auch daran, daß einige von ihnen am
Flughafen von Minneapolis (USA) keine Fahrgäste befördern wollen, die
Alkohol bei sich haben (29.9.2006). Vielleicht hat das in Wirklichkeit
weniger mit dem Koran als mit den teilweise absurd strengen
Anti-Alkohol-Gesetzen vieler US-Bundesstaaten zu tun, aber so genau will
das einschlägig interessierte Publikum es gar nicht wissen.
Ein Potpourri wahrer oder erfundener Einzelfälle mit geringem
Informationsgehalt addiert sich zu zwei generellen Botschaften: 1. Moslems
sind ignorant und intolerant. 2. Wir lassen uns von den Moslems viel
zuviel gefallen. Gleich zu Beginn seines Buches schreibt Broder, es gehe
»um 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein
und unvorhersehbaren Reaktionen neigen« (S. 13). »Unvorhersehbare
Reaktionen« meint im Kontext, da ist gar kein Zweifel möglich, alle
Arten von Gewalttätigkeit, bis hin zum Terrorismus. – Wie muß es im
Kopf eines Menschen aussehen, der 1,5 Milliarden Individuen exakt
dieselben Eigenschaften zuschreibt? Menschen völlig unterschiedlicher
Kulturen, zwischen denen es riesige Unterschiede auch in religiöser
Hinsicht gibt. So weit wie Broder in diesem Punkt gehen selbst ganz wilde
Rassisten in der Regel nicht. Und weit und breit kein guter Freund, kein
professionell arbeitender Verlagslektor, der dem Autor im eigenen
Interesse zur Mäßigung geraten hätte?
Als Modell für die allen 1,5 Milliarden Moslems der Welt unterstellte
Verbindung von »chronischem Beleidigtsein« und »unvorhersehbaren
Reaktionen« gelten Broder die Proteste gegen die dänischen
Mohammed-Karikaturen. Er schreibt: »Millionen von Moslems, die keine
Gelegenheit hatten, auch nur einen Blick auf die Zeichnungen zu werfen,
und die nicht einmal wissen, wo Dänemark liegt, demonstrieren gegen die
Kränkung des Propheten, angefeuert von Imamen, die eine eigene Agenda
haben.« (S. 18) – »Millionen«? Woher nimmt Broder das? Er verrät es
nicht. 100000, höchstens 150000 Demonstranten weltweit dürften der
Realität nahekommen. Im Rückblick ist erstaunlich, wie klein die meisten
der Demonstrationen (Anfang Februar 2006) waren. In Jakarta, der
Hauptstadt Indonesiens (das Land mit der größten Moslembevölkerung der
Welt), 300 Menschen. 2000 bis 5000 Protestierer in Dhaka, der Hauptstadt
von Bangladesch, einer Stadt mit über sechs Millionen Einwohnern. Ungefähr
ebenso viele in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, einem Land, in dem es
mehrere große islamistische Oppositionsparteien gibt. Ein paar hundert
Menschen im afghanischen Kabul. 3000 Demonstranten in Kairo, einer Stadt
mit über 15 Millionen Einwohnern. Die größten Proteste fanden in Beirut
und in der marokkanischen Hauptstadt Rabat mit jeweils etwa 20000
Teilnehmern statt. Letztere angeführt von pro-amerikanischen
Regierungsmitgliedern, die es nötig haben, gelegentlich zu zeigen, daß
sie gute Moslems sind.
Der von Broder breit ausgewalzte Karikaturenstreit ist ein zentrales,
immer wiederkehrendes Argument seines Buches. Die angebliche Überempfindlichkeit
und Reizbarkeit der Moslems an ihren Reaktionen auf Beleidigungen
Mohammeds oder des Koran zu messen, ist allerdings so total daneben, als würde
man Juden der Humorlosigkeit bezichtigen, weil sie über antisemitische
Karikaturen nicht lachen mögen. Daß es Kulturen wie die britische gibt,
wo es, ohne daß dafür Gesetze erforderlich wären, als ausgesprochen
unzivilisiert gilt, andere Menschen mutwillig zu verhöhnen und zu
verletzten, ist Broder fremd und unbegreiflich. Er kann den Verzicht der
britischen Medien, die dänischen Mohammed-Karikaturen nachzudrucken, nur
als Feigheit und Kapitulantentum mißverstehen. Selbst ein offensichtlich
rechtsextremer deutscher Rentner, der Klopapier mit dem arabischen
Schriftzug »Der heilige Koran« bedruckte und verschickte, gilt Broder
noch als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, so wie er sie versteht. (S. 33)
Moslemfeindlichkeit
gibt es nicht
Die
im Dezember vergangenen Jahres erschienene Studie »Muslims in the
European Union – Discrimination and Islamophobia«, herausgegeben vom
European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia, konstatiert eine
zunehmende Moslemfeindlichkeit. Der Bericht beschreibt bespielsweise
Hunderte Fälle von Gewalt und Drohungen seit 2004, darunter Beschädigungen,
Schmierereien und Brandstiftungen an Moscheen und islamischen Zentren
ebenso wie gewalttätige Angriffe gegen Moslems. Die Verfasser der Studie
beklagen, daß Großbritannien das einzige europäische Land sei, das eine
Hate-Crime-Liste veröffentlicht, in der Übergriffe gegen Moslems
gesondert ausgewiesen sind.
Ebenfalls im Dezember erschien die Studie »Deutsche Zustände« des
Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der eine »steigende
Islamophobie« in Deutschland behauptet. Das Besondere: Während im
allgemeinen Ausländerfeindlichkeit mit höherem Bildungsrad abnimmt,
treffe das für moslemfeindliche Einstellungen nicht zu. Sie gelten
offenbar auch bei Teilen des Bildungsbürgertums als schick. Die
freundliche Aufnahme, die Broders Buch bei den meisten Medien gefunden
hat, bestätigt diesen Befund. Hier und da schieße der Autor ein bißchen
übers Ziel hinaus, räumen viele Rezensenten ein, aber das sei doch
gerade das Lustige, Unterhaltsame. Die systematische Verbreitung von
Ressentiments wird von meinungsbildenden Teilen der deutschen Gesellschaft
geschmäcklerisch konsumiert. Man erinnert sich, daß für die gleichen
Kreise ein Harald Schmidt in einer Zeit zur Kultfigur wurde, als er keine
Sendung ohne mehrere primitive polenfeindliche »Witze« zu Ende gehen ließ.
»Political Incorrectness«, das Spiel mit rassistischen Klischees, steht
in Deutschland wieder hoch im Kurs. Kaum jemand wagt in den
Mainstream-Medien noch einzuwenden, daß das Verbreiten von Ressentiments
schlichtweg unanständig und übrigens auch denkbar unintellektuell ist.
Was Henryk Broder angeht: Feindselige Einstellungen, Gewalttaten und alltägliche
Diskriminierungen gegen Moslems kommen in seinem Buch an keiner Stelle
vor. Sie anzusprechen, würde offenbar die gradlinige Schwarz-Weiß-Propaganda
– die Moslems tanzen uns auf der Nase rum und wir Trottel lassen uns
alles gefallen – beschädigen und in Frage stellen. Denn was Broder ganz
bestimmt nicht will, ist eine sachliche Erörterung der Probleme mit all
ihren Aspekten.
Immerhin, das Wort »Islamophobie« taucht in Broders Buch einmal auf. Auf
Seite 116. Dort schmäht der Autor den Zentralrat der Juden in
Deutschland, weil er gemeinsam mit der Türkisch-Islamischen Union ein
Symposion über »Antisemitismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit«
veranstaltete. »Er gibt damit dem Phantombegriff ›Islamophobie‹ den
Anschein des Realen«, so Broders Vorwurf an den Zentralrat. Das sollte
sich auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hinter die Ohren
schreiben. Was Broder nicht wahrhaben will, das gibt es nicht.
Henryk
M. Broder: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Verlag
Wolf Jobst Siedler jr., Berlin. 2006, 167 S. geb., 16 Euro
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