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WACHEN
DIE ISRAELIS ENDLICH AUF?
von
Jeaunkes
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Brüssel,
3.8.2011, INTAL-Website.(auf Kommunisten-online am 17. August 2011) – Ich
stand vorige Woche in Nabih Saleh, einem palästinensischen Dorf nahe
Ramallah, zwischen dem Tränengas israelischer Besatzungskräfte und dem
friedlichen Protest von Palästinensern und Gästen aus aller Welt. Da
bekam ich einen Anruf von einer Freundin aus Tel Aviv:
„Jan,
eine Revolution startet hier in Tel Aviv. Du musst hierher kommen.“
Ich ging erst mal davon aus, dass es dort eine Demonstration für die mögliche
Anerkennung von Palästina als Staat im September gab. Aber durch das
Telefon hieß es: „Es hat nichts mit dem Konflikt zu tun, mein Guter,
sondern da geht es um uns!“
WO
IST BIBI?
Samstagabend
21 Uhr, 100.000 Menschen demonstrieren durch die Straßen von Tel Aviv. Ohne
Anführer, aber mit dem gemeinsamen Ruf nach Veränderung strömt die
Bevölkerung auf die Straßen. Wenn diese Menschenmasse da gleichzeitig
zu pfeifen und zu brüllen anfängt, laufen mir kalte Schauer den Rücken
hinunter. Das ist schon ein reiner Protest, der von niemandem, und erst
recht nicht von BIBI, Netanjahu, außer acht gelassen werden kann.
Was
da mit einem Zeltchen auf dem Rothschild-Boulevard von Tel Aviv begann,
hat sich zu einer gewaltigen Zeltstadt mit Volksküchen, Debatten und
Auftritten ausgebreitet. Die Religiösen, die Studenten, die
Hippie-Gemeinschaft, die alleinstehenden Mütter und junge Familien
haben gemeinsam ihre Zeltstadt errichtet. Auch in Jerusalem, Beer Shreva
und Kiryat Shmona entfaltet sich der Massenprotest. Die Obdachlosen, die
normal auf solchen Straßen und Plätzen leben, bekommen plötzlich
tausende Nachbarn. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind nicht bereit,
ihre Zelte zu verlassen, bevor strukturelle Veränderungen geschehen.
Oder natürlich bis zu dem Moment, dass Israel einen kleinen Krieg
beginnt und alle demonstrierenden Menschen in die Armee zwingt. Davon hörte
ich die Menschen zwischen den Zelten nicht nur einmal flüstern.
EINE
LIEBE?
Die
Hippie-Gemeinschaft spielt nach meiner Meinung keine zu unterschätzende
Rolle in dem Protest. Ich verfolge das Tun der Hippies seit einigen
Monaten in der Hoffnung, dass sie eine Reaktion gegen die reaktionäre
und repressive Regierung zustande bringen werden. Und genau dies geschah
nun bei den Hippies. Sie waren als erste mit dabei, um ihre Zelte und
Wigwams rauszuholen und damit und mit ihrer Musik, ihren Farben, ihren
Lachsalven und ihrer Atmosphäre des Friedens, der Liebe und der
Einigkeit die Straßen zu füllen. Mit ihren Lautsprechern ziehen sie
durch die Straßen und organisieren die spontanen Straßenkundgebungen.
WIE
VERHALTEN SICH DIE ARMEN?
Wir
schauten uns auch ein Zeltlager nahe der zentralen Bushaltestellen an.
„Der wahre Protest findet hier statt und nicht bei den zionistischen
Mainstream-Aktivisten auf dem Rothschild-Boulevard, die die Pampers
zu teuer finden“, hören wir dort. „Flüchtlinge aus Darfur und der
Elfenbeinküste wurden hier auf die Straße geworfen. Und das Einzige,
was der Stadtrat für dieses Viertel tut, er versteckt uns soviel wie möglich
und diskriminiert uns. Die Kriminalität ist hier enorm. Schauen Sie
hier mal nachts rein, gehen Sie dann mal hier herum.“
Der
Protest erfaßt daher auch die Mittelschichten und nicht die Ärmsten
der Armen. Grob gesagt: Die einzigen Schwarzhäutigen, die man auf dem
Rothschild-Boulevard sieht, sind jene, die die Toiletten der
nahegelegenen Restaurants putzen und die Straßen von den Flugblättern
säubern.
KONFLIKT
ISRAEL-PALÄSTINA? ÜBERHAUPT KEINE VERBINDUNG!
Ich
frage einige Aktivisten, ob ihr Protest auch mit dem Konflikt zwischen
Israel und den Palästinensern zu tun hat. „Damit gibt es überhaupt
keinen Zusammenhang“, bekomme ich zu hören. „Über diesen Konflikt
sagt jeder etwas anderes. Wir wollen hier mit rechts stehend, links
stehend, religiösen und nichtreligiösen Menschen eine Faust gegen die
Regierung bilden.“ Ophir sagt mir dann noch: „Wir haben entschieden,
dass wir uns gegen unsere Regierung stellen. Dies muß zuerst getan
werden. Danach können wir uns solidarisch mit denen zeigen, die sich
auch gegen unsere Regierung gestellt haben.“
Aus
der Ecke der Palästinenser habe ich einige zumeist zynische Bemerkungen
zu hören bekommen: „Puh! 150.000 Zionisten für 'soziale
Gerechtigkeit' (niedrigere Preise), während die ethnische Säuberung
Palästinas weiterhin außerhalb jeder Diskussion bleibt. Palästinensische
Kinder sind wegen Widerstand eingekerkert. Dörfer wie Nabih saleh
werden vergast. Die Apartheid-Mauer dehnt sich immer weiter aus. Und
wenn der derzeitige 'Premierminister' geht, glaubst Du dann etwa, dass
sein Nachfolger anders sein wird?“ So die Auffassung von Frank und 23
weiteren palästinensischen Aktivisten.
Nariman,
eine palästinensische Frau aus Palästina hört sich dann wieder
hoffnungsvoll über die Proteste an: „Sie haben ihre Augen geöffnet.
Hoffentlich sehen sie nun auch das Unrecht am der palästinensischen
Volk.“
SOZIALE
GERECHTIGKEIT?
Die
Protestbewegung scheint für ein weniger verbrecherisches neoliberales
Klima, einen menschlichen Immobilienmarkt, faire Preise für
Lebensmittel und eine auf ihr Volk hörenden Regierung einzutreten. Dafür
stelle ich mein Zelt auch gerne auf. Aber können wir von einer
Revolution für mehr soziale Gerechtigkeit für die Ärmsten der Armen
sprechen, die sich in einem anderen Zeltlager befinden? Können wir von
einer Revolution für mehr soziale Gerechtigkeit sprechen, wenn kein
Wort über die unmenschliche Besetzung Palästinas gesprochen wird?
ES
IST MÖGLICH!
Ich
hoffe, dass diese Proteste zu hören sind. Ich hoffe, dass die Botschaft
über die Liebe noch eine Zeit lang in den Straßen hängen bleibt. Ich
hoffe, dass die rechtsgerichteten Anführer wieder Bodenkontakt bekommen
und für mehr Menschlichkeit Entscheidungen treffen. Ich hoffe, dass die
Pampers Schnäppchen und Wohnraum wieder bezahlbar wird. Ich hoffe, dass
sie dann auch für die Ärmsten der Armen und die Flüchtlinge
eintreten, die auf den Straßen des gelobten Landes schlagen. Ich hoffe,
dass sie dann über die Mauer auf das unterdrückte palästinensische
Volk zu schauen wagen, welches seit Jahrzehnten Menschlichkeit fordert.
Man
sagt, dass ich ein Träumer bin.
Quelle:
http://www.intal.be/nl/blogs/jeaunkes/israeli-awakening
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