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(Eigener
Bericht) - Am Vorabend der neuen EU-Ratspräsidentschaft werden deutsche
Kartenwerke für eine „Großgliederung Europas“ bekannt. Die
Kartierungen sind aufgrund einer Anforderung des Auswärtigen Amtes
entstanden und für politische und admistrative Zwecke deutscher Behörden
gedacht. In den Darstellungen beherrscht Deutschland als bevölkerungsreichster
Staat das kontinentale Zentrum, das „Mitteleuropa“ genannt wird. Davon
ausgegrenzt sind Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande.
Auch Dänemark, Spanien, Italien und Portugal gehören nicht zu
„Mitteleuropa“, wohl aber das ehemalige Jugoslawien bis zur
albanischen Grenze und mindestens 13 weitere Staaten im Osten des
Kontinents. „Bestimmend“ für den „Kulturraum Mitteleuropa“ seien
„historische Herrschaftsbereiche dominant deutschsprachiger Staaten“,
heißt es in den Ausarbeitungen über „Mitteleuropa“. Die begleitenden
Karten ordnen Teile Frankreichs, Dänemarks, das gesamte Luxemburg, die
Schweiz sowie Oberitalien der politischen Fiktion eines deutsch
definierten Zentrums zu. Wie selbstverständlich werden auch Polen, die
Tschechische Republik und Ungarn vereinnahmt. Über mehrere Gebiete wird
behauptet, sie gehörten zu „Mitteleuropa“, da sie ursprünglich im
Besitz des Deutschen Reiches waren, „ganz abgesehen“ von ihrer späteren
Unterwerfung durch NS-Truppen. german-foreign-policy.com veröffentlicht
Kartenausrisse, die eine beängstigende Ähnlichkeit mit Projektionen
staatlicher Vorläufer der Bundesrepublik Deutschland aufweisen.
Die
aktuellen Kartierungen gehen auf eine „konkrete Anfrage“ [1] des Auswärtigen
Amtes (AA) zurück, dem eine „Stellungnahme zur Gliederung Europas in
Großregionen“ übermittelt werden sollte. Das Vorhaben wurde im „Ständigen
Ausschuss für geographische Namen“ (StAGN) erörtert, einem bisher nur
in Fachkreisen bekannten Gremium, dem unter anderem der Direktor des
Leibniz-Instituts für Länderkunde (Leipzig) angehört.[2] Die
Institution erfreut sich staatlicher Finanzierung und veröffentlicht maßgebliche
Regularien für politisch-geographische Zwecke. Die deutschen
Ordnungswissenschaftler, angebliche Geographen, sind wiederholt mit
Arbeiten hervorgetreten, die hoheitliche Rechte fremder Staaten berühren.
In den Darbietungen des Instituts ist unter anderem von „Lebensraum“
die Rede.[3]
Kompakt
Die
„Großgliederung Europas“ sei „ohne national-politische Absichten“
[4] verfasst worden, heißt es über die überstaatlichen Interessen der
Ausarbeitung, die einer staatlichen Behörde zur national-politischen
Nutzung vorgelegt wurde. Über mehrere Seiten zeichnet der Entwurf ein
germanozentrisches Europa-Bild, in dem Deutsche als Siedler und
Kulturstifter auch „außerhalb der heute deutschsprachigen
Gebiete“auftreten. In völliger Verkennung des historischen Wandels
nationalstaatlicher Identitäten wird behauptet, „Deutsche“ hätten
„ab dem 11. und 12. Jahrhundert kompakt oder inselhaft in weiten Teilen
des heutigen Polen, im Baltikum, in den Sudeten- und Karpatenländern
sowie in den slowenischen Gebieten und in Oberitalien“ gesiedelt.
Tragend
Mit
penibler Systematik werden Territorialteile der europäischen
Nachbarnationen dem deutschen Verständnis von „Mitteleuropa“
zugeschlagen, so Gebiete „Rumäniens innerhalb des Karpatenbogens“,
die „Bukowina“, ukrainische Bezirke Galiziens, „Transkarpatien“,
das „Gebiet von Grodno im Nordwesten Weißrusslands“, ja selbst „die
heutige russische Exklave Kaliningrad“. Über die Baltischen Staaten heißt
es, sie „gehörten wie Ostpreußen vom 13. bis ins 15. Jahrhundert zum
Deutschen Orden“. Die antislawischen Ausrottungsfeldzüge des
„Deutschen Ordens“ werden einer Erwähnung nicht für wert befunden.
Stattdessen ist in dem „Mitteleuropa“-Text für das Auswärtige Amt
von kulturellen Verdiensten der Deutsch-Balten die Rede, die „eine
tragende gesellschaftliche Rolle spielte(n)“.
Provokation
Deutsche
dominieren die „Mitteleuropa“-Fiktion auch im Westen: so in
„Nordschleswig“ (Dänemark) und Luxemburg. Belgien wird um seine
„deutschen Gebiete“ erleichtert, Frankreich um das Elsass und
Lothringen. Die „Region“ (Alsace und Lorraine) sei „heute stark
französisch geprägt“, heißt es über das französische
Staatsterritorium, dessen Prägemasse einer „authochthonen Bevölkerung“
angehören soll - gemeint sind angebliche Quasi-Deutsche alemannischer
Sprache. „Immerhin“, so die stolze Erklärung, „gehörte“ die
Region (Alsace und Lorraine) „zum Heiligen Römischen Reich deutscher
Nation und war von 1871 bis 1918 Teil des Deutschen Reichs, ganz abgesehen
von der Kriegssituation im Zweiten Weltkrieg.“ Dass die kriegerische
Aggression und die Aneignung der Nachbargebiete durch deutsche Truppen
niemals eine „kulturräumliche“ Eingemeindung rechtfertigen kann,
sondern im Gegenteil verbietet, erneute Ansprüche zu stellen, wird von
den Autoren ignoriert. Insbesondere wegen des Bezugs auf die NS-Okkupation
des Elsass und Lothringens handelt es sich um eine bisher nur von
Rechtsextremisten und ausgewiesenen Revisionisten bekannte Provokation,
die umso schwerer wiegt, da das Auswärtige Amt als Auftraggeber firmiert.
Mittelalterlich
Ausdrücklich
wird festgestellt, dass die „Großraumgliederung“ „für politische
und administrative Zwecke“ deutscher Behörden gedacht ist. Damit steht
das revisionistische Regelwerk in der Nachfolge ähnlicher deutscher
Versuche, hegemoniale Ansprüche auf eine Vormachtstellung in Europa mit
mittelalterlichen Hervorbringungen germanischen Wesens zu begründen.
Einen Höhepunkt erreichten diese Versuche, denen sich die Elite deutscher
Geographen stets bereitwillig zur Verfügung stellte, in der NS-Zeit. Wie
Untersuchungen belegen [5], kam es dabei zur direkten Zusammenarbeit mit
dem Auswärtigen Amt und anderen Stellen des Hitler-Regimes. Die
Kartenwerke wurden unter anderem bei den Planungen für den Überfall auf
Polen benutzt und halfen anschließend bei Ausrottungsaktionen gegen die
polnische Bevölkerung.[6] Auch über die Opfer der NS-Okkupation Polens,
das als Sklavenreservoir für ein teutonisches „Mitteleuropa“
vorgesehen war, gehen die neuen „Mitteleuropa“-Kartierungen hinweg.
Hintergründe
Dass
„Mitteleuropa“ zu einem „Synonym für 'völkisch'-eugenetische 'Lebensraum'-Vorstellungen
und wirtschaftliche Ausbeutung“ [7] wurde, scheint den heutigen Planern
für das Auswärtige Amt unbekannt oder - was schlimmer wäre - muss
verleugnet werden. So finden sich zur „Historische(n) Entwicklung des
Mitteleuropabegriffs“ [8] Ausführungen, die im Jahr 1916 abbrechen und
mit Betrachtungen über die Zeit nach 1945 wieder aufgenommen werden. Die
Ausblendung der nationalsozialistischen Europa-Diktatur unter dem Signum
von „Mitteleuropa“ erspart es den Urhebern, auf die wirtschaftlichen
und militärischen Hintergründe der in Deutschland erneut aufkommenden
„Mitteleuropa“-Fiktion hinzuweisen.
Imperium
Wie
internationale Standardwerke lapidar feststellen, steht das deutsche „Mitteleuropa“-Programm
seit über hundert Jahren für eine ökonomische Herrschaftsweise, „bei
der die nördlichen, südlichen und westlichen Ränder des Kontinents um
das Schwerkraftzentrum kreisen“ sollen [9] - um Deutschland mit seinen
angegliederten Satelliten in Ost- und Südosteuropa. Übereinstimmend heißt
es, Ziel der „Mitteleuropa“-Projektionen sei die Schaffung eines
„informellen europäischen Imperiums“ ohne Zollgrenzen, so dass der
deutschen Industrie ein maximales Absatz- und Ressourcengebiet zur Verfügung
steht. Angesichts dieser Inhalte nimmt die Neuauflage der „Mitteleuropa“-Entwürfe
im Auswärtigen Amt nicht wunder - und kommt rechtzeitig zur Präsidentschaft
des vereinigten Deutschland über den Rest der EU.
Weitere
Kartenausrisse finden Sie hier.
[1]
Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa Regional
04/2005, ausgeliefert im November 2006
[2] s. auch Raum
im Werden, Aus
der Tiefe des Raums, Herrscher
im Raum und Räumliche
Progression
[3] s. dazu „Mitteleuropa“:
Deutscher „Lebensraum“
[4] Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa
Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
[5] Werke von Michael Fahlbusch und Ingo Haar
[6] Mechthild Rössler: „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische
Ostforschung im Nationalsozialismus. Berlin 1990. Mechthild Rössler/Sabine
Schleiermacher: Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der
nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik. Berlin 1993
[7] Richard G. Plaschka et al.: Mitteleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts. Wien 1995
[8] Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa
Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
[9] John Laughland: The Tainted Source. The Undemocratic Origins of the
European Idea. London 1997 |