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Neue Luzerner Zeitung, 15.3.2003

Irak-Krieg und zionistische Hardliner
Shraga Elam*

Ins Zentrum der Diskussion über Gründe für den Irak-Krieg muss die Zusammenarbeit des US-Militär-Corporate-Komplexes mit jüdischen Hardlinern in den USA und in Israel rücken. Bei der Analyse des Einflusses der Pro-Israel-Lobby manifestieren sich grosse Probleme: Die beträchtliche Macht dieser Interessengruppe wird verschwiegen oder verharmlost. Nicht zuletzt deshalb grassieren die wildesten rassistischen Verschwörungstheorien über eine angebliche Weltherrschaft des so genannten «Weltjudentums».

Obwohl viele Kriegsgegner behaupten, dass es bei diesem Krieg um Öl gehe, ist der Beweis dafür eher dürftig. Mehrere Ölexperten sind der Meinung, dass die USA das irakische Öl mit viel weniger gefährlichen Methoden kontrollieren könnten. Im Rahmen des Krieges besteht ja die Gefahr, dass Saddam Hussein Ölfelder in der ganzen Region in Brand setzen würde. Deshalb wird damit gerechnet, dass der Irak-Krieg den Preis pro Fass Öl auf 80 oder sogar 160 Dollar treiben könnte, was die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzen würde.

Noch weniger überzeugend wirken die Argumente der Regierung Bush über eine vermeintliche Bedrohung durch Saddam Hussein für die Weltsicherheit. So betont der israelische Generalstabschef, dass der Irak keine existenzielle Bedrohung für Israel darstelle. 1992 bis1998 fanden sogar ernsthafte Friedensverhandlungen, zum Teil auch in Genf, zwischen Israel und dem Irak statt. Diese wurden von den USA jedoch immer wieder sabotiert, wie die israelische Zeitung «Maariv» am14. Februar 2003 berichtete.

Auch das vorgebliche Streben der Regierung Bush nach mehr Demokratie im Nahen Osten wirkt unglaubwürdig, unter anderem weil sie das unterdrückerische Scharon-Regime stark unterstützt.

Aus der Materialfülle geben zwei Berichte einflussreicher neokonservativer Think Tanks in den USA interessante Auskunft über die Ziele des Irak-Kriegs und des so genannten Feldzugs gegen den Terror.

Die Liste der Verfasser umfasst viele der wichtigsten Personen der heutigen Regierung Bush. Die Anzahl der Juden, die darunter figurieren, ist geradezu auffällig. Die Verfasser zeigten sich besorgt, dass das Militärbudget während der Clinton-Ära mit weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf das niedrigste Niveau seit den Dreissigerjahren gesunken war.

Das Papier des Project for the New American Century (PNAC) vom September 2000 setzte auf eine Erhöhung der Militärausgaben auf mindestens 3,5 bis 3,8 Prozent des BIP. Dadurch sollte die Waffenindustrie wieder zur Lokomotive der Wirtschaft werden. Im Rahmen der Globalisierungsregeln dürften die Regierungen Unternehmen zwar nicht subventionieren. Ausgenommen sind aber die Militärausgaben, und so kann die US-Regierung diese WTO-Bestimmungen umgehen, wenn sie beispielsweise Boeing im Konkurrenzkampf gegen das europäische Unternehmen Airbus Vorteile verschafft.

Die Anhebung des Militärbudgets verlangt eine Bedrohung. Deshalb empfahl das Institute for Advanced Strategic and Political Studies (IASPS) im Juli 1996 dem damaligen israelischen Premier Benjamin Netanjahu, den Oslo-«Friedens»-Prozess zu sabotieren und damit die ganze Region zu destabilisieren. Die erwarteten Vorteile für Israel - so IASPS - wären unter anderm grössere Unterstützung durch die einflussreiche US-Rüstungslobby und die Abwendung der «Gefahren» für den jüdischen Staat durch das Oslo-Abkommen. Entsprechend entwarf die israelische Armee im September 1996 einen Plan zur Zerstörung des Oslo-Prozesses («Operation Dornenfeld») und agierte auch in diese Richtung. Damit wurden die Leitlinien formuliert, denen der israelische Militäreinsatz seit September 2000 folgt. Offen geblieben ist die darin erwähnte Beseitigung der palästinensischen Behörden und die Vertreibung der Palästinenser.

Der PNAC-Bericht stellt fest, dass die USA «irgendein katastrophales und katalysierendes Ereignis wie etwa ‹Pearl Harbor› [benötigen], um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten und zu erweitern». Man braucht keiner Verschwörungstheorie anzuhängen, um zu sehen, dass die Autoren des Strategieberichts mit solchen Überlegungen den Rahmen vorgaben, der es erlaubte, Ereignisse wie die Anschläge vom 11. September 2001 voll auszunützen. Das Irak-Problem ist, dem PNAC-Bericht gemäss, ein guter Vorwand, um die Präsenz der USA in der Region zu verstärken: «Während der ungelöste Konflikt mit dem Irak die unmittelbare Rechtfertigung liefert, geht die Notwendigkeit der Präsenz einer starken US-Streitmacht weit über das Problem der Macht Saddam Husseins hinaus.»

Die starken Interessen der israelischen Machteliten an einem Irak-Krieg wie auch am «Feldzug gegen den Terror» lassen sich kaum verstecken. Es geht darum, von den eskalierenden anti-palästinensischen Massnahmen abzulenken und im Schatten des Irak-Krieges massiv verschärfen zu können (viele Palästinenser und israelische Friedensaktivisten rechnen mit einer Massenvertreibung). Israel steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, und der Irak-Krieg soll die Chancen erhöhen, schneller in den Genuss finanzieller US-Unterstützung von 12 Milliarden Dollar zu kommen. Der «Feldzug gegen den Terror» hat der israelischen Rüstungsindustrie äusserst gut getan. Exportierte Israel 2001 Waffen im Wert von 2,5 Milliarden Dollar, so waren es 2002 schon über 3,6 Milliarden.

Die zentrale Rolle von Juden bei der Mobilisierung zum Irak-Krieg darf indes nicht zu rassistischer Überschätzung ihrer Macht führen. Die zionistischen Hardliner können sich nur dann durchsetzen, wenn sie beweisen können, dass die Unterstützung israelischer Ziele im Interesse der USA ist. Ist dies nicht der Fall, wie es bei verschiedenen Konflikten zwischen den Waffenindustrien der USA und Israels vorkommt, so hört der angebliche «dämonische» jüdische Einfluss auf.

So wenig es angeht, «die Juden» als Motor des Irak-Kriegs zu sehen, so sehr kommt massivem jüdischem Protest eine sehr wichtige Rolle zu. Wenn bekannte jüdische Persönlichkeiten sich gegen den Krieg einsetzen würden, könnten sie noch eine gewaltige Hürde für die Regierung Bush aufbauen.

* Shraga Elam ist israelischer Friedensaktivist in Zürich und freier Journalist mit den Spezialgebieten Palästinakonflikt und Zweiter Weltkrieg.

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