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Neokolonialismus:
Beispiel
Elfenbeinküste
Der Mann vom IWF
BERLIN/ABIDJAN
german-foreign-policy
vom 11.01.2011
weiter
im Text
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Elfenbeinküste:
An
strategisch wichtiger Stelle |
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Alassane
Ouattara,
ehemals
Vizedirektor des IWF
In
seiner Amtszeit zwang der IWF Afrika die Verelendungspolitik des
IWF auf
Er
gilt als Vertrauensmann der imperialistischen Mächte, Er ließ
in seinen Hochburgen keine internationalen Kontrollen der Wahlen
zu. |

Laurent Gbagbo
Der
Amtsinhaber und bisheriger Präsident der Elfenbeinküste: Er
hatte sich einige Male gegen den Kolonialismus aausgesprochen
und gilt daher für die imperialistischen Mächte als
unzuverlässig |
Der Mann
vom IWF
BERLIN/ABIDJAN
german-foreign-policy
vom 11.01.2011
– Ungeachtet starker Proteste in Côte d'Ivoire
halten Berlin und die EU an ihrer Forderung nach der Einsetzung des
ehemaligen IWF-Vizedirektors Alassane Ouattara
zum Staatspräsidenten in Abidjan fest. Nach den jüngsten Präsidentschaftswahlen
hatten sowohl der Amtsinhaber Laurent Gbagbo als auch Oppositionschef
Ouattara den Sieg beansprucht und sich bereits vereidigen lassen. Weil
Ouattaras Parteigänger in weiten Teilen des Landes keine Wahlbeobachter
zugelassen hatten, ist ein zuverlässiges Urteil über den Wahlausgang
unmöglich. Bis heute sind in den auf die Wahlen folgenden gewaltsamen Kämpfen
bis zu 200 Menschen ums Leben gekommen; Zehntausende sind auf der
Flucht. Eine Neuauflage des erst 2007 beendeten Bürgerkrieges ist nicht
auszuschließen. Weil Côte d'Ivoire eine grundsätzlich hohe politische
und ökonomische Bedeutung zugeschrieben wird, bestehen die westlichen
Industriestaaten auf einem Rückzug Gbagbos, der sich gelegentlich
antikoloniale Stimmungen in der Bevölkerung zunutze macht und deswegen
in der EU und den USA als unzuverlässig gilt. Berlin schließt sich
zwar den aktuellen Sanktionen gegen Gbagbo an, will jedoch zugleich ein
Gegengewicht gegen Ouattara installieren: Dieser gilt als Mann
Frankreichs; man befürchtet, er könne deutsche Interessen zu wenig berücksichtigen.
Wahlsieg:
Unklar
Entgegen
den Darstellungen in den meisten deutschen Medien besteht keine
Gewissheit über den Wahlsieg Alassane Ouattaras. De facto ist Côte
d'Ivoire seit dem Ende des Bürgerkrieges in zwei unterschiedliche
Machtsphären aufgeteilt. Den Norden des Landes kontrollieren die
ehemaligen Rebellen der Forces Nouvelles (FN) unter Guillaume Soro, der
zuletzt als Premierminister einer Einheitsregierung unter Gbagbo
amtierte. Die FN unterstützen Ouattara, der im Norden der Côte
d'Ivoire geboren wurde. Der wirtschaftlich stärkere Süden wird dagegen
von Gbagbo kontrolliert. Internationale Wahlbeobachter haben die Wahlen
für „weitgehend frei und fair“ erklärt, allerdings zum Norden des
Landes keinen Zutritt erhalten.[1] Gbagbo will Ergebnisse von bis zu 90
Prozent für Ouattara in einzelnen nördlichen Gebieten nicht
anerkennen. Während die offizielle ivorische Wahlkommission ihm
widerspricht – sie ist zu zwei Dritteln von seinen Opponenten besetzt
– teilt das ihm
nahestehende Verfassungsgericht seine Position. Trotz aller Unklarheiten
hat die deutsche Regierung ebensowenig wie die UNO gezögert, Ouattara
als Wahlsieger anzuerkennen.
„In
erster Linie Ökonom“
Ouattara
selbst, der über enge Kontakte zu den westlichen Wirtschaftsmächten,
insbesondere aber zu Frankreich verfügt, charakterisiert sich mit den
Worten: „Ich bin in erster Linie Ökonom“.[2] In der Tat arbeitete
er viele Jahre zwischen 1968 und 1990 sowie von 1994 bis 1999 beim
Internationalen Währungsfonds (IWF). In den 1980er Jahren leitete er
dessen Afrika-Abteilung und war damit in exponierter Position an der
Durchsetzung der damaligen Strukturanpassungsprogramme beteiligt. Diese
banden die Kreditvergabe an die Realisierung weitreichender Austeritätsprogramme
und richteten im Ergebnis die soziale Infrastruktur der betroffenen Länder
zugrunde. Zwischen 1994 und 1999 amtierte Ouattara beim IWF sogar als
Vizedirektor. Von 1990 bis 1993 war er in der Côte d'Ivoire letzter
Premierminister des autoritären prowestlichen Staatspräsidenten Felix
Houphouët-Boigny. Auch in diesem Amt erwies er sich als kompromissloser
Verfechter harter Kürzungspolitik. Mit seiner Biographie empfiehlt sich
Ouattara als Kandidat, von dem sich westliche Unternehmen die
Durchsetzung ihrer Verwertungsinteressen erhoffen können.
Marktöffnung
Dabei
wurden schon in der jüngsten Vergangenheit politische Vorkehrungen
getroffen, die genau diesem Ziel dienen. Ende 2008 schloss Côte
d'Ivoire als erstes Land Afrikas ein Interimsabkommen mit der EU, das
den ivorischen Markt für auswärtige Importe öffnet und vier Fünftel
der ivorischen Einfuhren aus der EU begünstigt. Der im Land benutzte
westafrikanische CFA-Franc ist mit festem Wechselkurs an den Euro
gebunden. Wie die bundeseigene Außenwirtschaftsagentur gtai schreibt,
besitze Côte d'Ivoire, das Zentrum der westafrikanischen Frankophonie,
ein großes wirtschaftliches Potenzial; lukrativ seien unter anderem
bedeutende Infrastrukturprojekte wie geplante Neubau- und Sanierungsmaßnahmen
in Häfen und Flughäfen, bei Straßen und Kommunikationsnetzen. Nicht
zuletzt wird seit 2005 in dem Land auch Erdöl gefördert. Im Oktober
2010 haben die französische Total und Yam's Petroleum LLC einen Vertrag
über die Ausbeutung eines Ölfeldes geschlossen, in dem bis zu 1,5
Milliarden Barrel Öl vermutet werden.[3]
Unsicherer
Kantonist
Umso
größeren Wert legen EU und USA darauf, Ouattara in Abidjan an die
Regierung zu bringen. Gbagbo gilt ihnen als unsicherer Kantonist: Er gefällt
sich zuweilen in der Rolle des populistischen Volkstribuns und nutzt
gelegentlich die in der ivorischen Bevölkerung mittlerweile verbreitete
antikoloniale, insbesondere antifranzösische Stimmung. Zuletzt forderte
er den Rückzug der UNO-Truppen aus dem Land. Ouattara dagegen hat seine
Bereitschaft, die Interessen der Industriestaaten zu bedienen, während
seiner Tätigkeit beim IWF ausführlich unter Beweis gestellt.
Insbesondere verfügt er über beste Beziehungen zur ehemaligen
Kolonialmacht Frankreich, die nach wie vor mit 40 Prozent den größten
Anteil des ausländischen Kapitals in Côte d'Ivoire stellt.
Das
Militär in Schlüsselstellung
Am
bis heute exklusiven französischen Einfluss in Côte d'Ivoire stört
sich schon seit Jahren Berlin. Die Beziehungen zu Abidjan seien zwar
„unbelastet“, aber „wegen der starken Affinität des Landes zu
Frankreich nicht sonderlich ausgeprägt“, hieß es etwa 2004 bedauernd
im Auswärtigen Amt.[4] Bereits 2002 hatte die Stiftung Wissenschaft und
Politik (SWP) dafür plädiert, „ein 'Vorwärts in die Vergangenheit'
neokolonialer Einmischung“ Frankreichs in Côte d'Ivoire zu verhindern
- zugunsten erhofften deutschen Einflusses.[5] Entsprechend unterstützt
Deutschland zwar die Sanktionen der EU gegen Gbagbo, die das Einfrieren
seiner europäischen Konten und ein Einreiseverbot gegen ihn und seine
wichtigsten Mitarbeiter vorsehen. Zurückhaltendere Stimmen sind
allerdings aus dem Vorfeld des Auswärtigen Amts zu vernehmen. So heißt
es etwa beim Politischen Dialog Westafrika der CDU-nahen
Konrad-Adenauer-Stiftung, man plädiere für eine „landesinterne Lösung“,
bei der „das Militär eine Schlüsselstellung“ einnehme. „Fremde
Truppen wie die UN-Blauhelme“ müssten „ihre Unparteilichkeit
bewahren“, weil sie andernfalls als „Besatzungstruppen angesehen“
würden.[6] Der Leiter der ivorischen Außenstelle der
Friedrich-Ebert-Stiftung, Jens Hettmann, äußerte sich in einem
Rundfunkinterview ähnlich und erklärte die vorbehaltlose Anerkennung
Ouattaras durch die UNO für „schwer nachvollziehbar“.[7]
Risiken
des Machtwechsels
Tatsächlich
ist es Berlin während Gbagbos Amtszeit gelungen, seinen bislang eher
schwachen Einfluss in Côte d'Ivoire auszuweiten. So ist etwa die
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz, vormals
GTZ) seit mehreren Jahren mit einem Projekt zur Förderung der
Privatwirtschaft in Côte d'Ivoire befasst, das geeignet ist, deutschen
Unternehmen den Zugriff auf die dortige landwirtschaftliche Produktion
zu erleichtern. Darüber hinaus betreibt sie im Auftrag des Auswärtigen
Amts ein Projekt zur Stärkung der Funktionsfähigkeit der Polizei. Ein
Machtwechsel hin zu einem allzu eng an Paris angebundenen Präsidenten
ohne ein Gegengewicht wie etwa das ivorische Militär könnte den Bemühungen
Berlins um die Ausweitung seines politischen und ökonomischen
Einflusses abträglich sein.
[1]
Gbagbo droht mit „Bürgerkrieg“; www.faz.net 26.12.2010
[2] Ouattara - Der Präsident, der seinen Job nicht machen kann;
derstandard.at 21.12.2010
[3] Wirtschaftstrends Cote d'Ivoire 2010/2011; www.gtai.de
[4] s. dazu Kolonial-Kämpfe
[5] Rebellion und Putschversuch in der Cote d'Ivoire; SWP-Aktuell 39,
Oktober 2002
[6] Zwei Präsidenten und kein Ausweg aus der Krise; www.kas.de
[7] Interview; www.dradio.de 28.12.2010
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Die
Herrschaft der Wenigen
ABIDJAN/PARIS/BERLIN
Quelle:
german-foreign-policy.com
30.06.2011 (auf Kommunisten-online am 1. Juli 2011) – Nach dem
Umsturz in Côte d'Ivoire
kündigt die Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) die Eröffnung eines neuen
Auslandsbüros in Abidjan an und will die neue Regierungspartei RPR
„permanent beraten“. Man werde engere Beziehungen zum neuen Staatspräsidenten
Alassane Ouattara und seiner Partei aufnehmen, teilt die Stiftung mit.
Der RPR gehört bereits seit Jahren den liberalen Netzwerken der FDP in
Westafrika an, zu denen auch ein Präsidentenberater in Senegal zählt.
Dass Ouattara, der Partner der Naumann-Stiftung, im April trotz mutmaßlicher
Wahlfälschung von Truppen Frankreichs und der UNO in Abidjan an die
Macht gebombt worden ist - explizit mit Billigung Berlins -, stößt in
Afrika weithin auf scharfen Protest. Medien sprechen offen von
„Imperialismus“ und „Neokolonialismus“. Wie der ehemalige Präsident
Südafrikas Thabo Mbeki urteilt, habe nicht nur die Afrikanische Union
durch die militärische Intervention in Côte d'Ivoire jegliche Glaubwürdigkeit
verloren. Auch die Vereinten Nationen könnten nach ihrer Teilnahme an
den bewaffneten Angriffen auf den Präsidentenpalast in Abidjan nicht
mehr mit dem bisherigen Anspruch auftreten, eine „neutrale Macht“
zur Vermittlung in Konflikten zu sein. Die Geschehnisse in Côte
d'Ivoire hätten „der Fiktion“ endgültig „ein Ende gesetzt, dass
die Großmächte die Herrschaft des Gesetzes in den internationalen
Beziehungen achten“.
Business
as usual
Die
anhaltenden Spannungen in Côte d'Ivoire finden in den deutschen Medien
kaum noch Beachtung, seit es dem Westen im Frühjahr gelang, seinem
Parteigänger Alassane Ouattara, einem ehemaligen hochrangigen
IWF-Funktionär, zum Präsidentenamt in Abidjan zu verhelfen. Mehrere
Monate lang hatten die westlichen Medien dem blutigen Machtkampf
zwischen Ouattara und dem auf stärkere Eigenständigkeit gegenüber dem
Westen zielenden Präsidenten Laurent Gbagbo große Aufmerksamkeit
geschenkt. Ouattara, der auf der Basis vermutlich gefälschter
Wahlergebnisse das höchste Staatsamt für sich reklamierte, wurde nach
massiven Einflussbemühungen des Westens im April mit Hilfe von Milizen,
französischen Militärs und Einheiten der UNO an die Macht gebombt (german-foreign-policy.com
berichtete [1]). Ende Mai trat er schließlich offiziell das Amt des
ivorischen Staatspräsidenten an. Die Bevölkerung ist in zwei etwa
gleich starke Hälften gespalten: Ouattaras Anhängern, die vor allem
aus dem Norden des Landes kommen, stehen auch weiterhin Gbagbos Anhänger
gegenüber, der sich als Opfer einer neokolonialen Intervention sehen.
Milizen, die Ouattara ins Präsidentenamt gekämpft haben, haben seit
dem Umsturz im April mindestens 150 angebliche Gbagbo-Anhänger
umgebracht. Für die Massaker an hunderten Zivilisten, die sie schon vor
dem Umsturz verübten, wird bis heute niemand zur Verantwortung gezogen.
Beobachter schließen eine neue blutige Eskalation nicht aus. Die
Medienberichterstattung im Westen ist jedoch weitgehend zum Erliegen
gekommen: Der Parteigänger von EU und USA ist im Amt, europäische und
nordamerikanische Konzerne nehmen ihre Geschäftstätigkeit wieder auf,
es herrscht business as usual.
Netzwerke
der FDP
Berlin
hat Gbagbos Sturz und Ouattaras Inthronisierung mit grundsätzlicher
Sympathie begleitet, auch wenn wegen Ouattaras allzu enger Anbindung an
den Rivalen Frankreich kritische Stimmen nicht gänzlich verstummten.
Praktische Unterstützung erhält Ouattara insbesondere von der
FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung (FNSt). Hochrangige Vertreter der
Stiftung und der Liberalen Internationalen, in der die FDP eine starke
Stellung hält, waren bei seiner Amtseinführung am 21. Mai zugegen. Über
den militärisch erkämpften Umsturz schreibt die Stiftung, „die
Demokratien des Kontinents“ fänden sich heute „nicht mehr mit der
Usurpation von Macht“ ab, wie sie „der Sozialist Laurent Gbagbo
versuchte“.[2] Ouattara und seine Partei Rassemblement des Républicains
(RDR) gehören dem African Liberal Network (ALN) an, einem Netzwerk
liberaler Parteien aus Afrika mit heute 27 Mitgliedern aus 21 Ländern,
das eng mit der FNSt sowie mit der Liberalen Internationalen assoziiert
ist.[3] Bereits vor den ivorischen Wahlen hatte das Westafrika-Projekt
der FNSt Ouattara auf einem mehrtägigen Seminar in Abidjan die
Gelegenheit geboten, sich mit rund 20 hochrangigen Funktionären aus dem
ALN abzustimmen - ein Beispiel für die nützliche Zuarbeit durch die
FDP-Organisation.
Büros
in Westafrika
Ouattaras
Amtsantritt eröffnet der Friedrich-Naumann-Stiftung neue
Einflusschancen in Westafrika, um ihren Vorstellungen von
wirtschaftsliberaler Austeritätspolitik stärkere Geltung zu
verschaffen. Ein Experte der FNSt hatte schon im Sommer 2010 erklärt,
man solle „die bisher eher sporadischen Kontakte“ zu Ouattaras RPR
zu „einem beständigen Dialog“ ausbauen und den RPR „permanent
beraten“.[4] Jetzt kündigt die Stiftung an, bereits in wenigen
Monaten ein neues Auslandsbüro in Côte d'Ivoire zu eröffnen, um ihre
Einflussarbeit zu verstetigen. Damit wird die FNSt bald in drei
westafrikanischen Ländern präsent sein; bislang verfügt sie über
Filialen nur in Ghana und Senegal. In Senegal ist seit Jahren eine
Partei aus den FNSt-Netzwerken, der Parti Démocratique Sénégalais von
Staatspräsident Abdoulaye Wade, an der Macht; ihr gehört nicht zuletzt
der heutige Vorsitzende des ALN, Mamadou Lamine Ba, an. Ba, ein
einstiger Minister Senegals und heutiger Sonderberater des
senegalesischen Präsidenten für auswärtige Angelegenheiten, ist der
FNSt auf besondere Weise verbunden: Er zählt zum Netzwerk ihrer
Altstipendiaten.
Lumumba,
Nkrumah, Gbagbo
Die
von der Naumann-Stiftung gefeierte Entmachtung Gbagbos und die
gepriesene Inthronisierung Ouattaras stoßen in Afrika - ganz anders als
in Europa und den USA - auf empörten Protest. Schon die
Medienberichterstattung weicht zum Teil deutlich von derjenigen in den
westlichen Metropolen ab. Der südafrikanische Mail and Guardian etwa
bezeichnet Ouattara völlig offen als den Favoriten des Westens und
beleuchtet auch die imperiale Rolle Frankreichs und dessen
Hegemonialinteressen mit deutlicher Kritik: Das Pariser Vorgehen stehe
in Kontinuität zu den neokolonialen Praktiken der letzten 50 Jahre, die
stets die Einsetzung französischer Parteigänger auf zentralen Posten
in Politik und Wirtschaft beinhaltet hatten.[5] Der „französische
Imperialismus“ erstehe wieder auf, urteilt die kenianische
Wirtschaftspresse: Gbagbo habe es versäumt, „das Schicksal von
Patrice Lumumba und Nkrumah zu studieren“.[6] Lumumba und Kwame
Nkrumah gehörten in den 1950er und 1960er Jahren zu den prominentesten
antikolonialen Politikern Afrikas; beide wurden vom Westen gestürzt
bzw. ermordet. Noch deutlicher werden panafrikanische Organisationen.
Bei der Pan African Youth Union (PYU) ist ausdrücklich von
„Neokolonialismus“ die Rede. Mit Ouattara habe man, heißt es, eine
„Marionette Frankreichs“ ins Amt gebracht.[7]
Kriegführend,
nicht neutral
Welch
tiefgreifende Bedeutung auch die politischen Eliten Afrikas dem Umsturz
in Côte d'Ivoire beimessen, zeigt eine Stellungnahme des ehemaligen südafrikanischen
Präsidenten Thabo Mbeki, die bereits Ende April publiziert worden ist.
Mbeki zieht in dem Text „eine Reihe unbestreitbarer Schlüsse“ aus
der „ivorischen Realität“. So habe es sich nicht nur als äußerst
fatal erwiesen, dass der Westen gegen massive ivorische Widerstände die
Wahlen vom Herbst erzwungen habe - dies ungeachtet der Tatsache, dass
zuvor vereinbarte Maßnahmen, etwa die Entwaffnung der Milizen, nicht
realisiert worden seien. Auch die willkürliche Anerkennung Ouattaras
als Wahlsieger müsse als verhängnisvoll gelten: Unter anderem habe der
Westen damit afrikanische NGOs desavouiert, die auf schwerste Fälschungen
hingewiesen hatten. Vor allem aber hätten die Vereinten Nationen
„ihre Neutralität als Friedensstifter“ preisgegeben und sich
entschieden, „kriegführende Partei im ivorischen Konflikt“ zu sein
- ein verhängnisvoller Entschluss.[8]
Viele
Verluste
„Am
Ende des Ganzen“, schreibt Mbeki müsse man - zusätzlich zu den
menschlichen Todesopfern - „viele weitere Verluste“ konstatieren.
„Einer davon“ sei die Afrikanische Union: Ihre Ohnmacht in
Auseinandersetzungen mit dem Westen sei überdeutlich geworden. Ein
weiterer seien die Vereinten Nationen: Sie hätten ihre Akzeptanz als
„neutrale Macht bei der Lösung innerer Konflikte ernsthaft
unterminiert“. Es werde der UNO in Zukunft schwerfallen, Staaten davon
zu überzeugen, „dass sie nicht nur ein bloßes Instrument in den Händen
der Großmächte ist“. Die Geschehnisse hätten „der Fiktion“ nun
endgültig „ein Ende gesetzt, dass die Großmächte die Herrschaft des
Gesetzes in den internationalen Beziehungen achten“. Man könne nur
hoffen, dass die ivorische Bevölkerung „nicht weiterhin“ leiden müsse
- „als missbrauchtes und erniedrigtes Opfer eines Weltsystems“, das
zwar „lautstark etwas von Menschenrechten schreit“, tatsächlich
jedoch „nur die Herrschaft der Wenigen, welche die dominierenden
politischen, wirtschaftlichen, militärischen und medialen Mittel
besitzen, über die Vielen festigen“ wolle. Äußerungen dieser
Deutlichkeit sind aus der Feder eines einstigen Staatspräsidenten recht
selten.
[1]
s. dazu Der
Mann vom IWF, Spiel
mit dem Feuer und Das
Recht des Stärkeren (II)
[2] Historischer und symbolischer Tag für Demokratie in Afrika;
www.freiheit.org
[3] Welcome to the Africa Liberal Network; www.africaliberalnetwork.org
[4] Ernst Specht: Côte d'Ivoire/Elfenbeinküste - Gewollter Stillstand?
Hintergrundpapier der
Friedrich-Naumann-Stiftung Nr. 13, Juni 2010
[5] Expediency is the unofficial French policy in Africa; www.mg.co.za
15.04.2011
[6] Resurgence of French Imperialism; www.businessdailyafrica.com
26.04.2011
[7] 'Don't let chickens and cowards sell Africa'; www.mg.co.uk
17.06.2011
[8] Thabo Mbeki: What the World Got Wrong in Cote d'Ivoire;
www.foreignpolicy.com 29.04.2011
Côte d'Ivoire, deutsch:
Elfenbeinküste (Red. K-online)
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