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Spezifische Methodik

ASCHGABAT/BONN/BERLIN

Quelle: german-foreign-policy.com vom 20.02.2007

 (Eigener Bericht) - Eine deutsch geführte „Nichtregierungsorganisation“ sucht in geheimen Befragungen nach möglichen Unruhegebieten in Turkmenistan. Der Leiter des in Bonn (Nordrhein-Westfalen) angesiedelten Unternehmens „Agentur für Public Affairs“, der für eine „Eurasian Transition Group“ tätig ist, war 2005 in Usbekistan verhaftet worden. Ihm wurde vorgeworfen, „Aufständische zu unterstützen“. Seine jetzt im benachbarten Turkmenistan gesammelten Erkenntnisse hätten dazu beigetragen, „für den Westen (...) halbwegs verlässliche Zahlen aus Turkmenistan zu bekommen“, heißt es in einem Interview mit dem Berliner Staatssender „Deutsche Welle“. Die konspirativ durchgeführte Umfrage erscheint nach dem Tod des langjährigen Alleinherrschers Nijasow, dessen Nachfolge zu Auseinandersetzungen in der turkmenischen Staatsspitze führt und Ansatzpunkte für propagandistische Interventionen bietet. Der Erdgasproduzent Turkmenistan gehört zu den zentralasiatischen Ressourcenstaaten, die Schwerpunktgebiete der deutschen Außenpolitik sind. Mit einer gemeinsamen Zentralasien-Strategie, die im Juni verabschiedet werden soll, will Berlin sämtliche EU-Mitgliedstaaten hinter sich sammeln und gegen die Konkurrenten aus Moskau, Beijing und Washington in Stellung bringen.

Wie der deutsche Leiter einer angeblichen „Eurasian Transition Group“, Michael Laubsch, behauptet, seien zu Jahresbeginn rund 1.150 Turkmenen über ihre politischen Ansichten befragt worden. „Wir mussten das geheim durchführen“, sagte Laubsch im Zentralasien-Programm der „Deutschen Welle“; eine behördliche Genehmigung wurde demnach nicht eingeholt.[1] Wer die Befragung bezahlte, ist unbekannt. Man habe herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit der Turkmenen mit dem neuen, den traditionellen Führungszirkeln entstammenden Präsidenten nicht zufrieden sei. Dabei hätten sich Schwerpunktgebiete ergeben, in denen „die Bürgerinnen und Bürger am meisten politisch interessiert sind und sich auch insofern engagieren“. „(B)esonders kritisch“ ist die Bevölkerung demnach in der Provinzstadt Mary, aber auch in der Gegend um Aschgabat, die turkmenische Hauptstadt. Vor dem Hintergrund mehrerer Umsturzversuche („bunte Revolutionen“), die in den vergangenen Jahren in osteuropäischen, kaukasischen und zentralasiatischen Staaten durchgeführt wurden, bietet der Hinweis Ansatzpunkte für weitergehende konspirative Maßnahmen interessierter Stellen.[2]

Durchsetzung

Zweifel über die politischen Auftraggeber des Umfrageunternehmens lässt der Bonner Spezialist für politisches „Campaigning“ [3] nicht aufkommen. Man arbeite „für Politiker und Schlüsselpersonen im Westen Analysen über die politische, soziale und wirtschaftliche Lage in den fünf zentralasiatischen Staaten“ aus. „Diese Papiere sind zu sensibel, um veröffentlicht zu werden“.[4] Generell gehe es um die „Durchsetzung von politischen und wirtschaftlichen Zielen mit Hilfe von Instrumenten aus der Werbung, der Marken- und Unternehmenskommunikation“.[5]

Ausbauen

Turkmenistan ist wegen seiner umfangreichen Energieressourcen und seiner geostrategischen Bedeutung seit geraumer Zeit starker internationaler Einflussnahme ausgesetzt. Das Land ist viertgrößter Erdgasexporteur weltweit und verfügt über die fünftgrößten bekannten Erdgasvorräte. Zudem grenzt es direkt an die mittelöstlichen Krisen- und Kriegsgebiete (Iran, Afghanistan). Russland betrachtet die ehemalige Sowjetrepublik als Teil seiner traditionellen Einflusssphäre, die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China bemühen sich um eine stärkere Präsenz. Deutschland will seine Position ebenfalls ausbauen und arbeitet an einer gemeinsamen europäischen Zentralasien-Strategie, um den eigenen Einfluss mit Hilfe der EU ausbauen zu können.

Affinität zu Deutschland

Mit dem Tod des turkmenischen Alleinherrschers Saparmurad Nijasow am 21. Dezember 2006 hat Berlin einen langjährigen Kooperationspartner verloren. Nijasow habe eine spezielle „Affinität zu Deutschland“ erkennen lassen, erinnert sich die Vorsitzende der Deutsch-Zentralasiatischen Parlamentariergruppe, Hedi Wegener (SPD).[6] Nijasow unterhielt enge Kontakte zu deutschen Konzernen, darunter DaimlerChrysler, und ließ sein Vermögen von der Deutschen Bank verwalten.[7] Gegen die deutsch-turkmenischen Deals protestierten Menschenrechtsvereine; wegen mutmaßlicher Bestechung wurden Gerichtsprozesse angestrengt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte Nijasow noch wenige Wochen vor dessen Tod aufgesucht und sich um neue Aufträge für deutsche Firmen bemüht, darunter für Siemens.[8]

Geparkt

Anfang Februar versicherte der Deutsche Bundestag die turkmenischen Machtzirkel seiner Loyalität und lehnte einen Oppositionsantrag ab, wonach das „bei der Deutschen Bank in Frankfurt am Main geführte(...) und bisher unter Verfügungsgewalt des verstorbenen Saparmurat Nijasow stehende(...) turkmenische(...) Regierungskonto“ eingefroren werden sollte.[9] Wie es heißt, seien auf dem Konto abgezweigte Milliardenbeträge aus dem Staatshaushalt geparkt worden.

Eskalationspotenzial

Der Machtwechsel in Aschgabat hat die Konkurrenz zwischen den ausländischen Interessengruppen deutlich verschärft. Zwar ist es der turkmenischen Führung unter mehrfachem Bruch der eigenen Diktatorialverfassung gelungen, eine akute Schwächung durch Nachfolgekämpfe zu vermeiden: Nach gesetzwidriger Ernennung zum Interims-Staatschef und der ebenfalls illegalen Präsidentschaftskandidatur ist ein enger Vertrauter des verstorbenen Nijasow, Gurbanguly Berdymuhammedow, am 11. Februar unter fragwürdigen Umständen zum neuen Staatsoberhaupt gewählt worden.[10] Trotzdem gilt die Konsolidierung des neuen Regimes als noch nicht vollständig abgeschlossen. Ausländische Interessenten haben daher unmittelbar nach Nijasows Tod ihre Einflussarbeit intensiviert. Das Eskalationspotenzial offenbaren jüngste Vorschläge aus Moskau, die Turkmenistan empfehlen, eine enge Militärkooperation mit Russland einzugehen.

Transportwege

Kern der aktuellen Auseinandersetzungen ist die Frage, auf welchem Weg das turkmenische Erdgas dem Weltmarkt zugeführt werden soll. Derzeit wird der Rohstoff vollständig über russische Pipelines abgeleitet und von Moskau in Richtung EU exportiert - das an den Westen gelieferte russische Gas stammt zu 25 Prozent aus Turkmenistan.[11] Moskau hat sich unmittelbar nach der Amtseinführung Berdymuhammedows seine langfristigen Lieferverträge (bis zum Jahr 2028) bestätigen lassen. Beijing bemüht sich ebenfalls um den Fortbestand turkmenischer Zusagen, die umfangreiche Lieferungen für die Jahre 2009 bis 2034 vorsehen. Washington will das Erdgas hingegen unter Umgehung russischen und iranischen Territoriums ausführen lassen. Als Varianten gelten eine Pipelineführung über Afghanistan und Pakistan nach Indien [12], vor allem aber der Export über das Kaspische Meer und den Südkaukasus nach Europa. Um diese Streckenführung durchzusetzen, haben hohe Beamte des US-Außenministeriums in den vergangenen Wochen zahlreiche Besuche in den betroffenen Staaten absolviert.[13]

Instrumentalisieren

Die Bundesregierung kann sich in Aschgabat auch nach Nijasows Tod auf eine starke Stellung stützen. „(O)ffensichtlich gibt es einen Wunsch nach Zusammenarbeit mit Europa und insbesondere Deutschland“, berichtete ein CDU-Abgeordneter kürzlich im Bundestag über die jüngsten Signale aus der turkmenischen Hauptstadt. Wegen der internationalen Proteste gegen die Missachtung grundlegender Menschenrechte in Turkmenistan verlangt Berlin jedoch Zugeständnisse des dortigen Regimes. Man werde „die Situation in Turkmenistan im Hinblick auf die Demokratisierung und die Durchsetzung der Menschenrechte weiterhin beobachten“ und den „Reformprozess kritisch begleiten“, kündigt die CDU/CSU-Bundestagsfraktion an.[14] Anfang April wird der Menschenrechtsausschuss des deutschen Parlaments eine Delegation in das zentralasiatische Land entsenden. Ziel sei es, „Turkmenistan aus der Isolation heraus(zu)holen“, umschreibt die Oppositionspartei FDP die stets wiederkehrenden Versuche der deutschen Außenpolitik, für geopolitische Interessen humanitäre Standards zu instrumentalisieren.[15] Auf diesem taktischen Feld liegt die Bedeutung sogenannter Nichtregierungsorganisationen, die angebliche oder tatsächliche demokratische Defizite herausarbeiten sollen.

Bereit

Offenbar ist das turkmenische Regime zu geringen Zugeständnissen bereit, um den Berliner Vorwürfen Genüge tun. Wie die deutsche Presse meldet, sind in der vergangenen Woche in Aschgabat zwei Internetcafés eröffnet worden - mit angeblich unbeschränktem Internetzugang, jedoch zu Preisen, die für die Durchschnittsbevölkerung unerschwinglich sind. Ob dies die deutschen Konkurrenten zum Schweigen bringen kann, ist zweifelhaft. Die europäischen Neider des deutschen Turkmenistan-Einflusses argumentieren ebenfalls mit Menschenrechtsdefiziten in Aschgabat - um die „Affinität zu Deutschland“ mit möglichst unerfüllbaren Forderungen zu stören. Gegen den Willen mehrerer europäischer Staaten verlangt die Bundesregierung, Turkmenistan zu den Verhandlungen der EU-Troika mit den Staaten Zentralasiens zuzulassen; sie sind für Ende März vorgesehen und sollen die Zentralasien-Strategie der EU fortentwickeln. Dass dabei eine „spezifische Methodik“ [16] zur Anwendung kommen kann, „deren Grundzüge von NGOs entwickelt wurden“, ist nicht ausgeschlossen - in Bonn steht die „Eurasian Transition Group“ bereit.

[1] Westlicher NGO gelingt Umfrage in Turkmenistan; DW-Radio Zentralasien 06.02.2007
[2] s. dazu Keine Großmachtspiele!, Sozialdemokratische Drohungen, Durchbruch nach Osten, Die Neue Seidenstraße und Partnertausch
[3] Pro:Campaigning. Gesellschaft für Campaigning. Creating a passion for effectivness; www.procampaining.org
[4] Eurasian Transition Group; www.eurasiantransition.org
[5] Pro:Campaigning.
Gesellschaft für Campaigning. Creating a passion for effectivness; www.procampaining.org
[6] Interview von Hedi Wegener im Rahmen der Sendung „Weltsicht“ bei RBB-Inforadio zum Thema Turkmenistan am 11.02.2007; www.hedi-wegener.de
[7] s. dazu Ein gewisser Prozentsatz und Hohe Ehre
[8] s. dazu Spät, aber nachhaltig und Günstige Lage
[9] Für ein Turkmenistan mit Zukunft; Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, 17.01.2007, Deutscher Bundestag Drucksache 16/4049
[10] Turkmenistan wählt im Stillen; Neue Zürcher Zeitung 12.02.2007
[11] Turkmenistan: nowy prezydent, nowy etap Wielkiej Gry; Ośrodek Studiów Wschodnich 15.02.2007
[12] Turkmenistan: Präsidentenwahl und Kampf um offene Gaspipelines; RIA Novosti 30.01.2007
[13] Turkmenistan: nowy prezydent, nowy etap Wielkiej Gry; Ośrodek Studiów Wschodnich 15.02.2007
[14] Steinbach/Haibach: Präsidentschaftswahlen in Turkmenistan müssen Anstoß für demokratischen Neubeginn geben; Pressemitteilung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 14.02.2007
[15] Leibrecht: Turkmenistan aus der Isolation herausholen; Pressemitteilung der FDP-Bundestagsfraktion 14.02.2007
[16] Pro:Campaigning. Gesellschaft für Campaigning. Creating a passion for effectivness; www.procampaining.org

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