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Nötigung

Heftige Reaktionen auf Hamas-Sieg

Werner Pirker

Quelle: jungeWelt vom 28. Januar 2006

In einer Erklärung des Nahost-Quartetts – USA, EU, UNO und Rußland – zum Wahlausgang in den von Israel 1967 besetzten palästinensischen Gebieten heißt es, es gebe »einen fundamentalen Wiederspruch zwischen den Aktivitäten bewaffneter Gruppen und Milizen und dem Aufbau eines demokratischen Staates«. Voraussetzung für die Gründung eines Palästinenserstaates sei, »daß alle Beteiligten dieses demokratischen Prozesses der Gewalt und dem Terror abschwören, das Existenzrecht Israels anerkennen und ihre Waffen ablegen«. Auf einen solchen Staat sollten die Palästinenser besser verzichten. Denn er entstünde nicht im Ergebnis ihres jahrzehntelangen Kampfes um Selbstbestimmung, sondern als Schöpfung der über sie verhängten Fremdbestimmung.

Den Palästinensern wird ein Gewaltverzicht abverlangt – noch bevor das sich aus der widerrechtlichen Besatzung ergebende Gewaltverhältnis beendet ist. Sie sollen ihre Waffen abliefern und damit das israelische Gewaltmonopol für alle Zeiten anerkennen. Die neue palästinensische Regierung ist aufgefordert, das Existenzrecht Israels anzuerkennen, wie das ihre Vorgängerin getan hat. Doch die Anerkennung Israels durch die PLO erfolgte im Ergebnis eines historischen Kompromisses. Im Gegenzug hat Israel die nationale Existenz der Palästinenser und die PLO als deren legitime politische Vertretung anerkannt. Die nationalen Rechte der Palästinenser ließen sich nur realisieren durch deren gleichberechtigte Teilhabe an einem jüdisch-arabischen Staat oder durch die Gründung eines Palästinenserstaates mit allen Attributen einer souveränen Staatlichkeit. Beide Lösungen werden von Israel hintertrieben.

Der israelisch-palästinensische Kompromiß ist damit hinfällig geworden und müßte neu verhandelt werden. Doch alle auf eine »friedlichen Lösung« zielenden Forderungen der »internationalen Gemeinschaft« richten sich ausschließlich an die palästinensische Seite. Die Palästinenser haben ihre Bereitschaft zur friedlichen Koexistenz mit den jüdischen Israelis hinlänglich unter Beweis gestellt. Doch von ihnen die Anerkennung Israels als die staatliche Negation ihrer nationalen Existenz zu verlangen, ist das gleiche, als wenn man vom ANC die Anerkennung des Apartheidregimes verlangt hätte.

Die Erklärung des Nahost-Quartetts ist ein Dokument der Nötigung. Auf diesem Niveau bewegen sich auch die deutschen Reaktionen auf den Wahlerfolg der Hamas. Politiker von CDU und SPD erklären unisono: Sollte sich die Hamas dem westlichen Anforderungsprofil nicht fügen, würden die Finanzquellen zum Versiegen gebracht werden. In der Mißachtung eines demokratischen Volksentscheids manifestiert sich die Verbreitung der Demokratie in Nahost.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/01-28/003.php

(c) Junge Welt 2006

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