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„Die Regierenden
in Israel mißbrauchen nicht nur meinen Namen. Sie haben die
Stirn, sich auf meine ermordeten Vorfahren zu berufen. Sie schämen
sich nicht, meine in den KZs und Massengräbern des Naziregimes
um ihr Leben gebrachten Großeltern zur Rechtfertigung ihrer
Untaten in Libanon und Palästina heranzuziehen. Die Toten können
sich nicht wehren. Aber ich, die ich im Schatten ihrer Ermordung
geboren wurde und aufwuchs, spreche Ihnen das Recht ab,
Ministerpräsident Olmert, Verteidigungsminister Peretz und
allen voran Ihnen Oberkommandierender Halutz, ich spreche Ihnen
das Recht ab, sich auf mein Gedenken an die schuldlos Ermordeten
zu berufen, wenn rohe Gewalt Ihr Programm und Mord und Zerstörung
Ihr Tun ist. Es schändet die Toten, wer im Gedenken an sie
Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.“
Fanny-Michaela
Reisin |
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links:
Fanny-Michaela
Reisin |
„Nicht
in unserem Namen!“
Ansprache
bei der Demonstration „Stoppt den Krieg in Libanon und Gaza“
Fanny-Michaela
Reisin/ 15.08.2006
Trauer
am Lebanon-Gebirge
Oh Lebanon, Ihr weißen Berge, die der Landschaft den Namen gabt.
Oh Lebanon, leban, weiß, ist die Farbe der Reinheit und der Unschuld.
Oh Lebanon, Ihr erhabenen Berge die Ihr das Land zwischen Mittelmeer und
Syrischer Wüste im Schatten der würdigen Zedern Tausende Jahre schon
schaut.
Ihr seid nicht geschaffen, für den Tod aus dem Himmel und erschaudert
gewiss im Angesicht der Erde zu Euren Füßen.
Die Täler bluten, die Städte und Dörfer rauchen.
Das Mittelmeer, das Euch aus der Ferne seit jeher blau entgegen
leuchtet, stockt.
Leere Sonnenstühle erinnern noch an den gelben Sand.
Schwarz und klebrig ist der Strand. Öl heißt die Pest.
Oh Lebanon von Kurnat al-Saude bis Jabal al-Sheikh.
Zerberstet nicht im Angesicht des Schmerzes weinender Kinder und Mütter
an Eurer Brust. Bleibt stark.
Wir brauchen Euch als Zeugen.
Liebe
Teilnehmer und Teilnehmerinnen,
Ich
stehe heute hier als Vertreterin der Jüdischen
Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost und rufe laut und
vernehmlich:
NICHT
IN MEINEM - NICHT IN UNSEREM NAMEN!
Die
Regierenden in Israel mißbrauchen nicht nur meinen Namen. Sie haben die
Stirn, sich auf meine ermordeten Vorfahren zu berufen. Sie schämen sich
nicht, meine in den KZs und Massengräbern des Naziregimes um ihr Leben
gebrachten Großeltern zur Rechtfertigung ihrer Untaten in Libanon und
Palästina heranzuziehen. Die Toten können sich nicht wehren. Aber ich,
die ich im Schatten ihrer Ermordung geboren wurde und aufwuchs, spreche
Ihnen das Recht ab, Ministerpräsident Olmert, Verteidigungsminister
Peretz und allen voran Ihnen Oberkommandierender Halutz, ich spreche
Ihnen das Recht ab, sich auf mein Gedenken an die schuldlos Ermordeten
zu berufen, wenn rohe Gewalt Ihr Programm und Mord und Zerstörung Ihr
Tun ist. Es schändet die Toten, wer im Gedenken an sie Verbrechen gegen
die Menschlichkeit begeht.
Immer
mehr Menschen jüdischer Herkunft demonstrieren ihren Zorn auf allen
Kontinenten – auch in Israel – alle schreien es heraus: Die unter
Verstoß gegen die IV. Genfer Konvention seit 39 Jahren – seit 39
Jahren! – andauernde Besatzung, die Entrechtung, Unterdrückung und
tagtägliche Demütigung der Palästinenser, die unzähligen militärischen
Übergriffe gegen ein Volk ohne Staat und ohne Armee und der neuerliche
Angriffskrieg gegen Libanon und Gaza sind das schmachvolle Werk jener,
die behaupten Führer der Juden der Welt zu sein.
In
ihrer Arroganz und in ihrer Fixiertheit auf moderne Technologien der
Zerstörung, treten sie die Lehren der Völkergemeinschaft nach den
Erfahrungen des Judenhasses des Naziregimes mit Füßen. Die kostbarste
und wichtigste Lehre lautet: Es hat kein Volk das Recht, ein anderes
Volk geringzuschätzen. Es hat kein Mensch das Recht sich als
Herrenmensch über andere Menschen zu erheben. Die Charta der Vereinten
Nationen, die nur einen Monat nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur
Erhaltung des Weltfriedens und Wahrung der internationalen Sicherheit
verabschiedet wurde, beruht darauf, daß jede Nation den Grundsatz –
ich zitiere – „... der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker“
achtet. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamiert in Art.
1 Satz 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten
geboren.“
Mit
jedem weiteren Tag des Waffengangs der israelischen Armee gegen die
Zivilbevölkerung und gegen lebensnotwendige Ressourcen in Libanon und
Gaza, wird auch ein Stück internationales Recht zerstört. Mit jeder
weiteren Stunde, die Familien obdachlos und Kinder zu Waisen macht,
stirbt das Vertrauen in die Autorität der Vereinigten Nationen. Schaden
nehmen nicht nur die Menschen dort. Schaden nehmen weltweit alle, die
auf Rechtsverhältnisse anstelle von Gewalt sowie auf Frieden und auf
Respekt im internationalen Umgang miteinander setzen.
Die
Politik der Doppelmoral und der doppelten Rechtsstandards vor allem der
USA und ihrer Verbündeten in Europa MUSS angeprangert werden.
Es
kann nicht sein, daß eine
souveräne Nation überfallen und seit Wochen unsäglichen Anschlägen
ausgesetzt wird und die Völker der Welt, die seine Menschen um Hilfe
rufen, wochenlang tatenlos zuschauen.
Es
kann nicht sein, daß der
Aggressor ungestraft bleibt und von der Supermacht Nr. 1 und ihren
Partnern Zeit bekommt, aus der Luft und auf dem Boden Mensch, Kultur und
Natur zu zerstören.
Es
kann nicht sein, daß Gaza –
ohnehin schon völkerrechtswidrig ummauert und ohne Fluchtmöglichkeit für
niemanden – angegriffen und durch Dauerbeschuß mit Lärm- und
Todesbomben erklärtermaßen politisch, psychisch und physisch zerstört
werden soll, ohne daß die israelische Regierung zur Raison gerufen und
zum Waffenstillstand gezwungen wird. (Immer noch nicht. In der jüngsten
UN-Resolution kein Wort von Gaza.)
Und
es kann schließlich NICHT sein,
daß der Präsident der USA ermächtigt ist, uns vorzuschreiben, welche
Praxis als Terror und welche als Verteidigung zu begreifen ist. Jeder
Menschen mit Herz und Verstand erkennt doch sofort, daß der Krieg
Israels in Gaza und im Libanon als Terror zu geißeln ist. Es liegt doch
auf der Hand, daß andere Ziele als die vorgegebenen verfolgt werden.
Jedes
Kind lernt schon in der Schule, daß gefangene Soldaten nur auf dem Wege
von Verhandlungen zurückgeholt werden können. Selbst der Vater des in
Gaza gefangenen Soldaten Gilad Shalit, dem es – wie anders auch? –
tatsächlich um das Leben seines Sohns geht, führt bittere Klage über
die Logik der Strategie seiner Regierung. Verhandlungen wurden und
werden von der Hizb Allah und von der Hamas-Regierung immer wieder
angeboten. Alle Angebote stießen und stoßen bis auf den heutigen Tag
auf taube Ohren. Verhandlungen über Gefangenenaustausch und über eine
langfristige und tragfähige Friedenslösung für Palästina, Libanon
und Israel in sicheren Grenzen sind nicht erwünscht. Es geht um höhere
Ziele. Es geht um die neue Aufteilung der Welt unter den Supermächten.
Israel gehört nicht dazu. Und um Israels Hegemonie in der Region geht
es auch gar nicht.
Die
Regierung Israels macht, ob bewußt oder nicht, ihre Bevölkerung, die
sie zu schützen behauptet zur Geisel fremder Interessen. Tote
und Verletzte auch hier, junge Menschen, die sinnlos ihr Leben lassen mußten.
Die Regierungen der USA und zunehmend auch ihrer europäischen Partner
machen sich schuldig, Terror als Mittel der Politik zu etablieren, wenn
Israel nicht der Aggression verurteilt wird. Die Tinte unter der heute
Nacht verfaßten Resolution des „geringsten Drucks“ mit der Nummer
1701 war noch nicht trocken, als Olmert der israelischen Bevölkerung
bereits zu erklären wußte, daß die Welt dem Angriffskrieg zustimme,
Hizb Allah als Aggressor identifiziere. Israel ging trotz des
eindeutigen Überfalls auf Gaza und auf den Libanon wieder straffrei
aus. Der Angreifer wird nicht einmal getadelt. Eine solche Politik der
Supermächte blendet die Statuten des Internationalen Rechts aus. Sie lädt
geradezu dazu ein, Waffengewalt und Angriffskriege zur Durchsetzung
nationaler und supranationaler Interessen loszutreten.
Da
wir seit Wochen vergeblich auf eine entsprechende Resolution der
Vereinten Nationen gewartet haben, da eine Verurteilung der
Angriffskriege Israels und eine wirksame Politik zur Herstellung eines
sofortigen Waffenstillstands nicht nur am Veto der USA, sondern am
Stillschweigen der EU-Nationen einschließlich der Bundesregierung
scheiterte, da die von den USA und Frankreich eingebrachte Resolution
nicht geeignet ist, um auch nur kurzfristig eine vollständige
Waffenruhe herzustellen – wie gesagt, der Krieg gegen Gaza wird gar
nicht erwähnt – gibt es für Menschen wie Dich und mich, die schon am
Angerichteten verzweifeln keine Instanz, die wir anrufen könnten.
Sprechen
wir es klipp und klar aus, wenn der Sicherheitsrat der Vereinigten
Nationen es nicht tut: Die Regierungen der USA und der EU decken und stützen
– Israel hat ja heute noch seine Invasion erweitert –
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Es ist die
Aufgabe der außerparlamentarischen Kräfte, der Bürger und Bürgerinnen
hier vor Ort, Druck auf die Regierenden auszuüben, wenn die UNO nicht
zu einer Absegnungsagentur von Kriegen der USA verkommen soll. Die
Bundesregierung bekennt sich dem Vernehmen nach lautstark zum Völkerrecht
und hat die Verteidigung der Menschenrechte und Erhaltung des Friedens
auf ihre Fahnen geschrieben. Lippenbekenntnisse allein reichen aber
nicht, Frau Bundeskanzlerin Merkel! Bringen Sie das internationale
Gewicht der Bundesrepublik Deutschland ein, um einen sofortigen und
vollständigen Waffenstillstand zu erreichen, um Israel zum Rückzug aus
Libanon und Gaza zu bewegen und um schließlich Verhandlungen unter
allen Beteiligten über einen dauerhaften und für jede Partei tragfähige
Lösung einzuleiten, die auch zu Ende gebracht werden. Die bisherige
deutsche Politik der Doppelmoral in der EU, in der UNO und auch in den
politischen Missionen des Außenministers ist geeignet Ihre Glaubwürdigkeit
zu untergraben, Frau Bundeskanzlerin. Auch Ihre Glaubwürdigkeit in
Sachen Verantwortung gegenüber den Juden in Israel.
Israel
ist ein Mitglied der Vereinten Nationen. Die Politik seiner Regierungen
muß mit denselben Rechtsstandards beurteilt werden, wie die aller
anderen Regierungen auch. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels in
den Grenzen von 1967 ist von Seiten der palästinensischen
Befreiungsorganisation PLO zigfach – auch de Jure – bestätigt
worden. Es ist bekannt, daß die Hamas bereits 2005 einen Aufnahmeantrag
in die PLO gestellt hat und sich damit de facto auch selbst bereitfinden
muß, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Israels Existenz ist
gegenwärtig nicht bedroht. Von keiner Seite. Das wissen die Regierenden
genau so gut wie wir. Äußerst bedroht ist demgegenüber im Moment die
Existenz und Zukunft des Staates Libanon. Dem Existenzrecht eines
lebensfähigen Staates Palästina hat die israelische Regierung noch nie
zugestimmt.
Keine
Frage: der Staat Israel verfügt über alle Mittel, seine Bevölkerung
in den territorialen Grenzen des von der UNO anerkannten Staatsgebiets
zu schützen. Warum sichert das Militär nicht die eigenen Grenzen
maximal ab? Warum werden die jungen Menschen dort seit Jahrzehnten für
Ziele mobilisiert, die die ganze Region, ja die ganze Welt, entsetzen
und in Schrecken versetzen? Wohin treibt die israelische Regierung,
wohin treibt Israel? Wozu die Zerstörungen, wozu die Toten auch in
Israel?
Eine
deutsche Politik, die sich als wirklich „verantwortlich für das Erbe
der deutschen Geschichte“ erweisen will, darf nicht zulassen, daß die
Regierung Israels ihre Bevölkerung in einen Krieg treibt, der schon
jetzt Folgen hat, die sich kaum rückgängig machen lassen. Ich
appelliere an die Bundesregierung, im Interesse der Menschen in Libanon,
in Palästina und in Israel, ich appelliere an die Bundeskanzlerin, an
ihr Kabinett und an den Bundestag, an Parteien und Verbände auch in
unser aller Interesse hierzulande: Vereiteln sie eine Politik, die auf
militärische Gewalt und nicht auf Reden und Verhandeln setzt!
Gestatten
Sie mir zum Abschluß, obwohl es von der Ebene nicht paßt, einen
Landessenator gleichzeitig mit Bundespolitikern und internationalen
Organisationen anzusprechen – ein Wort auch an den Berliner
Innensenator Körting zu richten.
Angesichts
des Elends in Libanon, wir hören täglich, daß selbst
Lebensmittelkonvois blockiert sind, wir hören von Obdachlosigkeit und
Flucht, hat es uns erschreckt, wie Sie Herr Innensenator mit der Möglichkeit
eines humanitären Beitrags auch unserer Stadt, etwa durch Aufnahme
eines Kontingents von Flüchtlingen umgegangen sind. Ihre Einlassungen,
etwa daß die reichen arabischen Nachbarstaaten vor Ort zur
Verantwortung heranzuziehen seien, könnte Ihnen verziehen werden, da
Landesinnen- und nicht Bundesaußenpolitik Ihr Zuständigkeitsbereich
ist.
Daß
Sie aber potentielle Flüchtlinge aus Südlibanon, shiitische Muslime
generalis unter den Terrorverdacht stellen, ist ein Skandal. Daß Sie
diesen noch überbieten und ausführen, daß Berlin angesichts der großen
jüdischen Gemeinde ich zitiere „ein denkbar ungünstiger Ort für die
Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Südlibanon“ sei, ist unerträglich.
Ich wundere mich, daß die jüdische Gemeinde nicht protestiert, in der
Weise für eine restriktive und inhumane Flüchtlingspolitik mißbraucht
zu werden. Mit Erklärungen solcher Art erwecken Sie doch den Eindruck,
daß die Bürger und Bürgerinnen jüdischer Herkunft einen begünstigten
Status gegenüber solchen muslimischer und insbesondere schiitischer
Herkunft genössen. Statt mit manipulativen Einschätzungen dieser Art
Neid und Feindseligkeiten zu schüren, hätten Sie doch wenigstens, wie
es der Flüchtlingsrat und Pro Asyl fordern, ein bestimmtes Kontingent
oder die Aufnahme von obdachlos und elternlos gewordenen Kindern und
Jugendlichen oder aber mindestens die Aufnahme und Versorgung von
Kranken und Verletzten vorschlagen können. Wann, wenn nicht jetzt will
Berlin Kriegsflüchtlinge aufnehmen?
Korrigieren
Sie Ihre Politik Herr Innensenator. Es stünde unserer Stadt, als
Hauptstadt der Bundesrepublik, gut zu Gesichte, in Zeiten der Not ihr
humanitäres Antlitz zu demonstrieren. Die Aufnahme von Kranken und
Verletzten aus Libanon und Gaza muß möglich sein.
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