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Crash
and Carry
Quelle:
german-foreign-policy
vom 13.10.2008
BERLIN/WASHINGTON/BEIJING
(Eigener
Bericht) - Die Verursacher des Finanzcrashs werden von der Berliner
Regierung mit dreistelligen Milliardenbeträgen belohnt. Entsprechende
Beschlüsse will die Bundesregierung am heutigen Montag den
Parlamentsparteien präsentieren. An den Beschlüssen sind Vertreter
deutscher Großbanken unmittelbar beteiligt und bestimmen über
Ausfallgarantien und Kapitalspritzen für ihre eigenen Institute. An führender
Stelle treten die Chefs der Deutschen Bank und der Commerzbank,
Ackermann und Blessing, als Regierungs-„Berater“ auf. Die Deutsche
Bank hat den Zusammenbruch des Finanzmarktes über ihre US-Geschäfte
nicht unerheblich mitzuverantworten und trägt für den Crash jetzt
Bares in die Tresore – während die Krise die Realwirtschaft erreicht
hat und dort erste Einbrüche bewirkt. Um den Absatz ihrer Produkte zu
retten, setzen
deutsche Unternehmer immer stärker auf Geschäfte mit der Volksrepublik
China. Das Land sei von der Krise nicht so stark betroffen und könne
die deutschen Verluste im Inland und bei den Westexporten mit größeren
Importmengen ausgleichen, heißt es in Konzernkreisen. Die
krisenbedingten Umwälzungen erreichen nach Ansicht von Beobachtern auch
die Politik: Das „Beben an den Finanzmärkten“ führe „zu einer
tektonischen Verschiebung der politischen Machtverhältnisse der
Welt“.
Die
Summe, die die Bundesregierung der Deutschen Bank und den übrigen
Finanzhasardeuren zur Verfügung stellen will, beläuft sich
auf bis zu 400 Milliarden Euro. Die deutsche Kanzlerin hatte am
gestrigen Sonntag die Staats- und Regierungschefs der Eurozone sowie Großbritanniens
mit dem von den Bankmanagern bestimmten Programm konfrontiert. Es müsse
nun der Bevölkerung „schmackhaft“ gemacht und noch in dieser Woche
„durchgepeitscht“ werden, heißt es in der deutschen Presse.[1]
Zuvor hatten die Finanzminister und Notenbankchefs der größten
westlichen Industrienationen („G7“) Regelungen vereinbart, die
ebenfalls zum Kampf gegen die Finanzkrise beitragen sollen, nach Ansicht
von Kritikern jedoch überwiegend symbolische Bedeutung haben.
Schwenk
nach Osten
Unter
dem Eindruck der sich zuspitzenden Finanzkrise bereitet sich die
deutsche Wirtschaft auf schwere Einbrüche vor. Einbußen seien im
Inlandskonsum, nicht zuletzt aber auch bei den Ausfuhren zu erwarten,
heißt es beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).[2] Dies
wiegt wegen der hohen Bedeutung der Exporterlöse für zahlreiche
deutsche Unternehmen schwer. Vor allem Ausfuhren in die Vereinigten
Staaten sind betroffen. Man rechne mit einem „Schwenk“ der deutschen
Exporte nach Osteuropa und Asien, berichtet BDI-Hauptgeschäftsführer
Werner Schnappauf.
Die Hoffnungen der Firmenchefs richten sich vor allem auf Absatzmöglichkeiten
in der Volksrepublik China.
Auslandsanteil
China
verzeichnet wegen der aktuellen Bankenzusammenbrüche zwar zur Zeit hohe
Verluste. So standen beim Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers für
Beijing mehr als 700 Millionen US-Dollar auf dem Spiel: Allein die China
Construction Bank hatte rund 190 Millionen US-Dollar in Lehman-Anleihen
investiert, an ähnlichen Finanztransaktionen waren sechs weitere
chinesische Banken beteiligt.[3] Chinesische
Experten gehen davon aus, dass Washington Lehman Brothers „wegen des
hohen Anteils ausländischer Investitionen“ fallen ließ - während
die US-Regierung sowohl vor als auch nach der Lehman-Pleite ähnlich
bedeutende Finanzinstitute rettete. „Im Ergebnis“ habe der
Bankrott ausländischen Investoren mehr geschadet als amerikanischen
Anteilseignern, urteilen Politikberater in Beijing.[4] Zu den direkten
Verlusten kommen künftige Einbußen hinzu, weil ein Rückgang
chinesischer Ausfuhren in die Vereinigten Staaten wegen des dortigen
Zusammenbruchs nicht mehr zu vermeiden ist. Die Exportverluste dürften
China sogar stärker treffen als Deutschland, heißt es beim BDI.
Nachfragequelle
Trotz
allem gilt die chinesische Wirtschaft als vergleichsweise stabil. Chinesische
Banken sind weniger in riskante Transaktionen involviert als ihre
westlichen Konkurrenten und können die bisherigen Verluste offenbar
verkraften. Außerdem werde Beijing den riesigen Inlandsmarkt
ankurbeln und dadurch den Einbruch bei den Exporten ausgleichen können,
urteilen Beobachter. Vom chinesischen Inlandsmarkt hoffen auch Firmen
aus Deutschland und aus anderen europäischen Staaten künftig stärker
zu profitieren. Die EU „brauche“ China als „Quelle von
Nachfrage“, da die Märkte im Westen wegbrächen, erklärte Ende
September der damalige Brüsseler Handelskommissar Peter Mandelson.[5]
In deutschen Wirtschaftskreisen heißt es sogar, womöglich könne China
„die Vereinigten Staaten als Wachstumslokomotive ablösen“.[6]
Globaler
Einfluss
Sorgfältig
beobachtet werden in Berlin und Brüssel chinesische Finanzaktivitäten
gegenüber den USA. Beijing hält Devisenreserven im Wert von 1,81
Billionen US-Dollar, rund 70 Prozent davon in US-Währung - und zieht es
in Betracht, einen Teil davon zur Stützung der amerikanischen Banken zu
verwenden.[7] Damit
könnten nicht nur Chinas Verluste in den USA eingegrenzt, sondern auch
seine Stellung gestärkt werden: Der US-Finanzminister erklärt, er
stimme sich derzeit „eng“ mit Beijing ab. Chinesische
Experten fordern Gegenleistungen: Die Regierung der Volksrepublik müsse
die Chance ergreifen und ihren Einfluss auf das globale Finanzsystem
ausweiten. Man sei lange genug an Investitionen im westlichen Ausland
gehindert worden [8] und wolle die Gelegenheit nutzen - für billige Zukäufe
in den Vereinigten Staaten [9].
Über
Jahre
Die
„Finanzmarktkrise wird die weltpolitische Landkarte verändern“, heißt
es in der deutschen Presse - nicht zuletzt mit Blick auf das zunehmende
Gewicht Beijings. Washington sei durch die verlustreichen Kriege im
Mittleren Osten ohnehin „militärisch geschwächt und geopolitisch ermüdet“;
die Krise an der Wall Street könne nun „das Ende der finanziellen
Vorherrschaft“ einläuten.[10] Zwar werde „die Rechnung für diese
Krise (...) nicht an einem Tag, sondern über Jahre beglichen“;
dennoch befinde sich die Welt „im Übergang vom amerikanischen Hegemon
zu einer multipolaren Ordnung“. Die Einschätzung, die über die
aktuellen Einbrüche hinausblickt, wird von zahlreichen Beobachtern in
aller Welt geteilt. Es sei jetzt „an der Zeit, Russland, China und andere Länder einzubinden“
und damit den weltpolitischen Abstieg der Vereinigten Staaten zu
besiegeln, urteilt die bislang stets zuverlässig transatlantisch
ausgerichtete Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Darin liegen Risiken,
aber auch Chancen für Europa.“[11]
[1]
Merkel plant Milliardenhilfe im Schnellgang; Financial Times Deutschland
12.10.2008
[2]
Industrie fürchtet Kreditklemme; Financial Times Deutschland 07.10.2008
[3]
China: „Das Ende der US-Finanz-Hegemonie“; Die Presse 06.10.2008
[4]
Is the sun setting on US economic supremacy?; China Daily 26.09.2008
[5]
Finanzkrise erreicht Chinas Milliardäre; Spiegel Online 07.10.2008
[6]
Die Unternehmen fahren auf Sicht; Frankfurter Allgemeine Zeitung
08.10.2008
[7]
Financial crisis: China comes hesitantly to the rescue; Daily Telegraph
11.10.2008
[8]
Beijing restrains buying urge; Asia Times 10.10.2008
[9]
China: „Das Ende der US-Finanz-Hegemonie“; Die Presse 06.10.2008
[10],
[11] Die Krise und die Folgen; Frankfurter Allgemeine Zeitung
10.10.2008. S. auch Zeitenwende |