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Milliarden
für den Abzug
Quelle:
jungeWelt
vom 20.07.2005
von Rainer
Rupp
USA
sollen illegale Siedler im Gazastreifen mit jeweils einer Viertel
Million Dollar entschädigen. Gleichzeitig würde der von Washington
unterstützte Friedensprozeß »eingefroren«
Israels
Premier Ariel Scharon hat den Rückzug aus dem Gazastreifen angeordnet.
Mitte August sollen illegale israelische Siedler und Armee weichen. Die
Besetzung des Gazastreifens ist mit den Jahren angesichts anhaltenden
palästinensischen Widerstands einfach zu teuer geworden. Doch auch die
Kosten für die Räumung sind nicht unbeachtlich. Sie werden auf 1,7 bis
2,2 Milliarden US-Dollar geschätzt. Davon sind 500 Millionen Dollar zur
Finanzierung des militärischen Abzugs und für den Bau neuer Armeebasen
sowie neuer Kontroll- und Übergangsstellen vorgesehen. Der weitaus größte
Teil des Geldes ist jedoch für die Entschädigung der rund 8500 zumeist
zionistischen Siedler reserviert, die über Jahre versucht haben, mit
Unterstützung der israelischen Regierung palästinensisches Land zu
stehlen. Um die Siedler nun dazu zu bewegen, das illegal in Besitz
genommene Land zu räumen, sollen sie mit 360000 US-Dollar pro Familie (israelinsider.com)
bzw. 228000 (antiwar.com) Dollar pro Kopf entschädigt werden. Letztere
Angaben stammen vom US-Journalisten Charley Reese. Der Kenner der
Washingtoner Politszene empörte sich darüber, daß »der amerikanische
Steuerzahler« die Rechnung für den israelischen Abzug bezahlen soll,
obwohl Israel wegen der ins astronomische gewachsenen Besatzungskosten
den Gazastreifen ohnehin verlassen wollte.
Hintergrund
der Reese-Klage sind Verhandlungen in Washington: In der US-Hauptstadt
traf dieser Tage eine hochrangige israelische Delegation ein, um dort
Details eines Hilfspakets für die Finanzierung des israelischen Rückzugs
aus Gaza auszuarbeiten. Den Angaben zufolge geht es um 2,2 Milliarden
US-Dollar. Diese müßten »den drei Milliarden Dollar zugerechnet
werden, die Israel jährlich von den USA erhält«. Die Unterstützung
aus den USA sei »inzwischen auf insgesamt über 90 Milliarden Dollar«
angewachsen, klagte Reese. Wenn die Amerikaner in Sachen Gaza-Entschädigung
nicht sofort, »Krach schlagen«, sei »der Deal so gut wie perfekt, da
in Washington Israel immer bekommt, was Israel will«.
Tatsächlich
ist der von Scharon forcierte Rückzug aus dem Gazastreifen kein
Bestandteil des von den USA mit ausgearbeiteten und von der
internationalen Gemeinschaft unterstützten Friedensprozesses, der »Roadmap
to Peace«. Das Gegenteil ist der Fall. Darauf hatte vor Monaten schon
Scharons Chefberater Dov Weisglass in der israelischen Tageszeitung
Haaretz aufmerksam gemacht: »Der Abzugsplan (aus Gaza) bedeutet das
Einfrieren des Friedensprozesses.« Und deshalb werde es »auch keinen
palästinensischen Staat geben«, denn dieses Thema, »mit allem, was
dazu gehört, wird auf unbestimmte Zeit von unserer Tagesordnung
verschwunden sein«. Weiter erklärte Weisglass, was er »tatsächlich
mit den Amerikanern ausgehandelt« hat: »daß wir (Israelis) uns nur um
einen Teil der Siedlungen kümmern werden und der Rest bleibt, wo er
ist, bis die Palästinenser zu Finnen geworden sind.«
Reaktionen:
Nein zu Siedlerslogan
»
Yehudi lo migaresh Yehudi – Ein Jude vertreibt keinen Juden«, heißt
derzeit der meistgenutzte Spruch der militanten Zionisten im
Gazastreifen, die sich der Zwangsevakuierung aus ihren illegalen
Siedlungen widersetzen. Der Kampfruf zeitigte bereits Anfangserfolge. So
hat sich eine Einheit israelischer Soldaten geweigert, ihre Befehle
auszuführen. Aber wegen seines Anspruchs auf die alleinige
Definitionshoheit, wer Jude ist, hat inzwischen eine Reihe religiöser
Autoritäten an den Siedlerprotesten Anstoß genommen. In bezug auf die
Öffentlichkeitsarbeit sei der Ausdruck zwar »außerordentlich wirksam«,
aber »moralisch gesehen äußerst anstößig«, monierte beispielsweise
Rabbi Carl Perkins in der Jerusalem Post.
Perkins,
der derzeit im Center for Rabbinic Enrichment des Shalom Hartman
Institute in Jerusalem tätig ist, kritisierte zudem, daß der Kampfruf
der Siedler »das Jüdischsein« aller anderen in Frage stellt, die in
der Regierung oder als Soldat oder Polizist die Evakuierung
durchzusetzen haben. Letztlich könne »Juden vertreiben keine Juden«
nur bedeuten, daß alle anderen »keine richtigen Juden sind« und »auch
wenn sie Israelis sind, es nicht verdienen, Teil des jüdischen Volkes
zu sein«.
Die
Siedler erhielten größzügige Entschädigungen in Form von Geld und
einem neuen Haus am Mittelmeerstrand. Das als »Vertreibung« zu
bezeichnen, käme »direkt aus den Werken Orwells«. Selbst wenn die
erzwungene Evakuierung unfair einschiene, so sei sie »auf keinen Fall
ein antisemitischer Akt, wie der Slogan unterstellt«, schlußfolgert
Rabbi Perkins, der allerdings eine weitere, offensichtliche
Interpretation des Kampfrufs unerwähnt ließ. »Juden vertreiben keine
Juden«, die Vertreibung der Palästinenser ist offensichtlich eine
andere Sache. |