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Der Gaza-Arzt Izzeldin Abuelaish: „Wir retteten Leben“ sagte ich den Kindern.

„Das Blut eurer Schwestern ist nicht umsonst geflossen.“

Von Rachel Cooke

The Guardian, 16.01.2011

(dt. und gekürzt und zuweilen etwas großzügig übersetzt: Ellen Rohlfs)

Quelle: Freunde Palästinas

Auf Kommunisten-online am 3. Februar 2011 – Am 12. Dezember 2008 nahm Izzedin Abuelaish, ein Arzt aus Gaza, seine 6 Töchter und zwei Söhne mit zu einem Picknick. Die Familie stand früh auf, packte die Picknicksachen zusammen und stieg in seinen alten Subaru und fuhr los. Gaza ist nicht groß - nur 45km lang und 8-10km breit, aber so wie die Situation dort ist, kann es sehr lange dauern, bis man an seinem Ziel ist. Und Abuelaish hatte entschieden, den Tag richtig auszunützen. Vor 12 Wochen war seine Frau nach 21 Jahren Ehe plötzlich an Leukämie gestorben, und seitdem war jeder Tag irgendwie dunkel. Es war seine Absicht, dass dieser sonnige Wintermorgen ein heller Tag für sie alle werden solle. Er wollte seinen Kindern eine, wenn auch kurze Ablenkung von der Trauer schenken.

Ihr erster Halt war eine Überraschung. Ohne dass es seine Familie wusste, hatte Abuelaish vor kurzem einen kleinen Olivenhain gekauft, fast einen halben Hektar groß, von der Stadtlandschaft durch einen 3m hohen Zaun getrennt, er war wie ein kleines Paradies. Die jüngeren Kinder waren entzückt von dem neuen Platz und sie rannten zwischen den Oliven-, Feigen- und Aprikosenbäumen herum, bevor sie sich in eine Weinlaube setzten und eine Pita mit Falafeln aßen und plauderten. Abuelaish war eine Arbeitsstelle in Toronto in Kanada angeboten worden, und nun wollte er wissen, wie die Kinder darauf reagieren, die bisher nur den Gazastreifen kannten. Sie reagierten gut darauf. ‚Ich will fliegen, Vati,' sagte seine Tochter Aya. Als das Gespräch zu Ende war, ging es an den Strand, wo die Kinder über die Dünen liefen, mit der Brandung um die Wette eilten und ihre Namen in den Sand schrieben. Abuelaish erfreute sich an ihrem Lachen und wie sie sich gegenseitig neckten. Es war das erste Mal nach vielen Tagen, dass er wieder Mut fasste. ‚Wir werden dorthin fahren', erinnerte er sich . ‚Es wird für sie OK sein. Wir können dies zusammen tun.'

Aber in Gaza kann man keine Pläne machen. Am 27. Dezember fing Israel einen Luftkrieg gegen den Gazastreifen an, eine (angebliche) Ant-wort auf das Abfeuern von Qassamraketen nach Israel durch die Hamas. Und am 3. Januar 2009 folgte eine Bodeninvasion. Die nächsten drei Wochen war Gaza Kriegsgebiet. Es war unmöglich, das Haus zu verlassen. Hatte Abuelaish Angst um seine Familie? Natürlich. ‚Aber wir waren vorbereitet. Ich hatte zwei kleine Koffer mit den wichtigsten und kostbarsten Dingen gepackt: Pässen, Zeugnisse…

Ich hatte den Kindern gesagt, was in einem Notfall gemacht werden muss, weil das Schießen überall war, war es überall riskant.'

Auf jeden Fall weigerte er sich, an die Möglichkeit zu denken, dass irgendjemand in der Familie verletzt werden würde. Sie waren doch in nichts verwickelt. Es gab keine Waffen im Haus, keine Hamas-Miliz auf dem Dach. ‚Hätten wir gegen die am besten ausgerüstete Armee der Welt kämpfen können? Nein. Wir haben doch nur unsere Muskeln und unser Blut.' Er vertraute Gott und, obwohl er es nicht aussprach, war er in einer Art magischem Denken. Denk nicht daran, dann wird auch nichts passieren.

Er machte sich auch nützlich. Während der Dauer des Krieges erlaubte die israelische Regierung keinem Journalisten, den Gazastreifen zu betreten. Sie konnten sich nur an der Grenze versammeln und dem Granatfeuer zuhören. Aber Abuelaish kannte eine Menge Israelis - dank seiner Arbeit als Spezialist in der Gynäkologie, wo er in mehreren israelischen Krankenhäusern gearbeitet hatte - und unter seinen Freunden auf der andern Seite war Shlomi Eldar, ein Reporter für Israels TV-Kanal 10. Eldar rief ihn an jedem Spätnachmittag an und fragte, was im Lauf des Tages geschehen ist. …. Sein Freund würde dann die Szene für die abendlichen isr. Fernsehzuschauer beschreiben - vom günstigen Aussichtspunkt seines Wohnzimmers konnte er sehen, wie ganze benachbarte Stadtviertel ausgelöscht wurden. Abuelaish wusste, dass seine (isr.) Zuhörer wahrscheinlich nicht besonders verständnisvoll für seine Ansichten waren. Die meisten Israelis glaubten, dass die Bevölkerung von Gaza selbst an dieser Krise schuld seien. Er wusste auch, dass die Möglichkeit bestand, dass jemand von seiner Seite sich wegen dieser Interviews gegen ihn wenden könnte und er mit Vergeltungsschlägen gegen seine Familie rechnen musste. Aber er hielt an diesen Telefongesprächen fest. „Mit meiner Stimme in ihren Ohren können die Israelis nicht ganz ignorieren, welche Unkosten sie den Palästinensern verursachen.

Der nächste Tag war entsetzlich. Am 13. Januar war die Luft voller Schutt und Staub. Man konnte kaum den Tag von der Nacht unterscheiden. Am 14. Januar rollte ein Panzer vor ihre Haustüre und nur nach einem hysterischen Anruf bei Shlomi - der erschrocken die IDF anrief und fragte, ob sie wüssten, dass sie ihre Kanonen auf das Haus eines Arztes richten, der keine Verbindung zur Hamas habe - fuhr der Panzer schließlich weiter.

Jetzt begann das Haus, sehr voll zu werden. Abuelaish' zweitälteste Tochter Dalal,19, war im Haus ihrer Tante, aber seine anderen Kinder - Bessan, 20, Shatha,17, Mayar,15, Aya,14, Mohamed,12, Raffah, 9 und Abdallah 6 - waren alle bei Abuelaish. Auch sein Bruder Shehab und seine Tochter Noor. In der Wohnung darunter war ein anderer Bruder, Atta und seine Familie; in der Wohnung drüber sein Bruder Nasser mit seiner Familie. Zwischen den drei Wohnungen gab es viel Bewegung. Es war beruhigend, so zusammen zu sein. Aber die Nahrungsmittel und das Wasser wurden knapp. Man hörte von einer Waffenruhe und Abuelaish versuchte, seine Kinder davon zu überzeugen, dass dies bald geschehen wird. Für sich selbst war er natürlich besorgt. Gerüchte von einer Waffenruhe signalisieren oft einen letzten gewaltsamen Ausbruch eines Konfliktes. Könnte das Schlimmste noch kommen?

Am 16. Januar nach einem Lunch: Ente mit Reis - Shebab hatte gewagt, in den Hof zu gehen, um die Enten zu fangen und um Dalal anzurufen, die jeder vermisste - ging die Familie aus dem Esszimmer. Die Mädchen unterdessen - Shatha, Mayar, Aya und ihre Cousine Noor gingen in ihr Schlafzimmer, um zu lesen und Hausaufgaben zu machen, bis es für die Familie Zeit war, sich wieder auf dem Fußboden des Esszimmers zusammen einzufinden ( keiner schlief in seinem eigenen Bett, denn die Betten, die an den Außenmauern des Gebäudes standen, waren nicht sicher genug . Die neunjährige Raffah war mit Bessan in der Küche. Mohamed war im Flur. Abdallah, der Jüngste in der Familie, saß auf den Schultern seines Vaters, der ihn abzulenken versuchte; die Situation - die Familie im eigenen Haus eingesperrt - war für ihn unfassbar.

Plötzlich gab es eine mordsmäßige Explosion: ‚ein donnernder Lärm', sagt Abuelaish, der seinen ganzen Körper durchdrang, als ob dieser aus seinem Inneren gekommen wäre. Dann kam ein blendender Blitz und danach war es kohlrabenschwarz. Überall Staub, man konnte kaum atmen, dann hörte man ein Kind schreien: das ist es, woran er sich noch erinnert und immer erinnern wird. In den nächsten Augenblicken dämmerte ihm, dass eine Rakete das Schlafzimmer seiner Töchter getroffen hat. Er rannte dorthin. ‚Ich sah alles' sagte er,' meine Kinder in Fetzen. Einen abgerissenen Kopf. Und Shatha vor mir mit einem Auge auf der Backe.' Der Raum war nun ein Chaos von Schulbüchern, Puppen, Körperteilen. Mayar, Aya und seine Nichte Noor waren tot. Ihre Glieder im Raum verstreut wie die Spielsachen. Shata blutete stark an ihrer Hand und ein Finger hing nur noch wie an einem Faden. Dann kam eine zweite Explosion. Dieses Mal erwischte es Bessan und Ghaida, die Tochter seines Bruders Atta, der die Treppe hoch rannte. Ghaida lag auf dem Boden und blutete aus vielen Wunden. Abuelaish sah dies alles - in ihm war alles aufgewühlt. Er kämpfte mit aller Kraft gegen den Schock, der ihn sonst gelähmt hätte. ‚Ich dachte, was kann ich tun. Ich musste schnell handeln. Ich dachte an Shatha. Ich wollte nicht, dass sie blind wird und ihre Finger verliert. Das wollte ich nicht. Dann sah ich zu meinem Sohn. Er hat seine Schwestern verloren. Was wird er tun? Wie kann ich ihn schützen? Wird er womöglich ein Extremist, wird er wahnsinnig, wird er die Welt hassen.' Diese Gedanken kamen nicht im Nachhinein. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. ‚Ich überlegte, was kann ich für die Lebenden tun?'

Abuelaish dachte daran, dass obwohl Soldaten vor der Tür stehen und es zweifellos lange dauern würde, bis ein Ambulanzwagen sich durch gefährliche, schlechte Straßen den Weg hierher bahnt, er noch gute Verbindungen zur Außenwelt hat. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief Shlomi Eldar an.

Eldar war im Kanal 10-Studio in Tel Aviv und saß mit anderen Kollegen des Nachrichtenteams während einer Sendung zusammen. Er sah auf dem Display seines Telefons Abuelaishs Namen auftauchen, reagierte aber nicht auf den 1. Anruf. Die Fernsehschau war ja schließlich live. Als dann aber gerade ein Interview mit der Außenministerin Zipi Livni beginnen sollte, kam ein zweiter Anruf. Dieses Mal antwortete er. (Warum, weiß er bis heute nicht.) Livni kann warten. ….

Eldar hielt sein Mobiltelefon in die Filmkamera, so dass die TV-Zuschauer zu Hause mit verfolgen konnten. Er hielt auch das Mikrofon so, dass man seine Stimme am anderen Ende gut hören konnte: Man konnte einen Mann weinen hören: ‚Mein Gott, mein Gott!' sagte er immer wieder. ‚Was haben wir getan? Was haben wir getan?' Der Ausdruck auf Eldars Gesicht ist schrecklich, er kämpft mit den Tränen. ‚Sag mir, wo ihr seid', sagt er, ‚wir schicken einen Ambulanzwagen zu deinem Haus.' Abuelaish scheint dies nicht zu hören. ‚Ich will versuchen, sie zu retten,' sagt er, ‚Aber sie starben, Shlomi'. So ging es mehrere Minuten bis Eldar selbst kreidebleich mit verkniffenen Lippen sich entschuldigt, das Mikrofon ablegt und aus dem Studio hinausgeht. ‚Ich kann dieses Gespräch nicht einfach abbrechen', sagte er.

Außerhalb des Studio telefonierte Eldar mit dem Administrator des Erez-Checkpoints. ‚Öffne die Grenze und lass einen Ambulanzwagen, den wir gerufen haben, durch'. Die Idee war, dass das israelische Ambulanzteam ihre palästinensischen Kollegen an der Grenze treffen würden, damit Shatha, Ghaida und sein Bruder Nasser, der auch verletzt worden war, in ein israelisches Krankenhaus transportiert werden können. (Gazas Krankenhäuser sind einfach für solche Notfälle nicht gut genug ausgerüstet.) Inzwischen hatte jemand anders den Weitblick, auch ein Kamerateam an die Grenze zu schicken. So kam es, dass ein bisschen später die Fernseh-Zuschauer in Israel sehen konnten, wie Abuelaish zuerst eine schwer bandagierte Shatha küsste, die nun auf einer Tragbare lag, und sich dann an die Sanitäter wandte, die sie in den Ambulanzwagen schoben. …

Obwohl es so aussieht, als ob mitten in diesem Chaos und den Blitzlichtern der Kameras es keinen Sinn macht, hat man doch auch einen flüchtigen Blick auf die Eigenart und das Verhalten von Abuelaish geworfen. In der nächsten Zeit wird man sich bewundernd über ihn äußern und immer wieder über seine Ruhe staunen .. und vor allem seine Würde.

In Toronto ist es weit unter Null .. und als ich bei seinem vorstädtischen Haus ankomme, sehe ich Abuelaish, wie er unfachmännisch Schnee schippt. ‚Das hat man nicht in Gaza,' sagt er lächelnd. Als er dies in etwa fertig gemacht hatte, gingen wir hinein. ‚Willkommen!“ murmelt er. Das Haus duftet nach Satar/ Thymian und Sumac-Mischung (?), von der Palästinenser behaupten, es sei ihr Nationalgericht. Auf einem Seitentisch steht ein Modell des Felsendomes. Aber sonst könnte es das Haus einer kanadischen Familie sein: ein Flachschirm-Fernseher, ein PC, eine glänzende Einbauküche. Von oben kommen Geräusche von Kindergezänk. Alles ist normal - so weit es möglich ist, und wenn man von Gaza absieht.

Abuelaish ist jetzt Professor für globale Gesundheit an der Universität von Toronto.

Wie fühlt man sich hier? Ein strahlendes Lächeln. ‚Es ist keine so große Veränderung,' sagt er, ‚Wir denken nur, warum kann es in Gaza nicht auch so sein? Warum nicht? Ich hoffe, wenn wir nach Gaza zurückehren, dass die Kinder dieses Gefühl mitnehmen.' Sie werden also zurückgehen? ‚Natürlich, eines Tages.' Hat die Familie Heimweh? ‚Ja. Wir sind so weit weg von unsern Lieben, von den Gräbern: meiner Mutter, meiner Frau, meiner Töchter. Aber es geht uns großartig. Die Kinder sind großartig. Reden Sie mit ihnen, dann werden Sie es sehen. Seine Tochter Raffah kommt. Sie ist sehr hübsch. ‚Ich bin die zweijüngste,' sagt sie.

Ihr Vater schaut sie bewundernd an. ‚Es stimmt, was die Leute sagen', murmelt er. Und was sagen die Leute? ‚Dass die Zeit heilt. Und das der Glauben hilft. ..Es ist ein Geschenk von Gott und das hilft einem'. Von Anfang an, so sagt er mir, waren es seine Kinder, die ihn daran erinnert haben. ‚Als ich meinen Freund ( Shlomi Eldar) anrief und dabei weinte, sagte mein Sohn Mohammed zu mir. ‚Warum weinst du? Du musst glücklich sein'. ‚Glücklich wegen was?' fragte ich ihn. ‚Weil meine Schwestern nun bei ihrer Mutter sind', sagte er mir. Es kam wie eine Botschaft: dieser 12Jährige sagt mir, dass ich nach vorne sehen soll. Ich war gerettet worden und nun war es meine Aufgabe, andere zu retten. Ich hätte auch leicht getötet werden können - dann hätte keiner unsere Geschichte erfahren.

Dies ist seine Aufgabe: die Geschichte seiner Familie zu erzählen und so der Welt zu beweisen, dass nicht jeder Palästinenser auf Rache aus ist. Und er hat damit angefangen, sobald Shatha aus der Chirurgie entlassen worden war. Am Morgen, nachdem er und Shatha im Krankenhaus angekommen waren, organisierte Zeev Rothstein, der Direktor des Sheba Medical-Center, einem Krankenhaus, in dem Abuelaish einmal lehrte, eine Pressekonferenz und bat ihn zu sprechen. Abuelaish sagte den Journalisten, dass im Krankenhaus alle gleich wären. Warum kann das nicht auch außerhalb der Fall sein. Mittendrin wurde er aber von einer schreienden Frau unterbrochen - direkt vor den TV-Kameras - Ihr Gesicht von Wut verzerrt: Levana Stern, eine israelische Mutter von drei Soldaten Sie klagte das Opfer an. ‚Wer weiß, was Sie in Ihrem Hause hatten?' schrie sie. ‚Keiner sagt etwas darüber.' Abuelaish, jetzt sehr blass, nahm seinen Kopf in die Hände. ‚Sie wollen die Wahrheit nicht wissen,' sagte er. Dies war das einzige Mal, wo ihn die Leute gesehen haben, dass er nahe dran war, aufzugeben.

Es muss ein schrecklicher Augenblick gewesen sein. Aber erstaunlicherweise änderte er nichts. ‚Tatsächlich war es gut,' sagte er jetzt zu mir. ‚Sie war eine Israelin, nur eine. Anderen gingen die Augen auf. Von Hunderten aus dem ganzen Heiligen Land, von Leuten, die er nicht kannte, bekam er Botschaften. Sie waren aufgewacht. Dann begriff ich, dass diese Tragödie auch eine gute Seite hat.' Wenige Stunden später verkündete Ehud Olmert, der israelische Ministerpräsident eine einseitige Feuerpause. ‚So haben wir Leben gerettet, sagte ich zu den Kindern. Das Blut eurer Schwestern ist nicht umsonst geflossen. Wir opferten sie für andere….'

Ermutigt war er und entschlossen, weiterzumachen. Während der zwei Jahre nach dem Beschuss seines Hauses reiste er durch die Welt und hielt im Wesentlichen immer dieselbe Rede: Ich weigere mich zu hassen, sagte er seinen Zuhörern, und ich glaube nicht an Rache; Hass ist eine Krankheit und der Feind des Friedens. Seine Haltung hat ihm in aller Welt Preise für humanitäres Verhalten gebracht, ja er wurde sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aber es führte auch zu erschreckenden Behauptungen, er würde aus dem Verlust Kapital schlagen, ein Gesichtspunkt, zu dem ich nur sagen kann: gab es nicht auch Leute, die genau das über Otto Frank (Vater von Anne Frank) sagten?

Die israelische Regierung hat Abuelaish weder entschädigt noch sich bei ihm entschuldigt. ‚Für mich ist es nicht eine Frage der Entschädigung,' sagte er, ‚aber eine Entschuldigung? Ja, das wäre gut. Die Wahrheit ist der kürzeste Weg im Leben. Es ist nicht schändlich, sich zu entschuldigen. Wenn ich jemandem gegenüber etwas falsch mache, dann sag ich, es tut mir leid …Ich wünschte mir, sie hätten moralisch den Mut.

… Es ist besonders traurig, dass er seine Töchter nicht beerdigen konnte. Der Koran sagt, dass die Toten schnell beerdigt werden müssen. Doch hätte er eine Genehmigung beantragen müssen, um in den Gazastreifen zurückkehren zu können, das hätte zu lange gedauert. Er saß an den Krankenbetten, um Shatha, Ghaida und seinem Bruder beizustehen. Es wurde auch nicht erlaubt, dass Bessan, Mayar und Aya neben der Mutter beerdigt werden; der Familie war von israelischen Soldaten gesagt worden, dass es im Augenblick nicht erlaubt sei, den Friedhof des Jabalya-Flüchtlingslagers zu betreten.

Haben die Ärzte Shatas Auge retten können? ‚Ja, aber nicht das Sehen' und ihre Hand? ‚Sie kann sie benützen, doch mit einigen Schwierigkeiten.' Wo ist sie jetzt? ‚Sie ist oben und lernt' sagt er. ‚Ich wollte, dass Sie mit ihr sprechen, aber sie entschuldigt sich.' …'Sie ist eine sehr gute Schülerin, glauben Sie mir: nur wenige Wochen nach dem Angriff bekam sie ein sehr gutes Abschlusszeugnis. Nun studiert sie Informatik an der Universität von Toronto. Sie ist bewundernswert.'

Das stimmt. Ich habe das Gefühl, dass sie ganz der Vater ist. Izzeldin Abuelaishs Kindheit lag, wie er es in seinem neuen Buch sagt, unter dem ‚Schatten eines Versprechens'. Wir werden bald zurückgehen, sagten seine Eltern. Vielleicht in zwei Wochen, vielleicht ein bisschen später. Die Abuelaishfamilie stammt aus Houg, einem Dorf nahe Sderot, der israelischen Grenzstadt, die so gnadenlos von Qassemraketen heimgesucht wird. Die Familie war eine große und prominente und Abuelaishs Großvater Moustafa war das Dorfoberhaupt. 1948 jedoch, als der Staat Israel geschaffen wurde, entschied Moustafa, dass es für die Familie wohl klüger sei, wegzugehen. Er hatte gerüchteweise von Angriffen auf Araber gehört, obwohl er nicht wusste, ob diese Geschichten wahr waren, entschied er sich wegzugehen. Gaza, ein gekennzeichnet sicherer Ort war nicht weit von Houg. Also gingen sie dorthin. Heute gehört die Familienfarm Ariel Sharon, dem früheren israelischen General und Ministerpräsidenten, der jetzt im Koma liegt.

Im Jabalya-Flüchtlingslager, wo Abuelaish 1955 geboren wurde, war das Leben hart. Bis zu seinem 10.Lebensjahr lebte die Familie letzten Endes mit 11 Personen in einem einzigen Raum von nur 3qm. Das Wasser lieferte die UN; die Kinder waren gewöhnlich barfuss, von Flöhen gebissen und hungrig …

Als ältester Sohn wurde von Abuelaish erwartet, dass er - sobald er in der Lage war - mithilft , die knappen Finanzen zu verbessern. Und als er 12 war, gab es für ihn keine andere Wahl, als die Schule mit einer Teilzeitarbeitstelle zu kombinieren. Er verkaufte Milchrationen an andere verzweifelte Familien und er lud Düngemittel auf Bauernwagen, und stand jeden morgen um 4 Uhr auf, um damit anzufangen. Das Leben war eine Schufterei, unterbrochen von Elend. 1967 kam der Sechstage-Krieg, nach dem Israel die volle Kontrolle über die Westbank und den Gazastreifen beanspruchte. Als Abuelaish 15 war, wurde das Heim der Familie unerklärlicherweise mit Bulldozern zerstört - auf Befehl von Ariel Sharon. Es gab dann für junge Leute zwei Möglichkeiten, auf all dies zu reagieren. Einige wurden politisch. Sein Bruder Noor schloss sich der Fatah an, Palästinas größter politischer Partei. Nachdem er im Gefängnis war, ging er in den Libanon und seitdem hat die Familie nie wieder etwas von ihm gehört. Andere investierten alles in die Erziehung und Ausbildung der Kinder. So war es mit Abuelaish. Er arbeitete und arbeitete. So wurde er mit einem Stipendium belohnt, um in Kairo Medizin zu studieren, später noch in London Geburtshilfe und Gynäkologie und schließlich noch einen Master in allgemeiner Gesundheit an der Harvard-Universität.

Von Anfang an hatte er sich entschieden, nie zu verallgemeinern, wenn es sich um Israel handelte. Es war einfach, einen einzelnen zu verachten: einen besonders schwierigen Soldaten an der Grenze; die jüdische Mutter , die ihn - den hochqualifizierten arabischen Arzt - anklagte, er hätte versucht, ihr Baby zu töten. Auch die Politik, die das Leben im Gazastreifen so schwierig macht. Aber es war nicht annehmbar; er fühlte und fühlt noch immer, dass sich solche Gefühle für ein ganzes Volk in Hass verwandeln. Abgesehen davon hatte er so viele israelische Freunde.

Als Teenager hatte er auch in einem israelischen Moshav gearbeitet, wo er immer freundlich behandelt worden war. Als Arzt war er in mehreren israelischen Krankenhäusern beschäftigt und half israelischen Frauen bei Fruchtbarkeitsproblemen. Während der Zeit, in der sein Haus 2008 bombardiert wurde, hatte er eine volle Arbeitsstelle am Gertner-Institut, einem bekannten Zentrum für das Studium für Gesundheitspolitik und Epidemiologie in Tel Hashomer, nahe Ramat Gan. Während der langen - zuweilen endlos langen Fahrten - zwischen Gaza und Israel lernte er nicht hassen, sondern Geduld und Bescheidenheit, die ihm geholfen haben, durchzuhalten. Es ist unmöglich, sich Gedanken über seinen Rang zu machen, wenn man so viel Wartezeit wie jeder Taxifahrer … am Grenzkontrollpunkt verbringen muss. Bei einer Gelegenheit kam Abuelaish im israelischen Krankenhaus an, in dem er arbeitete, und entdeckte, dass er seine Aktentasche versehentlich am Kontrollpunkt stehen gelassen hatte. Während er die 27 Meilen zurückfuhr, hatten die Soldaten die Aktentasche in die Luft gesprengt. Er benötigte zwei Monate, bis er alle Dokumente wieder ersetzt hatte - all die wichtigen Reisegenehmigungen waren zerstört worden.

Wenn man ihm sagt, dass man sich noch mehr so weitsichtige Leute wie ihn wünscht, sagt er: ‚ich bin keine Ausnahme, denken Sie nicht genau so?' Aber für mich ist es leicht, ich lebe weder in Gaza noch in Sderot', sagte ich. ‚Nun im Falle der Palästinenser müssen wir sie bereit machen, zuzuhören. Sie machen dieses Interview nicht auf der Straße in der Kälte oder mitten in der Nacht. Sie kamen mit ihrem Tonbandgerät und waren vorbereitet und hörten zu. Wie aber ist es in Gaza? Die Leute sind hungrig und krank. Wenn wir dafür sorgen, dass sie nicht mehr hungrig und krank sind, dann werden sie auch in der Lage sein, zuzuhören. Wer kann ihnen helfen? Die israelische Seite. Ihr Kranksein, ihr Hunger schaden auch den Israelis. Lasst mich zum Leben zurückkehren, dann werde ich euch zeigen, wie kostbar für mich das Leben ist.'

Trotz alledem habe ich eine große Ehrfurcht vor ihm. Sogar vom Sofa meiner Wohnung in London aus kann ich über die Situation in Israel/Palästina nicht optimistisch sein. ‚Aber das stimmt nicht,' sagt er, ‚Warum sind sie hierher gekommen, um mich zu besuchen? Weil sie mit Optimismus dieses Interview machten. Und das ist großartig. Dies ist ein Hoffnungsfunke … vielleicht können wir ihn zu einem großen Feuer werden lassen.

Es gibt jetzt gerade ein Gerede über einen neuen Krieg in der Region; an den Grenzen ist es angespannter als in vielen Monaten zuvor. Beunruhigt ihn das? ‚Ich denke, dass nichts unmöglich ist. Aber ich denke auch, dass es Alternativen gibt. Wenn diese Situation mein Patient wäre, dann würde ich nicht notweniger Weise eine Operation vorschlagen'. Seine Hauptsorge sei die Verweigerung der israelischen Regierung, mit dem Siedlungsbau in Ost-Jerusalem und auf der Westbank aufzuhören. ‚Es wäre so eine kleine Sache, das Bauen für ein paar Monate einzufrieren. Die Welt bittet sie darum. Aber wenn wir nicht einmal dies veranlassen können …'

Wie sieht Frieden aus? 'Ich kann nur sagen, dass es niemals Frieden geben wird, wenn er nur für eine Seite sein soll und dass man Frieden nicht erzwingen kann, er muss aus freiem Willen kommen. Für mich sieht es so aus, als ob Palästinenser und Israelis im selben Boot segeln - und was für den einen gefährlich ist, ist natürlich auch für den anderen gefährlich.

Unterdessen geht in Kanada seine Arbeit weiter. Abuelaish hat eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet „Töchter fürs Leben“, von der er hofft, dass sie die Bildung von Mädchen unterstützt. ‚Ich habe mich dafür entschieden, dass der Name meiner Töchter nicht nur auf ihrem Grabstein steht, sondern an Türen von Institutionen und andern guten Plätzen.'

Die Woche nach unserer Begegnung war der 2. Jahrestag ihres Todes. Zum 1. Jahrestag kehrte er in sein Haus nach Gaza zurück - jetzt war es wiederaufgebaut. Er musste dort sein. Aber in diesem Jahr will er in Kanada bleiben. ‚Wir werden als Familie zusammensitzen, wir werden über sie reden, für sie beten und Fotos ansehen. Diese so sehr geliebten Seelen. Sie waren Kämpfer für Menschlichkeit und für Frieden und sie zu verlieren, war ungerecht. Aber wir wollen uns ihrer mit guten Taten und edlen Worten erinnern und wir wollen ihr Gedächtnis lebendig halten, bis wir uns wiedersehen. So lange wie ich lebe, werden sie zu mir und zu andern sprechen.' Einen Augenblick schloss er die Augen. ‚So lange wie ich lebe, leben sie in mir.' Die nachfolgende Stille wurde durch ein Geräusch von Raffah verursacht.

Der Trickfilm, den sie sich gerade anschaute, ließ sie auflachen. Wir wurden davon angesteckt, erst ich, dann auch ihr Vater.

Dies ist die traurigste Geschichte, die ich jemals aufgeschrieben habe. Aber nicht nur das. Es ist auch eine Geschichte der Hoffnung und wie Isseldin Abuelaish mir schon mehr als einmal gesagt hatte, ohne dies - die Hoffnung - wären wir nichts.

The Guardian, 16.01.2011

(dt. und gekürzt und zuweilen etwas großzügig übersetzt: Ellen Rohlfs)

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 „Ich wünsche mir nur, dass Du der Welt erzählst, dass wir keine Terroristen sind. Unser einziges Unglück ist, dass es hier kein Öl gibt, sonst würden die USA sich ganz bestimmt für Palästina einsetzen“

SAG MIR, WER IST TERRORIST?!

Von INGE NEEFS

Auf Kommunisten-online am 30. März 2011 – Vor zwei Tagen, am 22. März 2011 griff die israelische Armee ein Wohngebiet im  Al-Shejaija Viertel östlich von Gaza City an. Vier Tage nach der Ermordung von zwei Kindern in Johr Al-Dik, tötete die israelische Armee wieder Zivilisten, darunter zwei weitere Kinder. Die letzten Opfer der israelischen Kriegsverbrechen sind Yasser A’ahid Al-Helo (15), Mohamed Jalal Al-Helo (10), Mohammed Shaber Harara (18) und Yasser Hamid Al-Helo (55).

Etwa um 3 Uhr nachmittags beschossen die israelischen Panzer, die sich an der Grenze entlang positioniert hatten, die Al-Nazzaz Straße, 2 km von der Grenze entfernt, mit 4 aufeinanderfolgenden Granaten. Die erste traf Samer Walid Mushtahas Haus und zerstörte das obere Stockwerk. Seine Frau, die das Abendessen vorbereitete, war gerade nach unten gegangen und blieb um Haaresbreite verschont. Die zweite Granate traf ein leeres Grundstück, das der Al-Helo Familie gehört. Die dritte traf eine Gruppe von Kindern und älteren Jungs, die in der Nähe ihres Hauses Fußball spielten, so wie sie das jeden Tag taten. Der 10-jährige Mohamed Jalal Al-Helo und der 18-jährige Mohamed Shaber Harara waren sofort tot und ihre Körper brutal verstümmelt. 10 weitere Kinder und ein Erwachsener wurden ebenfalls durch Granatsplitter verletzt. Der 3-jährige Yasser A’amer Al-Helo und der 6-jährige Ahmad Talal Al-Helo liegen gegenwärtig mit schweren Verletzungen auf der Intensivstation des Krankenhauses. Yasser Hamed Al-Helo und sein 15-jähriger Enkel  Yaser Ahed Al-Helo öffneten gerade die Garage, um mit dem Auto die Verletzten zu retten, als sie von der vierten Granate getroffen wurden. Sie waren sofort tot.

Das war der dritte Angriff auf Al-Shejaija an diesem Tag. Um 10 Uhr morgens wurde eine Person durch Artilleriefeuer verletzt und später am Morgen wurde berichtet, dass eine weitere Person durch einen Drohnen-Angriff schwer verletzt wurde.

Gestern Morgen wurden im israelischen Radio israelische Militärquellen zitiert, die aussagten, dass eines der  Geschosse querschlug und so die Todesopfer verursachte.  Allerdings waren diese vier Bombardierungen auf zivile Ziele gerichtet worden und somit war es zu erwarten, dass es zivile Opfer geben würde.  Nac h Augenzeugenberichten hat nicht eine, sondern zwei Geschosse den Tod dieser vier Zivilisten verursacht.

Am Dienstag Nachmittag wurden die durch die Angriffe schrecklich verstümmelten Körper der vier Getöteten zum Shifa Krankenhaus in Gaza City gebracht. Der 10-jährige Mohamed war am Kopf von einem Granatsplitter getroffen worden, der seinen Schädel zerborsten hat. Gestern morgen versammelte sich eine aufgebrachte und schmerzerfüllte Menschenmenge am Leichenschauhaus, um die Toten zur Moschee zu tragen.

Heute Morgen stellten die Familien Trauerzelte auf, um den Verwandten und Freunden die Möglichkeit zu geben, ihr Beileid zu bekunden. Die Außenseiten der Häuser sind mit Löchern der Angriffe übersät, während die Emotionen drinnen überkochen.

„Sag mir, wer ist der Terrorist?! Wer tötet unschuldige Kinder? Wer!? Der Kopf meines kleinen Neffen ist explodiert! Und viele andere sind verletzt! Sagst Du der Welt, wer der wahre Terrorist ist, tust Du das?“ Umm Tareq schreit mich an, außer sich vor Trauer, Wut, Angst und Traurigkeit. Ihre Schreie hauen mich um und ich beantworte ihren Zorn mit Tränen, die auch über ihre Wangen laufen. Sie war die erste, die die entsetzliche Szenerie von toten und verletzten Kindern gesehen hat und sie ist die Mutter eines der neun verletzten Kinder. Ihr Sohn ist noch im Krankenhaus, wo er am Arm operiert werden soll. „Jeden Nachmittag von 3 bis 5 Uhr spielen die Kinder dort Fußball nach der Schule! WAS sind sie, dass sie Kinder töten!?“

Neben ihr sitzt noch ein Familienmitglied, sie schreit und weint, als sie wieder anfängt darüber zu sprechen, was gerade passiert. „Ich habe viele kleine Mädchen zu Hause, die große Angst haben.  Sie haben am helllichten Tag Kinder  umgebracht! Gestern waren Tag und Nacht Drohnen und Apaches unterwegs. Und jetzt schwebt diese riesige Drohne über unserem Viertel, hast Du sie gesehen? Wie kann ich meine Töchter schützen?“

Seit der zweiten Intifada sind sieben Angehörige der Al-Helo Familie bei israelischen Angriffen getötet worden. Während „Gegossenes Blei“ bombardierten Panzer ein Haus und töteten Foa’ad (55), seinen Sohn Mohammed (25) und Mohammeds 2-jährige Tochter Farrah. Ihre Leichen konnten erst nach drei Tagen geborgen werden.

„Ich wünsche mir nur, dass Du der Welt erzählst, dass wir keine Terroristen sind. Unser einziges Unglück ist, dass es hier kein Öl gibt, sonst würden die USA sich ganz bestimmt für Palästina einsetzen“, sagt Ra’aid Al-Helo, ein Familienmitglied.

Inge Neefs ist belgische Friedensaktivistin und war an Board der Freedom Flotilla, die die illegale israelische Blockade des Gazastreifens durchbrechen wollte. Sie lebt seit fünf Monaten im Gazastreifen, wo sie für die Organisation International Solidarity Movement (ISM) voluntiert.

Quelle: e-Mail an die Redaktion

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Palästinensische Gemeinde Deutschland Hannover e. V.

Offener Brief an die Bundesregierung von Palästinensern und Juden

Quelle: Mein Politblog vom 14. Mai 2011

Anm. d. Red.: Aufgrund dieser Haltung der Bundesregierung wurde der folgende Offene Brief geschrieben:

Auf Kommunisten-online am 14. Mai 2011 - Von “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.” | – Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel, Sehr geehrter Herr Bundesaußenminister Dr. Westerwelle, die Meldungen aus dem Nahen und Mittleren Osten überschlagen sich in den letzten Wochen.

Die arabischen Völker, durstig nach Demokratie, bringen einen Diktator nach dem anderen zum Sturz. Die Palästinenser stellen ihre Einheit wieder her. Der Wunsch, aber auch der Weg zu Demokratie, Freiheit und Frieden scheint geebnet zu sein.

Die Schaffung eines echten Friedens im Nahen Osten ist von immenser Bedeutung, nicht nur weil es sich um eine Region handelt, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft liegt und wirtschaftlich für Deutschland und Europa beträchtliche Bedeutung hat, sondern auch weil hier die westliche Welt und die islamische Welt zusammenstoßen, weil hier jede Gewalttat und jede Ungerechtigkeit weltweite Resonanz findet und weil die Ernsthaftigkeit des westlichen Diskurses von Demokratie, Menschenrechten und Völkerrecht auf dem Prüfstand steht und bisher diese Prüfung nicht bestanden hat.

Die jetzt stattfindenden Veränderungen sind eine echte Chance für die Befriedung der Region und dürfen nicht ungenutzt verstreichen. Ohne dass die Palästinenser endlich einen eigenen lebensfähigen und unabhängigen Staat bekommen, wird es keinen Frieden in dieser Region geben. Ohne Frieden gibt es Krieg und Terrorismus.

Der UNO-Beschluss 181 aus dem Jahr 1947 sah die Teilung Palästinas in einen arabischen und in einen jüdischen Teil vor. Es wurde nicht beschlossen, dass Palästina durch Israel ersetzt wird. Es wurde auch nicht beschlossen, dass ein unabhängiger palästinensischer Staat erst durch Verhandlungen oder gar Zustimmung Israels entsteht. Die Entstehung eines palästinensischen Staates ist eine längst überfällige Selbstverständlichkeit.

Die Palästinenser unter Führung von Mahmud Abbas streben die Ausrufung dieses Staates an. Ein demokratischer palästinensischer Staat ist ein Eckpfeiler für die Friedenssicherung in der Region. Diesem die Anerkennung zu verweigern, ist nur Wasser auf die Mühlen von Extremisten. Mit Entsetzen stellen wir fest, dass die Bundesregierung, entgegen der seit Jahren verlauteten offiziellen Position für eine Zwei-Staaten-Lösung, offensichtlich nunmehr den auszurufenden Palästinensischen Staat nicht anerkennen will. Die verwendete Begründung der Bundesregierung ist, dass Israel dem erst zustimmen soll.

Wir, in Deutschland lebende Juden und Palästinenser, fordern gemeinsam unsere Bundesregierung auf, an der bisherigen Position, die auch Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, mehrfach öffentlich erklärt haben, festzuhalten und den palästinensischen Staat unverzüglich nach seiner Ausrufung anzuerkennen. Wir haben kein Verständnis für Ihre Haltung, dass ein palästinensischer Staat seitens Deutschlands nur dann anerkannt wird, wenn dies durch Verhandlungen erreicht wird. Damit legen Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, das Schicksal der Palästinenser ausschließlich in israelische Hand.

Seit 20 Jahren gibt es Verhandlungen zur Bildung eines unabhängigen lebensfähigen palästinensischen Staates, ohne dass dies bis heute erreicht wurde. In dieser Zeit wurde das potentielle palästinensische Staatsgebiet durch israelische Besatzer zersiedelt, entflammte die zweite Intifada, wurde die Trennmauer mitten im potentiellen palästinensischen Staatsgebiet errichtet, und mehrere Kriege brachen aus, die tausenden Menschen das Leben kosteten.

Verhandlungen haben bisher keinen Frieden gebracht. Vielleicht sollte jetzt gehandelt statt verhandelt werden. Der Frieden verdient es, endlich eine Chance zu bekommen. Mehrere europäische Staaten haben bereits ganz konkrete Schritte in Vorbereitung zur Anerkennung eines palästinensischen Staates bekundet, indes nimmt Deutschland überraschend eine Position ein, die für uns weder nachvollziehbar noch gerechtfertigt ist.

Deutschland wird durch das Abweichen von der bisherigen Position viel an Glaubwürdigkeit verlieren. Wir sind sowohl Juden als auch Palästinenser, die in Deutschland leben. Das internationale Ansehen Deutschlands ist auch unser Ansehen. Der Frieden im Nahen Osten braucht Mut und Entschlossenheit, aber auch unsere Unterstützung. Es ist an der Zeit, im Einklang mit den UNO-Beschlüssen neue Wege zu gehen.

Erstunterzeichner:

Dr. Yazid Shammout (Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannover)

Prof. Dr. Rolf Verleger (i.A. der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost e.V

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