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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 10. Oktober 2005
Fortschritte
des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten (Teil 1):
Israels
Rückzug aus dem Gazastreifen
Quelle:
Gegenstandpunkt
Auch
nach dem Abzug der Siedler und der Armee aus dem Gazastreifen
demonstriert Israel, dass es nach wie vor die Kontrolle über dieses
selbstverwaltete Internierungslager für 1,5 Millionen Palästinenser
behält: Letzte Woche gab es wieder die präventiven Hinrichtungen mutmaßlicher
Terroristen und vor einer Wiedereröffnung des Flughafens muss die
Abbas-Administration erst den Beweis erbringen, dass sie mindestens
ebenso rücksichtslos gegen militanten Widerstand vorgeht, wie Armee und
Polizei der Besatzungsmacht. Es zeigt sich jetzt, dass der von den USA
Scharon im April 2004 abgehandelte einseitige Rückzug aus dem
Gazastreifen von Israel als diplomatischer Schachzug zur endgültigen
Abwicklung „road map“ konzipiert wurde. Weil Israel „keinen
Partner auf palästinensischer Seite“ habe, mit dem es über einen
Frieden verhandeln kann, sind alle international abgesegneten
Verhandlungspläne illusorisch, ergo null und nichtig. Israel
entscheidet ab sofort einseitig – natürlich in Absprache mit
den USA ‑, wie es mit den Palästinensern verfährt.
Da
die Bush-Regierung die militärische Eliminierung der Palästinensischen
Autonomiebehörde samt Abschiebung der Palästinenser in die arabischen
Nachbarstaaten immer noch nicht zulässt, setzte Scharon das Palästinenser-Ghetto
in und um Gaza durch. Dieses Zugeständnis haben die USA verlangt, die
zwar weiterhin strikt parteilich für Israel sind, aber den anti-palästinensischen
Kampf Israels nicht mehr mit „Kampf gegen den Terror“ gleichsetzen
und bedingungslos unterstützen. Bush will nun auch den neuen Palästinenser-Präsidenten
Abbas für seinen „Krieg gegen den Terrorismus“ benutzen und gibt
ihm die großartige Chance, sich in diesem Kampf praktisch zu bewähren,
indem er innerhalb seines Kommandobereichs mit „terroristischen
Bestrebungen“ aufräumt – woran er dann ständig seine Zuverlässigkeit
unter Beweis stellen muss. Die USA haben deswegen Israel aufgetragen,
durch den Rückzug aus 365 idyllisch am Mittelmeer gelegenen
Quadratkilometern Sand und Dünen die „Vision eines palästinensischen
Staates“ irgendwie am Leben zu erhalten. Das widerspricht zwar dem
zionistischen Staatsgründungsprogramm Israels und behindert seinen
Willen, Palästinensergebiete zur Wiederherstellung von Erez Israel in
seinen alttestamentlichen Grenzen zu annektieren. Aber Scharon, der sich
seinem Schutzherrn weder verweigern kann noch will, weiß, welche
Vorteile in diesem Zugeständnis enthalten sind und wie er sie für
seine Sache einsetzen wird.
Für
Palästina wesentliche Staatsgründungs-Fragen – Grenzen, Rückkehr
der Flüchtlinge und palästinensische Hoheitsrechte – sind damit vorentschieden,
und zwar zugunsten Israels. Die USA gestehen Israel nämlich als
Lohn für die freiwillige Räumung eines Stücks eroberten Gebietes ein
wesentlich größeres Territorium zu, als in den einschlägigen
UNO-Resolutionen beschlossen:
„Im
Lichte der neuen Realitäten im Lande, insbesondere bereits
existierender großer Zentren mit israelischer Bevölkerung, ist es
unrealistisch zu erwarten, dass sich bei den Endstatus-Verhandlungen
eine vollständige Rückkehr zu den Waffenstillstandslinien von 1949
ergeben wird... Es ist realistisch anzunehmen, dass ein
Endstatus-Vertrag nur auf Basis beidseitig akzeptierter Veränderungen,
die die Realitäten berücksichtigen, erreicht werden kann.“ (Bush
in einem Brief an Scharon)
Die
USA akzeptieren damit den Fortbestand der großen israelischen
Siedlungsblöcke im Westjordanland mit der Einschränkung, dass Israel
sie nicht ausweitet. Die von Israel seit 1967 geschaffenen Fakten werden
damit von der Weltaufsichtsmacht ratifiziert. Bush segnet auch die zum
großen Teil auf palästinensischem Boden errichtete Mauer als eine
„Sicherheits-Grenze“ zum „Schutz der jüdischen Bevölkerung“
ab.
Israel
weitet mit der Integration von Siedlungen ins israelische Kernland nicht
nur sein Staatsgebiet aus, sondern präjudiziert für jeden irgendwie
dennoch einmal entstehenden palästinensischen Staat, dass dessen Ökonomie
und Administration unter der Kontrolle der israelischen Regierung steht
und von deren Lizenzen abhängt. Ostjerusalem, de facto ohnehin schon
annektiert, wird vom palästinensischen Territorium abgeschnitten. Durch
die Erweiterung israelischen Hoheitsgebiets wird jeder künftige Palästinenserstaat
in zwei voneinander getrennte Gebiete zerstückelt.
Wenn
schon ein „palästinensischer Staat“ wegen der amerikanischen
Nahost-Politik langfristig nicht verhindert werden kann, dann soll er
sich auf den Gazastreifen beschränken. Das hat erstens harte
Konsequenzen für die Flüchtlingsfrage, derentwegen die palästinensische
Staatsgründungsbewegung nicht zuletzt entstanden ist. Präsident Bush
hat Scharon in dem bereits zitierten Brief zugesichert, dass
„die
USA fest der Sicherheit Israels und seinem Wohlergehen als jüdischer
Staat verpflichtet sind. Es scheint klar, dass eine einmütige,
gerechte, faire und realistische Lösung für das Problem der palästinensischen
Flüchtlinge als Teil des Endstatusvertrags nur durch die Gründung
eines palästinensischen Staates und die Ansiedlung der Flüchtlinge in
ihm – nicht in Israel – gefunden werden kann.“
Washington
erkennt das völkische Staatsprogramm Israels an und akzeptiert, dass
dessen Regierung die Rückkehr volksfremder Elemente ablehnt. Das
„Recht auf Heimat“ der Palästinenser kann „realistischer“weise
bestenfalls als Unterbringung in einem noch zu schaffenden Palästinenser-Ghetto
durchgesetzt werden. Zweitens gesteht der US-Präsident Israel auch
ausdrücklich das Recht zu, die Außengrenzen des Gazastreifens nach der
Räumung weiter zu kontrollieren, gewährt der Autonomiebehörde also
keinen von ihr gesicherten Weg – eine so genannte „gesicherte
Passage“ – zwischen Gaza und der Außenwelt:
„Die
Vereinigten Staaten gehen davon aus, dass nach dem Rückzug Israels aus
dem Gazastreifen – vorbehaltlich neuer Vereinbarungen – die
existierenden Regelungen über die Kontrolle des Luftraums, der
Territorialgewässer und der Land-Passagen zwischen Gaza und der
Westbank in Kraft bleiben.“ (ebd.)
Diese
Regelung, die mit dem legitimen Sicherheitsbedürfnis des jüdischen
Staates begründet wird, gestattet Israel auch ohne militärische
Okkupation die wirtschaftliche und politische Kontrolle der Palästinenserautonomie.
Deren Forderungen, wenigstens Ägypten oder der UNO die Kontrolle der
Land- und Seegrenzen sowie des Luftraums zu übertragen, wenn ihr dieses
Souveränitätsrecht verweigert wird, um damit die Abhängigkeit von
Israel zu reduzieren, stoßen auf massive Vorbehalte. Israel will sich
die Oberaufsicht über die palästinensische Selbstverwaltung nicht
nehmen lassen und besteht auf seinem Recht, jederzeit im Gazastreifen
einzumarschieren, wenn es seine Sicherheitsinteressen erfordern.
Die
USA interpretieren wegen des „mutigen Schritts“, den Scharon mit dem
Abzug aus Gaza angeblich „vorgeleistet“ hat, die „road map“
weitgehend in der Auslegung der israelischen Regierung. Bush in seinem
Brief:
„Nach
der road map müssen die Palästinenser unmittelbar und überall den
Stopp von bewaffneten Aktivitäten und gewalttätigen Handlungen gegen
Israelis herbeiführen; alle offiziellen palästinensischen
Institutionen müssen die Hetze gegen Israel einstellen. Die palästinensische
Führung muss entschlossen gegen den Terror vorgehen; dazu gehören
dauerhafte, gezielte und effektive Operationen zur Beendigung des
Terrorismus und die Zerstörung terroristischer Potentiale und
Infrastruktur. Die Palästinenser müssen eine umfassende und
grundlegende politische Reform durchführen, dazu gehören eine starke
parlamentarische Demokratie und ein mit Macht ausgestatteter Ministerpräsident.“
(ebd.)
Jetzt
hat Israel nach Auffassung seiner Regierung mit dem einseitigen Rückzug
aus dem Gazastreifen bereits das ihm zumutbare Maß an Gegenleistung erfüllt,
weshalb Scharon von den Palästinensern eine vollständige Erfüllung
aller Forderungen verlangt, noch bevor Israel in substantielle
Verhandlungen mit der Palästinensischen Autonomiebehörde eintritt.
Scharon setzt darauf, dass Abbas das Kunststück nicht fertig bringt,
sein Volk einschließlich der bewaffneten Milizen dazu zu bringen, den
Widerstand gegen die Besatzungsmacht aufzugeben; also daran scheitert,
Menschen in unerträglichen Lebensbedingungen von der Chance auf eine
entscheidende Verbesserung zu überzeugen, ohne die geringsten Anzeichen
eines israelischen Entgegenkommens vorweisen zu können. Das Scheitern
von Abbas würde dann das Argument liefern, mit dem die USA endlich zur
Übernahme der israelischen Position zu bewegen wären, dass eine
Demokratisierung der Palästinenser nicht machbar ist. Wenn die USA
schon darauf bestehen, dass die Palästinenser eine Heimstatt neben
Israel erhalten, dann soll die keinesfalls mehr werden als ein vom jüdischen
Staat total kontrolliertes und abhängiges Homeland in möglichst engen
Grenzen.
Obwohl
die Disengagement-Politik Scharons also mitnichten ein
„Verzichtsprogramm“ ist, wirft ihm eine sehr starke Minderheit der
Israelis gerade das vor. Wegen des Rückzugs ist Dauerkrise im Kabinett,
und der Likud-Partei droht die Spaltung. Hunderttausende demonstrierten
und schmähten ihren Ministerpräsidenten als „Verräter“ und
„Nazi“. Scharons Schritt spaltet die Nation, weil er im Widerspruch
zur jahrzehntelang gepflegten Staatsräson Israels steht, nach der es
ein Sakrileg ist, jüdischen Boden aufzugeben. Auch wenn Scharon persönlich
sein „tiefstes Bedauern“ ausdrückt und auf die „Veränderung der
Realität“ hinweist – gegen die Ideologie vom „auserwählten
Volk“ und „dem Land der Väter“ ist damit nicht anzukommen. Sein
Pragmatismus, sich dem Druck der USA erst einmal zu beugen, um sich ihre
Unterstützung zu erhalten, Erfolge sicherzustellen, um damit günstigere
Voraussetzungen für die Erreichung des eigentlichen Ziels zu schaffen,
ist für zionistische Fundamentalisten einfach unerträglich.
Die
massive Opposition gegen den Rückzug ist für Scharon allerdings auch
sehr funktional. Sie liefert der Weltöffentlichkeit und insbesondere
den USA den anschaulichen Beweis, dass die israelische Regierung mit der
Aufgabe des Gazastreifens an die äußerste Grenze dessen gegangen ist,
was Israel mit seinen auf Bibel und Holocaust gegründeten, also
moralisch unwidersprechlichen territorialen Besitzansprüchen, zuzumuten
ist.
Kurzfassung
des 1. Teils von:
Fortschritte
des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten
In:
GegenStandpunkt
3‑05
Seit
16. September im Buchhandel oder beim GegenStandpunkt-Verlag
erhältlich.
Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 17. Oktober 2005
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