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17.
September.03
Sharons
tödlicher Tango
Von
Lev Grinberg
Die
Entscheidung der israelischen Regierung, Arafat zu beseitigen, die später
durch das US-Veto im UN-Sicherheitsrat noch unterstützt wurde, müsste
der internationalen Staatengemeinschaft große Sorgen bereiten. Wohin führt
Ariel Sharon die Israelis und die Palästinenser?
Um
dies zu verstehen, sollte man Sharons Aktionen und deren Folgen von der
Zeit an näher betrachten, als der Likud zur Macht kam. Zum Beispiel
sollte man sich erinnern, dass die Hisbolla sich als direkte Folge der
Besetzung des Libanon durch Israel im Juni 1982 formierte. Sie hat
vorher nicht existiert. Sharon hat Israel mit Täuschungen in den
Libanon geführt, indem er Ministerpräsident Begin und seiner Regierung
Lügen aufgetischt hatte. Achtzehn Jahre nachdem das
Kahan-Untersuchungskomitee festgelegt hat, dass Sharon nicht länger als
Verteidigungsminister wegen seiner Verantwortung für das Sabra- und
Shatila-Massaker fungieren kann, wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt.
18 Jahre dauerte es auch, bis die IDF mit Mühe aus dem libanesischen
Sumpf herauskam – nach Hunderten unnötiger Opfer. Eine große,
gefeierte und gut ausgerüstete Armee schien von der Hisbolla, einer
kleinen, fanatischen Organisation, übernommen worden zu sein, der es
gelang, die IDF aus dem Libanon hinauszuzwingen.
Der
strategische Fehlschlag, in den Sharon Israel im Libanon führte,
wiederholt sich jetzt gegenüber den Palästinensern – nur in einem
viel gefährlicherem Ausmaße, in dem er Israels Zukunft aufs Spiel
setzt. Auch auf der palästinensischen Ebene haben Sharons Politik und
die der Likudregierung die Position der radikalen islamischen
Organisationen erhöht. Die Hamas und der Islamische Jihad haben, bevor
der Likud 1977 zur Macht kam, nicht existiert. Die offene Politik der
Bewilligung und Ermutigung für Aktivitäten der islamischen
Organisationen ( anfangs als streng kommunal und sozial arbeitend
wahrgenommen) stammte von der Vorstellung, dass Arafat und seine
national-weltlichen Organisationen, die Fatah und die PLO, geschwächte
werden müssen. Sharon baute mit der israelischen Besatzung auch eine Körperschaft
von palästinensischen Kollaborateuren auf, die man die
„Dorf-Gesellschaften“ nannte und die von Mustafa Dodin angeführt
wurde. Sie wurden bewaffnet, damit sie gegen die PLO-Aktivisten
eingesetzt werden können.
Die
Strategie, eine palästinensische Kollaborateursorganisation aufzubauen,
schlug natürlich auch fehl. Aber der Anfang der ersten Intifada war
tatsächlich die Folge von Sharons andern beiden Maßnahmen: die
Ausweisung Arafats aus dem Libanon nach Tunesien und der Aufstieg der
Hamas. Angesichts Arafats vermindertem Einfluss und dem Stärkerwerden
von Hamas und Jihad, starteten die nationalen Kräfte, d.h. die
weltliche Gruppierungen, die von der Fatah und der PLO angeführt
wurden, die Intifada. Sharon hat auch seinen Anteil an der
Al-Aqsa-Intifada, indem er die Rivalitäten zwischen den islamischen
Gruppen und Arafats säkularen Unterstützern mit seinem Besuch auf dem
Tempelberg anstachelte. Der Besuch stellte die Loyalität der säkularen
Palästinenser mit Jerusalem und den Heiligen Stätten in Frage. Um also
die Hamas daran zu hindern, politischen Nutzen daraus zu ziehen, sind
die PLO-Mitglieder aus Protest gegen Sharons Besuch auch auf die Straße
gegangen.
Und
was hat Sharon getan, seitdem er gewählt wurde? Er täuscht die
israelische Öffentlichkeit (und die USA) genau nach dem libanesischen
Muster. Er ist dabei, die säkulare Palästinensische Behörde abzubauen
und die säkularen zivilen Gruppierungen, die Arafat unterstützen –
vor allem die Fatah-Aktivisten - zu neutralisieren. Sein Krieg gegen die
Hamas ist eigentlich ein Krieg gegen die Fatah und die pragmatischen
Gruppen, die es 1993 wagten, in einen Verhandlungsprozess mit Israels
Pragmatikern einzutreten, um einen historischen Kompromiss zu erreichen.
Die Kampagne gegen Arafat und die pragmatischen Kräfte hatte die
Ermutigung der Hamas zur Folge, die so zur dominanten Gruppe unter den
Palästinensern wurde. Ich muss hier betonen: dies ist kein Versehen
Sharons. Es ist sein Konzept, über das wir noch generationenlang weinen
werden.
Sharon
zielt nur auf einen totalen Krieg gegen die Palästinenser hin und auf
ihre totale Unterwerfung. Die moderate Position der säkularen palästinensischen
Kreise sind für ihn ein Problem, weil dies seine extreme Position bloß
stellt. Deshalb muss er sie mit List politisch eliminieren und den
Waffenstillstand ablehnen. Gemäß Abu Mazen war der Waffenstillstand
deshalb geplant, um Sharons Kriegsstrategie zu kontern, nämlich dem
Argument, dass die Palästinenser mit dem Terror aufhören sollen und
einseitig den Waffenstillstand einhalten, um der ganzen Welt zu zeigen,
dass der wirkliche Verweigerer des Friedens Ariel Sharon ist. Deshalb
musste Abu Mazens Regime eliminiert werden, aber nicht auf direkte
Weise. Sharon brachte das folgendermaßen zustande, indem er es zunächst
unterließ, die Gefangenen zu entlassen und Siedlungen sowie
Absperrungen aufzulösen. Als all dies nichts half, begann er mit der
reihenweise Liquidation von Hamasaktivisten und Führern. Dies wurde
alles getan, um Abu Mazens Regierung zu Fall zu bringen - angeblich war
es Arafats Schuld.
Das
muss klar sein: die Tötungen waren nicht dafür bestimmt, Hamas
wehzutun, sondern Abu Mazen, Arafat und den pragmatischen Elementen in
der Palästinensischen Behörde und der PLO. Die Tötungen haben die
Macht von Hamas nur vergrößert, und der schlaue Sharon weiß dies sehr
genau. Ihm ist klar, dass Hamas für ihn ein viel geeigneterer Gegner
ist, mit dem man einen totalen Krieg gegen Abu Mazen, Abu Ala und Arafat
führen kann. Die beabsichtigte Beseitigung von Arafat, entweder durch
Deportation oder durch Eliminierung – wie der Verteidigungsminister
und die IDF fordern – wird der Todesstoß für jeden zukünftigen
politischen Prozess, nicht nur der Road Map, sein. Der Grund ist
einfach. Es werden keine pragmatischen palästinensischen Führer oder
Organisationen mehr übrig bleiben, die fordern, Verhandlungen zu führen
und über einen Kompromiss zu diskutieren. Nur Sharon und die Hamas
werden übrig bleiben, die dann einen tödlichen Tango mit einander
tanzen werden.
(Aus
dem Englischen: Ellen Rohlfs)
Frühere
Artikel von Lev Grinberg:
Die
Arroganz der Besatzung. 14.12.2001 (Übers: ER)
http://www.nahost-politik.de/israel/besatzung.htm
Israels
Staatsterror, 30.3.2002, (Übers. ER)
The
Busharon Global War, 8.Juli 2002
Lessons
from Israel: A War without Legitimacy, 15.2.2003
Still
the Time of the Yankees, 18.3. 2003
The
Sharonology Illusion, 4.6. 2003
(Im
Internet zu finden)
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