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Neue
Intifada
Todesschüsse
gegen Demonstranten
Von
Werner Pirker
jungeWelt
vom 8. Juni 2011 – Mit gezielten Todesschüssen sind israelische
Soldaten gegen unbewaffnete Demonstranten vorgegangen, die sich am
Sonntag von Syrien aus in Richtung der von Israel besetzten Golanhöhen
in Bewegung gesetzt hatten. Dabei sind 23 Menschen, überwiegend palästinensische
Flüchtlinge, ums Leben gekommen. Nach Ansicht des israelischen Premiers
Benjamin Netanjahu hätten sich die Demonstranten der Grenzverletzung
schuldig gemacht und damit die Existenz Israels direkt in Frage
gestellt. Das ist eine äußerst exzessive Auslegung des israelischen
Selbstverteidigungsrechtes. Erstens sind die Opfer auf der syrischen
Seite der Grenze erschossen worden. Und zweitens handelt es sich bei
dieser Grenze nicht wirklich um eine Grenze, sondern um eine
Waffenstillstandslinie am östlichen Rand eines widerrechtlich annektierten Gebietes.
Die
Resolution 242 des UN-Sicherheitsrates verpflichtet Israel zum Rückzug
aus den im Junikrieg 1967 besetzten Gebieten, zu denen auch die 14 Jahre
später annektierten syrischen Golanhöhen gehören. Mit ihren
Protestaktionen wollen die Palästinenser vor allem für ihr Recht auf Rückkehr
in ihre Heimat demonstrieren. Das Rückkehrrecht ist ein allgemeines
Menschenrecht, aber auch eines, das den Palästinensern in der
Resolution 194 der UNO-Vollversammlung vom Dezember 1948 explizit
zuerkannt wurde. Israel hingegen definiert sein Recht auf Existenz –
unter stillschweigender Duldung der »internationalen Gemeinschaft –
im Gegensatz zu den Beschlüssen der UNO. Dazu gehört, daß der jüdische
Staat bezüglich seiner Ausdehnung das letzte Wort beansprucht, das heißt,
seine»international anerkannten« Grenzen in eigener
Machtvollkommenheit festzulegen gedenkt. Das nicht hinnehmen zu wollen
bedeutet gemäß zionistischer Doktrin, die Existenz des Staates Israel
in Frage zu stellen.
Nachdem
sie anfangs eher unsicher auf die Ereignisse in Syrien reagiert hat,
versucht die Netanjahu-Regierung nun, sich an die westliche Kampagne
gegen das Assad-Regime anzuhängen und den Marsch auf die Grenze als von
Damaskus »zynisch«instrumentalisiert hinzustellen. Das wird auf die
Palästinenser, die sich als Teil einer großen arabischen Intifada fühlen,
kaum Eindruck machen. Sie haben aus dem Sturz von Regimen, die bis dahin
die arabische Solidarität mit den Palästinensern hintertrieben haben,
neue Hoffnung geschöpft. Entsprechend rücksichtslos reagieren die
israelischen »Selbstverteidigungskräfte«. Ob das besonders
intelligent ist, sei dahingestellt. In Israel weiß man, daß der
arabische Massenaufruhr keineswegs zu einer israelfreundlicheren
Stimmung geführt hat. Der Abgang Mubaraks in Ägypten stellt für
Israel einen nicht zu ersetzenden Verlust dar. Das aus dem Umbruch
hervorgegangene Übergangsregime ist spürbar bemüht, der
antiimperialistischen Stimmung auf der Straße zumindest teilweise
Rechnung zu tragen. Für Israels Regierung ein Grund mehr, sich an der
Bekämpfung des arabischen Aufstandes aktiv zu beteiligen. |