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Sind
wir bereit für einen Krieg gegen den dämonisierten
Iran?
Warum
die USA den iranischen Wahlen die Rechtmäßigkeit absprechen wollen
AUTOR: Paul
Craig ROBERTS
Übersetzt
von Zeit-Fragen
Quelle:
Tlaxcala
vpm 16.6.2009 (auf K-online am 26. Juni 2009)
Wie
viel Aufmerksamkeit schenken die US-Medien den Wahlen in Japan, Indien,
Argentinien oder irgendeinem anderen Land? Wie viele Amerikaner oder
amerikanische Journalisten wissen überhaupt, wer in anderen Ländern
– abgesehen von England, Frankreich und Deutschland – ein
politisches Amt ausübt? Wer kennt die Namen der Regierungschefs der
Schweiz, Hollands, Brasiliens, Japans oder selbst Chinas?
Aber
viele kennen Irans Präsidenten Ahmadinejad. Der Grund liegt
auf der Hand. Er wird in den US-Medien täglich dämonisiert.
Die
Dämonisierung Ahmadinejads durch die US-Medien veranschaulicht an sich
schon die amerikanische Ignoranz. Der Präsident Irans ist nicht der
Herrscher. Er ist nicht der Oberkommandierende der Streitkräfte. Er
kann keine politische Linie festlegen, die außerhalb der Grenzen liegt,
welche die iranischen Herrscher setzen – die Ajatollahs, welche nicht
zulassen wollen, dass die iranische Revolution mittels amerikanischen
Geldes in einer dieser Farbcode-«Revolutionen» gestürzt wird.
Die
Iraner haben bittere Erfahrungen mit der Regierung der Vereinigten
Staaten gemacht. Ihre erste demokratische Regierung nach Überwindung
des Status der Besetzung und Kolonialisierung in den 1950er Jahren wurde
von der US-Regierung gestürzt. An die Stelle des gewählten Kandidaten
hat die US-Regierung einen Diktator eingesetzt, der Andersdenkende, die
der Meinung waren, Iran sollte ein unabhängiges Land sein und nicht von
einer amerikanischen Marionette regiert werden, folterte und ermordete.
Die
US-«Supermacht» hat den iranischen islamischen Ajatollahs die
iranische Revolution der späten 1970er Jahre nie verziehen: Jene stürzten
die amerikanische Marionettenregierung, nahmen die Mitarbeiter der
US-Botschaft, die man als «Höhle von Spionen» betrachtete, in
Geiselhaft; derweil iranische Studenten die im Aktenvernichter zerstückelten
Dokumente der Botschaft wieder zusammensetzten, welche die amerikanische
Komplizenschaft bei der Zerstörung der iranischen Demokratie bewiesen.
Die
von der Regierung kontrollierten, korporierten US-Medien, ein
Propagandaministerium, reagieren auf die Wiederwahl Ahmadinejads mit
pausenlosen Berichten über gewalttätige Iraner, die gegen Wahlbetrug
protestieren. Der Wahlbetrug wird als Tatsache hingestellt, obwohl es
dafür keinerlei Beweise gibt. Die Reaktion der US-Medien auf einen
dokumentierten Wahlbetrug während der George W. Bush/Karl Rove-Ära
bestand darin, die Beweise des Wahlbetrugs zu ignorieren.
Die
Regierungschefs der Marionettenstaaten Großbritannien und Deutschland
haben sich der amerikanischen Operation der psychologischen Kriegsführung
angeschlossen. Der diskreditierte britische Außenminister, David
Miliband, brachte an einem Treffen der EU-Minister in Luxemburg
seinen «ernsten Zweifel» an Ahmadinejads Sieg zum Ausdruck. Miliband
verfügt natürlich über keinerlei unabhängige Quellen. Er folgt
lediglich den Instruktionen aus Washington und verlässt sich auf unbestätigte
Behauptungen des unterlegenen, von der US-Regierung bevorzugten
Kandidaten.
Angela
Merkel, die deutsche Kanzlerin,
wurde ebenfalls überredet. Sie berief den iranischen Botschafter ein,
um «mehr Transparenz» bezüglich der Wahlen zu fordern.
Selbst
die amerikanische Linke hat der Propaganda der US-Regierung
beigepflichtet. In einem Artikel in The Nation1 präsentiert
Robert Dreyfus die überspannten Ansichten eines iranischen
Dissidenten, als stellten sie die endgültige Wahrheit über «die
illegitimen Wahlen» dar, indem er sie als «Staatsstreich» bezeichnet.
Wer
ist die Informationsquelle für die US-Medien und die amerikanischen
Marionettenstaaten? Nur die Behauptungen des unterlegenen Kandidaten,
desjenigen, den Amerika bevorzugt.
Es
liegen aber harte Beweise für das Gegenteil vor. Amerikanische
Meinungsforscher haben vor den Wahlen eine unabhängige, objektive
Umfrage durchgeführt. Die Meinungsforscher Ken Ballen vom
gemeinnützigen Center for Public Opinion und Patrick
Doherty von der gemeinnützigen New America Foundation
legen ihre Resultate in der «Washington Post» vom 15. Juni dar.
Finanziert wurde die Umfrage durch die Rockefeller Brothers Funds,
und durchgeführt wurde sie in Farsi «von einem Umfrageunternehmen,
dessen Arbeit in der Region für ABC News und BBC
einen Emmy Award erhalten hat».2
Die
Resultate der Umfrage, die einzig wirkliche Information, die wir derzeit
haben, lassen erkennen, dass die Wahlergebnisse den Willen der
iranischen Wähler widerspiegeln. Zu den äußerst interessanten
Informationen, welche die Umfrage zutage fördert, zählen die
folgenden:
«Viele
Experten behaupten, die Höhe des Sieges des amtierenden Präsidenten
Mahmoud Ahmadinejad sei das Resultat von Betrug oder Manipulation, aber
unsere landesweite Meinungsumfrage unter den Iranern 3 Wochen
vor der Wahl zeigte, dass Ahmadinejad in einem Verhältnis von mehr als
2 zu 1 in Führung lag – klarer noch als die tatsächliche Höhe
seines Sieges in den Wahlen.
Während
westliche Nachrichtenberichte aus Teheran in den Tagen vor der Wahl eine
für Ahamadinejads Hauptopponenten, Mir-Hossein Moussavi,
enthusiastische iranische Öffentlichkeit zeichneten, zeigten unsere
wissenschaftlichen Stichproben, die wir in allen 30 Provinzen Irans
nahmen, dass Ahmadinejad klar vorne lag.
Das
Ausmaß der Unterstützung für Ahmadinejad war in der Umfrage vor den
Wahlen offensichtlich. Während der Kampagne betonte Moussavi zum
Beispiel seine Identität als Aserbaidschaner, der zweitgrößten
ethnischen Gruppe in Iran nach den Persern, um die aserbaidschanischen Wähler
zu umwerben. Unser Umfrage zeigte aber, dass die Aserbaidschaner
Ahmadinejad im Verhältnis von 2 zu 1 den Vorzug vor Moussavi gaben.
Viele
Kommentatoren haben die iranische Jugend und das Internet als Vorboten
einer Wende in diesen Wahlen dargestellt. Aber unsere Befragung zeigte,
dass nur ein Drittel der Iraner überhaupt Zugang zum Internet hat und
die 18- bis 24jährigen zugleich den stärksten Wählerblock für
Ahamdinejad darstellten.
Die
einzigen Bevölkerungsgruppen, bei denen in unserer Umfrage Moussavi
gegenüber Ahmadinejad in Führung oder konkurrenzfähig war, waren
Universitätsstudenten oder -absolventen und die Iraner mit dem höchsten
Einkommen. Als unsere Umfrage durchgeführt wurde, war nahezu ein
Drittel der Iraner noch unentschieden. Aber die grundlegenden
Verteilungen, die wir damals fanden, widerspiegeln die Resultate, welche
von den iranischen Behörden gemeldet wurden, was darauf hinweist, dass
die Wahl nicht das Produkt großflächigen Betruges ist.»
Zahlreiche
Nachrichtenberichte thematisierten, dass die US-Regierung ein Programm
zur Destabilisierung Irans in die Tat umsetzt. Es gab Berichte darüber,
dass die US-Regierung Bombenanschläge und Ermordungen innerhalb Irans
finanzierte. Die US-Medien behandeln diese Berichte in prahlerischer
Manier als Illustrationen für die Fähigkeit der amerikanischen
Supermacht, andersdenkende Länder gefügig zu machen, während einige
ausländische Medien in diesen Berichten den Beweis für die inhärente
Unmoral der US-Regierung sehen.
Der
frühere Armeechef von Pakistan, General Mirza Aslam Beig, äußerte
am 15. Juni im Pashto Radio, dass unbestrittene
Geheimdienstinformationen belegen, dass die USA in die iranischen Wahlen
eingegriffen haben. «Die Dokumente belegen, dass die CIA 400 Millionen
Dollar innerhalb Irans ausgab, um nach den Wahlen eine farbige, aber
hohle Revolution aus dem Boden schießen zu lassen.»
Der
Erfolg der US-Regierung beim Finanzieren farbiger Revolutionen in den
ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien und Ukraine und in andern Teilen
des ehemaligen sowjetischen Imperiums sind weithin berichtet und
diskutiert worden, wobei die US-Medien dies als Hinweis auf die Allmacht
und das natürliche Recht der USA behandelten, während ausländische
Medien darin ein Zeichen der US-Einmischung in die inneren
Angelegenheiten anderer Länder sahen. Es liegt sicher im Bereich der Möglichkeiten,
dass Mir-Hossein Moussavi ein gekaufter und bezahlter Agent der
US-Regierung ist. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass die
US-Regierung mittels US-Medien und ausländischer Medien Operationen
psychologischer Kriegführung führt, die sowohl auf Amerikaner als auch
auf Ausländer zielen. Zu diesem Thema sind viele Artikel publiziert
worden.
Denken
Sie über die iranischen Wahlen vom Standpunkt des gesunden
Menschenverstandes nach. Weder ich noch die große Mehrheit der Leser
sind Iran-Experten. Aber vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes
betrachtet: Stünde Ihr Land von zwei Ländern mit weit mächtigeren
Militärapparaten unter der ständigen Drohung eines Angriffes, wie es
Iran von Seiten der USA und Israel ist, würden Sie dann den besten
Verteidiger Ihres Landes im Stich lassen und den bevorzugten Kandidaten
der USA und Israels wählen?
Glauben
Sie, die Iraner hätten gewählt, um ein amerikanischer Marionettenstaat
zu werden?
Iran
ist eine geschichtsträchtige und gebildete Gesellschaft. Ein großer
Teil der intellektuellen Klasse ist säkularisiert. Ein signifikanter,
wenn auch kleiner Prozentsatz der Jugend hat sich der westlichen Hingabe
an persönliches Vergnügen und Selbstbefangenheit verschrieben. Diese
Leute können leicht mit amerikanischem Geld organisiert werden, um ihre
Regierung und die islamischen Einschränkungen im persönlichen
Verhalten auszupfeifen.
Die
US-Regierung nutzt diese verwestlichten Iraner aus, um eine Basis zur
Diskreditierung der iranischen Wahlen und der iranischen Regierung zu
schaffen.
Am
14. Juni billigte das McClatchy Washington Bureau3, das
manchmal versucht, die wirklichen Nachrichten zu berichten, die
psychologische Kriegsführung Washingtons und erklärte: «Die Resultate
der Wahlen in Iran erschweren die Kontaktbemühungen Obamas». Hier
beginnt sich die hässliche Fratze der Ausrede vom «diplomatischen
Misserfolg» zu zeigen, so dass nur eine militärische Lösung übrigbleibe.
Als
jemand, der die Vorgänge alle im Innern der US-Regierung erlebt hat,
denke ich, dass die US-Regierung mit der Manipulation der amerikanischen
Medien und derjenigen der Marionettenregierungen beabsichtigt, die
iranische Regierung dadurch zu diskreditieren, dass sie diese Regierung
als Unterdrücker des iranischen Volkes hinstellt, die den Willen des
iranischen Volkes vereitelt. So baut die US-Regierung Iran für einen
militärischen Angriff auf.
Mit
Hilfe von Moussavi erzeugt die US-Regierung ein weiteres «unterdrücktes
Volk», das – wie die Iraker unter Saddam Hussein –
amerikanischen Blutes und Geldes zu ihrer Befreiung bedarf. Wurde
Moussavi, der Kandidat Amerikas in den iranischen Wahlen, der rundum
geschlagen wurde, von Washington ausgewählt, um der amerikanische
Marionettenherrscher Irans zu werden?
Die
große Macho-Supermacht ist begierig darauf, ihre Hegemonie über das
iranische Volk wiederherzustellen und so die offene Rechnung mit den
Ayatollahs zu begleichen, welche 1978 die amerikanische Herrschaft in
Iran gestürzt hatten. Das ist das Drehbuch. Sie sehen es jede Minute im
US-Fernsehen.
Eine
endlose Reihe von «Experten» unterstützt das Drehbuch. Als ein
Beispiel unter Hunderten finden wir Gary Sick, der früher im
Nationalen Sicherheitsrat tätig war und gegenwärtig an der Columbia
University lehrt.
«Wenn
sie etwas bescheidener gewesen wären und gesagt hätten, Ahmadinejad
habe mit 51 Prozent gewonnen», sagte Sick, hätten die Iraner Zweifel
gehabt, aber hätten es eher akzeptiert. Aber die Beteuerung der
Regierung, dass Ahmadinejad mit 62 Prozent der Wählerstimmen gewonnen
hat, «ist nicht glaubwürdig». «Ich denke» fährt Sick fort, «es
markierte eine eigentliche Übergangsstelle in der iranischen
Revolution, von einer Position, in der beansprucht wird, die eigene
Legitimität auf Grund der Unterstützung der Bevölkerung zu haben zu
einer Position, die zunehmend auf Repression setzt. Die Stimme des
Volkes wird ignoriert.»
Die
einzige handfeste Information ist die oben erwähnte Umfrage. Die
Befragung stellte fest, dass Ahmadinejad mit einem Vorsprung von 2 zu 1
der favorisierte Kandidat war.
Aber
wie bei allem anderen, das mit der amerikanischen Hegemonie über andere
Völker zu tun hat, spielen Fakten und Wahrheit keine Rolle. Lügen und
Propaganda herrschen.
Zerfressen
von seiner Leidenschaft nach Hegemonie, ist Amerika getrieben, über
andere zu triumphieren, Moral und Gerechtigkeit zu verdammen. Das die
Welt bedrohende Drehbuch wird gespielt werden, bis Amerika sich selbst
in den Bankrott führt und den Rest der Welt so vor den Kopf gestoßen
hat, dass es isoliert und überall verachtet wird.
___________
1
Laut Wikipedia eine politisch linksgerichtete Wochenzeitschrift in den
Vereinigten Staaten.
The
Iranian People Speak.
By Ken Ballen and Patrick Doherty. Washington
Post, 15. Juni 2009 http://www.washingtonpost.com/wpdyn/content/article/2009/06/14/AR2009061401757.html?nav=rss_opinion/columns
3
McClatchy ist ein amerikanisches Verlagsunternehmen mit
insgesamt etwa 14.000 Mitarbeitern, das mehrere Zeitungen und
Internet-Informationsplattformen, darunter das Washington Bureau, unterhält.
Quelle:
CounterPunch - Are You Ready for War with a Demonized Iran?
Originalartikel veröffentlicht am
16.6.2009
Über den Autor:
Paul
Craig Roberts war stellvertretender Finanzminister in der Regierung
Reagan. Er ist Verfasser von „Supply-Side Revolution: An Insider‘s
Account of Policymaking in Washington“ (Revolution der Angebotsseite:
Bericht eines Insiders über Politik in Washington), von „Alienation
and the Soviet Economy“ (Entfremdung und die sowjetische Wirtschaft)
und von „Meltdown: Inside the Soviet Economy“ (Abschmelzen:
Innenansicht der sowjetischen Wirtschaft), sowie gemeinsam mit Lawrence
M. Stratton von „The Tyranny of Good Intentions: How Prosecutors and
Bureaucrats Are Trampling the Constitution in the Name of Justice“
(Tyrannei der guten Absichten: Wie Strafverfolger und Bürokraten die
Verfassung im Namen der Gerechtigkeit mit Füßen treten). Er war
Co-Redakteur der Meinungsseite des Wall Street Journal und
Mitherausgeber der National Review.
Zeit-Fragen ist
ein Partner von Tlaxcala,
dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung
kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert
wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch
die Quelle genannt werden.
URL
dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=7928&lg=de
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