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Angriff
»schlechte Idee«
Kleine
Flotte, aber gute Abwehr:
Pentagon-Experten
äußern Respekt vor Irans asymmetrischem Verteidigungspotential.
Selbst US-Flugzeugträger gefährdet
Von
Rainer Rupp
JungeWelt
vom 4. Februar 2012 (auf Kommunisten-online am 8. Februar 2012) –
Laut Jahresbericht »The Military Balance 2011« des »International
Institute for Strategic Studies« (IISS) in London verfügt Iran über
23 U-Boote, hundert und mehr Patrouillen- und Torpedoboote für küstennahen
Einsatz, fünf Minenleger und -sucher, 13 amphibische Landungsschiffe
und 26 Versorgungsschiffe. Für die im Persischen Golf und außerhalb
der Straße von Hormus operierenden hochmodernen Einheiten der
US-Kriegsmarine stellt die iranische Marine eine Eintagsfliege dar. Auch
der stellvertretende Oberkommandeur der russischen Kriegsmarine, Admiral
Iwan Kapitanets, gab daher in einem Interview mit Interfax (30.12.2011)
der regulären iranischen Marine »keine Chance, dem unvergleichlichen
Potenzial einer US-Flugzeugträgergruppe etwas entgegenzusetzen«.
Wenn
sich die iranische Militärführung dennoch sehr zuversichtlich zeigt,
z.B. die Straße von Hormus dauerhaft sperren und die US-Übermacht im
Golf vernichten zu können, dann leidet sie nicht unter krankhaftem Größenwahn,
wie ihre ebenso ignoranten wie arroganten Schreiberlinge in westlichen
Medien gerne unterstellen, sondern sie wird auch von den Fachleuten der
US-Streitkräfte sehr ernst genommen. Die Iraner haben nämlich eine
Doktrin der asymmetrischen Kriegsführung entwickelt, bei der Tausende
kleine und kleinste Boote, die mit modernsten, zielgenauen Raketen- und
Torpedowaffen ausgerüstet sind, plötzlich aus dem Nichts auftauchen
und im Schwarm ihre Angriffe vortragen, um so auch den stärksten Gegner
zu überwältigen.
Für
Schwarmangriffe eignet sich die iranische Golfküste mit über 600 tief
eingeschnittenen Fjorden besonders gut. Diese sind trotz der Überlegenheit
der US-Airforce aus der Luft nur schwer zu kontrollieren, zumal es den
Amerikanern – ähnlich wie im Krieg gegen Jugoslawien 1999 – kaum
gelingen dürfte, die taktische Luftabwehr des gegnerischen Landes zu
eliminieren. Außerdem müßte die US-Kriegsmarine mit Tausenden
entsprechend bestückter Lastwagen rechnen, die plötzlich an der Küste
erscheinen, um ihre Raketen abzuschießen. Zugleich kann die gegen Iran
und China entwickelte US-Militärdoktrin des Air-Sea-Battle schlecht zur
Anwendung kommen, weil Teheran jüngst mit der spektakulären
elektronischen Übernahme und erzwungenen Landung der US-Aufklärungsdrone
RQ-170 Sentinel ein Kernstück aus der US-Angriffsstrategie
herausgebrochen hat.
Vor
diesem Hintergrund bekommt die Bemerkung des Chefs der iranischen
Marine, Admiral Habibollah Sayyari, daß die Schließung der Straße von
Hormus »so einfach ist, wie ein Glas Wasser zu trinken«, eine reale
Bedeutung. Der US-Militärführung ist wohl bewußt, daß sie im Falle
eines Kriegs mit Iran auch selbst schwere Verluste hinnehmen müßte.
Daher kann der Öffentlichkeit ein Angriff nicht – wie im Fall Irak
noch geschehen – als gemütlicher »Verdauungsspaziergang« für das
US-Militär verkauft werden, wie das die neokonservativen Kriegstreiber
der »Israel Firsters« (siehe unten) derzeit mit großem Eifer und noch
mehr Demagogie versuchen.
Wie
hoch das Pentagon die asymmetrische Schlagkraft des Iran einschätzt,
geht aus einem Bericht des US-Finanznachrichtendienstes Blomberg vom März
2007 hervor. Demnach hatte das Pentagon auch nach sieben Jahren
intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeit bis zu diesem Zeitpunkt
keine effektiven Abwehrmaßnahmen gegen die »sehr niedrig und super
schnell« knapp über den Wellen fliegenden, von Rußland gebauten und
von Iran weiterentwickelten Rakete mit dem NATO-Code »Sizzler«
gefunden. Laut Experten ist mit dieser Waffe der Abschuß eines
US-Flugzeugträgers im Persischen Golf so einfach, wie für einen Jäger
eine auf dem Wasser sitzende Ente zu erlegen. Selbst das speziell zum
Schutz von US-Flugzeugträgern auf Begleitschiffen installierte, hoch
gelobte Aegis-System zur Abwehr von Raketenangriffen sei gegen die »Sizzler«
nutzlos. Laut US-Admiral a.D. Eric McVadon zufolge ist die Reaktionszeit
zwischen der Entdeckung der »Sizzler« und deren Einschlag selbst für
automatisierte Abwehrsysteme zu kurz.
Die
»Sizzler« sei »einzigartig«, urteilen Pentagon-Wissenschaftler, denn
in ihrer Anflugphase sei sie sogar dazu fähig, höchst effiziente
Ausweichmanöver zu fliegen und wie ein Hase im dreidimensionalen Raum
Haken zu schlagen. Bis heute scheint das Pentagon keine effektive Abwehr
gefunden zu haben. Der relativ »handliche« Flugzeugträgerkiller, der
auch von kleinen Booten abgefeuert werden kann, ist aber nur eine von
vielen, für die asymmetrische Kriegsführung Irans geeignete Waffen,
welche Teheran laut Vorwurf von US-Außenministerin Hillary Clinton
gemeinsam mit China ständig weiter entwickelt. Dazu gehört auch eine
ebenfalls ursprünglich von Rußland entwickelte Unterwasserrakete des
Typs VA-111 Shkval, vor der die US-Navy ebenfalls großen Respekt hat.
Kein
Wunder, daß General Michael Hayden, unter Präsident George W. Bush
Chef der CIA, der lautstarken Kampagne der Angriffsbefürworter öffentlich
in die Arme fällt und erklärt, ein Angriff auf Iran sei »eine
schlechte Idee«. Ohne eine Besetzung des Landes, die niemand auch nur
ins Auge fassen will, sei ein Militärschlag für die USA
kontraproduktiv. |