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Gaza
Die
Juden sind gespalten
Von Yakov M Rabkin*
Übersetzung:
Ta:I:S,
Steinberg-Recherche
vom 12. März 2009 – Der israelische Angriff auf die Palästinenser
in Gaza hat den Graben zwischen den Juden, was Israel und den Zionismus
anlangt, vertieft. Viele Juden versuchen, die Widersprüche anzugehen
zwischen bekundetem Judentum einerseits und zionistischer Ideologie, die
sich ihrer bemächtigt hat, andererseits. Und das jetzt, da tiefe Sorge
darüber, was der Staat Israel tut, den Zorn der Völker der Welt
heraufbeschwört. Unter ihnen sind kaum zwei Tausendstel Juden.
Daran
zu erinnern ist wichtig angesichts der Größe des Problems, das das
Verhalten des Staates Israel darstellt, des Staates, der im Namen aller
Juden zu handeln vorgibt. Der
Anspruch ist umso gefährlicher, als die Medien weltweit diesen Staat
automatisch mit den Juden verbinden, indem sie ihn als „jüdischen
Staat“ oder als „hebräischen Staat“ bezeichnen. Die Juden
verschiedener Länder fühlen sich daher wie Geiseln eines fremden
Staates, über den sie keinerlei Kontrolle haben.
Bestimmte
Juden fragen jetzt öffentlich, ob der ethnische Nationalstaat, die
Quelle unablässiger Gewalt im Nahen Osten, denn „gut für die
Juden“ sei. Viele stört, daß der militante Zionismus die jüdischen
moralischen Werte zerstört und die Juden in Israel und anderswo gefährdet.
Diese Debatte wird auch auf dem Felde der volkstümlichen Kultur
ausgefochten: der jüngste israelische Film „Walzer mit Bashir“
stellt auf die moralischen Kosten für Israel ab, die der ständige
Einsatz von Gewalt nach sich zieht.
Zudem
haben bestimmte Juden in Israel wie anderswo seit langem ihre
moralischen Werte durch einen zügellosen Nationalismus ersetzt. Sie
sind es, die sich als „die“ Vertreter „der“ jüdischen Gemeinde
platzieren. Tatsächlich handeln sie als Vertreter des Staates Israel
und gefährden damit die Juden, die sie zu vertreten vorgeben.
Die
an der Meinung der Nationalisten in der israelischen Rechten
ausgerichtete Israel-Lobby verunglimpft jede Israelkritik. Dazu sind in
den letzten Jahren mehrere Bücher erschienen – Prophets Outcast,
Wrestling With Zion, The Question of Zion, The Myths of Zionism –
alle
von Juden geschrieben, die eben wegen dieses Konflikts zwischen
Zionismus und jüdischen Werten besorgt sind. Die Israel-Lobby prangert
jeden Juden, der protestiert, als „Verräter“ an oder als „sich
selbst hassenden Juden“. Doch der Protest wächst. Er deckt ein ganzes
Spektrum von Juden ab, von chassidischen Rabinern auf der einen Seite,
über den ehemaligen Präsidenten der Knesset, bis zu den israelischen
Anarchisten auf der anderen Seite.
In
London hat vor einigen Tagen der Rabiner Avraham Greenberg, bärtig und
mit schwarzem Hut, vor einer gegen den israelischen Angriff
demonstrierenden Menge seinen israelischen Paß verbrannt. In einer
Unterredung nach der Demonstration erklärt er, daß nach jüdischer
Tradition geboten ist, öffentlich zu sprechen, wenn das Ansehen des
Judentums geschändet wird. Er liefert keine politische Analyse der Lage
im Nahen Osten sondern betont, daß die Idee eines den Juden
vorbehaltenen Staates selbst, und der menschliche und moralische Preis,
der dafür zu zahlen ist, allem entgegen steht, was das Judentum lehrt,
insbesondere den Grundwerten Demut, Mitgefühl und Güte. Und schließt,
der Staat Israel sei „die größte Gefahr für die Juden“.
In
Israel selbst stellen sich viele entschlossen dagegen, Gaza anzugreifen.
Der alte Hase der Presse und der israelischen Politik, Uri Avnery,
vergleicht den Angriff mit
der Belagerung von Leningrad und der Bombardierung von London durch die
Nazi-Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Diese Art von Vergleich – den nur
wenige westliche Zeitungen zu veröffentlichen gewagt hätten aus Furcht
davor, des „Antisemitismus“ geziehen zu werden – sie ist in Israel
an der Tagesordnung. Tatsächlich stammen die heftigsten Verurteilungen
von israelischen Juden, die ebenso gespalten sind wie ihre
Glaubensgeschwister anderswo.
In
Montreal bezieht der örtliche Zweig der internationalen unabhängigen jüdischen
Stimmen Posten vor eine Synagoge, die als zionistischer Versammlungsort
dient und ohne aufzumucken die Taten Israels unterstützt. Sie tragen
ein Schild „Juden für Gaza“ und betonen, daß „dieser
Schurkenstaat“ nicht in ihrem Namen handelt.
Mehr
als sechshundert Juden haben einen Appell an die israelischen Soldaten
gerichtet, den Befehl zu verweigern und zu desertieren. Dieser Appell
wurde außerdem von einem ganzen Schwung jüdischer Organisationen
unterzeichnet, allesamt Gegner dessen, was der Staat Israel tut oder
sogar dessen, was er ist. Denn der jüngste israelische Angriff
unterstreicht erneut eine wichtige, aber oft verschleierte Tatsache: die
zionistische Vision des Staates Israel von einer uneingeschränkten
Ethnokratie, der Wurzel der Gewalttaten, die das Heilige Land seit sechs
Jahrzehnten erschüttern. Während in aller Welt, vom Iran bis Kanada,
die Juden friedlich mit andern Gruppen zusammen leben, haben sie sich in
Israel in einem bewaffneten Ghetto abgesondert, das ihnen keineswegs
Sicherheit verschafft und alle andern drumherum bedroht.
Bleibt
abzuwarten, ob der Riß zwischen denen, die auf die jüdische
Moraltradition vertrauen und denen, die zum jüdischen Nationalismus
konvertiert sind, eines Tages verkleinert werden kann. All die, die die
automatische Verbindung zwischen den Juden und dem Staat Israel
fortbestehen lassen, machen nicht nur einen schweren Fehler – sie
tragen damit zur zionistischen Sache bei.
*Yakov
M Rabkin ist Professor für Geschichte an der Université de Montréal und Autor von
Au
nom de la Torah: une histoire de l'opposition juive au sionisme.
In englischer Übersetzung: A Threat from Within: A Century of Jewish
Opposition to Zionism von Yakov M. Rabkin und Fred A. Reed von Zed Books
Ltd, gebundene Ausgabe 2006, Paperback
2007. Dank an Günter Schenk
Quelle:
Bande de Gaza: les juifs sont déchirés, Commission
arabe des droits humains, 22. Februar 2009
Ta:I:S,
Übersetzung, 12. März 2009. Merci à Jean Claude Meyer
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