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Deutsches
Protektorat auf dem Balkan
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Neuer
Job für Ex-Außenminister Joseph Fischer:
Gouverneur
Berlins im Protektorat Kosovo? |
Countdown
Quelle:
german-foreign-policy.com
vom 10.12.2007
PRISTINA/BELGRAD/BERLIN |
(Eigener
Bericht) - Am heutigen Montag beginnt der Countdown zur Abspaltung der
Provinz Kosovo von Serbien. Damit erreicht Berlin ein seit Jahren
systematisch verfolgtes Ziel. Brüssel und Washington haben die
Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina für beendet erklärt und
leiten nun konkrete Schritte zur Anerkennung eines Staates Kosovo ein.
Die Maßnahmen erfolgen unter vorsätzlichem Bruch internationalen
Rechts und beinhalten Versuche, den UN-Generalsekretär für schwere
Provokationen gegenüber Moskau in Anspruch zu nehmen. Serbische Bemühungen,
auf völkerrechtlich zulässiger Grundlage eine Lösung für den
Konflikt zu finden, wurden von den kosovarischen Anführern schon längst
nicht mehr ernst genommen, weil ihren Sezessionsplänen die Unterstützung
Deutschlands und der Vereinigten Staaten sicher war. Die derzeitigen
Planungen sehen die Abtrennung des Kosovo spätestens im Mai 2008 vor.
Sie laufen auf ein von NATO-Truppen besetztes und von EU-Personal
verwaltetes Protektorat hinaus, das dem serbischen Hoheitsgebiet endgültig
entrissen worden ist. Das Vorhaben droht neue gewalttätige Unruhen auf
dem Gebiet mehrerer südosteuropäischer Staaten zu entfachen.
Mit
dem endgültigen Abschluss der Verhandlungen zwischen Belgrad und
Pristina, der am vergangenen Wochenende bekanntgegeben worden ist,
beginnt die letzte Phase operativer Maßnahmen zur Abtrennung der
Provinz Kosovo von Serbien. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon erhält am
heutigen Montag offiziell einen Bericht der sogenannten Troika (USA,
Russland, Deutschland/EU), der das Scheitern der jüngsten Gespräche
dokumentiert. Berlin schließt übereinstimmend mit Washington weitere
Vermittlungsbemühungen kategorisch aus. Damit setzt die Bundesregierung
die bisherige deutsche Politik konsequent fort, die seit den 1990er
Jahren die Sezession der Provinz förderte und sie zuletzt gezielt
vorantrieb (german-foreign-policy.com berichtete [1]).
Fahrplan
Einen
konkreten Fahrplan zur Durchsetzung des flagranten Völkerrechtsbruchs
hat jetzt die International Crisis Group vorgelegt. Im Vorstand des
Thinktanks sind zahlreiche prominente Politiker vertreten, die den
Machtzentren westlicher Staaten entstammen oder sich auf sie ausrichten.
Dazu gehören unter anderem Zbigniew Brzezinski (ehemaliger
Sicherheitsberater des US-Präsidenten), der ehemalige niederländische
Ministerpräsident Wim Kok, der ehemalige norwegische Außenminister
Thorvald Stoltenberg sowie der frühere deutsche Außenminister Joseph
Fischer. Neben Fischer, zu dessen ersten Amtshandlungen es gehörte, den
Krieg gegen Serbien im Jahr 1999 politisch durchzusetzen, sind weitere
Politiker Mitglied in der Organisation, die ebenfalls maßgeblich mit
der Abspaltung des Kosovo befasst waren: der ehemalige finnische
Staatspräsident Martti Ahtisaari, der den ersten offiziellen Plan zur
Sezession der serbischen Südprovinz vorgelegt hat, sowie Wesley Clark,
der 1999 den Krieg gegen Serbien als Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte
leitete. Deutschland ist mit dem ehemaligen CDU-Verteidigungsminister
Volker Rühe, mit der SPD-Außenpolitikerin Uta Zapf und dem ehemaligen
Vorsitzenden der Stiftung Wissenschaft und Politik, Christoph Bertram,
unter den Senior Advisers des Thinktanks überparteilich vertreten.
Rechtsbruch
Der
Fahrplan der International Crisis Group [2] sieht zunächst vor, dass
der Europäische Rat sich am kommenden Freitag (14. Dezember) mit dem
Kosovo befasst. Die EU-Staats- und Regierungschefs sollen die Vorschläge
des ehemaligen finnischen Staatspräsidenten Martti Ahtisaari zur
Umsetzung der Sezession für gut befinden und der Übernahme von
Besatzungsaufgaben durch Brüssel zustimmen. Mit einer solchen Erklärung,
heißt es, habe UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon genügend Rückhalt, um
gegen den Widerstand der Veto-Macht Russland mitzuteilen, er befürworte
eine EU-Intervention im Kosovo „zur weiteren Umsetzung der Resolution
1244“. Dies bedeutet nicht nur eine handstreichartige Entmachtung
Russlands auf UNO-Ebene, die in Moskau als schwerwiegender Affront
verstanden werden muss. Die Aufforderung signalisiert zudem absolute
Willkür im Umgang mit UNO-Resolutionen, folglich mit internationalem
Recht. Denn die Resolution 1244, in deren Namen die EU-Intervention
eingeleitet werden soll, wurde ausdrücklich „in Bekräftigung des
Bekenntnisses aller (UNO-)Mitgliedstaaten zur Souveränität und
territorialen Unversehrtheit der Bundesrepublik Jugoslawien und der
anderen Staaten der Region“ verabschiedet. Sie lässt die Sezession
des Kosovo, die Berlin und Washington nun durchsetzen, nicht zu.
Protektorat
Im
Januar, schreibt die International Crisis Group, soll dann schließlich
die kürzlich neu gewählte Regierung in Pristina ankündigen, die
Eigenstaatlichkeit des Kosovo nach einer Übergangsfrist von 120 Tagen
zu erklären - also im Mai 2008. Zugleich soll sie die EU und die NATO
um zivile und militärische Besatzungsmaßnahmen bitten, also de facto
ihre frisch gewonnene Macht sofort an die westlichen Länder übertragen.
Im Gegenzug müssten die USA und „so viele EU-Staaten wie möglich“
sich dafür stark machen, dass die angebliche Eigenstaatlichkeit,
faktisch der Protektoratsstatus des Kosovo, rasch anerkannt werde.
Gebirgsjäger
Unruhen
werden billigend in Kauf genommen; erste gewalttätige
Auseinandersetzungen fanden bereits am vergangenen Wochenende statt. Die
Bundeswehr hat ihre Aktivitäten in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens
daher intensiviert. Am 16. November meldete das deutsche
NATO-Reservebataillon („Operational Reserve Force“, ORF) im Süden
Serbiens seine volle Einsatzbereitschaft an den KFOR-Befehlshaber und
begann mit Patrouillen. Die ersten Einsätze erfolgten an der 1991
gezogenen Grenze zwischen Serbien und Mazedonien, es folgten Kontrollen
entlang der Linie, die das Kosovo von den nördlichen Landesteilen
Serbiens trennt. Dort wird in Kürze der neue Staat „Kosovo“ eine
weitere Grenze auf dem Gebiet des früheren Jugoslawien hochrüsten. Die
rund 550 Soldaten des deutschen ORF-Bataillons, die sich am vergangenen
Wochenende mit einem Manöver auf Unruhen vorbereiteten, entstammen
hauptsächlich dem Gebirgsjägerbataillon 232 aus Bischofswiesen-Strub
(bei Berchtesgaden, Bundesland Bayern). Dessen Tradition geht auf das
1938 gegründete Gebirgsjägerregiment 100 (II. Bataillon in Strub) zurück.
Die Soldaten des Gebirgsjägerregiments 100 waren in Kriegsverbrechen
der Wehrmacht involviert.[3] Das Gebirgsjägerbataillon 232 war bereits
mehrfach in Kroatien, in Bosnien-Herzegowina und in Mazedonien im
Einsatz. Die Einheit trainierte schon im Juni für Szenarien, wie sie
jetzt bei Auseinandersetzungen anlässlich der Sezession Pristinas
erwartet werden.
Observation
Aktuelle
Bedeutung kommt auch dem Einsatz deutscher Soldaten im Rahmen der
sogenannten LOT („Liaison and Observation Teams“) in
Bosnien-Herzegowina zu. Eine Eskalation der dortigen Spannungen wird
gegenwärtig nicht ausgeschlossen, da in der Bevölkerung der Republik
Srpska die Meinung herrscht, man könne gleiche Rechte wie die Kosovaren
geltend machen und die Sezession aus Bosnien-Herzegowina in Betracht
ziehen.[4] Der Westen teilt diese Ansicht nicht, da sie serbische
Positionen stärkt. Die EUFOR-Besatzungstruppen unterhalten in dem Land
ein Netzwerk aus Gruppen von je drei bis acht Soldaten („LOT“), die
in zivilen Wohnhäusern außerhalb der Militärareale untergebracht
sind, enge Verbindung zu Bevölkerung und Behörden aufbauen und auf
diese Weise „ein aktuelles und authentisches Lagebild“ erstellen können.[5]
Sie seien „Seismographen für ethnische Spannungen“, heißt es beim
Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam, wo sämtliche
Auslandsoperationen deutscher Truppen koordiniert und ausgewertet
werden.[6]
Vojvodina-Frage
Die
bevorstehende Unabhängigkeitserklärung der Regierung im Kosovo führt
zu neuen Sezessionsbestrebungen unter anderem in der Vojvodina. Diese
Region, in der eine starke ungarische Minderheit lebt, hat seit den
Regierungstagen Titos – wie bislang das Kosovo – den Status einer
autonomen serbischen Provinz. Wie der Vorsitzende der dortigen
Regierungspartei LSV, Nenad Canak, erklärt, stellt sich bei einer
Sezession des Kosovo auch eine „Vojvodina-Frage“.[7] Er verlangt
eine weitere Dezentralisierung und Regionalisierung Serbiens mit größerer
Autonomie für die Vojvodina, für den Bezirk Sumadija, für Belgrad und
für den Sandzak (dort lebt ein großer muslimischer Bevölkerungsteil).
Canak zufolge werde die Regierung in Belgrad ihren Aufgaben nicht
gerecht, sei träge und ineffektiv. Mit ähnlichen Vorwürfen hatten
1991 die Regierungen Sloweniens und Kroatiens ihre
Sezessionsbestrebungen begründet.
[1]
s. dazu Neuer Vasall, Imperiale Vollendung, Teil der Verwaltung, Die Wiederauferstehung Jugoslawiens, Die Herren des Rechts, Paketlösung, Abmontiert, Sieger im Kalten Krieg, Selbstbestimmung, Die zweite Welle, Dayton II, Mit kreativen Tricks und Angelpunkt
[2] Kosovo Countdown: A Blueprint for Transition; International Crisis
Group Europe Report N°188, 06.12.2007
[3] s. dazu „Nicht mordqualifiziert“, Deutscher Preis und Heldengedenken
[4] s. dazu Angelpunkt
[5] s. dazu Unterstützungsfunktion
[6] Am Puls der Bevölkerung; www.einsatz.bundeswehr.de 07.12.2007
[7] Kostres: Vojvodina ceka Kosovo; Vecernje novosti 07.12.2007 |