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Kosovo:
Bundesregierung
macht mit kriminellen Kollaborateuren gemeinsame Sache |
Aufs
engste verflochten
Quelle:
german-foreign-policy
vom 17.12.2007
BERLIN/PRISTINA
(Eigener
Bericht) - Vor Übernahme der Besatzungsverwaltung durch die EU plädieren
Berliner Politikberater für eine Bereinigung der Kontakte zu den Anführern
der Organisierten Kriminalität im Kosovo. In dem künftigen
EU-Protektorat müsse man „von der Praxis Abstand nehmen,
kompromittierte lokale Politiker, denen Korruption und Kriminalität
vorgeworfen werden, als vermeintlich loyale Partner zu akzeptieren“,
heißt es bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Beabsichtigt wird
eine Sichtung des kriminellen Milieus, auf das sich die EU-Verwalter
bisher stützten, und das nun auf seine weitere Verwendbarkeit überprüft
werden soll. Gesucht wird unverbrauchtes Personal, um die
wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage im zukünftigen
EU-Protektorat halbwegs zu stabilisieren. Die Situation sei auch nach
rund acht Jahren Besatzung desaströs, heißt es im Auswärtigen Amt;
vor allem ist „der Versuch des Aufbaus einer multiethnischen
Gesellschaft (...) gescheitert.“ Grund ist die NATO-Kooperation mit
„politischen Extremisten“, die seit je „mit organisierter
Kriminalität aufs Engste verflochten“ waren, jedoch als Bodentruppen
für den Krieg gegen Serbien benötigt wurden. Sie beherrschen die
kosovarischen Clans und können seit ihrer faktischen Indienststellung
1998/99 nicht mehr umgangen werden.
Experimentierfeld
Die
Forderung, von der Kooperation mit schwer belasteten Anführern der
Organisierten Kriminalität in Zukunft abzusehen, erfolgt kurz vor der
Übernahme der Besatzungsverwaltung in Pristina durch die EU. Wie die
Staats- und Regierungschefs der Union am Freitag beschlossen, wird Brüssel
rund 1.800 Polizisten und Juristen in das Kosovo entsenden und in Kürze
einen „Sonderbeauftragten“ ernennen. Die „Mission“ ist die
bisher größte Maßnahme der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik (ESVP). Das Kosovo bekommt damit zusätzliche
Bedeutung als „zentrales Experimentierfeld“ der EU. Diesen Charakter
hebt bereits eine Anfang 2007 fertiggestellte Studie hervor, die das
Institut für Europäische Politik (IEP) aus Berlin im Auftrag des
Zentrums für Transformation der Bundeswehr erarbeitet hat. Der
„Balkanraum“ biete „aufgrund der komplexen zivil-militärischen
Herausforderungen eine einzigartige Chance zur Weiterentwicklung
gemeinsamer europäischer Fähigkeiten sowie der Vernetzung ziviler und
militärischer Krisenmanagementakteure“, heißt es in dem Dokument.
Dies gelte „insbesondere für das Kosovo“.[1]
Deutsche
Führung
Der
bisherigen Tätigkeit deutscher bzw. europäischer Kräfte im Kosovo
stellt die Studie des IEP ein miserables Zeugnis aus. Dies betrifft
insbesondere die Sicherheitslage. Zwar blieben umfassende Pogrome
derzeit aus, weil das „taktische Kalkül“ der kosovarischen
Clanchefs dem entgegenstehe, heißt es in dem Papier: Pristina wolle
alles vermeiden, was die Sezession verzögern könne. Doch dauere die
Gewalt gegen ethnische Minderheiten „unterhalb der internationalen
Wahrnehmungsschwelle“ unvermindert an. „Das hinter den Angriffen
sichtbar werdende terroristische Kalkül (...) kommt einer langfristig
angelegten ethnischen Säuberung gleich, die auf dem Prinzip der Einschüchterung
aufbaut“, heißt es weiter. Zudem komme es „zu einer teils
systematisch anmutenden Gängelung von Nicht-Albanern seitens öffentlicher
kosovarischer Behörden und Ämter“. Dies müsse „angesichts der
siebenjährigen KFOR-Präsenz sowie der weltweit unvergleichbar hohen
internationalen Hilfen als überaus ernüchternd betrachtet werden“ -
umso mehr, als „mittlerweile nahezu alle Führungsfunktionen auf dem
Balkan mit deutschen Staatsbürgern besetzt sind“.
Blutrache
Ein
desaströses Bild zeichnet die Studie auch von der sozialen Lage im
Kosovo. Demnach leben rund 37 Prozent der Bevölkerung unterhalb der
Armutsgrenze, 15 Prozent sogar in extremer Armut. Von rund einer Million
erwerbsfähigen Kosovaren gehen nicht einmal 340.000 einer regelmäßigen
Beschäftigung nach; von diesen jedoch betreibt fast die Hälfte
(145.000) landwirtschaftliche Subsistenzarbeit. Die Analphabetenquote
liegt bei rund 20 Prozent, weniger als zehn Prozent der Bevölkerung
besitzen „mehr als den minimalen Schulabschluss“. „Historischer
Hintergrund“, heißt es in der Studie, „ist neben der traditionellen
Gesellschaftsstruktur auch ein in den achtziger Jahren ausgerufener
Boykott 'serbischer' Schulen im Kosovo seitens des damaligen“ - vom
Westen verhätschelten - „'Präsidenten' Ibrahim Rugova.“
Streitigkeiten werden nach wie vor häufig durch tradiertes
Gewohnheitsrecht („Kanun“) beigelegt. „Der Kanun schreibt dabei
nicht nur die Vorherrschaft des Mannes fest, sondern baut darüber
hinaus auf einem gewaltlegitimierenden Ehrkonzept auf, welches die
Begriffe Besa (Ehre) und Gjakmaria (Blutrache) in den Mittelpunkt eines
pseudojuristischen Ordnungssystems stellt“, berichtet das IEP.
Pilze,
Altmetall, Holz
Auch
die wirtschaftliche Lage im Kosovo ist der Studie zufolge katastrophal.
Das Handelsbilanzdefizit erreicht extreme Werte („Import-/Export-Verhältnis:
27:1“), die „wenigen kosovarischen Handelswaren“ („Pilze,
Altmetall und Holz“) werden überwiegend über Serbien umgeschlagen.
Die Schließung der Grenze nach der Sezession wird die Ausfuhren gänzlich
zum Erliegen bringen. Ausländische Investitionen sind gegenwärtig
„angesichts der grassierenden Korruption, der teilweise offenen
Schutzgelderpressung sowie der breiten Übernahme staatlicher
Kontrollfunktionen seitens krimineller Akteure“ nicht zu erwarten, heißt
es in der Analyse. Für industrielle Tätigkeiten fehlt ohnehin die nötige
Infrastruktur. So ist etwa „zu konstatieren, dass es die
internationale Gemeinschaft (...) nicht vermocht hat, wenigstens die
Grundversorgung mit Strom sicherzustellen“. Lange andauernde Stromausfälle
hatten „in vergangenen Winterperioden sogar in einigen Gebieten
Erfrierungstote zur Folge“. „Eine unmittelbare Verantwortung für
dieses Versagen“, heißt es weiter, „trägt hierbei die Europäische
Union, die in der VI. UNMIK-Säule über die direkte
Verwaltungskompetenz für den Energiebereich verfügt und alle
Leitungspositionen der kosovarischen Energieagentur KEK besetzt.“
Mafiaboss
Hoffnungen,
nach der Abspaltung von Serbien könne es wirtschaftlich bergauf gehen,
halten die Autoren der Studie für verfehlt. Allenfalls sei mit einem
kurzen „Strohfeuer“ zu rechnen, das nicht länger als ein oder zwei
Jahre andauern werde. Die anschließende Ernüchterung könne durchaus
„zu schweren Unruhen, wenn nicht gar revolutionsähnlichen Erhebungen
führen“, heißt es weiter. Hohe Gewinne erzielt der Studie zufolge im
Kosovo lediglich die Organisierte Kriminalität: Sie operiert mit einem
Tagesumsatz von rund 1,5 Millionen Euro. Geschäftsfelder sind der
illegale Handel mit Waffen und Drogen, Geldwäsche sowie
Zwangsprostitution. „Aus früheren UCK-Strukturen (...) haben sich
unter den Augen der Internationalen Gemeinschaft mittlerweile mehrere
Multi-Millionen-Euro-Organisationen entwickelt“. An deren Spitze
stehen einflussreiche Clanführer wie die ehemaligen UCK-Anführer
Ramush Haradinaj (Ministerpräsident des Kosovo 2004/2005) und Hashim
Thaci (Sieger bei den Wahlen Mitte November und voraussichtlich nächster
Ministerpräsident). Sie genießen hohes Ansehen: „Bereits heute“,
berichtet das IEP, „stellt 'Mafiaboss' den meistgenannten Berufswunsch
von Kindern und Jugendlichen dar.“
Bodentruppen
Die
Ursache erkennt das IEP, aber auch die Stiftung Wissenschaft und Politik
(SWP) in der Kriegskooperation mit der NATO. Die - so die SWP [2] -
„mit organisierter Kriminalität aufs Engste verflochtenen politischen
Extremisten und gewalterprobten Untergrundkämpfer“ der UCK operierten
1998/99 de facto als Bodentruppen der westlichen Luftstreitkräfte - und
forderten nach Kriegsende Tribut. „Als gewählte Volksvertreter oder
neu gekürte Beamte erlangten sie unter internationaler Obhut politische
Respektabilität“, schreibt die SWP. Die westlichen Besatzungskräfte
führen die Kooperation mit ihnen bis heute fort. „Um ihre Ziele zu
erreichen, sind die internationalen Beamten auf die Zusammenarbeit mit
den tatsächlichen Führern der Kosovo-Albaner angewiesen“, heißt es
zur Erklärung.
Totale
Kontrolle
Angesichts
der bevorstehenden Übernahme der Besatzungsverwaltung in Pristina durch
die EU werden nun Forderungen laut, sich der mafiösen Strukturen im
Kosovo zu entledigen oder sie in protokollarische Respektabilität zu überführen.
Die enge Verflechtung von Organisierter Kriminalität, Clanstrukturen
und politischen Organisationen - ein Ergebnis der von Berlin forcierten
Gewaltpolitik zur Entmachtung Belgrads - lässt dieses Vorhaben geboten
erscheinen. Mit der nun bevorstehenden Sezession, schreibt das IEP,
„werden die kriminellen Akteure näher denn je ihrem Ziel der totalen
Kontrolle des Kosovo kommen“.[3]
s.
auch Neuer
Vasall, Imperiale
Vollendung, Teil
der Verwaltung, Die
Wiederauferstehung Jugoslawiens, Die
Herren des Rechts, Paketlösung,
Abmontiert,
Sieger
im Kalten Krieg, Selbstbestimmung,
Die
zweite Welle, Dayton
II, Mit
kreativen Tricks, Angelpunkt,
Countdown
und Kooperationsraum
[1]
Operationalisierung von Security Sector Reform (SSR) auf dem Westlichen
Balkan; Institut für Europäische Politik 09.01.2007
[2] Die Balkan-Mafia; Diskussionspapier der Stiftung Wissenschaft und
Politik 09.12.2007
[3] Operationalisierung von Security Sector Reform (SSR) auf dem
Westlichen Balkan; Institut für Europäische Politik 09.01.2007 |