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Kosovo-Anerkennung
durch die Berliner Regierung
Wankendes
Gefüge
Quelle:
german-foreign-policy
vom 21.02.2008
BERLIN/PRISTINA
(Eigener
Bericht) - Mit der gestrigen Anerkennung des illegalen Sezessionsregimes
in Pristina setzt Berlin seine Serie flagranter Völkerrechtsbrüche
gegenüber Serbien fort. Man bereite die „Aufnahme diplomatischer
Beziehungen“ zur „Republik Kosovo“ vor, teilt ein Sprecher der
Bundesregierung mit. Damit verstößt Deutschland erneut gegen die
UNO-Charta und setzt das Prinzip der Unverletzlichkeit der Grenzen in
Europa endgültig außer Kraft. Separatisten in mehreren EU-Staaten,
aber auch im Kaukasus und in Kanada kündigen an, den kosovarischen Präzedenzfall
zur Durchsetzung ihres Abspaltungsverlangens zu nutzen. Gegen
Demonstranten, die die rechtswidrige Abtrennung des Kosovo von den übrigen
serbischen Landesteilen nicht akzeptieren wollen, schreiten inzwischen
NATO-Truppen ein - im Auftrag des deutschen Protektoratsverwalters im
Kosovo, Joachim Rücker. Rücker handelt offiziell im Namen der UNO,
deren Charta die Sezession eigentlich verbietet, deren Generalsekretär
jedoch trotz der tiefen Spaltung des Sicherheitsrates die Aggression
gegen Belgrad toleriert. Das beispiellose Vorgehen Berlins sowie
weiterer westlicher Staaten bringt das nach dem Zweiten Weltkrieg zwecks
globalen Machtabgleichs geschaffene UNO-Gefüge ins Wanken.
Wie
ein Sprecher der Bundesregierung mitteilt, hat Berlin am gestrigen
Mittwoch die Anerkennung der selbsternannten „Republik Kosovo“ sowie
die Aufnahme diplomatischer Beziehungen eingeleitet. Demnach erfolgt die
Anerkennung durch ein Schreiben des Bundespräsidenten, das per Kurier
nach Pristina gebracht und dort dem „Präsidenten“ des
Sezessionsregimes übergeben wird. Dies wird voraussichtlich am heutigen
Donnerstag oder am morgigen Freitag geschehen. Eine Kopie ist dem „Präsidenten“
als Vorab-Fax bereits über die deutsche Vertretung in Pristina
zugeleitet worden. Die Vertretung firmiert derzeit noch gemäß
internationalem Recht als „Deutsches Verbindungsbüro Kosovo“, wird
aber in den nächsten Tagen zu einer „Botschaft“ aufgewertet.
Diktatorisch
Mit
jedem dieser Schritte setzt Berlin seine Serie flagranter Völkerrechtsverstöße
gegenüber Serbien bzw. dessen Vorgänger Jugoslawien fort. Bereits mit
dem Krieg gegen Belgrad im Frühjahr 1999 hatte die Bundesregierung
internationale Normen gebrochen. Der Beschluss vom vergangenen Samstag,
an einer jeder juristischen Grundlage entbehrenden Polizei- und
Justizintervention der EU im Kosovo teilzunehmen, war ein erneuter
illegaler Willkürakt.[1] Bereits jetzt steht nach Anerkennung und
Aufnahme diplomatischer Beziehungen der nächste Gesetzesbruch fest.
Noch im Februar soll die EU ihren „Sonderbeauftragten“ für das
Kosovo, Pieter Feith, als neuen Protektoratsverwalter installieren. Weil
nicht nur die UNO, sondern auch alle anderen halbwegs legitimationsfähigen
internationalen Zusammenschlüsse (OSZE, Europarat) tief gespalten sind,
wird ein Willkürbündnis nach dem Modell der anti-irakischen
Kriegskoalition („Koalition der Willigen“) den EU-Protektor
einsetzen. Trotz des Fehlens jeglicher demokratischen Legitimation wird
er diktatorische Vollmachten erhalten: Nach aktuellem Planungsstand kann
er Beschlüsse der „Regierung“ in Pristina ebenso ohne nähere Begründung
aufheben wie Entscheidungen des kosovarischen Parlaments.
Gesetzwidrig
Bereits
der jetzt amtierende deutsche Protektoratsverwalter Joachim Rücker, der
seine Legitimation über die UNO bezieht, zeichnet sich durch großzügigen
Umgang mit internationalem Recht aus. Dies betrifft nicht nur seine
anhaltende Unterstützung für kosovarische Separatisten (darunter
Milizionäre, die zahlreicher Kriegsverbrechen bezichtigt werden [2]) -
damit half er die illegale Sezession vorzubereiten -, sondern auch den
gesetzwidrigen Verkauf serbischen Staatseigentums an ausländische
Investoren [3]. Tatsächlich hätte Rücker schon deswegen längst zur
Rechenschaft gezogen werden müssen. Am gestrigen Mittwoch hat der
Deutsche die Verwaltungsgrenze zur serbischen Südprovinz Kosovo durch
NATO-Truppen schließen lassen. Die Handlung richtete sich gegen
Demonstranten, die die illegale Hochrüstung der Verwaltungsgrenze zur
Staatsgrenze nicht hinzunehmen bereit sind. An diesem Donnerstag wird Rücker
weitere Absprachen mit dem deutschen Verteidigungsminister Franz-Josef
Jung treffen, der als erstes Mitglied der Bundesregierung nach der
Sezessionserklärung in Pristina eingetroffen ist.
Präzedenzfall
Die
Anerkennung der Sezession durch Deutschland und weitere westliche
Staaten inspiriert Separatisten in zahlreichen Ländern weltweit. Ein
katalanischer Sezessionist etwa erklärt sie zu einem „höchst
wichtigen Präzedenzfall“: „Sie zeigt, dass man es akzeptieren muss,
wenn Menschen nach staatlicher Unabhängigkeit verlangen.“[4] Ähnlich
äußern sich baskische Separatisten. Gleiches Recht in Anspruch nehmen
wollen auch Abspaltungsbewegungen in Georgien (Abchasien, Süd-Ossetien),
Aserbaidschan (Nagornyi-Karabach), Russland (Tschetschenien) und
Moldawien (Transnistrien), aber auch in Frankreich (Korsika) und in Großbritannien
(Schottland). Selbst beim Parti Quebecois in Kanada heißt es: „Die
Unabhängigkeit des Kosovo zeigt uns, dass der Wille eines Volkes, unabhängig
zu werden, von Staaten auf der ganzen Welt anerkannt werden kann - auch
gegen die Opposition des Landes, das man verlässt“.[5] Nicht zuletzt
in den an Serbien grenzenden Ländern kündigen sich neue
Sezessionsunruhen an. „Hochrangige Vertreter der Albaner in Makedonien
haben darauf hingewiesen, dass die Teilung des Kosovos auch für sie
Anlass sein werde, zu überprüfen, ob ihre Volksgruppe im makedonischen
Staat verbleiben möchte“, schreibt die Berliner Stiftung Wissenschaft
und Politik (SWP).[6]
Neokolonial
Die
SWP, die bislang eher nicht mit pointierter Kritik an der
Bundesregierung hervorgetreten ist, stellt dem Kosovo selbst eine düstere
Zukunft in Aussicht. „Schon bisher haben Beamte und andere Abgesandte
aus EU-Staaten zusammen mit Vertretern der USA den Kern der UNMIK
gebildet“, schreibt die Stiftung in einer kürzlich veröffentlichten
Analyse: „Trotzdem befindet sich die Provinz ökonomisch, politisch
und sozial in einem desolaten Zustand“.[7] Aussicht auf wirkliche
Besserung besteht demnach auch nach Installierung eines EU-Verwalters
mit quasi-diktatorischen Vollmachten nicht. „Darüber hinaus stellt
sich schon seit langem die grundsätzliche Frage, ob sich überhaupt
vermeiden lässt, dass die internationale Verwaltung neokolonialen
Verhaltensmustern anheimfällt“, urteilt die SWP. Sie hält zukünftige
kosovarische Unruhen gegenüber den Protektoratsmächten für
wahrscheinlich: „Die Frustration der Kosovo-Albaner über die nach
ihrer Überzeugung von den 'internationalen Kolonisatoren' vorenthaltene
Selbstbestimmung“ könne angesichts der Entwicklung vor Ort „nur
zunehmen“.
Völkerbund
Den
größten Schaden bei der Errichtung der neokolonialen westlichen
Herrschaft über Südosteuropa trägt jedoch das nach dem Zweiten
Weltkrieg zwecks globalen Machtabgleiches geschaffene UNO-Gefüge davon.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, hat sich in
der Auseinandersetzung offen auf die Seite des Westens geschlagen und
weigert sich, den Bruch der UNO-Charta durch die Sezession des Kosovo zu
untersagen. Vielmehr toleriert er die Entmachtung der UNMIK und die
nicht legitimierte Übertragung der Kontrollgewalt in Pristina an die
EU. Die UNO erweist sich damit als Beute der westlichen Staaten, die
trotz schwerwiegender Verstöße gegen ihre eigenen Grundlagen Partei für
Berlin und Washington ergreift. Sie wäre nicht die erste Organisation,
die gegründet wurde, um eine ungezügelte Eskalation der weltweiten Mächtekonkurrenz
zu verhindern, und anschließend in ebendieser Mächtekonkurrenz
unterging.
Weitere
Informationen zur deutschen Kosovo-Politik finden Sie hier: Neuer
Vasall, Imperiale
Vollendung, Teil
der Verwaltung, Die
Wiederauferstehung Jugoslawiens, Die
Herren des Rechts, Paketlösung,
Abmontiert,
Sieger
im Kalten Krieg, Selbstbestimmung,
Die
zweite Welle, Dayton
II, Mit
kreativen Tricks, Angelpunkt,
Countdown,
Kooperationsraum,
Aufs
engste verflochten, Politische
Freundschaften und Heldenfigur.
[1]
s. dazu „Danke,
Deutschland!“
[2]
s. dazu Politische
Freundschaften und Heldenfigur
[3]
s. dazu Neuer
Vasall und Abmontiert
[4]
Vascos y catalanes aprueban decisión de Kosovo frente a oposición de
Madrid; AFP 18.02.2008
[5]
Kosovo and
Quebec
have nothing in common, says Dion; Canwest News Service 18.02.2008
[6],
[7] Bedrohliche Weiterung der Kosovo-Krise; SWP-Aktuell 4, Januar 2008 |