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Zur
Aufrechterhaltung der
neokolonialen Herrschaft:
EU-Kriegsvorbereitungen
gegen die Ärmsten der Welt |
Internationaler
Klassenkrieg
BERLIN/BRUXELLES/PARIS
german-foreign-policy
vom 04.09.2009 – Die
Europäische Union plant eine Ausweitung militärischer Sperr- und
Kampfoperationen zur Abschottung Europas gegen Armutsflüchtlinge aus
dem Süden. Dies geht aus einer aktuellen Studie des offiziellen außen-
und sicherheitspolitischen Think-Tanks der EU („EU Institute for
Security Studies“, EUISS) hervor. Demnach müsse zur Stabilisierung
der „globalen Klassengesellschaft“ das „gesamte Spektrum hoch
intensiver Kampfmaßnahmen“ zur Anwendung kommen. Die dazu nötigen
Aufrüstungsmaßnahmen beschreibt der deutsche Leiter der
EU-Verteidigungsagentur: Aufbau einer Helikopterflotte zur Aufstandsbekämpfung
in den Entwicklungsländern, neue Schritte zur totalen Überwachung der
Weltmeere, Einsatz von unbemannten Kampfflugzeugen („Drohnen“). Wie
es beim EUISS heißt, erhält bei der Umsetzung des Rüstungsprogramms
die Bereitstellung zivilen Know-hows für militärische Anwendungen
einen zentralen Stellenwert.
Die
untere Milliarde
Wie
das „Institute for Security Studies“ der EU (EUISS) in einer
aktuellen Studie schreibt, würden die Kriege der Zukunft nicht mehr
zwischen Staaten geführt, sondern zwischen „ungleichen sozioökonomischen
Klassen der Weltgesellschaft“ („unequal global socioeconomic classes
of society“). Auf der einen Seite dieser „hierarchischen
Klassengesellschaft“ („hierarchical class society“) stehe dabei
eine metropolitane „Elite“, die sich aus transnational operierenden
Konzernen, den Staaten der OECD und den aufstrebenden Wirtschaftsmächten
Indien, China und Brasilien zusammensetze. Diese werde von Seiten der
weltweiten Armutsbevölkerung mit „zunehmend explosiven Spannungen“
(„increasingly explosive tensions“) konfrontiert, heißt es. Um
einen Zusammenbruch des globalen Wirtschaftssystems („global systemic
collapse“) zu vermeiden, fordert das Institut, gegen die „untere
Milliarde“ der Menschheit („bottom billion“) das „gesamte
Spektrum hoch intensiver Kampfmaßnahmen“ („full spectrum of high
intensity combat“) in Anschlag zu bringen.[1]
Sperroperationen
Als
„zentrale militärische Aufgabe“ („major military task“)
beschreibt das EUISS die Abwehr von Elendsflüchtlingen aus den Ländern
des Südens. Groß angelegte „Sperroperationen“ („barrier
operations“) müssten den reichen Teil der Welt vor den „Spannungen
und Problemen der Armen schützen“, heißt es („shielding the global
rich from the tensions and problems of the poor“). Laut EUISS ist
davon auszugehen, dass der Anteil der von Armut und Perspektivlosigkeit
betroffenen Menschen an der Weltbevölkerung weiter zunehmen wird. Daher
sei es unumgänglich, das bereits außerordentlich rigide Regime an den
Außengrenzen der EU drastisch zu verschärfen („strengthen our
barriers“).[2]
Universelle
Schätze
Das
EUISS setzt die Abwehr von Armutsflüchtlingen in direkte Beziehung zum
globalen ökologischen Krisenmanagement. So könnten durch den
Klimawandel verursachte Naturkatastrophen zu plötzlichen Migrationsströmen
in die EU führen („sudden refugee or migration flows within the
EU“), die mit Hilfe des Militärs gesteuert werden müssten. Darüber
hinaus sollten die reichen Länder des Nordens natürliche Ressourcen
wie tropische Regenwälder oder Fischgründe in den südlichen
Armutszonen militärisch gegen unerwünschten Zugriff absichern, fordert
das Institut: Es handele sich dabei um „universelle Schätze“
(„universal treasures“), die der Verfügungsgewalt einzelner Staaten
zu entziehen seien („overriding sovereign considerations“).[3]
Rüstungsprogramm
Die
für die projektierte globale Interventionsstrategie notwendigen rüstungstechnischen
Erfordernisse beschreibt in der vorliegenden EUISS-Studie der Deutsche
Alexander Weis. Weis leitet seit 2007 die „Europäische
Verteidigungsagentur“ der EU („European Defence Agency“, EDA);
zuvor hatte er die „Hauptabteilung Rüstung“ im
Bundesverteidigungsministerium geführt. Seiner Auffassung nach stehen
zahlreiche „konkrete Arbeiten“ („concrete work“) bei der
Entwicklung von Waffensystemen an. Vorrangig sei der Aufbau einer
Helikopterflotte zur Aufstandsbekämpfung in den Entwicklungsländern.
Zwar verfügten die Staaten der EU über insgesamt 1.700
Kampfhubschrauber; allerdings seien diese oft nicht für den Einsatz über
„anspruchsvollem Gelände“ („demanding environments“) – Wüsten
oder Gebirgszüge – geeignet. Weiteren Nachholbedarf sieht Weis auf
dem Gebiet des Lufttransports zur Verlegung von Truppen und
Kriegsmaterial in die EU-Interventionsgebiete („Air Transport“) und
bei der Überwachung der Weltmeere („Maritime Surveillance“). Um die
eigenen Streitkräfte zu schonen und hohe Verluste unter den Soldaten zu
vermeiden, sollen bei den Interventionskriegen der Zukunft nach Weis'
Vorstellungen außerdem vermehrt unbemannte Kampfflugzeuge („Unmanned
Air Vehicles“), sogenannte Drohnen, zum Einsatz kommen.[4]
Dual
Use
Besonderen
Wert legt Weis auf den Ausbau von weltraumgestützten Spionagesystemen
(„Space-based Earth Surveillance“). Daher sei die „zivil-militärische“
Kooperation mit der „Europäischen Weltraumagentur“ („European
Space Agency“, ESA) zu forcieren. Dies habe jedoch nichts mit der
„Militarisierung ziviler Projekte“ zu tun („nothing to do with 'militarising'
civilian projects“), behauptet Weis: Vielmehr müsse der „dual use“,
die Verwendung bestimmter Technologien für zivile wie militärische
Zwecke, verstärkt werden, um zu verhindern, dass „Geld zweifach
ausgegeben wird“ („preventing that the money has to be spent twice“).[5]
Strategische
Position
Das
EUISS, in dessen Auftrag Weis zu seinen Erkenntnissen gelangt, wurde
Anfang 2002 in Paris gegründet und arbeitet nach eigener Aussage als
„autonome Agentur“ („autonomous agency“) an Plänen für die
„Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ („European
Security and Defence Policy“, ESDP).[6] Deutschland hat innerhalb des
Instituts eine strategische Position besetzt: Die Politologin und
Osteuropa-Expertin Sabine Fischer, vormalige Mitarbeiterin der
„Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung“, untersucht
hier die Beziehungen zu Russland. Moskau wird beim EUISS zugleich als
Gegner und als möglicher Partner im projektierten internationalen
Klassenkrieg betrachtet.[7]
Unsere
Rezension der EUISS-Studie finden Sie hier.
[1],
[2], [3] Tomas Ries: The globalising security environment and the EU.
In: EU Institute for Security Studies (Hg): What ambitions for European
defence in 2020? Paris 2009
[4], [5] Alexander Weis: Improving capabilities for ESDP's future needs.
In: EU Institute for Security Studies (Hg): What ambitions for European
defence in 2020? Paris 2009
[6] About us; www.iss.europa.eu
[7] s. auch Bär
und Drache und Metamorphosen |