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Teil II: Kampf um die
Reichtümer des Landes und die Dominanz über den gesamten Kontinent
Der
neue Krieg der NATO wird von der überwiegenden Mehrheit der Staaten in
der Welt abgelehnt. Die meisten Menschen in Afrika, Asien und
Lateinamerika sind überzeugt, daß er nicht zum Schutz der Zivilbevölkerung
geführt wird, sondern für den unmittelbaren Zugriff auf die libyschen
Öl- und Gasvorräte. In Europa herrscht jedoch bei der Einschätzung
der Ziele des neuen NATO-Krieges auch bei Linken häufig Konfusion.
Viele bezweifeln, daß hinter der Intervention ökonomische und
strategische Motive stehen könnten.
Die
Tatsache, »daß Ghaddafi Libyen in den Weltmarkt und den neoliberalen
Kapitalismus integriert« habe und »von einem Feind des Westens zu
einem der verläßlichsten Partner in der Region geworden« sei,
schreibt z.B. Ingar Solty in der Zeitschrift Sozialismus, schließe »die
Möglichkeit aus, daß es beim Krieg gegen Libyen um dessen »Einreihung
in den globalen Kapitalismus« gehe.[9]
Hinter
dieser Einschätzung steht ein sehr oberflächlicher Blick auf die
Entwicklungen in Libyen. Er ignoriert zum einen die massiven Zwänge,
denen Libyen durch die UN-Sanktionen und die Kriegsdrohungen aus
Washington ausgesetzt war, und überschätzt die Zugeständnisse an den
Westen. Zwar sind alle großen Ölfirmen wieder im Land, doch zu sehr
restriktiven Bedingungen. Das libysche Engagement für die afrikanische
Einheit und Unabhängigkeit steht den Bemühungen der USA und der alten
Kolonialmächte diametral entgegen, ihren Einfluß auszuweiten.
Riesige Ölvorkommen
Mit
46,6 Milliarden Barrel (ein Barrel sind 159 Liter) verfügt Libyen über
die größten nachgewiesenen Ölreserven Afrikas und steht weltweit auf
Platz acht. Da bisher nur ein Viertel der weiten Flächen des Landes auf
Kohlenwasserstoffvorkommen untersucht wurden, sind die Vorkommen
vermutlich noch wesentlich größer.
Nur
ein Fünftel der bekannten Vorkommen wurde bisher erschlossen, Libyen
liegt daher mit einer Fördermenge von etwa 1,7 Millionen Barrel Rohöl
am Tag (bpd) hinter Angola und Nigeria. Um seine Reserven nicht zu
verschleudern, fördert das Land nur halb so viel wie bis 1969 unter der
Monarchie, als die großen westlichen Konzerne die Ölpolitik des Landes
bestimmten. Nur in zwei Ländern sieht die Ölbranche das Potential, die
Produktion in absehbarer Zeit verdoppeln zu können – in Libyen und im
Irak. Libyen plant jedoch lediglich eine Steigerung auf 2,3 Million bpd.
Aus Sicht der Ölmultis liegt allein hier schon ein erhebliches,
brachliegendes Potential.
Nach
dem Sturz des von den USA und den Briten eingesetzten Königs Idris im
Jahr 1969 waren nach und nach die meisten ausländischen Unternehmen
verdrängt und die Ölproduktion in die Hände der staatlichen Libyschen
Nationalen Ölgesellschaft LNOC überführt worden. Dies war besonders für
US-amerikanische Konzerne, die bis dahin 87,5 Prozent der Ölproduktion
in ihren Händen hielten, ein herber Verlust. Libyen entwickelte sich
bald zum Vorreiter der OPEC-Staaten und setzte als erstes Land höhere
Preise für sein Öl durch. Innerhalb von zehn Jahren verfünffachten
sich nun die Staatseinnahmen. Mit diesen Einnahmen konnte der Staat
seinen Bürgern einen relativ hohen Lebensstandard verschaffen, den höchsten
Afrikas. Sozialistische Ideen spielten bei allen damaligen Revolutionen
eine wichtige Rolle. Libyen setzte sie jedoch wesentlich gründlicher um
als andere Länder der Region. Gesundheit und Bildung sind seitdem
kostenlos, wichtige Güter und Dienstleistungen werden subventioniert,
Alte, Witwen und Waisen erhalten eine Rente, Arbeitslose finanzielle
Unterstützung u.v.m.
Es
gelang jedoch nicht, Libyens Abhängigkeit vom Erdölexport zu
verringern. Niedrige Rohölpreise und die gegen das Land verhängten
Sanktionen brachten die Wirtschaft in den 1990er Jahren an den Rand des
Ruins. Das Bruttoinlandsprodukt hatte sich am Ende fast halbiert,
jegliche Modernisierung der Infrastruktur war blockiert. Die libysche Führung
suchte daher nun einen Ausgleich mit dem Westen und machte dabei
erhebliche Konzessionen. U.a. lieferte sie 1999 zwei Offiziere an Großbritannien
aus, die für den Bombenanschlag auf ein Verkehrsflugzeug über dem
schottischen Lockerbie verantwortlich gemacht wurden, obwohl die Beweise
dafür äußerst zweifelhaft waren.
Die
UN-Sanktionen wurden daraufhin ab 1999 sukzessive gelockert und 2004
vollständig aufgehoben. Im Gegenzug öffnete Libyen seine Öl- und
Gasindustrie für ausländische Unternehmen. Mittlerweile sind wieder
alle großen US-amerikanischen und europäischen Konzerne der Branche im
Land aktiv.
»Knebelverträge« für Konzerne
Die
Bedingungen im nordafrikanischen Land sind für ausländische Firmen
jedoch sehr rauh. Seit August 2004 werden die Öl- und Gasgeschäfte
nach dem neuen sogenannten EPSA-4-System abgeschlossen (EPSA:
Exploration and Production Sharing Agreement). Das Vergabeverfahren für
die neuen Beteiligungsabkommen wird zwar als sehr transparent gelobt –
den Zuschlag erhält derjenige, der sich mit dem geringsten Anteil am
geförderten Öl bzw. Gas zufriedengibt –, für westliche Manager wie
Bob Fryklund vom US-Multi ConocoPhillips enthalten die Abkommen jedoch
die strengsten Konditionen der Welt. Westliche Medien sprechen sogar von
»Knebelverträgen«.[10]
Geschäfte
sind nach diesem System grundsätzlich nur in Partnerschaft mit LNOC
oder anderen staatlichen Unternehmen möglich, die dabei stets die
Mehrheitsanteile (meist 60 Prozent und mehr) und somit die Kontrolle
behalten. Schon für den Abschluß eines Vertrages sind hohe
Zeichnungsgebühren zu entrichten. Bei der zweiten, 2005 durchgeführten
Bieterrunde mußten die Interessenten z.B. jeweils 133 Millionen Dollar
allein für den Vertragsabschluß hinblättern und Investitionen in Höhe
mehrerer hundert Millionen Dollar für Explorationen zusichern. Die
Konzerne, die den Zuschlag erhalten, tragen anschließend den größten
Teil der Entwicklungskosten eines Ölfelds, die LNOC bleibt jedoch
alleinige Eigentümerin.
Generell
ist der Anteil der Produktion, den ausländische Firmen für sich
behalten können, mit durchschnittlich elf Prozent recht bescheiden.
Doch dafür ist das Öl von bester Qualität und liegt sehr nahe bei den
europäischen Abnehmern, an die rund 70 Prozent der libyschen Exporte
gehen. Der Anteil libyschen Erdöls am Verbrauch der EU-Staaten liegt
mittlerweile bei zehn Prozent, in Deutschland sind es sechs Prozent.
Innerhalb
von drei Jahren führte die LNOC vier Bieterrunden durch und vergab
dabei 52 Verträge an knapp drei Dutzend Gesellschaften aus 20 Ländern.
Nicht nur die großen US-Konzerne zogen wieder in Libyen ein, sondern
weit mehr noch russische, chinesische und andere asiatische Firmen. Die
ergiebigsten Ölfelder blieben zum großen Ärger der Multis weiterhin
ausschließlich der LNOC und ihren Töchtern vorbehalten.
Die
Hoffnungen, daß Ausländern auch noch diese Filetstücke zugänglich
gemacht werden, erfüllten sich nicht. Nach der vierten Vergaberunde
entschied die LNOC, vorerst keine neue durchzuführen, sondern statt
dessen die bestehenden Verträge nachzuverhandeln und dabei die älteren
dem strengeren EPSA-4-Standard anzupassen – für die Ölfirmen waren
dies schwere finanzielle Rückschläge.
Petro-Canada
mußte z.B. für die Umstellung aller Verträge eine Abschlußgebühr
von einer Milliarde Dollar bezahlen sowie Investitionen in Höhe von
knapp vier Milliarden Dollar für die Erneuerung alter und die
Erforschung neuer Öl- und Gasvorkommen bereitstellen. Gleichzeitig mußten
die Kanadier die Reduktion ihres Anteils am Output auf zwölf Prozent
akzeptieren. Anderen Firmen erging es nicht besser.
Die
großen Konzerne versuchten sich natürlich dagegen zu wehren. Letztlich
hatten sie jedoch wenig in der Hand. Da sie bereits erhebliche Summen in
die Erkundung gesteckt hatten, kam ein Ausstieg nicht mehr in Frage. Die
LNOC drohte zudem damit, die weitere Entwicklung der Ölförderung zukünftig
auch allein durchzuführen.
Für
weiteren Unmut sorgten vor zwei Jahren öffentliche Überlegungen
Ghaddafis, angesichts sinkender Mineralölpreise einige Einrichtungen
internationaler Ölkonzerne wieder zu verstaatlichen. Auch die
Mitteilung der LNOC an die im Land aktiven US-Konzerne im März letzten
Jahres, Washingtons erneut unfreundliche Politik könne negative
Auswirkungen auf ihre Geschäfte im Lande haben, verunsicherte die
Branche, deren Investitionsvolumen in Libyen mittlerweile auf über 50
Milliarden Dollar geschätzt wird.
Liberalisierung vs. Libyenisierung
Zur
gleichen Zeit kamen aus Tripolis aber auch andere Töne. Führende Kader
aus dem »Ausschuß für Privatisierung und Investitionen« kündigten
z.B. gleichfalls im März 2010 an, bis 2020 die Hälfte aller
Staatsbetriebe in die Hände privater Investoren übergeben zu wollen.
In
der libyschen Führung herrschen offensichtlich zwei Tendenzen vor: Die
eine setzte auf eine stärkere Privatisierung und wollte mit besseren
Konditionen für westliche Konzerne und Banken mehr ausländisches
Kapital anlocken. Die andere wollte die Kontrolle über die Ressourcen
des Landes behalten und propagierte eine stärkere »Libyenisierung«
der Ölproduktion.[11] Letztere behielt, gestützt auf die Stimmung in
der Bevölkerung, meist die Oberhand.
Trotz
vollmundiger Ankündigungen umfassender Privatisierungspläne, mit denen
große Erwartungen in der westlichen Geschäftswelt geweckt wurden, ist
außerhalb des Öl- und Gassektors nicht viel passiert. 2000 hatte die
libysche Führung zwar angekündigt, daß der Staat sich aus der
Industrieproduktion zurückziehen wolle und im November 2003 auch eine
Liste der ersten 360 Privatisierungskandidaten veröffentlicht. Die sich
infolge steigender Ölpreise rasch entspannende Finanzlage des Landes
nahm dem Verkauf von Staatsbetrieben jedoch jegliche Dringlichkeit. Bis
2010 waren erst 110 Staatsbetriebe tatsächlich privatisiert worden.[12]
Zum größten Teil waren es kleinere Firmen, die an libysche Unternehmen
oder Tascharukiayyas (Genossenschaften) verkauft wurden.
Selbstverständlich
machten ausländische Konzerne blendende Geschäfte im Land, das nach
langen Embargojahren einen großen Nachholbedarf hatte und in großem
Stil Infrastrukturprojekte vorantrieb. Siemens z.B. setzte in den
letzten Jahren mehrere hundert Millionen Euro mit Schaltanlagen und
Gasturbinen sowie Steuerungssystemen, Pumpen, Motoren und Antrieben für
das Wasserversorgungsprojekt »Great-Man-Made-River« um. Allein im
Geschäftsjahr 2010 betrug der Umsatz mit libyschen Kunden 159 Millionen
Euro. Ein Einstieg in libysche Firmen und Banken blieb ausländischem
Kapital jedoch weitgehend verwehrt.
Wirksamer
Widerstand gegen die Privatisierungspläne kam jedoch nicht allein von
alten Kadern in der Regierung und Verwaltung, sondern aus der gesamten
Gesellschaft. Bereits im September 2000 erschien in Al-Zahf Al-Akhdar,
einer Zeitschrift, die als Sprachrohr der Basisvolkskongresse angesehen
wird, ein Bericht, in dem die wachsende Geschäftstätigkeit ausländischer
Firmen im Land scharf kritisiert und als Gefahr für die libysche
Gesellschaft dargestellt wurde. Die öffentliche Kritik an der
Liberalisierungspolitik verschärfte sich 2005, als einige Subventionen
abgebaut und Importzölle abgeschafft wurden. Der reformorientierte
Ministerpräsident Schukri Ghanem wurde daraufhin abgesetzt und mußte
sich mit dem Chefposten der LNOC begnügen. Die Ölmultis wurden nun
angewiesen, alle Jobs, für die keine speziellen Kenntnisse nötig sind,
an Libyer zu vergeben, und zwar zu denselben Bedingungen wie für ausländische
Angestellten. Zusätzlich wurden sie gesetzlich zu deren Weiterbildung
verpflichtet.
Eine
klare Absage erhielten die Pläne einer Liberalisierung der Wirtschaft
und des Abbaus von Subventionen schließlich auch, wie FAZ-Korrespondent
Christoph Ehrhardt aus Tripolis berichtete, von den Basisvolkskongressen
bei deren Sitzungen im Februar 2009.[13]
Die
Befürworter neoliberaler Reformen waren zunehmend frustriert. Ihre
entschiedensten Verfechter, wie Mahmud Dschibril und Ali Al-Issawi,
sitzen nun in den führenden Positionen der Gegenregierung. Die Mehrheit
der Bevölkerung repräsentieren sie jedoch offensichtlich nicht. Ähnlich
wie 1999 gegen Serbien dienen der Krieg, die Sanktionen und die immer
umfassendere Zerstörung der Infrastruktur daher auch dazu, deren
Widerstand zu brechen.
Lukrativ: Banken und Wasser
Im
Visier westlicher Banken und Konzerne liegt dabei nicht nur die
Petrolindustrie. Aufgrund seiner außerordentlich hohen Liquidität
streben sie z.B. auch schon lange einen Einstieg in den libyschen
Banksektor an. Während führende Ökonomien der Welt mit riesigen
Defiziten zu kämpfen haben, die ihre Währung schwächen und ihnen die
Neuaufnahme von Krediten erschweren, monierte der Internationale Währungsfonds
(IWF) in seinem Jahresbericht 2010 zu Libyen, das Land sitze auf einem
Überschuß von 150 Milliarden Dollar.
Hier
ist Abhilfe schon in Sicht. Gleich nach Verabschiedung der UN-Resolution
1973 gründete der Übergangsrat in Bengasi parallel zu einer neuen »Libyschen
Ölgesellschaft« auch die neue »Zentrale Bank von Libyen«. So wie die
neue Ölgesellschaft dazu bestimmt ist, der staatlichen LNOC die Geschäfte
in den vom Übergangsrat kontrollierten Gebieten zu entreißen, soll die
neue Finanzinstitution offenbar, wie Äußerungen westlicher Politiker
nahelegen, das eingefrorene Auslandsvermögen des Landes übernehmen.
Während
die libysche Zentralbank zum Ärger der westlichen Finanzwelt völlig
unabhängig von ausländischen Banken und dem Internationalen Währungsfonds
ist, wird die neue von Anfang an unter den Fittichen europäischer Großbanken
stehen. Vertreter des britischen Bankgiganten HSBC, der den größten
Anteil am libyschen Auslandsvermögen verwaltet, eilten als erste nach
Bengasi, um den Aufbau der Rebellenbank zu betreuen. Die italienische
Großbank UniCredit, die Nummer zwei in Europa, folgte auf dem Fuße.
Ihr Vizepräsident ist der bisherige Chef der libyschen Zentralbank,
Farhat Omar Bengdara, der sich gleichzeitig auch um den Zugriff der
selbsternannten Gegenregierung in Bengasi auf das eingefrorene libysche
Auslandsvermögen bemüht.
Schließlich
weckt sicherlich auch das gewaltige Wasserprojekt »Great Man-Made River«,
durch das die Küstenstädte mit den unter der Sahara liegenden
Grundwasservorräten versorgt werden, schon lang Begehrlichkeiten. 4000
Kilometer Pipelines mit dem Durchmesser von Straßentunneln bringen
heute bereits 6,5 Millionen Kubikmeter pro Tag zu den Verbrauchern.
Aktuellen Schätzungen zufolge reichen die gigantischen Wassermengen,
mit denen man das Territorium Deutschlands 1000 Meter unter Wasser
setzen könnte, noch mehrere tausend Jahre lang.
Libyen
hat das Projekt, in das bereits über 25 Milliarden Dollar flossen,
bisher vollständig in Eigenregie betrieben und ohne ausländisches Geld
finanziert – schon das, so der brasilianische Journalist Pepe Escobar,
war aus Sicht westlicher Banken und Konzerne »ein sehr schlechtes
Beispiel« für Entwicklungsländer.[14] Weltweit wird die
Wasserversorgung zunehmend zum lukrativen Geschäft. Beherrscht wird es
von französischen Konzernen, den »drei Schwestern« Veolia, Suez-Ondeo
und SAUR, die sich zusammen bereits 40 Prozent des Weltwassermarktes
teilen. Angesichts der geringen Förderkosten könnte man schon heute
bei den aktuellen Wasserpreisen von zwei Euro und mehr pro Kubikmeter
problemlos Einnahmen von über vier Milliarden Euro erzielen – und das
jahrhundertelang.
Afrikas Rohstoffe
Es
geht jedoch nicht nur um die libyschen Ressourcen. Die gleichzeitige
französische Intervention in der Elfenbeinküste wie die forcierte
Ausweitung der militärischen Präsenz der USA in Afrika deuten auf
weitere, über Libyen hinausgehende Ziele hin: die Sicherung und
Ausweitung westlicher Dominanz auf dem gesamten Kontinent, um dessen
Rohstoffressourcen ein erbitterter Wettkampf stattfindet.
Die
Konkurrenz wirtschaftlich aufstrebender Nationen auf dem schwarzen
Kontinent, allen voran China, wird von Washington als große Bedrohung
wahrgenommen. Eine Reaktion auf diese Entwicklung war die Gründung von
AFRICOM als eigenständiges Oberkommando der US-Streitkräfte für
Afrika. Ein entscheidender Anstoß dafür war ein Report der »Afrikanischen
Öl-Politik-Initiativen-Gruppe« AOPIG von 2002 gewesen, der hervorhob,
daß die USA bis 2015 über 25 Prozent ihres Erdöls aus Afrika beziehen
werden, und auf die zunehmend engeren Beziehungen zwischen afrikanischen
Ländern und China hinwies.
»Es
geht nicht nur um das libysche Öl, sondern um die afrikanischen Ölreserven
und die Rohstoffe des ganzen Kontinents«, befürchtet daher auch Molefi
Asante, Professor für Afrikanisch-Amerikanische Studien an der Temple
University in Philadelphia.[15]
China
unterhält im Unterschied zu den USA und Frankreich keine Militärstützpunkte
in Afrika, hatte aber, wie eine Karte im »Atlas der Globalisierung 2009«
von Le Monde diplomatique zeigt, 2008 zu ebenso vielen Ländern wie
diese militärische Beziehungen in Form von Ausbildung, Ausrüstung,
logistischer und technischer Unterstützung. In den drei Jahren, die
AFRICOM existiert, haben die USA Boden gutgemacht. Fast alle
afrikanischen Länder ließen sich seither in militärische
Partnerschaften einbinden. Manche nahmen nur Militärhilfe in Form von
Ausrüstung und Ausbildung an, viele beteiligten sich aber auch bereits
an gemeinsamen Manövern. Nur fünf Staaten verweigerten sich bzw.
wurden nicht gefragt: Libyen, Sudan, die Elfenbeinküste, Eritrea und
Simbabwe.
In
der Elfenbeinküste hat das französische Militär nach den umstrittenen
Wahlen mit Alassane Ouattara einen stellvertretenden Direktor des
Internationalen Währungsfonds ins Präsidentenamt gehievt, der das Land
jetzt in das von den USA und der NATO geformte Militärbündnis »West
African Standby Force« führen wird. Der Sudan wurde geteilt, Libyen
liegt unter Feuer, und Simbabwe gilt neben Syrien als wahrscheinlichster
Kandidat für den nächsten Angriff der NATO-Staaten.
Die
libysche Regierung boykottierte zudem die von der EU gegründete »Mittelmeerunion«,
die zusammen mit dem »Mittelmeerdialog« der NATO darauf zielt, die
arabische Welt und Nordafrika – analog zu Osteuropa – in den
Herrschaftsbereich der USA und der EU einzubinden. Ghaddafi nannte sie
jedoch einen »neokolonialen Trick« zur Zerstörung der arabischen und
afrikanischen Einheit und blieb den Treffen fern.
Störfaktor Libyen
Mit
seinem Engagement für die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die
Einheit der afrikanischen Länder steht Libyen dem Bemühen der USA und
der alten Kolonialmächte, ihren Einfluß in Afrika wieder auszuweiten,
diametral entgegen. »Es war Ghaddafis Libyen, das Afrika die erste
Revolution in neuester Zeit ermöglichte«, schrieb der Kameruner
Experte für Geostrategie Jean-Paul Pougala, »die den ganzen Kontinent
durch Telefon, Fernsehen, Radio und verschiedene andere Anwendungen wie
Telemedizin und Fernstudium verband«. Denn es war libysches Kapital,
das entscheidend zur Realisierung des ersten afrikanischen
Telekommunikationssatelliten beitrug. Über zehn Jahre lang hatten die
45 afrikanischen Staaten, die sich 1992 in der RASCOM (Regional African
Satellite Comunication Organization) zusammengeschlossen hatten,
vergeblich versucht, genügend Kapital für einen eigenen Satelliten
aufzutreiben, um sich von den horrenden Telefongebühren europäischer
und amerikanischer Firmen befreien zu können. Doch Weltbank, IWF, USA
und EU hielten die Afrikaner nur hin. 2006 beendete Libyen das unwürdige
Spiel und stellte 300 Millionen Dollar für das Projekt zur Verfügung.
Die Afrikanische Entwicklungsbank steuerte weitere 50 Millionen bei.
Nachdem der erste Satellit im Dezember 2007 seinen Dienst aufgenommen
hatte, stiegen auch China und Rußland ins Geschäft ein, weitere
Satelliten wurden in den Orbit geschossen und machten die Afrikaner
Schritt für Schritt von den westlichen Systemen unabhängig, denen
dadurch nun Hunderte Millionen Dollar jedes Jahr an Einnahmen
verlorengehen.
Eine
direkte Bedrohung des westlichen Einflusses ist der Aufbau dreier unabhängiger
afrikanischer Finanzinstitute, mit dem die Afrikanische Union begonnen
hat und für deren Gründung libysche Gelder die Basis bilden: die
Afrikanische Investmentbank, der Afrikanische Währungsfonds und die
Afrikanische Zentralbank. Die Entwicklung dieser Institute würde es den
afrikanischen Ländern ermöglichen, sich der Kontrolle von Weltbank und
Internationalem Währungsfonds (IWF), die bisher als Instrumente der
neokolonialen Herrschaft fungieren, zu entziehen. Der Afrikanische Währungsfonds
soll zukünftig die gesamten afrikanischen Aktivitäten des IWF übernehmen,
die, so Pougala, mit einem Umfang von nur 25 Milliarden Dollar einen
ganzen Kontinent in die Knie zwangen. Mit Hilfe der Afrikanischen
Zentralbank könnten sich die 14 ehemaligen französischen Kolonien eine
neue Währung schaffen, die den CFA-Franc endlich ablöst, der nach wie
vor Frankreichs wirtschaftliche Dominanz in diesen Ländern sichert.
Diese wird ohnedies bereits durch Libyens wachsenden Einfluß in diesen
Ländern, der massive Auswirkungen auf deren Rohstoffexportkonditionen
hat, in Frage gestellt.
Siegt
die Kriegsallianz, so würde das all diesen afrikanischen Unternehmungen
einen schweren Schlag versetzen. Bereits jetzt sind viele Projekte, die
von libyschen Unternehmen wie der Libysch-Arabisch-Afrikanischen
Investment-Gesellschaft südlich der Sahara betrieben werden, durch das
Einfrieren der libyschen Fonds blockiert.
Es
ist daher nicht übertrieben, wenn der nigerianische Poet und Journalist
Obi Nwakanma schreibt, der Einsatz westlicher – insbesondere französischer
– Truppen in Afrika stelle »eine neue strategische Kriegserklärung
gegen Afrika, die afrikanischen Interessen und den afrikanischen
Kontinent« dar.
Anmerkungen:
1)
Reinhard Mutz, Libyen: »Lizenz zum Töten?« Blätter für deutsche und
internationale Politik, Juni 2011
2)
Joachim Guilliard, »Zerstörung eines Landes – Droht Libyen der
gleiche Absturz wie dem Irak?« junge Welt, 5.5.2011
3)»Den
Demonstranten geht es nicht um Demokratie«, Interview mit Gabriele
Riedle, Redakteurin des Magazins Geo, Berliner Zeitung, 21.2.2011
4)
Gunnar Heinsohn, »Da schweigt Ghaddafi – Wer sind die Aufständischen«,
FAZ 22.3.2011. Siehe auch »African migrants targeted in Libya«, Al
Jazeera, 28.2.2011 und Wolfgang Weber, »Libysche Rebellen massakrieren
Schwarzafrikaner«, WSWS, 31.3.2011
5)Knut
Mellenthin, »Offen und kooperativ – Die ›Revolutionäre‹, denen
der Westen vertraut«, jW, 1.4.2011; Prof. Peter Dale Scott, »Who are
the Libyan Freedom Fighters and Their Patrons?« The Asia-Pacific
Journal Vol 9, Issue 13 No 3, 28.3.2011.
6)Amira
El Ahl, »Sie feiern schon ihr neues Libyen«, Welt am Sonntag,
27.2.2011
7)»Libya’s Opposition Leadership Comes
into Focus«, Stratfor, 20.3.2011
8)Johan Galtung, »Libya: The War Is On«,
TRANSCEND Media Service, 28 3.2011
8)Ingar
Solty, Öl, Kontrolle und Ideologie, Sozialismus 25.4.2011
9)
Alle wollen Libyens Öl, Zeit online, 6.5.2009, siehe auch Energy
profile of Libya, Encyclopedia of Earth , 25.8.2008
10)
Jan Köstner, Ölstaat mit Potential – Libyen verfügt über die größten
Petroleumreserven Afrikas, junge Welt, 1.4.2011
11) New Head Of Libyan Privatization Board
Welcomes U.S. Firms, US-Botschaft in Tripolis, 16.2.2010, Wikileaks Cables
12)
Christoph Ehrhardt, Öl in Libyen – Alle Milliarden dem Volke – »Basisvolkskongresse«
beschäftigen sich in Libyen mit der Frage, wer wie viel aus dem Ölreichtum
bekommen soll., FAZ, 27.2.2009
13) Pepe Escobar, There’s no business like
war business, Asia Times, 30.3.2011
14)Colin Benjamin, Libya, AFRICOM, And US
Scramble For Africa, Black Star News, 8.4.2011
*
Dieser Beitrag erschien in zwei Teilen in: junge Welt vom 27. und 28.
Juli 2011; Quelle: www.werkstatt.or.at |