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Deutsche
Kriegspropaganda –
Kindgerecht
BERLIN
german-foreign-policy
vom 27.05.2009 – Mit
einem eigens eingerichteten Internetportal verstärkt Berlin seine
Kriegspropaganda gegenüber Kindern. Die vom Auswärtigen Amt erstellte
Website hat bereits Eingang in Schulbücher und staatliche
Bildungsangebote für Lehrer gefunden. Zentrale Themen sind die
Operationen der Bundeswehr in Afghanistan, im Kosovo und vor der Küste
Somalias. Diese werden analog traditioneller deutscher Kriegspropaganda
als Reaktion auf Streitigkeiten zwischen verschiedenen „Völkern“
dargestellt. Ökonomische Konfliktursachen bleiben ebenso unerwähnt wie
deutsche Expansionsinteressen und deutsches Großmachtstreben; vielmehr
erscheinen die deutschen Streitkräfte als weltweit engagierte
Friedensstifter. Die propagandistische Initiative des Außenministeriums
korrespondiert mit dem Versuch der Bundeswehr-„Jugendoffiziere“,
Kinder und Jugendliche systematisch als „Rekrutierungspotential“ für
das Militär zu erschließen.
Für
10- bis 14-Jährige
Das
mit aufwendiger PR-Begleitung im September letzten Jahres zum
„Weltkindertag“ ans Netz gegangene Internetportal
www.kinder.diplo.de rühmt sich, „mit einer kindgerechten Sprache“
über „politische Aufgaben und Entscheidungsprozesse“ der deutschen
Außenpolitik aufzuklären. Wie das Auswärtige Amt mitteilt, seien 10-
bis 14-Jährige die primäre „Zielgruppe“ seiner
„Informations-Initiative“.[1] Behandelt werden auf der Website
Themen wie „Umweltschutz“, „Sport“, „Kultur“, „Frieden“
und „Menschenrechte“. Dass in diesem Zusammenhang Militärpropaganda
betrieben wird, ist zunächst nur an zwei Stellen erkennbar: Die auf dem
„Dialogfeld“ zum Thema „Frieden“ abgebildete Friedenstaube trägt
einen Stahlhelm; ein weiteres „Informationsangebot“ befasst sich mit
„deutsche(n) Soldaten im Kosovo“.
Frieden
stiften
Warum
deutsche Besatzungssoldaten in der serbischen Provinz Kosovo stehen,
wird auf www.kinder.diplo.de folgendermaßen erklärt: Nach dem Fall der
„Mauer in Deutschland“ 1989 seien sich die „Völker in Mittel- und
Osteuropa“ bewusst geworden, „dass sie mit dem Ende des
Ost-West-Konflikts große Freiheit gewonnen hatten“ - „sogar die
Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie noch Teil des Staates sein
wollten, in dem sie damals lebten“. Auch im Kosovo, so heißt es,
„waren Ende der 90er Jahre immer mehr Menschen für eine Unabhängigkeit
ihres Landes von Serbien“. Aus „Sorge, dass sich aus den Kämpfen um
eine Unabhängigkeit des Kosovo eine humanitäre Katastrophe für die
Bevölkerung entwickeln könnte“, habe dann die NATO mit deutscher
Beteiligung zwischen März und Juni 1999 „Krieg gegen Serbien“ geführt.
Die Besatzungstruppe KFOR „helfe“ seither dabei, „dass die
verschiedenen Volksgruppen, die im Kosovo leben, friedlich miteinander
umgehen“.[2] Mit Aussagen wie diesen schließt das Auswärtige Amt
direkt an tradierte Argumentationsmuster deutscher Kriegspropaganda an,
wie sie im Kaiserreich, aber auch zur NS-Zeit genutzt wurden: Das
einstige Jugoslawien erscheint als „Völkergefängnis“, das um der
Freiheit und Selbstbestimmung willen habe militärisch zerschlagen
werden müssen.
Brunnen
bohren
Auch
im Fall Afghanistans wird das Motiv der Humanität als ursächlich für
die militärischen Aktivitäten Deutschlands benannt. Dort, so heißt
es, „helfen“ deutsche Soldaten „das Land zu sichern, damit andere
Helfer Schulen und Straßen bauen, Brunnen bohren oder auch Lehrer und
Polizisten ausbilden können“.[3] Der deutschen Ausstattungs- und
Ausbildungshilfe für die afghanische Polizei ist auf
www.kinder.diplo.de eigens ein längerer Beitrag gewidmet. Technische
Unterstützung aus Deutschland sei notwendig, so wird erklärt, damit
die Repressionsbehörden in Afghanistan für „Ruhe und Ordnung“
sorgen könnten.[4] Dass auch nach fast acht Jahren Besatzung Gewalt
gegen Frauen und Mädchen in Afghanistan alltäglich ist und das Land
hinsichtlich der Kindersterblichkeit einen weltweiten Spitzenplatz
einnimmt, bleibt demgegenüber unerwähnt - Informationen wie diese könnten
das positiv gezeichnete Bild von der militärischen
„Entwicklungshilfe“ Deutschlands trüben.
Nahrung
bewachen
Entsprechend
wird der Einsatz der deutschen Kriegsmarine gegen Piraten vor der Küste
Somalias vorrangig mit der Sorge um die notleidende Bevölkerung des
ostafrikanischen Staates begründet. „Im Legoland“ oder „mit
Playmobil“ Seeräuber zu spielen sei zwar „ganz lustig“,
allerdings stellten Freibeuter „auch heute noch ein großes Problem“
dar, heißt es in typisch „kindgerechter“ Weise. Denn damit
„Nahrungsmittel auf Schiffen“ nach Somalia gelangen können, sei es
notwendig, dass „Soldaten vor der Küste (...) aufpassen, dass die
Piraten nicht mehr wie bisher so leicht Beute machen können“. Die
Verantwortung für die Piraterie am Horn von Afrika wird umstandslos der
Gier einzelner Bevölkerungsteile zugeschrieben: Somalis würden zu Seeräubern,
erklärt das Auswärtige Amt, „weil das eine Möglichkeit für sie
ist, schnell Geld zu verdienen“ - „denn auf dem Meer vor Somalia ist
mehr zu erbeuten als im Land selbst“.[5] Kein Wort verlieren die
Autoren der Website darüber, dass die von europäischen Fangflotten
verursachte Überfischung der somalischen Küstengewässer maßgeblich
zur Verarmung der Einwohner beigetragen hat und aus diesem Grunde
insbesondere Fischer - mangels anderer Verdienstmöglichkeiten - zu
Freibeutern werden.
Anschaulich
und motivierend
Das
Internetportal www.kinder.diplo.de wird mittlerweile von zahlreichen
deutschen Bildungsinstitutionen als Referenzlektüre angepriesen. Als
unterrichtstauglich eingestuft wird die Website unter anderem vom
„Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“, der
schulspezifischen Medienzentrale der deutschen Bundesländer, und vom
„Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung“ (DIPF).
Das „Amt für Lehrerbildung Hessen“ hält www.kinder.diplo.de ebenso
für pädagogisch wertvoll wie das rheinland-pfälzische
Erziehungsministerium. Der Ernst Klett Verlag, führender Produzent
deutscher Schulbücher, verweist in der „Online-Ergänzung“ zu
seinem Sozialkunde-Lehrbuch „Anstöße 1“ auf das Internetportal.
Das Buch samt Anhang liefere „anschauliche Materialien und
motivierende Einstiegsfragen“, um Schülern „sukzessive ein
Problembewusstsein auch für komplexe Themen wie etwa Globalisierung und
Ökologie“ zu vermitteln, heißt es.[6]
Akzeptanzwerbung
Die
vom Auswärtigen Amt gegenüber Kindern lancierte Propaganda
korrespondiert mit dem erklärten Bemühen der Bundeswehr, Kinder und
Jugendliche „systematisch als Rekrutierungspotential zu erschließen“.
Während bei entsprechenden Maßnahmen der „Jugendoffiziere“ des
deutschen Militärs kindliche Technikbegeisterung und der Wunsch nach
einem sicheren Arbeitsplatz für die Personalwerbung der Truppe
instrumentalisiert werden (german-foreign-policy.com berichtete [7]),
liefert die „Kinderseite“ des Außenministeriums neben umfassender
Akzeptanzwerbung eine direkte Legitimation für die kriegerische Ausübung
des Soldatenberufs.
[1]
Regierung startet informatives Portal; dpa 20.09.2008
[2]
Kosovo - Deutsche Soldaten sollen ein weiteres Jahr bleiben;
www.kinder.diplo.de 15.05.2009
[3]
Friede - Freude, Eierkuchen? www.kinder.diplo.de
[4]
Der Polizei in Afghanistan helfen; www.kinder.diplo.de 29.01.2009
[5]
Somalia: Kampf den Piraten; www.kinder.diplo.de 17.12.2008
[6]
Anstöße 1; klett.de
[7]
s. dazu Girls'
Day, Zielgruppengerecht
und Migranten
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