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AKTUELLES
Der politische Analyst, Historiker und
Zukunftsforscher, Prof. Dr. Luigi Ambrosi hat zahlreiche Bücher in
Italien publiziert, schreibt für führende wissenschaftliche Periodika
und lehrt(lehrte) an Universitäten in Rom, Mailand, Bolongna, Calabria
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Geostrategische Anmerkungen zur Besetzung Libyens
Von
Prof. Dr. Luigi Ambrosi
Quelle;
http://www.barth-engelbart.de/?p=1123
Auf
Kommunisten-online am 19, November 2011 – Luigi Ambrosis folgenden Artikel hat Bernd Duschner ins
Deutsche übersetzt und mich gebeten, ihn hier zu veröffentlichen:
Der
nachfolgende Artikel von Luigi Ambrosi erschien bereits am 24.10.2011 in
diversen italienischen Publikationen wie z. B. resistenze.org, hat
jedoch nichts an Aktualität verloren. Die deutsche Übersetzung
besorgte Bernd Duschner.
Der
nachfolgende Artikel von Luigi Ambrosi erschien bereits am 24.10.2011 in
diversen italienischen Publikationen wie z. B. resistenze.org, hat
jedoch nichts an Aktualität verloren. Die deutsche Übersetzung
besorgte Bernd Duschner.
Mit
der Hinrichtung Gaddafis und der Besetzung Libyens unter zu Hilfenahme
der Marionettenregierung des Übergangsrates, endet zunächst eine
weitere imperialistische Operation der Hauptmächte des früheren
Kolonialismus.
Das
gesamte Bündnis der westlichen Sieger im 2.Weltkrieg (USA, GB,
Frankreich) findet sich wieder vereint, um sich die Ressourcen eines
souveränen Staates einzuverleiben.
Einige
geopolitischen Anmerkungen sind dazu angebracht. Dabei verstehe ich
unter Geopolitik die Analyse der internationalen Kräfteverhältnisse.
Obwohl frühere historische Ereignisse (vom Wiener Kongress bis zur
Konferenz von Yalta) es nahelegen sollten, geopolitischen Zusammenhängen
besondere Aufmerksamkeit zu widmen, werden sie in den Analysen noch
nicht angemessen berücksichtigt.
Erste
Anmerkung: Die „Rückeroberung“ Libyens bedeutet einen Sieg der Nato
und des westlichen Imperialismus auf internationaler Ebene.
Sie
bekräftigt ihre politische und militärische Vormachtstellung auf dem
Planeten. Sie ist eine Warnung an alle souveränen Staaten davor, sich
den wirtschaftlichen und politischen Interessen der Länder der
westlichen Allianz nicht entgegenzustellen. Trotz ihrer Wirtschaftskrise
verfügen sie über ein militärisches Potential, das ihnen die Überlegenheit
sichert. Iran, Venezuela, Bolivien und vor allem die BRICS Staaten sind
gewarnt. Wir haben eine offen neokoloniale Operation der alten Kolonialmächte
erlebt. Wir können sie als einen ersten Sieg der Nato im neuen
Weltkrieg, dem Weltkrieg gegen die BRICS Staaten mit China an der
Spitze, ansehen. Der Präsident der USA Barack Obama hat erklärt, der
Tod Gaddafis bedeute, dass „wir jetzt in der ganzen Welt die Macht der
amerikanischen Führung sehen“. Dazu hat er dieses Mal erreicht, dass
zahlreiche europäische Staaten an dem Krieg teilgenommen haben.
Zweite
Anmerkung: Die BRICS Staaten und ihr wachsender politischer (und
wirtschaftlicher) Einfluss als Gegenpol zum westlichen Imperum und der
Nato haben einen spürbaren Rückschlag erhalten.
Der
Großteil der Länder der Welt dürfte von diese Machtprobe, der
Vernichtung eines souveränen Staates, der Hinrichtung eines
Staatsoberhauptes, der Zerstörung seiner Infrastruktur und der
Beschlagnahme seiner Rohstoffe als Ergebnis eines acht Monate dauernden
Krieges eingeschüchtert sein. Falls hinter der Entscheidung Russlands
und Chinas nicht eine wohldurchdachte Strategie steckt, dürfte ihr
Verzicht auf ihr Veto in der UNO ein schwerer Fehler gewesen sein. Die
USA setzen ihrerseits seit Jahrzehnten bei Resolutionen über den Staat
Palästina ihr Veto ein. Wir wollen nicht glauben, dass sich China
allein mit den Erklärungen des US Vizepräsidenten über die
Anerkennung der Souveränität Chinas über Taiwan und Tibet
zufriedenstellen ließ. Mit Sicherheit braucht China Zeit und vermeidet
Fallstricke, die zu einer offenen Konfrontation führen können. In
Russland hat jetzt der Wahlkampf begonnen. Er dürfte zur Ablösung von
Medwedew durch Putin führen. Medwedew hatte sich stärker mit dem
Westen eingelassen. Tatsache bleibt, dass beide Mächte einen Rückschlag
und spürbaren wirtschaftlichen Schaden erlitten haben (30.000
chinesische Arbeiter wurden aus Libyen evakuiert, große Verträge
Russlands über militärische Lieferungen und die Ausbeutung von Öl-
und Erdgaslagerstätten wurden annuliert usw).
Ebenso
schwer wiegt für die BRICS Staaten, dass Libyen unter die Kontrolle des
westlichen Imperialismus geraten ist, der die Kontrolle über Afrika und
das Mittelmeers im Auge hat. Die mögliche Verlagerung des Sitzes von
Africom (der Nato in Afrika) von Deutschland nach Libyen, ermöglicht
es, mit größerer Wirksamkeit in Afrika mit seinen Rohstoffen tätig zu
werden. Das Land grenzt an den Sudan an, der mit China zusammenarbeitet.
Man rückt näher an den Congo und Angola. Dort finanzieren
Multinationale Konzerne seit über einem Jahrzehnt Separatismus und
schreckliche Kriege mit dem Ziel, diese Länder wieder voll in ihren
Besitz zu nehmen. Afrika ist ein Gebiet, wo alle BRICS Staaten, von
Indien über Rußland bis Südafrika und Brasilien investieren. Zum
Mittelmeer ist zu bemerken: Wenn es der westlichen Allianz gelingt, in
Syrien das zu wiederholen, was sie in Libyen erreicht hat und sie die
russische Flotte als letzten Störfaktor vertreiben kann, wird dieses
Meer vollständig unter ihrer Kontrolle sein.
Wir
leben im Westen. Hier war die Propaganda für den Krieg erdrückend
stark. Der übrigen Welt konnte nicht verborgen bleiben, dass
dieser Krieg für die BRICS Staaten und alle souveränen Staaten in der
Welt einen Rückschlag bedeutet. Folglich haben China, Indien, Rußland,
die gesamte Afrikanische Union, große Teile der arabischen Liga und
Lateinamerikas haben von Anfang an gegen die Intervention der Nato und
das Überschreitung der Grenzen der UN-Resolution Stellung bezogen. In
dieser Hinsicht dürfte die Nato trotz ihres militärischen Sieges in
den Augen der Welt politisch noch stärker isoliert sein.
Dritte
Anmerkung: Beim Libyenkrieg kommt es zu einer politischen Spaltung der
EU
Den
USA ist es gelungen, Europa politisch zu spalten und Deutschland, das am
Krieg nicht teilgenommen hat, zu isolieren. In diesem Hinsicht ist es
ihnen zum ersten Mal gelungen, die Front der westlichen „Sieger“ im
2. Weltkrieg wieder herzustellen.
Das
ist ein weiterer Erfolg der USA in ihrem Kampf gegen die Europäische
Union und den Euro. Wie stark sich diese Spaltung und die Isolierung
Deutschlands auf den Zusammenhalt der EU auswirken werden, werden wir
bald sehen.
Das
Konzept bei diesem Krieg scheint so gewesen zu sein: die USA forcieren
gemeinsam mit Quatar und mit Unterstützung von Saudi Arabien den
Angriff auf Libyen. Anschließend überlassen sie den Krieg Frankreich.
Dem Land werden wichtige ökonomische Interessen zugebilligt. Diese hat
Frankreich mit britischen und amerikanischen Unternehmen zu teilen. Die
USA begnügen sich in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Erneuerung der
Ölkonzessionen für Chevron und Exxon. Ihr Interesse ist mehr
politischer Natur: Die Vorherrschaft der USA in der Welt zu behaupten,
eine Militärbasis für Africom zu erhalten, Europa zu spalten.
Deutschland (und auch Italien) bezahlen dafür, dass sie mit Russland
direkt Verträge über Energielieferungen abgeschlossen haben. Sie müssen
zusehen, wie ihre eigenen Investitionen in Libyen beschnitten werden.
Vierte
Anmerkung: Italien erleidet durch den Krieg erheblichen Schaden.
Gemeinsam
mit Rußland und China ist Italien das Land, das durch diesen Krieg am
meisten verliert.
Das
betrifft sein Ansehen in der Welt: Es ist der Staat, der einen erst kürzlich
abgeschlossenen Bündnisvertrag mit Libyen bricht. Die ehemalige
Kolonialmacht hatte als einzige unter den früheren Kolonialmächten vor
kurzem die eigenen Verbrechen während der faschistischen Besetzung
eingeräumt hatte und geplant, in bedeutenden Umfang wirtschaftliche
Wiedergutmachung zu leisten (auch wenn mit öffentlichen Geldern und
verbunden mit Aufträgen an Unternehmen aus dem Umfeld Berlusconis). Es
wird Einbussen bei seinen Interessensphären und beim Handelsaustausch
hinnehmen müssen. Frankreich hat Italien bereits gewarnt: Ihr seid
nicht mehr der erste Wirtschaftspartner. Kaum war Gaddafi tot, da verkündigte
der französische Verteidigungsminister: „Frankreich ist der
Hauptpartner für Libyen. Wir haben uns nicht erst spät, halbherzig und
unsicher engagiert ( soll heißen: im Gegensatz zu Italien). Libyen muß
wieder ausgerüstet werden und wir können das gut.“ Der Minister ließ
den Übergangsrat den gleichen Vertrag gegen Immigration unterschreiben,
den bereits zu seiner Zeit Berlusconi hatte unterschreiben lassen. Air
France wird die zerstörte libysche Luftflotte ersetzen. Total hat
bereits neue Förderverträge unterschrieben und der französische
Unternehmensverband eröffnet im Januar eigene Büros, um im Sektor
Energie, Gesundheitswesen, Sicherheit und bei den
Infrastrukturinvestitionen mitzuwirken. Unterschrieben sind bereits
Verträge für ein Kraftwerk in Sirte, das Kommunikationsnetz (Alcatel
und France Telecom), die Hochspannungsleitungen und die Ausbeutung der
gewaltigen Trinkwasser-Lagerstätten. Areva verlangt das exklusive
Ausbeutungsrecht der Uranlagerstätten.
Die
russischen Aufträge für Waffenkäufe wurden bereits zugunsten der
Franzosen storniert. Die Vorzeigeunternehmen des italienischen
Kapitalismus werden zugunsten der französischen und angloamerikanischen
Firmen beschnitten. Total, Chevron werden ENI verdrängen, die französische
Rüstungsindustrie wird Finmeccanica ersetzen, und bei
Infrastrukturinvestitionen werden statt Impregilo und Partner französische
Unternehmen Zuge kommen. Es sollte beachtet werden, dass gerade die großen
italienischen Firmen betroffen sind, für die es Interessenten gibt und
die bereits unter dem Druck amerikanischer Multis (kürzliche
Herabstufung) und der EU stehen (sie sollen mit Zustimmung von Prodi und
Draghi gemeinsam mit den Goldreserven als Pfand Sicherheit für die
Eurobonds dienen). Das erneuerte siegreiche atlantische Bündnis kann
zum Sturz Berlusconis führen (oder besser formuliert, zum Ende des
halbherzigen dritten Weges Italiens. Er bestand darin, die Außenpolitik
von ENI, Andreotti und Craxi weiterzuführen und zu Rußland und den
arabischen Ländern ebenso gute Beziehungen zu unterhalten), zur
Marginalisierung Italiens und zur Isolierung Deutschlands. Damit verknüpft
wäre der Zerfall der EURO Zone.
Fünfte
Anmerkung: Auch Europa übernimmt den Kriegskeynesianismus.
In
diesem neuen Jahrtausend war der Krieg als Mittel zur Ankurbelung der
Wirtschaft bisher ein Vorrecht der USA. Der Krieg zur Zerstörung des
Irak hat nicht nur der Rüstungsindustrie (die öffentliche Hand übernahm
die Kosten) und der Ölindustrie ( Förderkosten von 1-4 Dollar pro
Barrel) Impulse gegeben, sondern auch den Unternehmen im Bausektor und
den Sicherheitsunternehmen. Die Devise heißt: einen Konkurrenten oder
Feind zerstören, um wieder aufbauen (Keynes) zu können. Mit dem
Libyen-Krieg hat auch Europa diese Strategie übernommen: Libyen musste
erleben, wie seine Infrastruktur bei 20.000 Bombenangriffen zerstört
wurde. Wie der Irak wurde es hinsichtlich seiner Infrastruktur um 20-30
Jahre zurückgeworfen. Jetzt werden westliche Unternehmen mit den
beschlagnahmten staatlichen libyschen Geldern und Mitteln aus der Plünderung
seiner Rohstoffe den Wiederaufbau übernehmen. Falls Libyen vollständig
befriedet wird (aber das steht keinesfalls fest), können wir einen
kleinen Aufschwung für die französische und englische Wirtschaft
erwarten. Aber ebenso wenig wie die Plünderung des Irak 2008 die
Wirtschaftskrise in den USA verhindert hat, ist dies für den europäischen
Kapitalismus zu erwarten, der an diesem Krieg teilgenommen hat.
Angesichts der acht Monate ununterbrochener Bombardierungen versteht man
endlich, warum sich die Nato-Staaten seit einem Jahrzehnt Hunderte von
Jagdbombern anschaffen: Sie hatten ein solches Kriegszenario gegen die Völker
der Welt bereits geplant: Bombardierungen von oben, wenige eigene
Verluste, Geschäfte beim Wiederaufbau, Einschüchterung der
nicht-westlichen Bevölkerungen. Die Bombardierung von Belgrad hat
Schule gemacht.
Sechste
Anmerkung: Die neuen Formen des Krieges des westlichen Imperiums
Der
Architekt der amerikanischen Außenpolitik Vizepräsident Joe Biden hat
erklärt:„In diesem Fall hat Amerika 2 Milliarden Dollar ausgegeben
und keinen einzigen Toten gehabt. Das ist die Messlatte, wie im
Unterschied zur Vergangenheit in Zukunft in der Welt vorgegangen werden
muss.“ Kriege ja, aber zu reduzierten Kosten für das Imperium. Wir
sind in einer Zeit, in der an der Spitze des Imperiums der
Friedensnobelpreisträger Obama steht. Er wurde mit der Losung „Wir können
es anders machen“ gewählt. Die imperialistischen Kriege können
deshalb nicht mehr die plumpen ideologischen Rechtfertigungen eines Bush
vom „Neuen amerikanischen Jahrhundert“, einer „göttlichen
Mission“ oder, noch simpler, vom „Export der Demokratie“ haben.
Sie waren von rechten Intellektuellen ausgearbeitet worden.
Anspruchsvollere Begründungen sind gefordert. Dafür haben sich
sogleich „linke“ Intellektuelle, zur Verfügung gestellt, allen
voran der Franzose Bernard Levy: Die Verteidigung der Menschenrechte der
örtlichen Bevölkerung gegen Despoten und Diktatoren. Dieses Argument,
das bereits im Afghanistankrieg langsam auftauchte (von der Rache an Bin
Laden ging man zum Argument von der Verteidigung der Frauen gegen die
Burka und ihrem Recht auf Ausbildung über. Mit dem tatsächlichen großen
Spiel in Asien haben diese Rechtfertigungen nichts zu tun), wurde für
den Krieg gegen Libyen herangezogen. Man wird es auch bei zukünftigen
Kriegen des westlichen Imperialismus verwenden können. Es war ein großer
Erfolg für die USA, dass die UNO dieses Argument unter Verletzung des
Prinzips der Souveränität der Nationalstaaten übernommen hat. Natürlich
hat man vergessen, dieses Argument bei den zahllosen Fällen (die Tragödie
der Desaparicidos in ganz Lateinamerika oder die Palästinenser als
Beispiel) vorzubringen, bei denen es um proimperialistische Staaten
ging. Diese Strategie der „Verteidigung der Menschenrechte“ wird von
den Medien mit Kampagnen unterstützt, die vor allem aus Lügen
bestehen. Im Fall Libyens waren es spektakuläre Lügen. Entscheidend
war die Unterstützung durch Al Jazeera. Der Fernsehsender stand wegen
der Rolle, die sein Eigentümer, der Scheich von Katar, bei der
bewaffneten Auseinandersetzung spielte, in einem offenkundigen
Interessenskonflikt. Skrupelloser Einsatz der Medien und des Internets
verbunden mit massiven Einsatz von Drohnen sind die neuen Elemente
dieser neuen Art der Kriegsführung. Dazu kommt die beachtliche aktive
Mitwirkung von Intellektuellen der imperialistischen „Linken“ und
von Pseudopazifisten. Sie erinnerten an die Graffiti der Indignados in
Barcellona (im übrigen glänzten diese, abgesehen von New York, beim
Thema Krieg durch Abwesenheit): „Wo ist die Linke? Rechts, im
Hintergrund“. Wir kennen es aus der Geschichte: Wenn es um nationale
koloniale und imperiale Interessen geht, hat sich die Linke in den
kapitalistischen Ländern gespalten.
Menschenrechte
+ Lügen = Beschlagnahme der Auslandsguthaben + Krieg. Besonders gefährlich
an dieser Strategie ist, dass ein Präzedenzfall geschaffen wurde.
Vorbereitet wird dieses Vorgehen, indem in souveränen Staaten
Spaltungen auf ethnischer, religiöser Grundlage und
Autonomiebestrebungen gefördert werden. Im Irak war es die religiöse
Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten, und die ethnische Abtrennung
gegenüber den Kurden. In Libyen ist es die Aufspaltung mittels
derAutonomiebestrebungen in der Cirencaica. Es überrascht, dass sie mit
dieser Strategie auch heute noch Erfolg haben, obwohl das Konzept des
„Divide et impera“ berüchtigt und bekannt ist. Diese
Vorgehensweise, zu der auch der skrupellose Einsatz von
Nicht-Regierungs-Organisationen gehört, kann zu jeder Zeit und gegen
jeden angewandt werden: In Darfur, um den Sudan anzugreifen, in Cabinda,
um Druck auf Angola auszuüben, in Kiwu für den Kongo, die grüne
Revolution und die Kurden für den Iran (und die Türkei), die Unterdrückung
der vermutmasslichen Opposition in Syrien, der ökologische Protest der
Indios in Bolivien und Ekuador bis zum reizvollsten Leckerbissen, Tibet
für China. Wenn das nicht genügt, bleibt immer noch die Option
Staatsstreich, wie beim versuchten Putsch in Venezuela. Selbstverständlich
ist in den westlichen Staaten Separatismus verboten.
Die
Operation Libyen war ein Verwirrspiel mit drei Karten: Proteste in
Tunesien, in Ägypten und der Cyrenaica. Wo würde das Imperium
intervenieren? Gab es Zweifel? Jetzt ist Libyen besetzt. Ägypten und
Tunesien werden wahrscheinlich unter islamischer Kontrolle geraten.
Saudi Arabien, das mit den USA verbündet ist, hält die Fäden in der
Hand. Arabischer Frühling : Ändern, damit sich nichts ändert, außer
dort, wo dies in unserem eigenen Interesse ist (Libyen).
Siebte
Anmerkung: Wer ist jetzt an der Reihe?
Das
„Große Spiel“ lehrt: Wer das Zentrum Asiens kontrolliert,
kontrolliert Asien, wer Asien kontrolliert, kontrolliert die Welt. Der
westliche Imperialismus bahnt sich seinen Weg. Er führt ihn immer
weiter, bis sein tödlicher Atemhauch China, den wichtigsten
Konkurrenten in dieser Zeit, erfasst. Afghanistan war dafür der erste
Hinweis, die Invasion im Irak der zweite, der ständige Druck und die
Drohungen gegen den Iran der dritte, die Ausdehnung der
Kriegsoperationen gegen Pakistan der vierte. Die Besetzung Libyens und
im erneuerten Bündnis mit Saudi-Arabien, die Androhung einer
„Flugzone“ westlicher Prägung gegen Syrien zur Kontrolle des
Mittleren Orients, der Fünfte Hinweis. Dazu kommen alle mehr oder
minder verdeckten Operationen in verschiedenen zentralasiatischen Ländern.
Weil
das westliche Imperium aber weltweit herrschen möchte, wird es auch die
Menschenrechte in Afrika nicht aus den Augen verlieren: die großen
Vorkommen an Rohstoffen und landwirtschaftlichen Flächen mit Algerien,
Sudan, Somalia, Congo und Angola stehen ganz oben auf der Liste. Und
warum sollte man die Menschenrechte in den Staaten der ALBA in
Lateinamerika vergessen, allen voran in Venezuela, Cuba, Nikaragua,
Bolivien und Ekuador? Unter dem Vorschein internationaler Zusammenarbeit
machen sich Nicht- Regierungsorganisationen schon daran, dafür den
Boden vorzubereiten. Endziel des westlichen Imperialismus: die wachsende
Bedeutung der BRICS Staaten zu beenden und jeden Staat zu beseitigen,
der seine Souveränität in Anspruch nimmt.
Achte
Anmerkung: Das heimliche Bündnis mit dem islamischen Integralismus
Libyen
hat uns das scheinbar nicht bekannte Bündnis zwischen westlichen
Imperialismus und islamischen Integralismus gezeigt. Es stammt aus der
Zeit des gemeinsamen Kampfes gegen die russische Präsenz in Afghanistan
und wurde erneuert. Al Kaida ist nicht zufällig der Name der Datenbank
der CIA, mit der in Afghanistan islamische Kämpfer gegen die Sowjets
rekrutiert und ihre Namen festgehalten wurden. Während das Imperium
behauptet, in Afghanistan gegen den „islamischen Integralismus“ zu kämpfen,
verbündet es sich gleichzeitig mit ihm im Mittelmeerraum, um den
Umsturz in verhassten Staaten zu erreichen. (Es ist eine Tatsache, dass
sich die Milizen des Übergangsrates zum großen Teil aus radikalen
Islamisten zusammensetzen). Das gilt für Libyen und Syrien. Man sollte
beachten, dass dieses Bündnis es radikalen Islamisten ermöglicht, die
Zerstörung der letzten noch verbliebenen laizistischen Staaten in
dieser Region in Angriff zu nehmen. Der erste dieser Staaten war Irak,
jetzt ist die Reihe an Libyen und Syrien. Mit dem voraussichtlichen Sieg
der Moslembrüder in Ägypten (dank Saudi Arabien) und ähnlicher Kräfte
in Tunesien entsteht ein gemeinsamer Block des islamischen Integralismus,
der das ganze Nordafrika umfasst. Der Westen hat dazu entscheidend
beigetragen. Die Frauen sind die ersten, die die Folgen tragen werden:
Der Übergangsrat hat bereits verkündet, dass er das islamische Gesetz
in Kraft setzen und die Heirats- und Scheidungsgesetze revidieren will.
Neunte
Anmerkung: Die Prüfung der ökonomischen Motive des Krieges
Der
Marxismus lehrt, bei historischen Ereignissen die dahinterstehenden
wirtschaftlichen Beweggründe und Herrschaftsinteressen zu erforschen.
Der Krieg in Libyen wurde zur Verteidigung der Menschenrechte der
Demonstranten in Bengasi verkündet. Die wirklichen Interessen werden
sofort klar, wenn man sich die Erklärungen der französische Regierung
und den Jubel der Clinton und von Obama ansieht: Interesse am Erdöl,
Interesse an Infrastrukturaufträgen, Interesse am Wasser, Interesse,
die Einführung einer Goldwährung in Afrika als Gegenstück zum Dollar
einzuführen, zu verhindern, politisches Interesse an der Vorherrschaft.
Alles scheint mit dem Vertrag zwischen ENI und der italienischen und
libyschen Regierung begonnen zu haben: ENI akzeptierte, dass sein Anteil
an den Erlösen des gewonnen Erdöls und Erdgases von bisher 30-40% auf
12,5% gesenkt wurde. Als Gegenleistung hätte Italien angemessene Aufträge
bei der Infrastruktur erhalten. Diese Vereinbarung führte zu heftigen
Reaktionen der französische (Total), englischen (BP) und
amerikanischen(Chevron, Exxon) Ölgeselschaften. Sie befürchteten, dass
es auch bei ihnen zu einer entsprechenden Reduzierung auf 12,5% bei den
Erträgen aus dem gewonnenen Erdöl kommen würde. Wir werden die neuen
Verträge mit der Marionettenregierung sehen. Die Aufträge für den Bau
von Infrastrukturen und der Ausbeutung neuer Lagerstätten hatte die
libysche Regierung unter Gaddafi Italienern, Russen und Chinesen
anvertraut (zum kleinen Teil auch Deutschen). Die atlantischen Mächte
waren ausgeschlossen geblieben. Schon jetzt ist der Übergangsrat dabei,
die Aufträge an Frankreich zu geben, das ihm seine Rechnung präsentiert
hat und für sich den Wiederaufbau der Infrastruktur und die
Waffenlieferungen (bisher aus Rußland und Italien) einfordert. Auch an
den gewaltigen Wasservorkommen unter der Sahara zeigt Frankreich
Interesse. Diese Wasservorkommen hatte die libysche Regierung zur
Schaffung der größten Bewässerungsinfrastruktur, die jemals von
Menschen errichtet wurde, genutzt. Über die Goldwährung, die im
Zahlungsverkehr für die afrikanischen Völker den Papierdollar ersetzen
sollte, wird man selbstverständlich nicht mehr sprechen. Eine Sache
verbindet Gaddafi und Saddam: beide hatten ihre Absicht zu erkennen
gegeben, nicht mehr den Dollar als das einzige Geld für den Verkauf
ihrer Rohstoffe zu akzeptieren. Das läßt vermuten, dass die USA Angst
haben, die souveränen Staaten könnten den mittlerweile nicht mehr
gedeckten Dollar aufgeben. Am Ende werden wir sehen können, ob die USA
vorhaben, den Sitz von Africom nach Libyen zu verlagern und ob es in den
nahegelegenen Ländern Sudan und Algerien eine Zunahme kriegerische
Auseinandersetzungen geben wird. Mit Sicherheit werden wir in kürze die
Streitigkeiten der atlantischen Geier um die Verteilung der libyschen
Beute beobachten können.
Zehnte
Anmerkung. Die Notwendigkeit für souveräne Staaten,
Abschreckungswaffen zu haben.
Auch
wenn man es nicht will, muß man feststellen, dass Libyen, das auf
nukleare und ähnliche Waffen verzichtet hatte, angegriffen und zerstört
wurde. Bei Nordkorea, hat das Imperium seine Befürchtungen und zögert.
Hätte Gaddafi Atomwaffen gehabt, würde er noch leben und Libyen wäre
ein souveräner Staat. Die Staaten außerhalb der westlichen Front können
deshalb nur sagen: „Vorwärts Iran“.
Die
Verteidigung der Menschenrechte in Libyen und anderswo überlasse ich
den Naiven und der neuen Gattung solcher Art gebildeter
proimperialistischer Intellektueller.
Ich
schließe mit einer Verneigung vor Gaddafi. Er versprach, mit der Waffe
in der Hand bei der Verteidigung seines Landes zu sterben. Das hat er
getan. Kann mir jemand den Namen eines italienischen oder westlichen
Politikers nennen, der dazu,wie er, bereit wäre?
Siehe
auch:
«
HaBE 10
Thesen zum Zweck des plötzlichen Anti-Nazi-Theaters:Das alte Spiel das
DéjàVue: der Auftakt zum KPD-Verbot war das Verbot der SRP/ für den
Fall, dass sich die LINKE nicht noch weiter nach Rechts bewegt wird
schon Mal das Verbot geprobt.
HaBE
“Über die Aufgaben revolutionärer SchrifststellerINNEN oder von der
Ironie des ‘Schiksals’ ” - nicht nur an die junge Welt geschrieben
»
Prof.
Dr. Luigi Ambrosi : 10 Geostrategische Anmerkungen zur Besetzung Libyens
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