von
Karl Liebknecht
Einen Wesenszug des Imperialismus, dessen Hauptträger
auf dem europäischen Festland Deutschland ist, bildet das wirtschaftliche und
politische Expansionsstreben, das immer stärkere politische Spannungen erzeugt.
Mächtige Unternehmungen der deutschen Schwerindustrie
blicken seit Jahren verlangend nach dem an Bodenschätzen und industriellen
Anlagen reichen Belgien und Französisch-Lothringen. Bereits heute besitzen sie
dort wertvolle Anlagen, deren Ausnützung und Ausbau ihnen durch Einverleibung
dieser Gebiete in Deutschland ungemein erleichtert und gegen die französischen
Abschließungstendenzen sichergestellt würde.
Kleinasien und Syrien, Brennpunkte der internationalen
Kapitalskonkurrenz, gehören zu den bedeutsamsten Siedlungsgebieten für das
stürmisch vordringende deutsche Finanzkapital. Hier liegt das Zentrum des
imperialistischen Gegensatzes zwischen Deutschland und Rußland, hinter dem der
englisch-russische Widerstreit zeitweilig zurücktritt.
Als Brücke zu den asiatischen Ausbeutungsgefilden hat
der Balkan für einen sehr einflußreichen Teil des deutschen Kapitals ein
eigenes Interesse gewonnen. Auch die zunehmende Verknüpfung zwischen deutschem
und österreichischem Kapital und die militärisch-politischen Gesichtspunkte
des deutsch-österreichischen Zweibunds haben der Stellung Österreichs auf dem
Balkan für die offizielle deutsche Politik beträchtliche Bedeutung verliehen.
Gewaltig ist die Begierde des deutschen Kapitals nach
kolonialer Ausdehnung gewachsen, wobei der afrikanische Besitz Englands und
Frankreichs im Vordergrund steht.
Die unter dem Vortritt Deutschlands vollzogene
militaristische Entwicklung Europas, in der die Mächte einander in zunehmendem
Tempo zu überflügeln suchten, hatte einen Grad erreicht, der einer Steigerung
nicht mehr fähig schien. Zur Durchsetzung der immer gewaltigeren
Rüstungsvorlagen wurde der Völkerhaß systematisch genährt. Die ins
ungemessene gewachsenen Heereslasten mußten auch in Deutschland schließlich
teilweise den besitzenden Klassen auferlegt werden, die dadurch in wachsende
Unruhe gerieten. Jede Anregung zur Verständigung über eine internationale
Rüstungseinschränkung wurde vor allem von dem vorantreibenden deutschen
Imperialismus abgelehnt.
Eine verhängnisvolle Rolle bei der Zuspitzung der
Konflikte spielte das international versippte Rüstungskapital, das im Zeichen
des bewaffneten Friedens glänzend gediehen war, das bei einem Krieg ohne
Rücksicht auf den Ausgang goldene Ernte erwarten durfte und dessen deutsche
Hauptunternehmungen zudem in Belgien und Französisch-Lothringen lebhaft
interessiert sind.
Der Militarismus erzeugte aus sich selbst noch andere
mächtige Kriegsinteressenten: eine Offizierskamarilla, die besonders in
Deutschland ungeniert auf einen kriegerischen Konflikt hinarbeitete und
selbstherrlich ihre Nebenregierung etablierte.
Die innerpolitischen Zustände hatten infolge der
Zuspitzung der nationalen und vor allem der Klassengegensätze für die
herrschenden Klassen ein immer bedenklicheres Gesicht angenommen. In Deutschland
entlockte ihnen das rapide Wachstum der Sozialdemokratie, die ihren politischen
und wirtschaftlichen Besitzstand bedrohte, bereits vor einem halben Jahrzehnt
den Ruf nach einem Kriege als dem einzigen Mittel zur Vernichtung der
Arbeiterbewegung.
Die kapitalistischen und militaristischen
Kriegsinteressenten, deren Ziele sich freilich keineswegs decken, bildeten in
Deutschland eine von Jahr zu Jahr mehr hervortretende Kriegspartei unter dem
Protektorat des deutschen Kronprinzen, der sie wiederholt in unverhohlener
Fronde gegen die offiziellen Vertreter des Deutschen Reichs demonstrativ
anfeuerte.
Diesen Treibereien, für die es auch in den übrigen
Staaten vielfach Gegenstücke gibt, wurde in Deutschland Vorschub geleistet
durch halbabsolutistische Verfassungszustände, die die Entscheidung über Krieg
und Frieden dem Einfluß der breiten Masse entzogen und in der auswärtigen
Politik ein durch keine Kontrolle des Volkes begrenztes, um so mehr aber den
Einwirkungen der herrschenden Klassen unterworfenes persönliches Regiment
ermöglichten.
Die Geheimdiplomatie, die Politik der Geheimverträge
bedrohte seit langem den Frieden.
So zweifellos auch breite Kreise der
nichtproletarischen Bevölkerung ein starkes und steigendes Interesse an der
Aufrechterhaltung des Friedens besaßen, ihr Haß gegen das Proletariat, ihre
Angst vor ihm lähmte ihren Widerstand gegen das persönliche Regiment und warf
sie stets aufs neue dem Militarismus in die Arme, in dem sie ihren
zuverlässigen Schutzherrn im Klassenkampf gegen die anschwellende
revolutionäre Flut anbeteten.
Die schwächlichen Verständigungsversuche der
kapitalistischen Regierungen, die zeitweilig einen friedlichen Ausgleich
wichtiger kapitalistischer Gegensätze in den Bereich der Möglichkeit zu
rücken schienen, erlitten kläglich Schiffbruch.
Alle jene Gefahren hat die Sozialdemokratie seit jeher
erkannt, gekennzeichnet und in internationaler Zusammenarbeit bekämpft. Ihre
Bemühungen vermochten den Ausbruch des Krieges nicht zu hindern.
Die Einzelheiten der Vorgeschichte des Krieges wird die
Zukunft enthüllen. Die Grundzüge stehen schon heute fest. Wir haben unsere
Auffassung darüber nicht vom 29. Juli bis zum 1. August 1914 umgestürzt.
Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg
reinsten Wassers, und zwar vor allem auf deutscher Seite, mit dem von
mächtigsten Kreisen beharrlich verfolgten Ziel von Eroberungen großen Stils.
Es handelt sich - vom Gesichtspunkt des Wettrüstens aus - bestenfalls um einen
von der deutschen und österreichischen Kriegspartei gemeinsam hervorgerufenen
Präventivkrieg, zu dem die Gelegenheit günstig erschien, als die große
Wehrvorlage verabschiedet und ein technischer Vorsprung gewonnen war. Das
Attentat von Sarajevo wurde als demagogischer Vorwand ausersehen. Das
österreichische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli war der Krieg. Alle späteren
Friedensbemühungen waren nur Dekoration und diplomatische Winkelzüge,
gleichviel, ob sie von einzelnen Mitwirkenden ernst gemeint waren oder nicht.
Der Krieg wurde in Deutschland in einer Weise
inszeniert, die die schärfste Verurteilung herausfordert. Eine überaus
raffinierte Regie setzte ein, die unter rücksichtsloser Ausnutzung des
amtlichen Apparates die öffentliche Meinung beeinflußte, verwirrte,
aufpeitschte. Das deutsche Volk wurde durch ein sentimentales
Friedenskaiserspiel düpiert. Der Belagerungszustand folgte. Die
verfassungsmäßigen Grundrechte wurden aufgehoben, jede Kritik gewaltsam und
unnachsichtlich unterdrückt. Russische Invasionen und französische Angriffe
wurden vorgespielt. Den unsinnigsten Gerüchten ließ die Regierung freien Lauf.
Halbamtlich und amtlich wurde eine schnöde Ausländerhetze betrieben und eine
wilde Spionenfurcht entfesselt, die Mißhandlungen harmloser Menschen,
wirklicher oder vermeintlicher Ausländer veranlaßten. Die Militärgewscheute
nicht zurück vor der Verhaftung eines Reichstagsabgeordneten - des Dänen
Hansen. Unter dem Schrecken des hereingebrochenen Weltkrieges und dem Druck der
Militärdiktatur wurde der Anschein einer vollständigen Einmütigkeit des
deutschen Volkes vorgegaukelt.
Die Verletzung der luxemburgischen Neutralität wurde
verschleiert; die diplomatische Vorbereitung des Überfalls auf das neutrale
Belgien - einschließlich des Ultimatums - wurde dem deutschen Volk und dem
Reichstag über den 4. August hinaus verschwiegen. Unter solchen Umständen
kamen die Beschlüsse des Reichstags vom 4. August zustande.
Dieser Krieg ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen
Volkes entbrannt. Er ist kein deutscher Verteidigungskrieg und kein deutscher
Freiheitskrieg, sondern ein kapitalistischer Angriffs- und Eroberungskrieg. Er
ist kein Krieg für eine höhere "Kultur"; die größten Staaten
gleicher "Kultur" bekämpfen einander, und zwar gerade, weil sie
Staaten der gleichen, das heißt der kapitalistischen "Kultur" sind.
Unter Anrufung des Gottes der Nächstenliebe wird
Zerstörung und Vernichtung über die Erde getragen, so der barbarische Kern der
kapitalistischen Gesellschaft enthüllt und alles Gerede von Kultur und
Christlichkeit dem Gespött ausgeliefert. "Christliche" Regierungen
entfesseln den "heiligen Krieg" des Islam gegen die Christenheit und
begeistern sich an ihm.
Unter der trügerischen Flagge eines Nationalitäten-
und Rassenkriegs wird ein Krieg geführt, bei dem in beiden Lagern das bunteste
Nationalitäten- und Rassengemisch aufgeboten ist.
Die Parole "Gegen den Zarismus" diente nur
dem Zweck, die edelsten Instinkte des deutschen Volkes für den Kriegszweck,
für den Völkerhaß zu mobilisieren, nicht aber einem Befreiungsfeldzug für
das russische Volk oder die Fremdvölker Rußlands. Deutsches Kapital hat
Rußlands Rüstungen auf ihre jetzige Höhe gebracht. Deutschland hat die
äußere Politik Rußlands in wichtigsten Momenten unterstützt; noch 1910
lieferte die Potsdamer Entrevue Persien, auf dessen Erhebung die deutschen
Staatsmänner heute sehnsuchtsvoll harren, an Rußland und England auf Halbpart
aus. Kein Staat der Welt hat das zarische Schreckensregiment gegen das
geknechtete russische Volk so gestützt wie Deutschland. Deutschland ist der
Mitschuldige des Zarismus bis zum heutigen Tage. Die deutsche Regierung stand
bereit selbst zur militärischen Hilfe für den Blutzaren gegen die große
russische Revolution. Deutschland, in dem die Masse des Volkes wirtschaftlich
ausgebeutet, politisch unterdrückt, rechtlos ist, wo fremde Nationalitäten
durch Ausnahmegesetze drangsaliert werden, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier.
Die Befreiung des russischen Volkes muß dessen eigene Sache sein; die
Befreierrolle Deutschlands wird von ihm voll Mißtrauen abgelehnt.
In der inneren Politik wurde sofort nach Kriegsausbruch
unter Verhängung des Belagerungszustandes mit den äußersten Mitteln der
Unterdrückung vorgegangen. Scheinbare Erleichterungen, die man der
Arbeiterbewegung zuteil werden ließ, sind nur die Kehrseite ihrer
Wehrlosmachung und verfolgen den Zweck, sie in den Dienst des Militarismus zu
stellen. Die Parteien wurden für aufgehoben erklärt - die politische
Unterdrückung, Wahlunrecht und Ausnahmegesetz blieben bestehen, nicht einmal
die Schande des preußischen Dreiklassenwahlrechts ist ausgetilgt. Vom
Klassenkampf zu sprechen wurde verboten - die Klassengegensätze blieben
bestehen. Der Befreiungskampf des Proletariats wurde entwaffnet - an der
politischen Unterdrückung und wirtschaftlichen Ausbeutung wurde nichts
geändert. Der höchst einseitige Burgfriede, den man verkündete, ist nichts
als eine stilistische Umschreibung der Worte Belagerungszustand und politische
Kirchhofsruhe. Das Postulat "Es gibt keine Parteien mehr!" bedeutet
nur: Anerkennung des Proletariats als gleichberechtigtes Kanonenfutter. Was
können wir von denen erwarten, die nicht einmal in diesen Tagen sich auf ihre
politische und soziale Pflicht gegenüber der Masse des Volkes besonnen haben?
Zur Steuerung der außerordentlichen Not, die große
Teile der Bevölkerung heimgesucht hat, ist nichts Hinreichendes geschehen. Die
Versorgung der Angehörigen der Soldaten ist unzulänglich, nicht minder die
Arbeitslosenfürsorge. Der Mieternot muß abgeholfen werden. Die staatliche
Organisation der Lebensmittelversorgung läßt alles zu wünschen übrig; die
Steigerung der Lebensmittelpreise heischt eine solche Organisation gebieterisch.
Diese Steigerung muß bei Bemessung der Unterstützungssätze berücksichtigt
werden. Für angemessene Unterkunft, Heizung und Beleuchtung muß gesorgt
werden. Die bevorstehenden Wintermonate werden das deutsche Volk auf die
schwerste Probe stellen, entschlossenes Eingreifen ist unverzüglich geboten,
ohne Rücksicht auf den Widerspruch gewisser Interessentenkreise, die diese Zeit
der Not für ihren persönlichen Vorteil auszunützen suchen.
Die Art der Kriegführung fordert unsern
leidenschaftlichen Widerspruch heraus.
Die Proklamation des Grundsatzes "Not kennt kein
Gebot" entzieht allem Völkerrecht den Boden.
Die Mißachtung der belgischen Neutralität kann durch
nichts entschuldigt werden. Wir erheben schärfsten Protest gegen diesen Bruch
feierlicher Verträge, gegen den Überfall auf ein friedliches Volk. Mißlungen
sind alle Versuche, diese grobe Vergewaltigung nachträglich durch frühere
Maßnahmen der belgischen Regierung zu rechtfertigen, die zur Sicherung der
Neutralität gegen den bereits bekannten Plan eines deutschen Durchmarsches
dienten.
Wir verdammen die grausame Behandlung der
Zivilbevölkerung auf den Kriegsschauplätzen, und zwar nicht nur in
Feindesland, sondern auch in deutschen Gebieten. Wenn sich die
Zivilbevölkerung, wie es allenthalben geschieht, in einzelnen Fällen am Kampf
beteiligt, so sind das zumeist Akte der Verzweiflung, in Unkenntnis der
völkerrechtlichen Vorschriften verübt. Ihre moralische Verfemung ist voll
Heuchelei. Die summarische Entscheidung über die ungeheuren Repressalien
dagegen ist verhängnisvollen Irrtümern unterworfen. Zahlreiche Unschuldige
haben dabei in grauenhafter Weise mitbüßen müssen. Die Verwüstung und
Einäscherung ganzer Ortschaften, die Niedermetzelung Wehrloser ohne Rücksicht
auf Alter und Geschlecht, die unter Anwendung abscheulicher Mittel vielfach
erfolgt ist, die Methode, Unbeteiligte als Geiseln zu nehmen und zu exekutieren,
nötigt zur schwersten Anklage. Die gleiche Schuld der Armeen anderer Länder
bildet keine Entlastung.
Jeder Versuch einer Humanisierung der Kriegsgreuel hat
sich als ein greller Widerspruch in sich selbst offenbart. Die Genfer Konvention
ist zu einem Kindergespött geworden, die Menschheit rebarbarisiert. Zur
Verschärfung des Völkerhasses werden die wildesten Gerüchte über angebliche
feindliche "Greuel" ausgeschlachtet, die sich die kriegführenden
Parteien gegenseitig vorwerfen. Wir machen der Regierung den Vorwurf, daß sie
diese fortgesetzte Aufstachelung der öffentlichen Meinung duldet.
Lebhaft bedauern wir die Mißstände, die die
Versorgung der Kriegsgefangenen noch in allen Ländern, Deutschland nicht
ausgenommen, aufweist. Wir fordern, daß die Regierung energisch und ohne Verzug
für Unterbringung in gesunden und reinlichen Räumen, die heizbar und
angemessen zu erwärmen sind, für gehörige Lagerstätten und Kleidung, Wäsche
und Waschgelegenheit, für ausreichende Ernährung und gute Behandlung der
feindlichen Kriegsgefangenen sorgt und scharfe Kontrolle übt. Den Gefangenen
ist nach Möglichkeit Arbeitsgelegenheit zu gewähren. Wir setzen als
selbstverständlich voraus, daß in den übrigen kriegführenden Staaten gleiche
Vorsorge getroffen wird, und erwarten eine schleunige Verständigung darüber,
in der die Kontrolle den neutralen Staaten zu übertragen ist und ein
Schiedsverfahren vorgesehen werden muß. Wir lehnen es als den Grundsätzen der
Menschlichkeit zuwiderlaufend ab, an den wehrlosen feindlichen Gefangenen
Vergeltung für etwaige Sünden anderer Staaten zu üben. In Friedenszeiten hat
sich die deutsche Regierung durch Mißhandlungen deutscher Reichsangehöriger in
Rußland niemals in ihrer Konnivenz gegenüber dem Zarismus stören lassen.
Tief zu beklagen ist die Art, in der die zivilen
Angehörigen der feindlichen Staaten vielfach behandelt worden sind und noch
behandelt werden. Auch in Deutschland lag hier in den ersten Kriegs- wochen
vieles im argen. Wir anerkennen, daß sich später die deutschen Behörden
bemüht haben, menschliche Grundsätze durchzuführen. Wir bedauern, daß sie in
den letzten Wochen infolge einer reaktionären Hetze zur Anwendung des durchaus
abzulehnenden Vergeltungsprinzips geschritten sind. Wir erwarten auch hier eine
unverzügliche internationale Regelung im Geiste der Humanität.
Nach den Erklärungen, die die Regierung bis zum 4.
August d. J. abgab, sollen keine Eroberungen gemacht werden. Die Zwischenzeit
hat auch den Vertrauensseligsten gelehrt, was von diesen Erklärungen zu halten
ist. Eine unverfrorene Annexionshetze wird geduldet, wenn nicht indirekt
gefördert, während ihre Bekämpfung unter Vorwänden rücksichtslos und
konsequent verhindert wird. Die offiziell kundgegebene Formel vom gesicherten
Frieden ist deutlich im Sinne der Annexionspolitik zu verstehen.
Wir lehnen jede Annexion grundsätzlich und entschieden
ab, da sie gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstößt und nur
kapitalistischen Interessen dient. Die Zukunft der breiten Masse des deutschen
Volkes in einem deutschen Weltreich nach englischem Muster zeigt sich in der
heutigen sozialen Lage der englischen Bevölkerung. Jede Annexion bedeutet eine
Vermehrung der innerpolitischen Schwierigkeiten. Jeder Friede mit Eroberungen
würde - weit davon entfernt, eine Friedenssicherung zu sein - vielmehr eine
Ära des verschärften Wettrüstens einleiten und einen neuen Krieg im Schoße
tragen. Pflicht eines jeden Sozialdemokraten ist es, mit allem Nachdruck gegen
diese Pläne anzukämpfen.
Wir empfinden mit den Söhnen des Volkes, die im Felde
übermenschliches an Tapferkeit, Entbehrung, Aufopferung leisten. Wir empfinden
mit ihnen als mit unserem eigenen Fleisch und Blut, für das wir, wenn die Zeit
kommen wird, unerbittlich Rechenschaft fordern werden. Um so mehr aber verwerfen
wir diesen Krieg; um so mehr gebietet uns die Pflicht gegenüber dem deutschen
Volk und der ganzen Menschheit, die Pflicht gegenüber dem internationalen
Proletariat, das trotz alledem unlöslich zusammengehört, mit allen unseren
Kräften der Völkerzerfleischung entgegenzuwirken.
Dem Regierungsprogramm einer Fortsetzung des Krieges
bis zu einem durch Eroberung gesicherten Frieden stellen wir entgegen die
Forderung eines schleunigen, für keines der Länder demütigenden Friedens. Wir
begrüßen die Friedensbemühungen der neutralen Mächte und danken unseren
Freunden in den neutralen Staaten für ihre wertvolle Initiative. Ein
ablehnendes Verhalten Deutschlands würde nur den Zielen der Annexionspolitik
dienen und dem an langer Kriegsdauer interessierten Rüstungskapital
entgegenkommen, dessen Vaterlandslosigkeit vor wenigen Wochen inmitten des
Krieges öffentlich, amtlich gebrandmarkt werden mußte. Wir verlangen, daß die
deutsche Regierung den Anregungen der Neutralen bereitwillig folgt, so wie wir
ein gleiches von den anderen Staaten erwarten.
Wir warnen die Regierungen und die herrschenden Klassen
aller kriegführenden Länder vor der Fortsetzung des blutigen Gemetzels. Wir
rufen das deutsche Volk und die Völker der anderen kriegführenden Staaten auf,
sich zu erheben gegen den Wahnwitz, in dem sie ihr bestes Blut für ihre
Ausbeuter und Unterdrücker verspritzen. Im Namen der Ausgebeuteten und
Entrechteten fordern wir ein Ende dem Völkermord. Wir hoffen, daß der Tag bald
kommen wird, an dem die Proletarier im Felde erklären werden: Wir schießen
nicht mehr aufeinander! Wo sie sich über die blutgetränkten Schlachtfelder die
Hände reichen und die Macht des mordgebietenden Militarismus an dem Felsen der
internationalen Brüderlichkeit zerschellt.
Indem wir Protest erheben gegen den Krieg, seine
Verantwortlichen und Regisseure, gegen die kapitalistische Politik, die ihn
heraufbeschwor, gegen die Annexionspläne, gegen den Bruch der belgischen
Neutralität, gegen die Unmenschlichkeit der Kriegführung, gegen die
Militärdiktatur, gegen die soziale und politische Pflichtvergessenheit, deren
sich die herrschenden Klassen auch und gerade jetzt schuldig machen, lehnen wir
die geforderten Kredite ab.