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Patrice
Lumumba – mehr als ein Symbol
Am
17. Januar 1961 ermordet
Quelle:
Linkszeitung vom 17.01.2011
Auf
Kommunisten-online am 28. Oktober 2011 – Als die europäischen Mächte
Afrika wie ein großes Stück Kuchen untereinander aufteilten, fiel der
Kongo, das riesige Land im Herzen Afrikas, an König Leopold von
Belgien. Obwohl unter dem Deckmantel der Zivilisierung (heute heißt es
zur Legitimation etwa „Verhinderung einer humanitären Katastrophe“)
war die belgische Herrschaft selbst im Vergleich zu den anderen
grausamen europäischen Herrschaften extrem barbarisch. Die Beute
Belgiens bestand damals hauptsächlich in Elfenbein, Gummi und Kupfer.
Von Bedeutung waren auch die Bodenschätze an Uran, Gold, Zinn, Cobalt,
Diamanten, Mangan und Zink. Später kam das sowohl für die Rüstungs-
als auch für die Elektrotechnik unentbehrliche Coltan hinzu. Nicht zu
vergessen sind neben Elfenbein und Gummi die rücksichtslos
ausgebeuteten Agrar-Ressourcen Baumwolle, Edelhölzer und Palmöl. Diese
„Kolonialwaren“ bescherten Belgien unermeßlichen Reichtum. Dafür
starben allein in den ersten 30 Jahren belgischer Herrschaft im Kongo 15
Millionen Menschen. Dem Kongo gelang es erst 1960 das belgische
Kolonial-Regime wenigstens dem Namen nach zu beenden.
Die
„Zivilisation“ zeigte sich am Ende der Kolonial-Herrschaft darin, daß
kaum eine Infrastruktur bestand. Belgien hatte lediglich das zum
Abtransport der Schätze unabdingbar Minimum an Verkehrswegen aufgebaut.
1960 besaßen im Kongo weniger als 30 Einheimische einen College-Abschluß.
Es gab einen einzigen einheimischen Arzt, einen einzigen einheimischen
Ingenieur. Doch das Ende der Kolonial-Herrschaft bedeutete zunächst, daß
große belgische Konzerne über Holdings die Kontrolle zu erhalten
versuchten. Zusammen mit der US-amerikanischen Regierung (anfangs
Eisenhower, dann - nicht weniger skrupellos - Kennedy) versuchte die
belgische Regierung ihren Einfluß im Hintergrund aufrecht zu halten.
Trotzdem
gewann zu ihrem Mißvergnügen ein unabhängiger Kopf, der sich weder
vom Westen noch von der UdSSR einspannen lassen wollte, die Wahl zum
ersten Premierminister des Kongo. Patrice Lumumba, ein junger
Autodidakt, wurde am 30. Juni 1960 im Alter von 34 Jahren
Regierungs-Chef des neuen unabhängigen Staates. Er wollte die Bodenschätze
der Kontrolle der ausländischen Mächte entziehen. Aus dem Kongo
stammte etwa das Uran zum Bau der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
- genauer: aus der südkongolesischen Bergbauregion Katanga, die für
die Geschichte des Kongo eine bedeutende Rolle spielte und wo sich noch
heute die Abraumhalden belgische Kupferminen finden.
Der
am 2. Juli 1925 geborene Patrice Lumumba war 1958 einer der Gründer der
für die Unabhängigkeit des Kongo kämpfenden Partei Mouvement National
Congolais (MNC). Die MNC war als einzige Partei in sämtlichen Provinzen
des Kongo verankert. Lumumba nahm bald eine führende Position in der
MNC ein. Großen Einfluß auf die politischen Überzeugungen Lumumbas
hatte dessen Teilnahme an der Panafrikanischen Konferenz 1958 in Accra
unter Leitung des Präsidenten von Ghana, Kwame Nkrumah. Lumumba war
bald als ein Wortführer der Unabhängigkeitsbewegung im Kongo
anerkannt. Er erregte Aufsehen, als er am 28. Dezember 1958 bei seiner
erster Kundgebung am Platz des Sieges in Kinshasa vor Tausenden Anhängern
sagte: „Ihr alle schlaft. Ihr denkt, daß ihr die Unabhängigkeit auf
einem Silbertablett geschenkt bekommt. Aber man muß dafür kämpfen.“
Im Oktober 1959 wurde Lumumba verhaftet und gefoltert, aber am 25.
Januar 1960 freigelassen.
Die
MNC gewann bei den Parlamentswahlen am 25. Mai 1960 die meisten Stimmen.
Trotz des Widerstandes der weißen Siedler und kongolesischer Clanführer
wurde Patrice Lumumba am 30. Juni 1960 zum ersten Premierminister des
neuen unabhängigen Staates gewählt. Beim Festakt zur Unabhängigkeitsfeier
spielte Lumumba nicht die vorgesehene Rolle eines dankbaren Untertanen,
der nun Dank der Gnade des Herrschers die Freiheit als Geschenk in
Empfang nehmen darf. In einer Rede widersprach er dem belgischen König
Baudouin I., der die „Errungenschaften“ und die „zivilisatorischen
Verdienste“ der Kolonialherrschaft lobte. In Anwesenheit des Königs
und der versammelten Honoratioren aus dem In- und Ausland widersprach
Lumumba dieser Darstellung und prangerte, an König Baudouin I. gewandt,
die Unterdrückung, Mißachtung und Ausbeutung durch die belgische
Kolonial-Verwaltung an:
„Wir
haben zermürbende Arbeit kennengelernt und mußten sie für einen Lohn
erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu
kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder
als geliebte Wesen großzuziehen. (...) Wir kennen Spott, Beleidigungen,
Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden,
weil wir Neger waren. (...) Wir haben erlebt, wie unser Land im
Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich
nur besagen, daß das Recht mit dem Stärkeren ist. (...) Wir werden die
Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso
wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der
Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten.“
Die
belgische Regierung sah Lumumba als Gefahr, da er als Sozialist die
reichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften verstaatlichen wollte. Der
belgische Staat übte auf die Medien Druck aus, um das Ansehen Lumumbas
zu untergraben. Die belgische Presse bezeichnete ihn als
„Kommunisten“ und „Weißen-Hasser“, was er immer zurückwies.
Eine deutsche Zeitungskarikatur bezeichnete Lumumba sogar als
„Negerpremier“. Zugleich erregte Lumumba das Mißtrauen der
sowjetischen Machthaber, weil er den Kongo in der Block-Konfrontation
auf einem neutralen Kurs halten und sich nicht - wie viele andere - in
die Abhängigkeit Moskaus begeben wollte. Als Vorbild diente Lumumba die
Unabhängigkeit Ghanas, das als einziger Staat nach Indien die Unabhängigkeit
in einem jahrelangen gewaltfreien Kampf 1957 errungen hatte. Mit Hilfe
eines angeblich vom CIA abgefangenen Telegramms an Moskau, das Lumumbas
Bitte um wirtschaftliche Hilfe enthielt, wurde die Propaganda
verbreitet, Lumumba wolle das Land dem Einflußbereich der Sowjetunion
zuführen.
Bereits
kurz nach dem Amtsantritt Lumumbas brachen im ganzen Land von außen
gesteuerte Unruhen aus. Die von belgischen Militärkommandanten geführte
Kolonialarmee (Force publique) meuterte wegen der von der Regierung
beschlossenen Afrikanisierung der Armeeführung. Die reiche Provinz
Katanga sollte unter dem Chef der Separatisten Moïse Tschombé mit der
Unterstützung belgischer Söldner und der mächtigen belgischen
Kuppfergesellschaft UMHK abgespalten werden. Auch die Provinz Süd-Kasai
drohte aus der kongolesischen Republik herausgebrochen zu werden - mit
Hilfe der reichen Diamanten-Gesellschaft MIBA.
Am
12. Juli 1960 flog Lumumba in die Provinz Katanga, wo eine von außen
gesteuerte Abspaltung vom Kongo proklamiert worden war. Dort
stationierte belgische Truppen verweigerten ihm jedoch die
Landeerlaubnis. Lumumba ersuchte darauf die UNO und deren Generalsekretär
Dag Hammarskjöld um Hilfe und erklärte Belgien den Krieg. Belgien
verstärkte daraufhin seine Truppenpräsenz in Katanga und die UNO
entsandte erste Verbände nach Léopoldville (Kinshasa).
Staatspräsident
Joseph Kasavubu, der laut Verfassung nur repräsentative Kompetenzen
besaß, verbündete sich mit Unterstützung der USA mit Oberst Joseph
Mobutu gegen Lumumba. Der Ministerpräsident wurde am 5. September 1960
auf Drängen der USA aus seinem Amt entlassen. Darauf erklärte Lumumba
Staatspräsident Kasavubu für abgesetzt. Einen Tag später, am 6.
September, machte das kongolesische Parlament Lumumbas Entlassung wieder
rückgängig. Doch am 12. September veranlaßte Kasavubu die neuerliche
Entlassung und beauftragte den neuen Oberkommandierenden der Armee,
Mobutu, mit der Verhaftung Lumumbas. Lumumba konnte sich der Verhaftung
jedoch entziehen.
Am
14. September 1960 übernahm die Armee unter Mobutu in einem mit den USA
abgesprochenen Putsch die Macht. Kasavubu blieb offizielles
Staatsoberhaupt. Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt. Am 27.
November gelang Lumumba die Flucht aus Léopoldville, kurz darauf wurde
er aber bei Mweka festgenommen und nach Thysville gebracht. Nach einer
Militärmeuterei in Thysville wurden Lumumba am 13. Januar 1961 nach
Katanga an den dortigen Machthaber von westlichen Gnaden Moïse Tschombé
ausgeliefert.
Die
Amtszeit Lumumbas dauerte nur zwei Monate. Sein Tod wurde von einer
belgischen Zeitung mit dem Titel „Der Tod des Satans“ (La mort de
Satan) gefeiert. Es ist inzwischen einiges Material zu Tage gekommen,
das belegt, daß er vom belgischen Geheimdienst und mit aktiver Unterstützung
des CIA ermordet wurde. Über die genauen Todesumstände Lumumbas waren
lange Zeit nur Gerüchte in Umlauf. So hieß es etwa, er sei bereits auf
dem Flug in die Region Katanga so schwer mißhandelt worden, daß er
kurz nach der Ankunft starb. Aber François Lumumba, der Sohn von
Patrice, erhob Anklage in Belgien, um die Umstände der Tötung seines
Vaters aufzuklären. Eine im Jahr 2002 – erst 41 Jahre nach dem Tod
Lumumbas – einberufene Fachkommission des belgischen Parlaments konnte
die Ereignisse um Lumumbas Tod teilweise rekonstruieren.
Demnach
wurde Lumumba zusammen mit zwei Begleitern von Mobutus Männern
festgenommen, per Flugzeug zu Moïse Tschombé nach Katanga ausgeliefert
und dort in eine Waldhütte gebracht. Lumumba und seine Gefolgsleute
Okito und Mpolo wurden gefoltert. Danach erschienen seine politischen
Gegner - Tschombé, Kimba und belgische Politiker -, um sie zu
beschimpfen und sie anzuspucken. Am 17. Januar 1961 wurden Patrice
Lumumba und seine beiden Gefolgsleute von katangischen Soldaten unter
belgischem Kommando erschossen und zunächst an Ort und Stelle
vergraben. Um die Tat zu vertuschen, wurden die Leichen wenige Tage später
ausgegraben. Lumumbas Leichnam wurde zerteilt, mit Batteriesäure aufgelöst,
die von einer belgischen Minengesellschaft gestiftet wurde, und schließlich
verbrannt. Die Tötung wurde den BewohnerInnen eines Dorfs angelastet.
Die meisten Medien bezeichneten dagegen Tschombé als Verantwortlichen für
die Ermordung Lumumbas.
In
ihrem Schlußbericht kam die belgische Parlaments-Kommission zu dem
Ergebnis, daß der belgische König Baudouin von den Plänen zur
Ermordung Lumumbas wußte. Fest steht, daß die belgische Regierung die
Lumumba feindlich gesinnten Kräfte im Kongo logistisch, finanziell und
militärisch unterstützte. Ein Großteil der Schuld wird unmittelbar König
Baudouin zugeschrieben, der unter Umgehung der politischen Instanzen
seine eigene postkoloniale Politik betrieben haben soll. Frühere
Untersuchungen waren allerdings zu dem Ergebnis gekommen, daß die
Ermordung Lumumbas direkt von den Regierungen Belgiens und der USA
angeordnet und vom amerikanischen Geheimdienst CIA und örtlichen, von
Brüssel finanzierten Helfern ausgeführt wurde. Das Church Committee
veröffentlichte in den Jahren 1975 und 1976 Dokumente, die nahelegen,
daß US-Präsident Dwight D. Eisenhower schon im August 1960 der CIA den
Befehl erteilt hatte, Lumumba zu ermorden.
Die
mit dem Grimme-Preis in Gold ausgezeichnete TV-Dokumentation „Mord im
Kolonialstil“ von Thomas Giefer aus dem Jahre 2000 zeichnet die
damaligen Ereignisse anhand von Interviews mit mehreren ehemaligen
Mitarbeitern und Offizieren der CIA und des belgischen Geheimdienstes
nach. Diese geben darin erstmals vor laufender Kamera zu, persönlich an
der Tötung Lumumbas und seiner Begleiter sowie der Beseitigung der
sterblichen Überreste beteiligt gewesen zu sein. Der ehemalige
belgische Polizeikommissar Gérard Soete besaß noch die Schneidezähne
von Patrice Lumumba, die er auch vorzeigte.
Nach
Lumumbas Tod installierte der CIA 1965 die Diktatur Mobutus, der 32
Jahre lang an der Macht bleiben konnte. Mobutu, der USA stets zu treuen
Diensten, taufte das Land in 'Zaire' um, ließ unzählige Menschen
ermorden und hortete ein Vermögen von zuletzt 5 Milliarden US-Dollar.
Die dem Land geraubten Schätze hatten allein einen Marktwert von
mindestens 100 Milliarden US-Dollar.
Patrice
Lumumba wurde zu einem politischen Mythos und gilt als Vorkämpfer der
afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Sein Einsatz und sein Opfertod
im Kampf um die Freiheit des Kongo von der kolonialen Herrschaft machten
Lumumba zu einer Symbolfigur des antiimperalistischen Kampfes in Afrika.
Die Sowjetunion, die ihrerseits Afrika lediglich als Lieferant für
Rohstoffe betrachtete und daher ähnlich wie die Westmächte unter Führung
der USA ausschließlich ein Interesse an Vasallen-Regimes hatte,
versuchte den Mythos Lumumba für sich zu reklamieren. Von 1961 bis 1992
war die „Universität der Völkerfreundschaft“ in Moskau nach
Lumumba benannt. |