|
Zum
selektiven Umgang mit Menschenrechten am
Beispiel Irak und Sudan
Menschenrechtskriegspropaganda
Von
Joachim Guilliard
Quelle:
NRhZ-Online
- Neue Rheinische Zeitung vom 4. Juli 2007
„Europa
hat es versäumt, effektive Schritte zu unternehmen“, um die Regierung
„dazu zu bewegen, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, begangen von ihren eigenen Truppen und ihr nahestehenden
Milizen“ zu stoppen, klagte der ehemalige EU-Kommissar Chris Patten am
vierten Jahrestag des Irakkrieges in der Süddeutschen Zeitung. „Während
dieser Zeit wurden mehr als zwei Millionen Menschen aus ihrer Heimat
vertrieben und mehr als 200.000 Zivilisten getötet.“
Der
Brite, der nun Vorsitzender des transatlantischen Think Tanks
„International Crisis Group“ (ICG) ist, wetterte: „Worte sind nicht
genug“ und forderte harte Sanktionen gegen die Verantwortlichen. Wenig
später stieß Ex-Außenminister Joseph Fischer in seiner Funktion als
Vorstandsmitglied der ICG in der Frankfurter Rundschau in das selbe Horn.
Sudan:
einseitige Schuldzuweisungen
Natürlich
richten sich die Sanktionsforderungen nicht gegen die Regierungen Bush und
Blair, und die Rede ist auch nicht von den Opfern im Irak. Pattens und
Fischers energische Worte gelten vielmehr der sudanesischen Krisenregion
Darfur. Doch die Zahlen gleichen sich. Im selben Zeitraum, von dem die
beiden Herren sprechen, wurden auch im Irak über zwei Millionen Menschen
in die Flucht getrieben. Die Zahl der Todesopfer war sogar mehr als drei
mal so hoch: Ungefähr 650.000 Iraker und Irakerinnen waren, wie eine
wissenschaftliche Studie ergab, bis Juni 2006 Opfer von Krieg und
Besatzung geworden. Die Zahl hat sich Jahr für Jahr fast verdoppelt, und
so steht zu befürchten, dass die Millionengrenze bald überschritten sein
wird.
Während
die einseitigen Schuldzuweisungen gegen den Sudan auch nach Ansicht einer
Untersuchungskommission der UNO nicht haltbar sind, gibt es keinen Zweifel
daran, wer in erster Linie für die Toten im Irak verantwortlich ist.
Dennoch dient die Krise in Darfur als Anlass für eine breite Kampagne
gegen den Sudan, ähnlich engagierte Reaktionen gegen den massenhaften
Mord in Irak sucht man vergeblich.
Die
Zahl der Opfer im Darfur war nach derselben Methode geschätzt worden wie
im Irak, zum Teil sogar von denselben Wissenschaftlern. Während die so
ermittelte Zahl von 200.000 Toten sich in Resolutionen des
Sicherheitsrates wiederfindet und Grundlage einer breiten, auch von
liberalen Blättern wie der SZ und der FR mitgetragenen Kampagne gegen den
Sudan ist, wurde die im letzten Oktober von der renommierten medizinischen
Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Irak-Studie von westlichen
Politikern und Medien als spekulativ verworfen und in den Medien größtenteils
ignoriert.
Hunderte
Hilfs-, Menschenrechts- und andere Nichtregierungsorganisationen haben
sich in weltweiten Koalitionen wie „Die Welt für Darfur“ (www.globefordarfur.org)
oder in der „Save Darfur Coalition“ (www.savedarfur.org)
zusammengeschlossen, um in gemeinsamen Kampagnen eine stärkere westliche
Intervention einzufordern. Die Liste der Beteiligten ist beeindruckend,
sie reicht vom American Jewish Committee über Amnesty International, das
Genocide Intervention Network, Human Rights Watch und die Gesellschaft für
bedrohte Völker bis zur World Evangelical Alliance. Es ist die mit
Abstand breiteste und aktivste humanitäre Bewegung der letzten Jahre.
Kampagnen
wie im Fall Jugoslawiens
In
ihrer einseitigen Frontstellung erinnern die Kampagnen stark an jene gegen
Jugoslawien. Ein Konflikt mit vielen internen und externen Akteuren wird
reduziert auf ein einfaches Freund-Feind-Schema, bei dem die Opfer
unschuldige „Afrikaner“ und die Täter regierungsnahe „Araber“
sind. Wie damals erhalten die Kampagnen in den Medien breiten Raum und die
Unterstützung namhafter Persönlichkeiten, die angesichts der derzeit
„größten humanitären Katastrophe“ ein sofortiges Eingreifen zur
moralischen Pflicht erklären. So die Schauspielerin Mia Farrow,
Goodwill-Botschafterin des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF), die es im Magazin
Die Zeit für „unannehmbar“ erklärte, „daß wir angesichts des
ersten Völkermords in diesem Jahrhundert immer noch nicht handeln“. An
Superlativen wird nicht gespart.
Auch
Kofi Annan legt sich im Fall Darfur gehörig ins Zeug: Wie könne „eine
internationale Gemeinschaft, die für sich in Anspruch nimmt, die
Menschenrechte zu schützen, diese Gräuel zulassen“, so der jüngst aus
dem Amt geschiedene Generalsekretär der UNO im Grußwort zu einer
Aktionswoche in Berlin.
Mehr
als ein Jahr, nachdem man sich auf das Prinzip „Verantwortung für den
Schutz“ („Responsibility to Protect“) geeinigt habe, „zeigen die
Ereignisse in Darfur, dass wir bei seiner Umsetzung versagen, so wie wir
auch bei den Katastrophen von Bosnien und Ruanda versagt haben“,
wetterte Annan. „Sechzig Jahre nach der Befreiung der
nationalsozialistischen Todeslager und dreißig Jahre nach den „Killing
Fields“ von Kambodscha hat das Versprechen des ‚Nie wieder’ einen
hohlen Klang.“ Starke Worte für einen Politiker, der sich in seiner
Amtszeit bezüglich Krieg und Besatzung im Irak sehr zurückgehalten und
die Möglichkeiten seines Amts nie ausgeschöpft hat.
„Diplomatie
und militärische Schritte“
Die
Aktionswoche, über die Annan die Schirmherrschaft übernommen hatte,
hatte das Jüdische Museum Berlin zusammen mit Human Rights Watch
organisiert. Zahlreiche prominente Politiker, darunter Joseph Fischer,
Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker und der ehemalige
Innenminister Gerhart Baum waren gekommen, um unter dem Motto „Darfur:
Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ über sudanesische
Menschenrechtsverletzungen und „die Verantwortung der Völkergemeinschaft
für Darfur“ zu diskutieren.
Wie
zu erwarten, war – wo so viel von Verantwortung die Rede ist – der Ruf
nach einem militärischen Eingreifen nicht weit. Gerhart Baum, von 2001
bis 2004 UNO-Sonderberichterstatter für die Menschenrechte im Sudan,
schlug ein militärisch durchzusetzendes Flugverbot über Darfur vor. John
Prendergast, der Chefberater der International Crisis Group in Sachen
Darfur drängte darauf, eine neue diplomatischen Offensive mit der
Vorbereitung militärischer Schritte zu verbinden. Selbst die beiden
Vertreter von Human Rights Watch konnten sich Militäreinsätze gegen den
Sudan als notwendiges Mittel vorstellen.
Partner
und Unterstützer der Veranstaltungsreihe im Jüdischen Museum waren neben
der „Save Darfur Coalition“, auch die Evangelische Kirche (EKD) und
der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Heinrich-Böll- und die
Konrad-Adenauer-Stiftung. Keine dieser Organisationen hat jemals eine
Veranstaltung mitgetragen, die die Verantwortung für die katastrophale
Situation im Irak und die Menschenrechtsverletzungen der dortigen Besatzer
behandelt oder gar den Irakkrieg als „Verbrechen gegen die
Menschlichkeit“ thematisiert hätte.
Der
Balken im Auges des Anderen
An
sich sollte man erwarten, dass sich alle diese humanitär engagierten
Gruppen in New York, Washington, London oder Berlin hauptsächlich für
das verantwortlich fühlen, was die eigenen und die verbündeten
Regierungen in anderen Ländern anrichten. Keine hat sich jedoch jemals ähnlich
intensiv mit der Frage der Verantwortung für die katastrophale Situation
im Irak und die Menschenrechtsverletzungen der Besatzer bemüht oder gar
den Irakkrieg als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeprangert.
Die
Diskrepanz zwischen der großen moralischen Inbrunst, mit der die
Situation in Dafur angeprangert wird, und der breiten Ignoranz gegenüber
dem Leiden der irakischen Bevölkerung deutet darauf hin, dass Mitgefühl
und Menschenrechte allein kaum die treibende Kraft hinter dem Engagement
sein können. Wenn in Darfur von Völkermord, im Irak dagegen von Bürgerkrieg
und einem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt geredet wird, so liegt das
hauptsächlich daran, welchen Akteuren man sich politisch verbunden fühlt
und welchen nicht. Das Bild von den gewalttätigen „Arabern“ gegen
eine unschuldige „afrikanische“ Bevölkerung in Darfur passt zudem
perfekt in das gängige Muster des „Kriegs gegen den Terror“. Feind
ist ein rohstoffreicher Staat, der sich westlichen Interessen nicht
unterordnen will.
 |
US-Soldaten
im Irak 2004
Foto:
US-Government |
Allgemein
richten sich die Forderungen nach einem energischeren Eingreifen
selbstverständlich an die europäischen Staaten und die USA. Ob Kofi
Annan oder Human Rights Watch – keinem der wackeren Streiter für die
Menschenrechte fiel offenbar auf, wie grotesk es ist, ausgerechnet jene
Staaten zum Eingreifen im Sudan aufzufordern, die direkt oder indirekt für
die Gräuel im Irak verantwortlich sind.
Bush
nach Den Haag
Wir
sollten sie mit den Forderungen des spanischen Richters Baltasar Garzón
konfrontieren, der anlässlich des vierten Jahrestages des Irakkrieges in
der spanischen Tageszeitung El Pais
verlangte, endlich US-Präsident George W. Bush und seinen Helfern wegen
der Kriegsverbrechen im Irak den Prozess zu machen. „650.000 Tote sind
ein ausreichendes Argument, um sofort und ohne Zögern mit Ermittlungen zu
beginnen“, fügte der Richter hinzu, der einst durch die hartnäckige
Verfolgung des chilenischen Diktators Pinochet international bekannt
wurde. „Anstatt des Krieges zu gedenken“, fuhr Garzón fort,
„sollten wir entsetzt sein, anklagen und gegen das gegenwärtige
Massaker demonstrieren, das als Konsequenz aus diesem Krieg entstand.“
(CH.) |