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Die mexikanischen Militärs, gegen deren Übergriffe sich Menschenrechtler zur Wehr setzen, erhält Unterstützung aus Deutschland.

Teil der Lieferkette

CIUDAD DE MÉXICO/BERLIN

german-foreign-policy vom 04.05.2011 (auf Kommunisten-online am 7. Mai 2011) – Mit Besuchen in Mexiko, Costa Rica und Brasilien treibt Bundespräsident Christian Wulff in diesen Tagen die neue Berliner Lateinamerika-Offensive voran. Seine Reise dient der Umsetzung des deutschen Lateinamerika-Konzepts, das die Bundesregierung im vergangenen Sommer verabschiedet hat. Damit will sie die deutsche Position im unmittelbaren Einflussgebiet der Vereinigten Staaten stärken. Aus Sicht Berlins drängt die Zeit, da auch die Volksrepublik China ihre Stellung in Lateinamerika umfassend ausbaut. In Mexiko steht vor allem die Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen auf der Tagesordnung. Das Land ist nicht nur Niedriglohnstandort, sondern auch über ein Freihandelsabkommen an die USA gebunden und wird von deutschen Unternehmen deshalb zur kostengünstigen Produktion von Waren für den US-Markt genutzt. Bundespräsident Wulff würdigte diesen Umstand gestern mit einem Besuch bei der mexikanischen Filiale des deutschen Autozulieferers Schaeffler, dessen umittelbarer Vorläufer in den 1940er Jahren Haare von in Auschwitz ermordeten Juden verarbeitete. Wulff sprach zudem über deutsche Unterstützung für die mexikanischen Repressionsapparate in ihrem Krieg gegen die Drogenmafia. Polizisten und Soldaten werden schwere Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen.

Niedriglohnstandort

Der Ausbau der Wirtschaftskontakte spielte beim gestern beendeten Besuch von Christian Wulff in Mexiko eine bedeutende Rolle. Die Bundesregierung hat zentrale Forderungen der Wirtschaft in ihr neues, am 4. August 2010 verabschiedetes Lateinamerika-Konzept aufgenommen (german-foreign-policy.com berichtete [1]). Damit will sie nicht nur die Gewinnaussichten deutscher Unternehmen verbessern, sondern auch deren Stellung gegenüber der Konkurrenz vor allem aus China stärken. In Mexiko besitzt jedoch ein weiterer Aspekt eine herausragende Bedeutung: Die Stellung des Landes als ökonomisches Bindeglied zwischen der EU und den Vereinigten Staaten. Mexiko hat schon früh ein Freihandelsabkommen mit Washington geschlossen (North American Free Trade Agreement, NAFTA; beteiligt ist auch Kanada). Seit es am 1. Januar 1994 in Kraft getreten ist, besitzt das Land eine exklusive Stellung als Niedriglohnstandort für die USA. Diese nehmen mehr als 80 Prozent der mexikanischen Importe ab und stellen mehr als 50 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen (Stand: 2009). Für viele Branchen gilt heute: Wer in den Vereinigten Staaten mitkonkurrieren will, ist gut beraten, in Mexiko zu produzieren.

Freihandel

Aus diesem Grund hat die EU sich schon in den 1990er Jahren intensiv bemüht, in Mexiko günstige Bedingungen für europäische Unternehmen zu schaffen. Seit dem Jahr 2000 ist sie mit dem Land ebenfalls durch ein Freihandelsabkommen verbunden; zudem existiert ein Globalabkommen, das die NAFTA-Parität als Ziel vorsieht. Tatsächlich ist es auf diese Weise gelungen, die Aktivitäten deutscher Unternehmen in Mexiko stark auszuweiten. Das akkumulierte Kapital deutscher Firmen wird mittlerweile mit rund 25 Milliarden US-Dollar beziffert; der Außenhandel brach zwar wegen der hohen Abhängigkeit Mexikos vom US-Markt während der Weltwirtschaftskrise dramatisch ein, erreichte 2010 aber bereits wieder rund 15 Milliarden US-Dollar - fast ein Drittel des gesamten EU-Außenhandels mit Mexiko. Bundespräsident Wulff warb bei seinen Gesprächen in den vergangenen Tagen um attraktive Bedingungen für neue deutsche Investitionen und stieß beim Staatspräsidenten Mexikos, Felipe Calderón, damit auf offene Ohren. Es gebe ein dichtes "Netzwerk von über 1.000 deutschen Unternehmen (...), die mit rund 130.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mexiko produzieren", hieß es am Sonntag in einem Namensartikel von Wulff in der mexikanischen Presse - ein sanfter Hinweis darauf, zu was es führen könnte, sollten deutsche Unternehmen sich in Mexiko nicht mehr wohlfühlen.[2]

Rekordergebnisse

Wie deutsche Unternehmen die besondere Stellung Mexikos als Freihandelspartner der Vereinigten Staaten und Niedriglohnstandort nutzen, zeigt das Beispiel des Autozulieferers Schaeffler, dessen Werk im Bundesstaat Guanajuato der Bundespräsident am gestrigen Dienstag besuchte. Schaeffler wurde offiziell erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik gegründet; der Vorläufer jedoch verarbeitete während des Zweiten Weltkriegs im schlesischen Katscher die Haare von in Auschwitz ermordeten Juden (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Bei der Eröffnung der Zweigstelle in Guanajuato im Jahr 2008 war Staatspräsident Calderón persönlich anwesend. Die Firma Schaeffler rühmt sich, in ihrem Werk, das für den US-Markt produziert, junge Mexikaner nach deutschem Modell auszubilden. Die Gewinnaussichten sind hervorragend: Wie die deutsche Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest (gtai) berichtet, haben die Autozulieferer in Mexiko die krisenbedingten Einbrüche des Jahres 2009 längst wettgemacht und erwarten für das laufende Jahr neue Rekordergebnisse. Mit insgesamt 75 Prozent ihrer Produktion bedienen sie ein Drittel des US-Marktes - bei steigender Tendenz. Immerhin hätten, heißt es bei gtai, mittlerweile auch "einige namhafte mexikanische Unternehmen" es geschafft, sich "an vorderer Stelle in die Lieferkette der Autoindustrie einzureihen".[4] Nach wie vor dominieren jedoch ausländische Firmen, darunter insbesondere deutsche (Continental, Schaeffler, Bosch).

Drogenkrieg

Trotz der günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen sehen deutsche Unternehmer Grund zur Klage - wegen des brutal geführten mexikanischen Drogenkrieges, der in zunehmendem Maß auch unter Unbeteiligten Opfer fordert. Allein im April sind Berichten zufolge mehr als 1.400 Menschen umgebracht worden. Bundespräsident Wulff sprach das Thema im Interesse deutscher Manager bei seinem Besuch explizit an. Zu den Besonderheiten des Drogenkrieges gehört es, dass die staatlichen Repressionsapparate, die eigentlich die Mafia bekämpfen sollen, teilweise selbst in kriminelle Deals involviert sind und überdies schwerer Menschenrechtsverbrechen beschuldigt werden. Dasselbe gilt auch für das Vorgehen der Repressionsapparate bei der Bekämpfung von Unruhen; dokumentiert ist sogar das Verschwindenlassen von Menschen durch Militärs. Amnesty International in Deutschland wird am 27. Mai das mexikanische Menschenrechtszentrum Tlachinollan und seinen Gründer Abel Barrera Hernández mit seinem Menschenrechtspreis auszeichnen. Tlachinollan kämpft seit 1994 gegen Übergriffe von Militärs und hat inzwischen schon mehrere Fälle vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Amnesty International beurteilt die Aktivitäten gegen die Gewalt der Repressionsapparate als vorbildlich.

Militärhilfe

Dabei erhalten die Militärs, gegen deren Übergriffe sich Tlachinollan zur Wehr setzt, Unterstützung aus Deutschland. Die Oberndorfer Waffenschmiede Heckler und Koch etwa hat in den vergangenen Jahren 8.000 Sturmgewehre vom Typ G36 nach Mexiko exportiert. Sie wurden in Unruhegebieten eingesetzt, unter anderem in demjenigen, in dem Tlachinollan tätig ist. Die Bundeswehr leistet für die schwer beschuldigten mexikanischen Streitkräfte Ausbildungshilfe und stellt in diesem Rahmen jährlich Lehrgangsplätze bereit. Im Namen der von deutschen Managern gewünschten Bekämpfung des Drogenkrieges verhandelt die Bundesrepublik mittlerweile auch noch über ein Abkommen, das eine intensivere Kooperation im nichtmilitärischen Repressionssektor in die Wege leiten soll.

Zukunftsperspektive

Für die Mexikopolitik Berlins ist von Bedeutung, dass das Land zu den aufstrebenden Staaten zählt, denen Experten für die Zukunft einen steigenden weltpolitischen Einfluss voraussagen.[5] Mexiko hat zur Zeit auf der Rangliste der größten Volkswirtschaften weltweit Platz 14 inne und kann laut einer Analyse der Großbank HSBC bis zum Jahr 2050 auf Platz 8 steigen; dann stünde es noch vor Frankreich. Mexiko gehört bereits heute zu den G20-Staaten; Berlin hat letztes Jahr vor allem bei Umweltthemen eng mit der mexikanischen Regierung kooperiert, um das Land - auch im Blick auf künftige globale Auseinandersetzungen - an sich zu binden. Die EU hatte ebenfalls nicht zuletzt kommende Machtkämpfe im Visier, als sie das aufstrebende Mexiko im Oktober 2008 zu einem Strategischen Partner erklärte. Wirtschaftskooperation und Repressionszusammenarbeit finden in der Anbahnung künftiger weltpolitischer Partnerschaft einen übergeordneten strategischen Zweck.

[1] s. dazu Die neue Lateinamerika-Offensive
[2] Namensartikel von Bundespräsident Christian Wulff für die Sonntagsausgabe der mexikanischen Tageszeitung "Reforma" anlässlich seines Staatsbesuches in Mexiko; www.bundespraesident.de 01.05.2011
[3] s. dazu Vom Ursprung deutschen Reichtums, Vom Ursprung deutschen Reichtums (II) und Vom Ursprung deutschen Reichtums (III)
[4] Kfz-Teileindustrie in Mexiko wächst stark; www.gtai.de 27.04.2011
[5] s. dazu Europas Abstieg (II)

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