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DER MOSSAD IN SÜDAMERIKA

von Nil NIKÁNDROV / Fond der Strategischen Kultur

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Caracas, 28. Mai 2010, Patria Grande – Der Korrespondent der iranischen Nachrichtenagentur, N., den ich bei der Vereinigung der ausländischen Journalisten in Caracas traf, berichtete mir, dass er vor seiner Ankunft in Venezuela in Buenos Aíres gearbeitet hatte. Es schien da alles gut zu laufen, denn in der Agentur waren sie mit seinen Artikeln und Reportagen zufrieden. Und N. plante, noch viele weitere Jahre in Argentinien zu bleiben.

Aber alles sollte ganz anders kommen. Er begann, sich darüber klar zu werden, dass sie ihn überwachen. Dies ging von seinem Briefkasten, aus welchem damals ständig ein Teil seiner Post herausgenommen wurde, bis hin zu unerwarteten Besuchern, die sich mit verdächtiger Regelmäßigkeit in seine Berichterstattung einschleusten. Er schaltete die Polizei und den Abwehrgeheimdienst ein, aber sie halfen ihm überhaupt nicht: „Wir haben damit nichts zu tun“. Lediglich mahnten sie ihn zur Vorsicht, weil „die Zionisten“ ein großes Interesse an ihm offenbart hätten.

„In meiner Agentur in Teheran hatte man Kenntnis von einer Reihe ähnlicher Fälle hinsichtlich iranischer Bürger. Und dort kam man zu der Schlussfolgerung, dass der Mossad dabei war, eine Provokation gegen mich vorzubereiten. Darum bin ich hierher gekommen“, erklärte N. „Venezuela ist ein mit Iran befreundetes Land. Hier sind gewisse Sicherheitsgarantien und erforderlichenfalls Schutzbedingungen vorhanden.“

Eine ähnliche Unterhaltung hatte ich mit F., einem Journalisten aus Syrien. Er erkannte an, dass nicht einmal in Venezuela die Überwachung aufhört, weil der israelische Geheimdienst „versucht, die Syrer völlig zu kontrollieren und zu steuern“, die in den Ländern Lateinamerikas leben. Laut Worten von F. in einer Runde mit seinen Landsleuten ist die Möglichkeit von feindlichen Handlungen seitens des Mossad nicht auszuschließen, - untergeschobene Drogen, falsche Beschuldigungen wegen Verbindungen zu „den arabischen Terroristen“ oder gefälschte Dokumente als angeblichen Beweis von Kontakten mit dem kolumbianischen Guerilleros.

„Ich bin auf alles gefasst“, sagte mir F. Und beim Öffnen seines Sakkos zeigte er mir eine Pistole in einer Pistolentasche des Innenfutters. „Genau deshalb erhielt ich eine amtliche Genehmigung zum Tragen der Waffe. Glaub mir, das ist nicht Paranoia, sondern geschieht aus wirklicher Notwendigkeit heraus.“

Auf der amtlichen Website des Mossad sind die Gegenstände und die Aufgaben des israelischen Geheimdienstes aufgeführt. So das geheime Sammeln der politischen und strategischen Information im Ausland, die Beendigung der terroristischen Handlungen gegen die israelischen und jüdischen Ziele, Vorbeugung gegenüber den Ausarbeitungen und dem Erwerb von Massenvernichtungswaffen durch feindliche Länder, die Erfüllung von Sonderoperationen außerhalb der Grenzen Israels. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, welchen Charakter diese „Sonderoperationen“ haben, reicht die Erinnerung an die kürzliche Liquidierung des Chefs des militärischen Flügels der Halmas-Organisation, Mahmud Al Mabhuh, durch den Mossad. Dieser Mord ereignete sich in einem Hotel des Emirates Dubai im Januar 2010.

Das Mossad-Sonderkommando aus 11 als sorglose Touristen getarnten Agenten nahm die näheren und entfernderen Zugänge zum Zimmer von Al Mabhuh unter ihre Kontrolle. „Die Liquidierer“ drangen in das Zimmer des Opfers ein, machten den Palästinenser mit einem Elektroschocker verteidigungsunfähig und erstickten ihn anschließend kaltblütig. Binnen wenigen Stunden waren alle in den Mord verstrickten Israelis bereits jenseits der Grenzen des Emirates. Sie verließen das Land mit falschen britischen, kanadischen, irischen und australischen Pässen.

Der offen demonstrative Charakter der „Liquidierung“ hatte einen propagandistischen Gehalt. Der Mossad ist imstande, mit jedem Mittel die Feinde Israels zu ermorden. Dies an jedem Ort unter Nutzung jeder Tarnung.

In den Massenmedien Lateinamerikas wurde ausgiebig über diese Handlung des israelischen Geheimdienstes berichtet. Es wurden etliche Fotografien der „Mossad-Agenten“ veröffentlicht, die an jenem Einsatz beteiligt waren. Und klar ist, dass ihr 64 Jahre alter Chef sich seit einiger Zeit den Beinamen eines „Mannes mit einem Dolch zwischen den Zähnen“ verdient hat. Unter sein Kommando fallen insbesondere hunderte von erfolgreichen „Liquidierungen“ iranischer und irakischer Wissenschaftler aus Forschungsbereichen der militärischen Technologien. Diese Fachleute stellten eine Gefahr für Israel dar. Darum gerieten sie in das Visier des Mossad.

Die Zone der „drei Grenzen“

Laut Angaben der ALAI (Lateinamerikanischen Nachrichtenagentur) bedient sich der Mossad in der Region Lateinamerika nicht weniger als 40 israelischer Firmen und Unternehmen, um seine Aktivität zu tarnen. Außerdem nutzt er Botschaften und andere amtliche Einrichtungen. Die Gesamtzahl der operativen Agenten in Lateinamerika übersteigt nicht die Zahl 100 bis 110. Aber der weitverzweigte Agentenapparat und die „patriotische Zusammenarbeit“ der jüdischen Gemeinschaften und anderer Organisationen gewährleisten für den Mossad eine beachtliche Präsenz als Informationsbeschaffer im gesamten lateinamerikanischen und karibischen Raum.

Die Israelis zeigen ein hohes Interesse an jenen Regionen südlich des Rio Grande, wo Gruppen arabischer Herkunft leben. Als Epizentrum „des potentiellen islamischen Terrorismus“ in Südamerika betrachten die Mossad-Funktionäre „die Zone der drei Grenzen“ am Schnittpunkt von Paraguay, Argentinien und Brasilien. Ähnlich bietet sich ihnen auch die venezolanische Isla Margarita dar, wo seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Libanesen und Syrer sich ansässig zu machen begannen, welche sich der Perlengewinnung widmeten. Später, als die Insel Margarita eine offene Freihandelszone war, wurden sie Geschäftsleute und verkauften Schuhe, Textilien und Schmuck. Die Legende, wonach Chávez „die islamischen Extremisten deckt, die auf der Insel Margarita sind“, ist mehr als nur ein Mal von der bolivarischen Regierung dementiert worden. Auf einer kleinen Insel, wo sich alle gut kennen, ist es unmöglich, etwas zu verheimlichen. Erst recht „die Ausbildungslager der Hisbollah“.

In all den Jahren der minutiösen Observation all dieser „Zentren des Terrorismus“ schafft es der Mossad nicht, verzweigte Organisationen aufzudecken, die eine echte Gefahr für Israel darstellen würden. Aber die Bemühungen des israelischen Geheimdienstes sind nicht umsonst gewesen, wenn auch nur die USA ihre späteren Aktionspläne des Kampfes gegen den Terrorismus und Extremismus in Lateinamerika mit „den Argumenten und den Fakten“ auf „die vertrauenswürdigen Quellen“ des Mossad stützten. Konkret auf diese Weise fabrizieren sie „die Fundamente“, um immer neue US-Militärstützpunkte auf dem Kontinent in nächster Nachbarschaft zu „von populistischen Regimes regierten“ Ländern einzurichten.

Die israelischen Agenten sind häufig im legalen Waffengeschäft tätig, Dies ermöglicht ihnen, Direktkontakte auf hoher Ebene zu den militärischen Kreisen vor Ort und den speziellen Diensten herzustellen.

Der Mossad nutzt mit Erfolg ein Netz seiner „Handelsfilialen“, die für die lateinamerikanischen Kollegen eine ratgeberische Hilfestellung im Kampf gegen die Terroristen, gegen „die Linksextremisten“, gegen die Guerrillagruppen und ihre Unterstützungsstrukturen sowie bei der Modernisierung der technischen Ausrüstung der Geheimdienste leisten. In dieser Hinsicht wird oft die israelische Firma „Global CST“ erwähnt. Sie wird von pensionierten hochrangigen Mossad-Agenten geleitet. Beispielsweise wurde diese Firma im Juli 2009 von der Regierung Perus herangezogen, um die Geheimdienste des Landes mit dem Ziel zu reorganisieren, ihre Wirksamkeit im Kampf gegen „die subversiven und terroristischen Organisationen“ einschließlich des maoistischen „Leuchtenden Pfades“ zu erhöhen. Der „Leuchtende Pfad“ begann damals erneut stärker zu werden. „Global CST“ widmet sich auch der Schaffung eines modernen Systems zur Gewährleistung der elektronischen Kontrolle über die Mobilfunk-Kommunikation, das Internet und die anderen Kommunikationsstrukturen Perus.

Die Firma „Global CST“ wurde in extremer Weise in Kolumbien tätig. Die Israelis geben dort den Agenten des Militärischen Geheimdienstes und der Politischen Polizei (DAS) neues know how auf dem Gebiet des „Anti-Terrorkampfes“ und der Spionage. Während der letzten Jahre sind die kolumbianischen Geheimdienste immer stärker außerhalb der Grenzen ihres Landes aktiv geworden. Dabei kopieren sie offen die Arbeitsweise ihrer Lehrmeister von Mossad und CIA. Die Kolumbianer haben Geheimdienstnetze in Brasilien, Ekuador, Mexiko, Panama und anderen Ländern Lateinamerikas aufgebaut. Ständig betreiben sie die Überwachung von Vertretungen der Guerilla-Organisationen FARC und ELN. Dazu werden Entführungen von „Guerilla-Emissären“ sowie in einigen Fällen deren physische Liquidierung praktiziert.

Aktiv tätig ist in Lateinamerika „die Internationale Sicherheits-Agentur“ (ISA), deren Kaderkern aus einstigen israelischen Kommandos und pensionierten israelischen Geheimdienstangehörigen gebildet wird. Diese Agentur nahm in enger Zusammenarbeit mit CIA und Mossad an der Zerschlagung des verfassungsmäßig gewählten Präsidenten von Honduras, Manuel Zelaya, teil. Jetzt leisten die Fachleute der ISA mit ihren Mitteln „den Schutz“ des gegenwärtigen Präsidenten Porfirio Lobo in Honduras, welcher durch eine Imitation „freier demokratischer Wahlen“ in sein Amt gekommen ist. Also ganz nach dem Schema jener Wahlen, die von Washington für Irak und Afghanistan erarbeitet worden sind.

Zielperson Chávez

Die Beobachter heben hervor, dass „der Hauptgegner und objektiv vordringlich“ für den Mossad in Lateinamerika der Präsident von Venezuela, Hugo Chávez, ist. Chávez verurteilt die Bestrebungen Israels einer gewaltsamen Lösung der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten. Im August 2006 erklärte Chávez kurz nach der israelischen Aggression gegen Libanon den Stopp der diplomatischen Beziehungen Venezuelas mit Israel. Der israelische Botschafter Shlomo Kohen und das diplomatische Personal Israels, mehrheitlich Mossad-Leute, verließen Caracas. Es vergingen einige Monate, und Chávez ergriff in Reaktion auf die Bitten der 12.000 Mitglieder starken jüdischen Gemeinschaft im Lande Maßnahmen zur Normalisierung der Beziehungen mit Israel.

Im Januar 2009 wurden die diplomatischen Beziehungen zu Israel seitens Venezuelas erneut beendet. Dies war ein Zeichen des Protestes gegen die Verbrechen der israelischen Armee im Gaza-Streifen. Im Verlauf jenes militärischen Einsatzes kamen über 1000 Palästinenser um. Ein Drittel dieser Zahl waren Kinder. Chávez widmete sich diesem Thema im Fernsehen. Er verurteilte Israel als „einen Staat, der den Völkermord praktiziert“, „der die Palästinenser in unmenschlicher Weise verfolgt“. Offensichtlich wurde diese Einschätzung sehr feindselig von der israelischen Führung aufgenommen. Im November desselben Jahres 2009 erklärte Shimon Peres auf seiner Reise durch Länder Lateinamerikas offen drohend, dass Chávez „bald verschwinden wird“. Der venezolanische Regierungschef erwiderte: „Stellen Sie sich bloß mal vor, dass er (Peres) sich nicht zu schade war, hier mal herzukommen, in unser Lateinamerika, um solche Worte auszusprechen. Und wenn wir etwas Ähnliches hier in Venezuela ihn betreffend erklärt hätten?“

Der einstige Vizepräsident Venezuelas und Fernsehjournalist José Vicente Rangel warnt immer häufiger in seinem Programm „Ganz im Vertrauen“ vor den geheimen Machenschaften des Mossad, welche darauf ausgerichtet sind, den Mord an Chávez vorzubereiten. Die Geheimdienste Kolumbiens, der Dominikanischen Republik, Panamas und der Insel Curacao sind mit entsprechenden Kadern verstärkt worden. Laut Meinung von Rangel stellt „die kolumbianische Leitung“ eine besondere Gefahr dar, denn im Innenleben der kolumbianischen DAS reifen derzeit immer wieder Komplotte gegen Chávez, die von den Agenten der CIA angeregt werden. Mit alarmierenden Kommentaren warnte die Journalisten Eva Golinger aus den USA, die eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der geheimdienstlichen Tätigkeit gegen die Bolivarische Republik ist. José Sant Ros, der Autor der Untersuchung „Die CIA in Venezuela“, ruft derzeit beharrlich die Behörden auf, der Wühltätigkeit des Mossad im Lande Beachtung zu schenken.

Die Handlungen der bolivarischen Geheimdienste zur Aufspürung von Mossad-Agenten stoßen auf gut inszenierte Proteste der jüdischen Gemeinschaft in Venezuela und rufen stets eine Kampagne der „Solidarität“ in Lateinamerika und den USA hervor. Als ob es auf Befehl erfolgen würde, beginnen dann die Massenmedien, Chávez des Antisemitismus und des Komplotts mit „den islamischen Extremisten“ zu bezichtigen. Wobei das Thema des Antisemitismus bei verschiedenen Hintergründen hoch gepeitscht wird. So auch bei denjenigen Gelegenheiten, wenn die venezolanische Regierung Maßnahmen ergreift, die darauf gerichtet sind, im finanzwirtschaftlichen Bereich eine Ordnung zu errichten.

Im Zentrum von Caracas lagen neben dem Außenministerium am Frankreich-Gebäude Dutzende von Schmuckgeschäfte, die praktisch unkontrolliert Gold und Diamanten an- und verkauften. Die Absichten der Behörden, dieses sich seit einiger Zeit entwickelnde Grauzonen-Geschäft in den gesetzlichen Rahmen einzubringen und da eine Prüfung der Buchführungen und Steuern und anderer Kontrolldokumente vorzunehmen, wurde von den Massenmedien der Opposition verurteilt: „Sie sind dabei, die jüdischen Geschäftsleute zu verfolgen.“ Die Ankündigung einer möglichen Überprüfung schlug dort dann ein wie eine Bombe. Binnen Stunden leerte sich die Szene am Frankreich-Gebäude bis zur Auflösung. Die Geschäftemacherei verzog sich in die Dunkelheit der Nacht, wo es keine Zeugen gibt.

Die Agenten der venezolanischen Abwehr beobachteten dieses Treiben von außen. Zuweilen klickten ihre Fotokameras. Natürlich nur rein zufällig. Es war nichts Neues an der Information, dass der Mossad die Szene am Frankreich-Gebäude nutzte, um seine eigenen Finanzaktionen zu betreiben.

Quelle: http://www.patriagrande.com.ve/portada/mossad-america-sur/

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