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Motivationspillen
für die Volksseele
BERLIN
Quelle:
german-foreign-policy
15.09.2011 (auf Kommunisteen-online am 15. Sept. 2011) – In einer
offiziösen deutschen Publikation werden Mittel und Methoden zur
Erzeugung von Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung diskutiert. Die
Autoren, die hochrangige Funktionen in Staatsverwaltung, Bundeswehr,
Wissenschaft und Medien bekleiden, äußern unter anderem die
Auffassung, Bilder von „blutrünstigen Diktatoren“ oder
„verhungernden Kindern“ dienten als „moralisches Schwungrad für
einen militärischen Einsatz“. Auch die Fernsehaufnahmen vom Einsturz
des World Trade Center in New York am 11. September 2010 hätten wie
„Motivationspillen“ für den Krieg gegen Afghanistan gewirkt. Dabei
unterscheiden die Autoren klar zwischen Massenpropaganda für den
„Mann auf der Straße“ und einer ebenfalls von ihnen angemahnten
„sicherheitspolitischen Debatte“. Letztere sei eine „Domäne der
Eliten“, heißt es: Insbesondere die „außen- und
sicherheitspolitisch ernst zu nehmenden Bundestagsfraktionen“ müssten
lernen, „Entscheidungen ohne falsche Rücksicht auf die öffentliche
Akzeptanz zu treffen“.
Bewährungsproben
einer Nation
In
einer unlängst erschienenen Publikation des Berliner Verlages Duncker
und Humblot werden Mittel und Methoden zur Erzeugung von
Kriegsbereitschaft diskutiert. Das Buch trägt den Titel „Bewährungsproben
einer Nation“ und befasst sich mit der „Entsendung der Bundeswehr
ins Ausland“. Die Autoren bekleiden hochrangige Funktionen in
Staatsverwaltung, Militär, Wissenschaft und Medien; zu ihnen zählen
der ZDF-Redakteur Mathis Feldhoff und der NATO-Mitarbeiter Michael Rühle
ebenso wie Vizeadmiral Ulrich Weisser und Claus Kreß, Professor für Völkerrecht
an der Universität Köln. Insbesondere der Journalist Feldhoff
entwickelt in seinem Beitrag eine ausgefeilte Feindbildpropaganda:
„Verhungernde Kinder, marodierende Banden, blutrünstige Diktatoren,
das sind die Bilder, die als moralisches Schwungrad für einen militärischen
Einsatz dienen können. Sie wirken auf die Volksseele“.[1]
Vorbereitende
Berichterstattung
Wie
Feldhoff in seinem Beitrag weiter ausführt, bedürften nicht zuletzt
die aktuellen Kriegsoperationen der Bundeswehr einer „vorbereitende(n)
Berichterstattung“. Zum Beleg verweist er auf die Medienreporte über
die Anschläge vom 11. September 2001 in New York: „2001 wirkten die
tausendfach wiederholten Fernsehbilder vom Einsturz der Twin Towers wie
Motivationspillen für die Bereitschaft der westlichen Gesellschaften,
ihre Regierungen beim Feldzug in Afghanistan zu unterstützen.“ Heute
indes verschwimme die „Zuordnung von 'Gut und Böse'„ bei der
medialen Wahrnehmung des Afghanistan-Krieges, moniert Feldhoff: „Nur
wenige Beiträge wie der Bericht des Time-Magazins über eine junge
Afghanin, der Peiniger die Nase abschnitten, geben eine Vorstellung
davon, dass ein zu schneller Abzug der NATO für viele Afghanen (...) in
einer humanitären Katastrophe enden könnte.“[2]
Gerechter
Krieg
Laut
Feldhoff verlangt die deutsche Bevölkerung „klare Argumente dafür,
dass ein Auslandseinsatz (...) moralisch gut begründet ist“: „Das
Volk will den gerechten Krieg oder keinen.“ Demgegenüber sei eine
Berichterstattung, die auf klare Schuldzuweisungen und Feindbilder
verzichte, auch für die in Afghanistan eingesetzten deutschen Soldaten
von Nachteil, erklärt der ZDF-Redakteur - schließlich handele es sich
bei den Massenmedien um ein zentrales „Mittel, um zu bewirken, dass
das 'freundliche Desinteresse' an der Heimatfront durch Respekt und
Anerkennung abgelöst wird“.[3] Feldhoff selbst hat diese Auffassung
bereits mehrfach in die Tat umgesetzt: Zuletzt porträtierte er den
ehemaligen Chef der deutschen Besatzungstruppen im afghanischen Kunduz,
Oberst Georg Klein, als „Menschen mit hohen ethischen Maßstäben“ (german-foreign-policy.com
berichtete [4]). Klein ist verantwortlich für das Bombardement zweier
von afghanischen Aufständischen geraubter Tanklaster, bei dem mehr als
hundert unbeteiligte Zivilisten zu Tode kamen.
Falsche
Rücksicht auf Akzeptanz
Während
sich der Fernsehjournalist Feldhoff in seinem Beitrag mit massenmedial
zu vermittelnder Kriegspropaganda befasst, widmet sich ein anderer Autor
des Bandes der Lancierung einer „sicherheitspolitische(n) Debatte“.
Diese müsse „lang dauernde Stabilisierungsmissionen“ und
„Kampfeinsätze“ wie in Afghanistan „als unmittelbar relevant für
die eigene nationale Sicherheit (...) vermitteln“, erklärt Michael Rühle,
Leiter des „Referats für Energiesicherheit“ bei der NATO. Die
„Zielgruppe“ des zu entwickelnden Diskurses sei dabei allerdings
„nicht in erster Linie der 'Mann auf der Straße'„: „Ungeachtet
von Meinungsumfragen war und bleibt Sicherheitspolitik eine Domäne der
Eliten.“ Gefordert ist laut Rühle „ein sicherheitspolitisches
Selbstbewusstsein der deutschen politischen Klasse, das gefestigt genug
ist, um wichtige Entscheidungen parteiunabhängig und ohne falsche Rücksicht
auf die öffentliche Akzeptanz zu treffen“. Konkret geht es dem NATO-Bürokraten
um das „Einverständnis, Waffengewalt umfassender einzusetzen, als
dies die überkommenen Vorstellungen von Selbstverteidigung nahe
legen“ - etwa zum „Schutz kritischer Energie-Infrastruktur“.[5]
Keine
Schuldkomplexe!
Der
Wunsch nach einer entsprechenden militärpolitischen
„Diskussionskultur“ wird auch von anderen Autoren des Buches geäußert.
Dass eine solche bislang nicht existiere, leiten sie aus der jüngsten
deutschen Vergangenheit ab: „Deutschland ist zu einer realistischen
Bedrohungswahrnehmung kaum in der Lage, weil es die größte Bedrohung
nach 1945 in sich selbst sah“, meint etwa Vizeadmiral a. D. Ulrich
Weisser. Seiner Ansicht nach verstellt das „Denken in
Schuldkomplexen“ den Blick für mögliche „Gefahren“ ebenso wie für
die „Chance“, als „gestaltende Kraft“ in Europa die „Führung
zu übernehmen“.[6] Eine ähnliche Position vertritt auch Bastian
Giegerich vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SoWi):
„Das Glück, weder an Entkolonialisierungskriegen noch an Kriegen wie
jenen in Korea oder Vietnam beteiligt gewesen zu sein, entfremdete die
Deutschen von der Vorstellung, dass politische Ziele, die über die
reine Territorialverteidigung hinausreichen, mit dem Einsatz des Militärs
erreicht werden können. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verschärften
vielfach die Skepsis, dass sich Militäreinsätze überhaupt rechtlich
und moralisch legitimieren ließen.“[7]
Keine
Hemmungen!
Hier
wiederum knüpft der Kölner Völkerrechtler Claus Kreß an. Seiner
Auffassung nach sollte die „Entscheidung über völkerrechtlich
erlaubte Auslandseinsätze“ nicht vom durch die Erfahrung des
Nationalsozialismus geprägten Grundgesetz abhängen: „Der deutschen
Politik ist die erforderliche Urteilskraft 60 Jahre nach dem Zweiten
Weltkrieg ebenso zuzutrauen wie der deutschen Bevölkerung.“ Damit
einhergehend verlangt Kreß nicht nur die „vorbeugende Inhaftierung
gegnerischer Kämpfer“ im Rahmen von Kriegsoperationen, sondern äußert
zudem Verständnis für die Tötung von Unbeteiligten: „Der Angriff
auf ein militärisches Ziel (ist) nicht bereits deshalb verboten, weil
abzusehen ist, dass er zivile Begleitschäden nach sich ziehen
wird.“[8]
Eine
Rezension des von Christoph Schwegmann herausgegebenen Bandes „Bewährungsproben
einer Nation“ finden Sie hier.
[1],
[2], [3] Mathis Feldhoff: Die Medien, die Politik und der Krieg. In:
Christoph Schwegmann (Hg.): Bewährungsproben einer Nation. Die
Entsendung der Bundeswehr ins Ausland. Berlin 2011
[4] s. dazu Im
Sinne der Soldaten
[5] Michael Rühle: In was für einer Welt leben wir?
Sicherheitspolitische Folgerungen aus einer globalisierten Welt. In:
Schwegmann (Hg.): Bewährungsproben einer Nation. Berlin 2011
[6] Ulrich Weisser: Die Rolle Deutschlands in der Welt. In: Schwegmann
(Hg.): Bewährungsproben einer Nation. Berlin 2011
[7] Bastian Giegerich: Was Militär leisten kann: Die Bundeswehr als
Instrument der Sicherheitspolitik. In: Schwegmann (Hg.): Bewährungsproben
einer Nation. Berlin 2011
[8] Claus Kreß: Zu den Rechtsgrundlagen von Auslandseinsätzen der
Bundeswehr. In: Schwegmann (Hg.): Bewährungsproben einer Nation. Berlin
2011
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58146 |