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32000
iranische Agenten im Irak. Wer bietet mehr?
André
Brie und die »Freunde des Freien Iran«. Europaparlamentarier versuchen,
US-Propaganda gegen Teheran zu toppen
Von
Knut Mellenthin
Quelle:
jungeWelt
vom 13. Februar 2007
Passend
zum Befehl von US-Präsident George W. Bush, »iranische Agenten« im Irak
tot oder lebendig zur Strecke zu bringen, wendet sich eine breite Allianz
von Europa-Abgeordneten mit einer düsteren Beschreibung an die Öffentlichkeit:
»Iranische Revolutionsgarden treiben sich ungehindert im Irak herum, schüren
den Aufstand, töten alliierte Truppen und ermorden zahllose unschuldige
Zivilisten.«
Ganz
so weit gehen im Moment nicht einmal Bush und seine Regierungsmannschaft.
Sie sprechen zwar von iranischen Waffenlieferungen an schiitische Milizen,
sind aber mit Behauptungen über eigene Aktivitäten Teherans im besetzten
Irak zurückhaltend.
Wer
sind die sogenannten »Freunde des Freien Iran« im Europaparlament, die
an Anschuldigungen noch geringere Ansprüche stellen als die amerikanische
Regierung? Etwa die Hälfte von ihnen gehören der EPP-ED (Group of the
European People’s Party and European Democrats) an, der Fraktion der
Konservativen und Christdemokraten im Europaparlament. Die
Ultranationalisten der UEN (Union for Europe of the Nations) sind mit
mindestens zwei Abgeordneten im Bündnis vertreten. Einer davon ist Mogens
Camre von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, der schon
mehrfach durch rassistische Äußerungen Aufsehen erregte. Die andere
Seite des Spektrums repräsentieren André Brie und Helmuth Markov von der
deutschen Linkspartei.PDS sowie Luisa Morgantini vom italienischen Partito
della Rifondazione Comunista.
»Freunde
des Freien Iran« ist genau gesehen viel zu viel gesagt. Die Allianz der
Europaabgeordneten versteht sich im wesentlichen nur als parlamentarisches
Sprachrohr der unter vielen Tarn- und Alibinamen agierenden iranischen
Volksmudschaheddin (MEK). Für die eigentliche iranische Opposition,
insbesondere auch die in ihrem Land selbst tätige, scheint sich der
Freundeskreis hingegen nicht merklich zu interessieren.
Anfangs
hatte die MEK, die Marxismus und Islam zu verschmelzen versprach, sich an
der »islamischen Revolution« nach dem Sturz des Schah (1979) beteiligt.
Als sie von den Fundamentalisten unter Ajatollah Khomeini mit massiver
Gewalt unterdrückt und ausgeschaltet wurde, flüchtete sich die MEK-Führung
mit Tausenden ihrer Anhänger in den Irak und diente sich dem Regime in
Bagdad an. Sie kamen im richtigen Moment, denn Saddam Hussein ließ im
September 1980 den Iran überfallen. Die MEK beteiligte sich mit eigenen,
vom Irak ausgerüsteten Einheiten an dem Angriff. Die MEK blieb auch im
Irak, als der Krieg im August 1988 mit einem Waffenstillstand endete. In
den 90er Jahren wurden ihre militärischen Einheiten angeblich von Saddam
Hussein gegen Kurden und Schiiten eingesetzt. Seit dem Überfall der USA
auf den Irak 2003 steht das MEK-Camp Ashraf, wo sich etwa 4000 Anhänger
der Organisation aufhalten, unter dem Schutz der US-Streitkräfte (siehe
jW vom 7.7.2006).
Um
auf die eingangs zitierten Behauptungen des Freundeskreises über die »iranischen
Agenten« zurückzukommen: Die MEK ist nicht nur ihre wichtigste, sondern
ihre einzige Quelle. Man sollte meinen, daß kein vernünftiger Mensch
unbesehen alles glaubt, was eine Sekte von Fanatikern über ihre größten
Feinde erzählt. Der »Freundeskreis« führt den Gegenbeweis in
Permanenz. Gerade erst wieder hat André Brie sich zusammen mit dem
rechten portugiesischen Sozialdemokraten Paulo Casaca ȟber die Lage im
Irak informiert«, wie sie selbst es nennen. Von sieben Tagen verbrachten
sie vier bei der MEK im Camp Ashraf, zwei bei kurdischen Organisationen im
nordirakischen Erbil und einen in der jordanischen Hauptstadt Amman.
Über
die Internetplattform YouTube verbreitete Videoaufnahmen zeigen Brie und
Casaca in bester Stimmung beim Volkstanz mit den Volksmudschaheddin während
eines Festes in Camp Ashraf. Für den langjährigen Wahlkampfleiter der
PDS war es nach eigenem Bekunden sein achter Aufenthalt im Irak während
der letzten Jahre. Das MEK-Lager dürfte jedes Mal seine wichtigste
Station gewesen sein. Der Gewinnung sachlicher, ausgewogener Informationen
über die Lage im Irak und Iran kann damit allerdings nicht gedient sein.
Die
MEK behauptet beispielsweise frischweg, daß zahlreiche
Regierungsmitglieder und hochrangige Funktionäre der irakischen Armee und
Polizei »iranische Agenten« seien. Nicht etwa die US-Armee, sondern Iran
halte den Irak besetzt. Die MEK verkündete sogar, über eine Liste mit
32000 Namen »iranischer Agenten« zu verfügen und diese den Amerikanern
übergeben zu haben. Eine Todesliste, wenn es nach den Wünschen der MEK
ginge. Und was wünschen sich die Europaabgeordneten, wenn sie die USA zum
beherzten Vorgehen gegen die »iranischen Agenten« ermuntern? |