|
36
Jahre PFLP
Ein
Interview mit PFLP-Sprecher Abdel Wahab Shteiyeh
Diese
Woche interviewt „Palestine Report Online“ Abdel Wahab
Shteiyeh, Sprecher der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP)
in Nablus, über die politische Agenda der PFLP.
Wie
würdest Du die Position der PFLP anlässlich des 36.Jahrestages ihrer
Gründung im letzten Monat beschreiben?
„Es
hat – als Ergebnis der Intifada – eine sehr positive Volksbewegung
in Richtung der politischen und militärischen Linie der Front gegeben.
Wir haben festgestellt, dass sich die Position der palästinensischen
Strasse auf die Haltung derjenigen zubewegt, die ehrlich die palästinensischen
Rechte einfordern und für die palästinensischen Ziele kämpfen. Wir
haben ebenfalls beobachtet, dass die Menschen eine große Ausdauer und
Opferbereitschaft besitzen und Vertrauen in die Kräfte haben, die für
ihre Rechte kämpfen.“
Verfügt
die PFLP angesichts der relativen Stagnation der palästinensischen
Linken über eine klare Politik?
„Die
politische Linie der Front ist ganz klar. Wir bemühen uns um die
Bildung eines demokratischen Kerns innerhalb der palästinensischen
Gesellschaft, der den Zielen und den Rechten des palästinensischen
Volkes treu bleibt. Wir glauben nicht daran, dass es sinnvoll ist
<Israel> bei diesen Rechten irgendwelche Konzessionen zu machen
und wir versuchen soziale Gerechtigkeit in der palästinensischen
Gesellschaft herzustellen und eine linke Kraft innerhalb dieser
Gesellschaft zu bilden.“
Wie
sieht also das Verhältnis zwischen der PFLP und den linken palästinensischen
Fraktionen aus ?
„Es
gibt einige politische Differenzen zwischen der PFLP und anderen linken
Parteien, die unser Verständnis des Charakters dieser Periode, in der
sich das palästinensische Volk befindet (und diese Periode ist eine
besondere) und unser Verständnis des Charakters des Kampfes betreffen.
Diese Differenzen bedeuten nicht, dass es keine gemeinsame Grundlage
gibt. Es gibt viele linke Parteien und sie haben <alle> einen
ideologischen Ansatz, aber wir unterscheiden uns in unserer Politik und
ihrer Umsetzung. Als Front <d.h. als PFLP> haben wir ein Ziel, das darin besteht, für
alle palästinensischen Fraktionen und insbesondere für alle linken
Fraktionen ein einheitliches politisches Programm zu formulieren.
Die
PFLP lehnt Konzessionen bei irgendwelchen palästinensischen Rechten
entschieden ab. Wenn die Linke diesen Ansatz übernimmt, haben wir kein
Problem, eine allgemeine linke Bewegung zu bilden.“
Warum
hat die Front – angesichts der in der letzten Zeit herrschenden
relativen Ruhe – beschlossen, die Operation in Tel Aviv durchzuführen
?
„Stimmt,
es gab eine relative Ruhe. Aber diese Ruhe wurde nicht durch eine Ruhe
vor der israelischen Besatzung begleitet. Im Gegenteil, es haben
Mordaktionen, Überfälle, Einebnung von Land und die Ermordung von zwei
PFLP-Führungsmitgliedern in Nablus stattgefunden. Palästinensisches
Blut ist nicht billiger als israelisches Blut und wird es nie sein. Die
Operation war keine direkte Reaktion auf die Ermordung der Führungsmitglieder
der Front, sondern als Antwort auf die israelischen Praktiken gegen das
palästinensische Volk als Ganzes gedacht: gegen die Zerstörungen in
Rafah, das Eindringen in Jenin, Tulkarem, Kalkilya und Nablus. Die
israelischen Besatzungskräfte sind nicht an einer Waffenruhe oder an
einem Ende der Gewalt interessiert. Aus diesem Grund müssen alle palästinensischen
Fraktionen darauf hinarbeiten, die Israelis zu einem Stopp ihrer
Mordanschläge, der Einebnung von Land, den Häuserzerstörungen, dem
Bau der Trennungsmauer, den Überfällen, Ausgehverboten und allen
anderen Terrortaktiken zu zwingen, die von dem Terroristen Sharon
angewendet werden.
Es
ist nur natürlich, dass es auf diese Operationen eine Antwort gibt. Die
PFLP-Operation war Teil einer Kette von Operationen, die vom palästinensischen
Widerstand durchgeführt wurden.“
Was
war die israelische Antwort auf die Operation der PFLP ?
„Natürlich
unterscheiden die Israelis nicht zwischen der Zivilbevölkerung und
bewaffneten Gruppen und sie unterscheiden nicht zwischen einer Fraktion
und der anderen. Die israelische Antwort war der Einmarsch in Nablus, wo
sie unbewaffnete Leute töteten, die keine militärische Rolle
innehatten. Es wurden in Nablus gelegene archäologische Stätten zerstört.
Was haben archäologische Stätten mit militärischen Operationen zu
tun? Aber das ist Teil
eines von Sharon gut einstudierten Programms, das darauf abzielt, das
palästinensische Volk in die Knie zu zwingen, indem man Druck auf die
Leute ausübt – entweder wirtschaftlich oder psychologisch. Das ist
der Versuch, die Botschaft zu verbreiten: Mit unseren Panzern und
Raketen können wir die palästinensische Infrastruktur zerstören. Wie
auch immer, weder die israelische Militärmaschinerie noch irgendeine
Kraft der Welt kann die Palästinenser dazu bringen, sich dem
zionistischen Plan zu beugen.“
Was
ist mit der andauernden Inhaftierung des Generalsekretärs der Front,
Ahmed Sa’adat ? Hat es
irgendwelche Bemühungen der Führung um seine Freilassung gegeben?
„Wir
in der Front haben Sa’adats Freilassung gefordert und fordern sie
weiterhin. Die Entscheidung, ihn freizulassen, liegt jedoch nicht länger
in den Händen der Palästinensischen Autonomiebehörde. Sie liegt in
den Händen der Amerikaner, der Briten und der Israelis. Zweitens
befinden wir uns in einer Periode des Konfliktes mit der israelischen
Besatzung. Wir wollen dies – insbesondere zu diesem Zeitpunkt –
nicht in einen innerpalästinensischen Konflikt verwandeln, weil es
genau das ist, was die israelische Besatzung versucht. Wie auch immer,
wir werden uns nicht die Hände binden lassen. Die Front stellt eine der
wichtigsten Fraktionen innerhalb der PLO dar und sie ist die zweitgrößte
Fraktion dort, mit einer breiten Basis im Volk. Die Palästinensische
Autonomiebehörde muss den Generalsekretär sofort freilassen. Dieser
Beschluss muss gemäß der Entscheidung des palästinensischen Höchsten
Gerichtes erfolgen. Diese Beschlüsse müssen auch dann in Kraft gesetzt
werden, wenn die tatsächliche Freilassung nicht mehr in ihren Händen
liegt.“
Bedeutet
dies, dass Sa’adats Verhaftung einen Spannungspunkt zwischen der PFLP
und der Autonomiebehörde darstellt?
„Ohne
Zweifel. Es kann keine wirkliche Einheit innerhalb der palästinensischen
Gesellschaft und zwischen den nationalen und islamischen Kräften geben,
solange Sa’adat sich im Gefängnis von Jericho befindet. Es ist
entscheidend, dass er freigelassen wird, damit es eine vereinte
nationale Führung geben kann, um den Widerstand zu leiten.“
Wie
ist Eure Haltung zu den Genfer Abkommen ?
„Wir
lehnen die Genfer Abkommen vollständig ab, weil sie eines der
wichtigsten Rechte des palästinensischen Volkes beseitigen, auf dem die
gesamte Revolution basierte: das Rückkehrrecht. Die Revolution begann
aufgrund des Rückkehrrechtes. Wenn die Unterzeichner der Genfer
Abkommen also das Rückkehrrecht beseitigen, beseitigen sie tatsächlich
die palästinensische Revolution. Sie annullieren die Rechte des palästinensischen
Volkes insgesamt. Deshalb werden wir dieser Initiative in keinem Fall
zustimmen.“
Wenn
die Abkommen – einmal hypothetisch angenommen – das Rückkehrrecht
in einer zufriedenstellenden Weise aufnehmen, würde die PFLP dann die
Zwei-Staaten-Lösung akzeptieren ?
„Die
PFLP hat die Interimslösung bereits akzeptiert, d.h. die Errichtung
eines palästinensischen Staates in den Grenzen vom Juni 1967 mit voller
Souveränität und einem Rückkehrrecht für Flüchtlinge. Die Front
kann allerdings keinen verstümmelten Staat oder etwas Staatsähnliches
oder bloß eine palästinensische Autonomie akzeptieren. Wir fordern
einen vollständig souveränen palästinensischen Staat.“
Warum
führt Ihr – sofern die Zwei-Staaten-Lösung für die PFLP akzeptabel
ist – Operationen gegen israelische Bürger innerhalb der Grünen
Linie durch ?
„Zerstört
die israelische Besatzung keine Gebäude und tötet sie keine palästinensischen
Zivilisten ? Wenn sie
Besatzungstruppen bereit sind, ihre Invasionen palästinensischer Städte,
Dörfer und Flüchtlingslager zu stoppen, wenn sie aufhören, palästinensische
Zivilisten zu töten und zu ermorden, dann glaube ich, dass es einen
anderen palästinensischen Standpunkt geben wird.“
Wird
sich die PFLP an den kommenden Wahlen der palästinensischen
Autonomiebehörde beteiligen ?
„Hinsichtlich
der Stadt- und Gemeinderäte und -institutionen wird die Front eine
Rolle spielen und zwar, weil diese direkt den Menschen dienen. Was die
offiziellen Institutionen anbelangt, wird innerhalb der Front eine
Entscheidung fallen, wenn es an der Zeit ist.“
Vorbemerkung,
Übersetzung aus dem Englischen und Einfügungen in eckigen Klammern:
Antifa-AG
der Uni Hannover
Weitere
Texte zu diesem und anderen Themen (Soziale Kämpfe in Europa und
weltweit, Imperialismus und Antiimperialismus, Antifaschismus, Aktuelles
etc.) findet Ihr auf unserer Website:
http://kickme.to/antifa-uni-hannover
oder
http://antifa.unihannover.tripod.com |