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Zionistische
Piratenaktion:
Barak,
der neue Bevin
„Töte
einen Türken, und dann ruh dich aus!“
AUTOR: Uri
AVNERY אורי אבנרי
Übersetzt
von Ellen Rohlfs
Quelle:
Tlaxcala
Auf
Kommunisten-online am 18. Juni 2010
AUF
HOHER See wurde in internationalen Gewässern ein Schiff von der
Marine gestoppt. Militär stürmte es. Hunderte an Deck widersetzten
sich. Die Soldaten wandten Gewalt an. Einige der Passagiere wurden getötet,
viele verletzt. Das Schiff wurde in den Hafen gebracht.
Die
Passagiere wurden gewaltsam vom Schiff geführt. Die Welt sah sie auf
dem Kai gehen, Männer und Frauen, junge und alte, alle müde und
ausgemergelt, einer nach dem anderen, von Soldaten auf beiden Seiten
gestützt…
Das
Schiff wurde „Exodus 1947“ genannt. Es verließ Frankreich in der
Hoffnung, die britische Blockade zu brechen, die verhängt war, um
Schiffe voller Holocaustüberlebender daran zu hindern, die
Küste Palästinas zu erreichen. Wenn es ihm erlaubt worden wäre, das
Land zu erreichen, wären die illegalen Immigranten gelandet, und die
Britten hätten sie in Haftlager nach Zypern gesandt, wie sie es vorher
getan hatten. Keiner würde sich an die Episode vor mehr als zwei Tagen
erinnert haben.
Aber
die verantwortliche Person war Ernst Bevin, ein Führer der Laborpartei,
ein arroganter, grober und machthungriger britischer Minister. Er hatte
nicht vor, sich von einem Haufen Juden etwas sagen zu lassen. Er
entschied sich, ihnen eine Lektion zu erteilen, und die ganze Welt wäre
Zeuge davon gewesen. „Dies ist eine Provokation!“ erklärte er, und
natürlich hatte er Recht. Das Hauptziel des Schiffes war tatsächlich,
eine Provokation zu schaffen, um die Augen der Welt auf die britische
Blockade zu richten.
Was
dann folgt ist allen wohlbekannt: die Episode zog sich hin ; eine
Dummheit folgte der anderen; die ganze Welt sympathisierte mit den
Passagieren. Aber die Briten gaben nicht nach und zahlten den Preis.
Einen hohen Preis.
Viele
glauben, dass der „Exodus“-Vorfall der Wendepunkt im Kampf um
die Schaffung des Staates Israel war. Die Briten brachen unter dem
Gewicht der internationalen Verurteilung zusammen und entschieden, das
Mandat über Palästina aufzugeben. Es gab natürlich noch viele andere
gewichtigere Gründe für diese Entscheidung, aber die „Exodus“
schien der Strohhalm zu sein, der dem Kamel den Rücken brach.
Ernest
Bevin, Karikatur von Jack Rosen
ICH
WAR nicht der einzige, der in dieser Woche an diese Episode erinnert
wurde. Tatsächlich war es fast unmöglich, nicht daran erinnert zu
werden, besonders von denen von uns, die damals in Palästina lebten und
Zeugen davon wurden.
Da
gibt es natürlich große Unterschiede. Damals waren die Passagiere
Holocaustüberlebende, dieses Mal waren es Friedensaktivisten aus aller
Welt. Aber damals wie heute sah die Welt, wie schwer bewaffnete
Soldaten unbewaffnete Passagiere brutal angriffen, die mit allem,
was sie in die Hände bekommen konnten - mit Stöcken und bloßen Händen
- sich wehrten. Damals wie jetzt ereignete es sich auf hoher See –
damals 40 km von der Küste entfernt, jetzt 65 km.
In
der Rückschau erscheint das britische Verhalten während der
ganzen Affäre unglaublich dumm. Aber Bevin war kein Dummkopf, und die
britischen Offiziere, die die Aktion kommandierten, waren keine Trottel.
Schließlich hatten sie gerade den 2.Weltkrieg siegreich beendet.
Wenn
sie sich vollkommen töricht von Anfang bis Ende verhielten, war es die
Folge von Arroganz, Gefühllosigkeit und grenzenloser Verachtung für
die öffentliche Meinung der Welt.
Ehud
Barak ist der israelische Bevin. Auch er ist kein Dummkopf, genau
so wenig wie unsere hohen Offiziere. Aber sie sind verantwortlich für
eine Reihe törichter Handlungen mit verheerenden Auswirkungen, die kaum
abzuschätzen sind. Der frühere Minister und jetzige Kommentator
Yossi Sarid nannte das ministerielle „Komitee der Sieben“, das über
die Sicherheitsbelange entscheidet, „sieben Idioten“ – und ich
muss protestieren. Es ist eine Beleidigung der Idioten.
DIE VORBEREITUNGEN für die Flotille dauerten länger als ein
Jahr. Hunderte von E-mail-Botschaften gingen hin und zurück. Ich selbst
erhielt Dutzende. Es war kein Geheimnis. Alles wurde offen vorbereitet.
Es
war also viel Zeit für alle unsere politischen und militärischen
Institutionen, sich für die Ankunft der Schiffe vorzubereiten.
Die Politiker berieten sich. Die Soldaten trainierten. Die Diplomaten
berichteten. Die Leute vom Nachrichtendienst taten ihren Job.
Nichts
half. Alle Entscheidungen waren falsch vom ersten Augenblick an. Und wir
sind noch nicht am Ende.
Die Idee
einer Flotte als Mittel, die Blockade zu brechen, ist genial. Sie bringt
die israelische Regierung in eine Zwickmühle – die Wahl zwischen
mehreren Alternativen, die alle schlimm sind. Jeder Feldherr
hofft, seinen Gegner in solch eine Lage zu bringen.
Die
Alternativen waren:
(a) Die
Flottille ohne Hindernis Gaza erreichen zu lassen. Der
Kabinettssekretär schlug vor, dies zu tun. Dies würde zum Ende der
Blockade geführt haben, weil danach weitere und größere Flotten
gekommen wären.
(b) Die
Schiffe in territorialen Gewässern zu stoppen, ihre Fracht zu
kontrollieren und sicher zu gehen, dass keine Waffen oder
„Terroristen“ an Bord sind, und sie dann ihren Weg fortsetzen zu
lassen. Das hätte einigen vagen Protest in der Welt gegeben, aber
das Prinzip einer Blockade aufrecht erhalten.
(c) Sie
auf hoher See gefangen zu nehmen, sie nach Ashdod zu bringen und eine
direkte Schlacht mit den Aktivisten an Bord zu riskieren.
Wie
alle Regierungen es bis jetzt getan haben, als sie mit
verschiedenen schlechten Alternativen konfrontiert waren, hat die
Regierung Netanjahu die schlimmste gewählt.
Jeder,
der den Vorbereitungen folgte, wie sie in den Medien berichtet wurden, hätte
voraussehen können, dies würde dazu führen, dass Menschen getötet
und verletzt würden. Man stürmt kein türkisches Schiff und erwartet
niedliche kleine Mädchen, die einen mit Blumen begrüßen. Die Türken
sind nicht dafür bekannt, dass sie leicht aufgeben.
Die
Befehle, die dem Militär gegeben und der Öffentlichkeit bekannt
gegeben wurden, schlossen die drei schicksalsvollen Worte ein:
„um jeden Preis“. Jeder Soldat weiß, was diese schrecklichen Worte
bedeuten. Außerdem stand die Rücksicht gegenüber den Passagieren erst
an dritter Stelle auf der Liste der Ziele, nach der Gewährleistung der
Sicherheit der Soldaten und der Erfüllung der Aufgabe.
Wenn
Benjamin Netanjahu, Ehud Barak, der Stabschef und der Kommandeur der
Flotte, nicht verstanden hatten, dass dies zum Töten und Verletzen von
Menschen führt, muss die Schlussfolgerung gezogen werden – selbst von
jenen, die zögerten, dies so zu sehen – dass sie vollkommen
inkompetent sind. Ihnen muss mit den unsterblichen Worten Oliver
Cromwells zum Parlament gesagt werden: „Im Namen Gottes geht!“
DIESER
VORFALL weist wieder auf einen der ernsthaftesten Aspekte unserer
Situation: wir leben in einer Seifenblase, in einer Art mentalem
Ghetto, das uns abschneidet und uns daran hindert, eine andere
Realität zu sehen, die vom Rest der Welt wahrgenommen wird. Ein
Psychiater könnte dies als Symptom einer ernsten psychischen Erkrankung
sehen.
Die
Propaganda der Regierung und der Armee erzählt eine einfache
Geschichte: unsere heldenhaften Soldaten, entschlossen und sensibel, die
Elite der Elite, kamen auf das Schiff, um zu „reden“, und wurden von
einer wilden und gewalttätigen Menge angegriffen. Offizielle
Sprecher wiederholten immer wieder das Wort „lynchen“.
Am
ersten Tag akzeptierten dies fast alle israelischen Medien. Schließlich
ist klar, dass wir, die Juden, die Opfer sind. Immer. Das gilt auch für
jüdische Soldaten. Es stimmt zwar, dass wir ein ausländisches Schiff
stürmten, wurden aber gleich zu Opfern, die keine andere Wahl
hatten, als sich selbst gegen gewalttätige und aufgehetzte
Antisemiten zu verteidigen.
Es
ist fast unmöglich, sich nicht an den klassischen jüdischen Witz zu
erinnern: an die jüdische Mutter in Russland, die sich von ihrem Sohn
verabschiedet, der aufgerufen wurde , dem Zar im Krieg gegen die Türkei
zu dienen: „Überanstreng dich nicht!“ fleht sie ihn an, „Töte
einen Türken, und dann ruh dich aus! Dann töte einen anderen Türken
und ruh dich wieder aus…“
„Aber Mutter“, unterbricht sie der Sohn. „Was, wenn die Türken
mich töten?“
„Dich?“ ruft die Mutter aus, „Aber warum? Was hast du ihnen
getan?“
Für
eine normale Person mag dies verrückt klingen. Schwer bewaffnete
Soldaten eines Elitekommandos greifen ein Schiff auf hoher See mitten in
der Nacht vom Meer und aus der Luft an – und sie sind die Opfer?
Aber
es stimmt, doch in anderer Weise: sie sind die Opfer eines arroganten
und inkompetenten Kommandeurs, unverantwortlicher Politiker und der
Medien, die von ihnen gefüttert werden. Und tatsächlich auch von der
israelischen Öffentlichkeit, da die meisten diese Regierung
und diese Opposition gewählt haben, die auch nicht anders ist.
Ehud
Barak, von Kerry Waghorn
Die
„Exodus“-Affäre wurde wiederholt, aber mit vertauschten
Rollen. Nun sind wir die Briten.
Irgendwo
wird ein neuer Leon Uris sein nächstes Buch planen, „Exodus
2010“. Ein neuer Otto Preminger wird einen Film planen, der ein Knüller
werden wird. Ein neuer Paul Newman wird darin ein Star sein – schließlich
gibt es keinen Mangel an talentierten türkischen Schauspielern.
VOR
MEHR als 200 Jahren erklärte Thomas Jefferson, dass jede Nation mit
einem „dezenten Respekt gegenüber den Meinungen der
Menschheit“ handeln müsse. Die israelischen Führer haben nie die
Weisheit dieser Maxime akzeptiert. Sie halten sich an das Diktum von
David Ben-Gurion: „Es ist nicht wichtig, was Nicht-Juden sagen,
wichtig ist, was Juden tun“. Aber er setzte voraus, dass
die Juden nicht töricht handeln würden.
Die
Türken zu Feinden zu machen, ist dumm. Seit Jahrzehnten ist die Türkei
unser engster Verbündeter in der Region gewesen, viel mehr als
allgemein bekannt ist. Die Türkei könnte in der Zukunft eine wichtige
Rolle als Vermittler zwischen Israel und der arabisch-muslimischen Welt
spielen, zwischen Israel und Syrien, und sogar zwischen Israel und dem
Iran. Vielleicht ist es uns jetzt gelungen, das türkische Volk gegen
uns zu vereinigen – und einige sagen, dass dies die einzige Sache sei,
die die Türken nun verbindet.
Dies
ist das 2. Kapitel von Cast Lead (2008/09). Damals erhoben sich die
meisten Länder gegen uns, wir schreckten unsere wenigen Freunde
auf und erfreuten unsere Feinde. Nun haben wir dasselbe noch einmal
getan und vielleicht mit größerem Erfolg. Die öffentliche Meinung der
Welt wendet sich gegen uns.
Es
ist ein langsamer Prozess. Es ähnelt der Ansammlung von Wasser hinter
einem Damm. Das Wasser steigt langsam, still, und die Veränderung ist
kaum zu bemerken. Aber wenn es einen kritischen Punkt erreicht, bricht
der Damm, und eine Katastrophe folgt. Wir nähern uns immer mehr diesem
Punkt.
„Töte
einen Türken und ruh dich aus“, sagt die Mutter in dem Witz. Unsere
Regierung ruht sich nicht einmal aus. Es scheint, sie wolle nicht aufhören,
bis sie auch die letzten unserer Freunde zu Feinden gemacht hat.
(Ausschnitte
aus diesem Artikel wurden in Maariv, Israels zweitgrößter Zeitung veröffentlicht)
Quelle:
Gush
Shalom-Kill
a Turk and Rest
Originalartikel
veröffentlicht am 5.6.2010
Über den Autor
Tlaxcala ist
das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese
Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der
Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin
als auch die Quelle genannt werden.
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