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Droht
der EU die rote Karte von der grünen
Insel?
Irland
vor dem Referendum zum sog. EU-Vertrag |
Das
Ende der Neutralität
Quelle:
german-foreign-policy.com
vom 03.06.2008
DUBLIN/BERLIN
(Eigener
Bericht) - Mit Druck und heftigen Drohungen sucht Berlin ein „No“
beim irischen Referendum über den sogenannten EU-Vertrag in der
kommenden Woche zu verhindern. Dubliner „Politiker aller Seiten“ müssten
der Bevölkerung die Vorzüge der EU deutlich machen, verlangt Hans-Gert
Pöttering, Präsident des Europaparlaments (CDU). Bei einer Ablehnung
sei eine „Debatte über den Austritt“ Irlands aus der EU nicht
auszuschließen, erklärt der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. Umfragen
zufolge ist die von Berlin gewünschte Zustimmung in Gefahr - und damit
auch das Inkrafttreten des EU-Vertrags, der die reibungslose Ernennung
eines EU-Außenministers mit angegliedertem Europäischem Auswärtigem
Dienst sowie Vorbereitungen zum Aufbau einer EU-Armee ermöglicht. Außenminister
Steinmeier hat kürzlich bestätigt, dass die Bundesregierung diesen
Zielen hohe Bedeutung beimisst. Viele Iren befürchten, in die künftigen
europäischen Kriege hineingezogen zu werden, pochen daher auf die
Neutralität des Landes und lehnen den „EU-Vertrag“ als
Beschleuniger einer weiteren Vereinheitlichung und Militarisierung der
EU-Außenpolitik ab. Die irische Regierung führt auf Berliner Druck
eine Kampagne gegen beträchtliche Teile der eigenen Bevölkerung und stößt
damit auf Kritik.
Keine
bindende Wirkung
In
Berlin nimmt die Sorge über mögliche Komplikationen bei der
Ratifizierung des EU-Vertrags („Vertrag von Lissabon“) zu. Ursache
ist das Referendum über den Vertrag, das am 12. Juni in Irland durchgeführt
wird. Irland ist der einzige EU-Staat, der seine Bevölkerung über die
weitreichenden konstitutionellen Veränderungen befragt, die das
Abkommen - mit der demokratisch gescheiterten EU-Verfassung weitgehend
identisch - in Gang setzen wird. Jüngste Umfragen sehen die „Yes“-Voten
noch deutlich unter 50 Prozent, während die Zahl der Unentschiedenen
zugunsten der „No“-Voten abnimmt. Zwar muss es als unwahrscheinlich
gelten, dass eine Ablehnung durch die irische Bevölkerung das
Inkrafttreten des EU-Vertrags verhindern wird; das Europaparlament hat
bereits beschlossen, dem Referendum keine bindende Wirkung einzuräumen.[1]
Jedoch müssten Berlin und Brüssel im Falle eines irischen „No“ zum
zweiten Male offen mit demokratischen Prinzipien brechen, um dem Papier,
das vor allem den deutschen Forderungen nach einer außenpolitischen
Vereinheitlichung der EU Rechnung trägt, Geltung zu verschaffen.
An
den Rand gedrängt
Tatsächlich
lassen Strategiepapiere deutscher Thinktanks sowie Erklärungen von Außenminister
Steinmeier erkennen, dass Berlin - aufbauend auf den Maßnahmen, die im
EU-Vertrag vorgesehen sind - die nächsten Schritte für die EU-Außen-
und Militärpolitik längst vorbereitet. So stellt die Stiftung
Wissenschaft und Politik (SWP) Überlegungen zum Europäischen Auswärtigen
Dienst an, dessen Aufbau an der Seite des künftigen EU-Außenministers
im EU-Vertrag vorgesehen ist. Wie es in einem kürzlich publizierten
Papier der SWP heißt, befürchte „eine Gruppe kleinerer
Mitgliedstaaten (...), beim Aufbau des EAD (Europäischer Auswärtiger
Dienst, d.Red.) an den Rand gedrängt zu werden“: „Sie sehen die
Gefahr, dass sich die großen Partnerländer der Union, vor allem
Frankreich, Großbritannien und Deutschland, frühzeitig und informell
über Strukturen, Verfahren und Posten im EAD verständigen“.[2]
Selbst die SWP räumt ein: „Die bisherige europäische
Verhandlungspraxis im außen- und sicherheitspolitischen Bereich mag
ihnen dabei Recht geben.“ Dessen ungeachtet debattieren die deutschen
Regierungsberater bereits über die Struktur und die Arbeitsweise der künftigen
Brüsseler Außenpolitik-Zentrale. Entscheidende Schritte bei deren
Formierung werden ab Anfang Juli von der französischen Ratspräsidentschaft
erwartet.
EU-Armee
Dies
gilt nicht nur für den „Europäischen Auswärtigen Dienst“, sondern
auch für die Militärvorhaben der EU. „Mit dem Vertrag von
Lissabon“, bestätigte Außenminister Steinmeier im Mai, „wird auch
für die ESVP („Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik“,
d.Red.) eine neue Zeit anbrechen.“ Wie Steinmeier erklärt, hat
Frankreich die ESVP „zu einem Schwerpunkt“ seiner EU-Ratspräsidentschaft
erklärt. Demnach stehen nicht nur neue Aufrüstungsprojekte bevor
(„zusätzliche Transport- oder Helikopterkapazitäten“); Brüssel
werde sich auch „daran machen, die Planungs- und Führungsfähigkeiten
der EU zu verbessern“.[3] Eine engere Verkoppelung mit der NATO stehe
ebenfalls auf dem Programm. Laut Steinmeier handelt es sich dabei um
„entscheidende Bausteine (...) auch auf dem Weg zu einer europäischen
Armee“. Diese werde ohne Zweifel „langfristig kommen“, kündigt
der deutsche Außenminister an.
Humanitär
etikettiert
Beide
Vorhaben stoßen in Irland auf beträchtliche Kritik. Dublin vertritt
seit Jahrzehnten eine „Politik der Neutralität und Nichtbeteiligung
an Militärbündnissen“, die auch „in der irischen Bevölkerung
breite Unterstützung“ genießt, heißt es bei der SWP.[4] Trotz
gegenteiliger Bekundungen steht die Neutralität mit dem EU-Vertrag und
dem darin vorgesehenen Ausbau der EU-Außen- und Militärpolitik auf dem
Spiel. Bereits jetzt haben Brüsseler Verpflichtungen Dublin zu ersten
umfassenden Zugeständnissen veranlasst. So ist Irland nicht nur beim
EU-Einsatz im Tschad mit rund 400 Soldaten präsent; zugleich beteiligt
es sich mit etwa 100 Militärs an einer EU-Battlegroup. Vor allem dies
wiegt schwer, da die Beteiligung an der Battlegroup mit der Aufgabe des
irischen „triple lock“ verbunden ist. Dieser sieht vor, dass neben
der Zustimmung von Regierung und Parlament auch ein Mandat des
UN-Sicherheitsrates für den Einsatz irischen Militärs unumgänglich
ist. Für die Soldaten der EU-Battlegroup wurde der „triple lock“
nun aufgehoben. Sofern ihr Einsatz als „humanitäre Intervention“
etikettiert wird, stehen sie auch ohne UN-Mandat zur Verfügung.[5]
Kampagnen
Die
Bemühungen Dublins, die eigene Bevölkerung zur Aufgabe ihres
Widerstandes gegen das deutsche Hegemonialprojekt zu bewegen, stoßen in
Irland auf Kritik. So wird der Regierung vorgeworfen, eine einseitige
Kampagne zur Durchsetzung des „EU-Vertrags“ zu führen; dagegen
liegt seit Anfang 2008 eine Beschwerde bei der zuständigen Kommission
vor.[6] Für die Dubliner „Informationskampagne“ stehen über
verschiedene Regierungskanäle beinahe zehn Millionen Euro bereit.[7]
Die EU-Kommission hat in diesem Jahr die Mittel für ihre irische
Vertretung aufgestockt, beharrt allerdings darauf, dies stehe
„keineswegs“ mit dem Referendum in Verbindung.[8] Presseberichten
zufolge haben sich Dublin und Brüssel außerdem geeinigt, in Irland
umstrittene EU-Themen erst nach dem Referendum zu behandeln. Deswegen
findet das Referendum bereits am 12. Juni statt - zweieinhalb Wochen später
beginnt die französische EU-Ratspräsidentschaft mit Projekten zur
EU-Außen- und Militärpolitik, die der irischen Neutralität
zuwiderlaufen. Nicht zuletzt ist der frühere Ministerpräsident Bertie
Ahern, der im Mittelpunkt mehrerer Korruptionsaffären stand und
deswegen zusätzliche „No“-Voten zu provozieren drohte, Anfang Mai
unter deutschem Beifall zurückgetreten (german-foreign-policy.com
berichtete [9]). „Die Gefahr einer Anti-Ahern-Abstimmung ist daher
gebannt“, urteilt die Stiftung des deutschen Bertelsmann-Konzerns.[10]
Austritt
Unklarheit
herrscht in Berlin darüber, wie ein mögliches irisches „No“
ausgehebelt werden soll. Im Gespräch sind Sonderklauseln, die zum
Schein beispielsweise die irische Neutralität garantieren sollen, aber
in der Praxis - dies zeigt die Beteiligung Irlands an den
EU-Battlegroups - ohne Wirkung sind. Sie müssten allerdings dem Souverän
erneut zur Bewilligung vorgelegt werden - eine Maßnahme, die schon nach
dem „No“ zum Vertrag von Nizza im Jahr 2001 erfolgreich durchgeführt
wurde, aber Verzögerungen und neue Ungewissheiten mit sich brächte.
Wie der deutsche Europaabgeordnete Elmar Brok (CDU) erklärt, kann bei
einem Scheitern des Referendums eine „Debatte über den Austritt“
Irlands aus der Europäischen Union nicht mehr ausgeschlossen
werden.[11] Der ungeduldige deutsche Wille, über eine außenpolitisch
vereinheitlichte EU zur Weltmacht zu werden, toleriert Einsprüche von
Befürwortern einer militärischen Neutralität nicht mehr.
[1]
s. dazu Der
letzte Stolperstein
[2] Der Europäische Auswärtige Dienst; SWP-Aktuell 35, Mai 2008
[3] Nach Lissabon: eine neue Rolle Europas in der internationalen
Sicherheit?; Rede von Bundesminister Steinmeier beim ESVP-Kongress der
SPD-Bundestagsfraktion in Berlin, 05.05.2008
[4], [5], [6] Marie McGinley: Die Ratifizierung des Lissaboner Vertrages
in Irland. Die Europadebatte im Vorfeld des Referendums; SWP Berlin,
Diskussionspapier der FG 1, 2008/10, Mai 2008
[7], [8] Irland: Schlacht um EU-Vertrag beginnt; Die Presse 14.05.2008
[9] s. dazu Der
letzte Stolperstein
[10] Grünes Licht von der Grünen Insel? Zehn Fragen zu Irland;
spotlight europe 2008/05 der Bertelsmann-Stiftung, Mai 2008
[11] EU fürchtet rote Karte von grüner Insel; Handelsblatt 26.05.2008
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Referendum
in Irland:
Repression
gegen Aktivisten der Nein-Kampagne
Quelle:
Irish
Republican Correspondent news
Der
Geheimdienst der Polizei (Special Branch) des irischen Staates
in den 26 Counties belästigte zwei Mitglieder von Republican Sinn Féin
am 31. Mai. Sie wurden von der Spezialeinheit befragt und bedroht, als
sie Flugblätter für ein „Nein“ beim Lissabon-Referendum vor dem
Hauptpostamt (General Post Office) in der O’Connell Street in Dublin
verteilten.
Der
Vizepräsident von RSF, Des Dalton, erklärte, die Aktion sei ein
bedrohlicher Angriff auf das Recht auf freie Meinungsäußerung.
„Es
ist dies wieder einmal ein anschauliches Beispiel, mit welchen Mitteln
der 26 Counties-Staat und seine Agenten versuchen Mitglieder von RSF
einzuschüchtern, wenn sie ihrer normalen politischen Arbeit nachgehen.
Dass diese Schikanierungen gegen RSF sich gerade am Höhepunkt der
Kampagne gegen den Lissabon Vertrags-/EU-Verfassungsreferendums häufen,
zeigt wie der der 26 Counties-Staat versucht einen demokratischen
Prozess zu verhindern, indem er nämlich die Rechte, die in der
UN-Deklaration über Menschenrechte festgelegt sind, unterminiert.“´
Das
Referendum über den Lissabon-Vertrag wird in den südlichen 26 Counties
Irlands am 12. Juni abgehalten. Es ist dies das einzige
EU-Mitgliedsland, dass ein Referendum abhalten wird. Derzeit liegen BefürworterInnen
und GegnerInnen in etwa gleich auf, nahezu die Hälfte der
Wahlberechtigten hat sich aber noch nicht entschieden.
Irish
Republican Correspondent, 1. Juni 2008
Published
by the Republican Sinn Féin International Relations Bureau in
Central Europe
.
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223 Parnell Street
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Dublin
1,
Ireland
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