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Ein hilfloser Appell

In Ostkongo droht ein Völkermord, die Drahtzieher sind bekannt – aber der UN-Generalsekretär absolviert einen erbärmlichen Gipfelauftritt

Raoul Wilsterer

Quelle: jungeWelt vom 10. November 2008

Erstmals seit Ende des Kongo-Krieges im Jahr 2003 erklärten am Samstag die Vereinten Nationen, daß in Ostkongo ein »Völkermord« drohe. Tags zuvor hatte ihr oberster Funktionär vor einer »Ausweitung der Kämpfe« gewarnt. Die UNO schwankt zwischen hilflosen Appellen und Apathie, und die Frage drängt sich auf, wie viele derartig erbärmlicher Auftritte – wie der am Freitag beim »Kongo-Gipfel« in Kenias Hauptstadt Nairobi – Ban Ki Moon noch zu absolvieren gedenkt.

Natürlich weiß der UN-Generalsekretär, daß der »Kongo-Konflikt«, wie er diese opferreiche Aneinanderreihung von Gemetzeln und Massakern immer noch euphemistisch nennt, längst wieder grenzüberschreitend geführt wird. Ruandische Truppen griffen auf dem Territorium der Demokratischen Republik Kongo am 29. Oktober zugunsten des international als »Kriegsverbrecher« gesuchten Rebellengenerals Laurent Ngunda ein. Das stellte jüngst Ban Ki Moons Sprecherin Sylvie van den Wildenberg höchstpersönlich fest. Derweil pfeifen in der betroffenen Region die Vögel von allen noch nicht niedergebrannten Hütten, daß immer mehr Ruander – auch in der Uniform der offiziellen Armee Kigalis – in Nordkivu stationiert werden.

Die militärische Intervention läuft also seit fast zwei Wochen. Ban Ki Moons eigene Truppen, die mit 17.000 Blau­behelmten derzeit größte UN-Armee weltweit, mußten Reißaus nehmen vor den ruandisch-kongolesischen Tutsi-Truppen, als es darum ging, ihre »Mission« zu erfüllen und die Bevölkerung zu schützen. Doch der Generalsekretär appelliert – Dummheit oder Kalkül? Er fordert von allen »Konfliktparteien« einen »Waffenstillstand«. Den wievielten eigentlich?

Allein in den vergangenen Wochen starben erneut Zehntausende Menschen, ebenso viele wurden drangsaliert und mißhandelt, zwischen 250.000 und anderthalb Millionen blieb nur die Flucht. Seit 1996/97 fielen den Auseinandersetzungen neuesten Schätzungen zufolge bis zu fünf Millionen Menschen zum Opfer – die meisten davon in der am härtesten umkämpften Kivu-Region sowie in der Ituri-Provinz im Osten, dort, wo es was zu holen gibt. Das an Bodenschätzen außergewöhnlich reiche Gebiet grenzt an das ressourcenarme Ruanda, dessen Regierung in Kigali seit über einem Dutzend Jahren versucht, Einfluß insbesondere in Nord-Kivu zu nehmen, um im Zuge illegalen Abbaus und Handels oder durch Okkupation auf die Schätze zugreifen zu können.

Der UN-Generalsekretär kennt die Geschichte genau, weiß um die Rolle von Ruandas Präsident Paul Kagame, der Verhandlungen als unnütz ansieht, aber zu guter Letzt doch in Nairobi aufzutauchen hatte, um sich der Weltöffentlichkeit im Schafspelz zu präsentieren. Er stellte sich für den Fotografen sogar in eine Reihe mit Kongos Präsident Joseph Kabila und machte gute Miene zum Gespräch. Klartext zu reden überließ er Bertrand Bisimwa, der sich am Wochenende nach dem Gipfel aus dem ostkongolesischen Busch – oder befindet er sich gar in Ruanda? – zu Wort meldete. Der Sprecher von Kagames altem Mitstreiter und diesem gegenüber stets loyalen Nkunda, charakterisierte das Treffen in Kenia als »einen anderen sinnlosen Gipfel, bei dem die Probleme Kongos nicht gelöst wurden«. Bisimwa hat recht. Er weiß, welche Aufgabe sein Boß, der Tutsi-Rebellengeneral Nkunda, hat.

Ruandas Tutsi-Präsident Kagame wäre militärisch nicht so selbstbewußt, wüßte er nicht um seine zentrale Rolle im afrikanischen Spiel der Großen dieser Welt. Rückendeckung erhält er insbesondere aus Berlin, der Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht von »Deutsch-Ostafrika« (1885–1918). So versprach noch Anfang Oktober, als die ruandische Armee längst ihren Aufmarsch an der Grenze zum Kongo vorbereitete, Bundesumweltminister Gabriel in Kigali die Vermittlung deutsch-europäischer Investoren. Ein Abkommen zwischen Ruanda und Deutschland wurde Mitte Oktober unterzeichnet, in dem Kigali jährliche »Entwicklungsgelder« in Höhe von 16,5 Millionen Euro zugesagt wurden. Hintergrund seien »strategische Prämissen« der Afrika-Politik Berlins und Washingtons, die »eine enge Zusammenarbeit« mit Ruanda vorsehen – eine nachvollziehbare These des Internetportals german-foreign-policy. Dabei geht es nicht nur um die »Schatzkammer Zentralafrikas« in der Große-Seen-Region, sondern auch um die Schaffung einer Einflußachse von Zentralafrika über den Sudan inklusive Darfur und den Südsudan bis ans Horn von Afrika.

»Wir wollen nicht, daß der Kongo zurück in einen Konflikt rutscht, der die Grenzen überquert«, warnte der Leiter der UN-Mission im Kongo (MONUC), Alan Doss, vor einigen Wochen. Das war’s. Am Samstag berichtete BBC unter Berufung auf einen MONUC-Offizier, daß inzwischen auch Truppen aus Angola an der Seite der kongolesischen Regierungstruppen kämpfen. Dieselbe Quelle machte bekannt, daß Truppen Nkundas in der Stadt Kiwanja ein Massaker an bis zu 60 jungen Männern verübt haben. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen hätten Dutzende Leichen gefunden. Und Ban Ki Moon appelliert an die Konfliktparteien. Für ihn gehören die neokolonialistischen Kräfte nicht dazu.

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Deutsche Politiker, deutsches Geld, deutsche Waffen - morden brutal in Afrika

Kriegspartei

Quelle: german-foreign-policy vom 28.10.2008

BERLIN/KIGALI/GOMA

(Eigener Bericht) - Trotz der Eskalation des Krieges im Kongo intensiviert Berlin die Unterstützung für eine maßgebliche dortige Konfliktpartei. Milizen überziehen den Ostkongo bereits seit mehreren Wochen mit blutigen Attacken; Hunderttausende Zivilisten sind auf der Flucht. Der Anführer der Rebellen, ein berüchtigter Kriegsverbrecher, ist ein Parteigänger der Regierung Ruandas. Die ruandische Armee steht für eine Intervention zu seinen Gunsten bereit. Die Bundesregierung, die erst im April über Militärhilfen für Ruanda verhandelt hat, baut ihre Kooperation mit der dortigen Regierung aus. Jüngster Schritt ist die Genehmigung neuer Finanzspritzen – nur wenige Tage nachdem Ruandas Parteigänger im Kongo einen Umsturz angekündigt hat. Die Aufstände verlängern den weltweit blutigsten Krieg der vergangenen Jahrzehnte, in dem Deutschland von Beginn an stets dieselbe Partei begünstigte: seine ehemalige Kolonie Ruanda, die den Ostkongo wegen dessen reicher Rohstoffvorkommen zu kontrollieren sucht. Hintergrund sind strategische Prämissen der deutsch-amerikanischen Afrikapolitik, die eine enge Zusammenarbeit mit Kigali vorsehen.

1.500 Opfer pro Tag

Bereits seit August eskaliert der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo erneut. Vor allem der Osten des Landes kommt nicht mehr zur Ruhe, seit dort Mitte der 1990er Jahre der weltweit blutigste Krieg seit 1945 begann. Nach jüngsten Berechnungen sind von 1998 bis heute mehr als fünfeinhalb Millionen Menschen im Kongokrieg und der durch ihn verursachten humanitären Krise zu Tode gekommen. Noch vor dem Beginn der neuen Kämpfe sprachen Hilfsorganisationen von durchschnittlich 1.500 Todesopfern – pro Tag. Am stärksten ist der Osten des Landes betroffen, vor allem die Kivu-Provinzen und Ituri (bitte beachten Sie unsere Karte).[1] Wichtigster Schauplatz der aktuellen bewaffneten Auseinandersetzungen ist Nord-Kivu.

Rohstoffe

Der Krieg in der Provinz Nord-Kivu ist seit Mitte der 1990er Jahre untrennbar mit Ruanda verbunden. Nord-Kivu besitzt außergewöhnlich reiche Bodenschätze; es grenzt an Ruanda, das kaum mit Ressourcen gesegnet ist. Seit mehr als zehn Jahren versucht die Regierung in Kigali, Einfluss auf die Rohstoffe in Nord-Kivu zu erlangen, sei es durch illegalen Abbau und Handel, sei es durch Okkupation. Mehrfach waren deutsche Geschäftsleute und Berliner Regierungsstellen in die ruandischen Expansionsversuche involviert (german-foreign-policy.com berichtete [2]). Dies erklärt sich durch die intensive Unterstützung, welche die Bundesregierung der Regierung des vormaligen Rebellenführers Paul Kagame angedeihen lässt, der 1994 in Kigali an die Macht kam. Die frühere deutsche Kolonie Ruanda gehört heute wieder zu den engsten Kooperationspartnern Deutschlands in Afrika.[3]

Strategische Kooperation

Eines der Felder, auf denen Berlin mit Kigali kooperiert, ist die Militärpolitik. Im Frühjahr etwa haben die beiden Regierungen über die Militärintervention in Darfur gesprochen; Ruanda hat dort mehr als 3.000 Soldaten stationiert, die Bundeswehr verfügt über ein Mandat für unterstützende Tätigkeiten wie etwa den Lufttransport. Ruandische Soldaten übernehmen in Darfur Aufgaben vor Ort, die den politischen Absichten Berlins und Washingtons entsprechen und punktuell - etwa mit Transportfliegern - von der deutschen sowie der amerikanischen Armee unterstützt werden. Dafür hat Bundesverteidigungsminister Jung dem ruandischen Staatschef Kagame im April Gespräche über unmittelbare Militärhilfe zugesagt.[4] Die Zusammenarbeit mit Ruanda auf dem Feld der Militärpolitik ist ein wichtiger Bestandteil der Afrikastrategie, die Berlin und Washington gemeinsam verfolgen - mit dem Ziel, die transatlantische Dominanz in Zentral- und Ostafrika zu sichern.[5]

Kriegsverbrecher

Die Zusammenarbeit mit den ruandischen Militärs hat Folgen, weil Angehörige des Regimes in Kigali ebenso wie die Armeespitze schwerer Kriegsverbrechen beschuldigt werden – zum Teil aus der Zeit des ruandischen Bürgerkrieges und der mörderischen Eskalation 1994, zum Teil auch wegen brutaler Vergehen bei den beiden Überfällen Ruandas auf den Kongo in den Jahren danach. So ist der mit westlicher Unterstützung zum stellvertretenden Kommandeur der UN/AU-Truppen in Darfur (UNAMID) ernannte ruandische General Karenzi Karake in Spanien wegen Kriegsverbrechen angeklagt – gemeinsam mit weiteren ruandischen Soldaten.[6]

Warnung

Zudem steht die ruandische Armee, mit der Berlin zusammenarbeitet, offenbar für einen erneuten Überfall auf den Kongo bereit. Nach Beginn der jüngsten Kämpfe marschierten ruandische Truppen Anfang Oktober an der Grenze zur kongolesischen Provinz Nord-Kivu auf. Die offizielle Begründung, man habe einen Einmarsch aus dem Kongo befürchtet, ist wenig glaubwürdig; jedenfalls liegen keinerlei Berichte über kongolesische Angriffsvorbereitungen vor. Stattdessen existieren aktuelle Fotodokumente, die Soldaten in ruandischer Uniform auf kongolesischem Territorium zeigen. Wie die Regierung des Kongo erklärt, nahmen Truppen aus Ruanda im Oktober an Angriffen von Rebellenmilizen in Nord-Kivu teil.[7] Ein solches Vorgehen ist aus der Vergangenheit bekannt. "Wir wollen nicht, dass der Kongo zurück in einen Konflikt rutscht, der die Grenzen überquert", warnte der Leiter der UN-Mission im Kongo (MONUC) vor wenigen Wochen.[8]

Unterstützung

Während die UNO warnt, intensiviert die Bundesregierung ihre Unterstützung für Kigali. Anfang Oktober - die ruandische Armee bereitete zu diesem Zeitpunkt ihren Aufmarsch an der Grenze zum Kongo vor - hielt sich Bundesumweltminister Gabriel in Ruanda auf und versprach, dem Land deutsch-europäische Investoren zu vermitteln.[9] Am 16. Oktober - die Berichte über ruandische Attacken auf kongolesischem Territorium waren allseits bekannt - verkündete die Presse in Kigali einen neuen Deal: Ein Abkommen zwischen Ruanda und Deutschland war gerade unterzeichnet worden, in dem Berlin Kigali jährliche "Entwicklungsgelder" in Höhe von 16,5 Millionen Euro zusagte, davon zehn Millionen nicht als Projektmittel, sondern pauschal als Budgethilfe.[10] Kigali feiert dies als Aufwertung durch die Bundesregierung und als großen Erfolg.

Vormarsch

Bei den Rebellenmilizen, die laut Auskunft der kongolesischen Regierung von Truppen Ruandas unterstützt wurden, handelt es sich um Verbände des berüchtigten Warlords Laurent Nkunda. Nkunda, ein stets loyaler Parteigänger des heutigen ruandischen Staatspräsidenten Kagame noch aus den Zeiten des Bürgerkriegs von 1990 bis 1994, kämpft seit Jahren gegen die kongolesische Armee in Nord-Kivu (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Er wird schwerer Kriegsverbrechen beschuldigt; kürzlich wurden Massaker seiner Truppen an der Zivilbevölkerung dokumentiert.[12] Nkunda rekrutiert seine Milizen auch in Ruanda und finanziert seinen Krieg mit kongolesischen Rohstoffen, die er via Kigali in die Industriestaaten verkauft.[13] Er hat angekündigt, die Regierung in Kinshasa stürzen zu wollen, und inzwischen erste Posten der regulären kongolesischen Armee eingenommen. Rund 200.000 Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. In diesen Tagen rückt Nkunda auf Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, vor.

Vermittler

Sollte es Nkunda gelingen, seine Rebellen mit bewaffneten Banden in anderen Provinzen zu verbinden, dann droht der Krieg landesweit zu eskalieren. Nkundas Militärchef ist ein ehemaliges Mitglied von Milizen in Ituri, dem nördlich an Nord-Kivu grenzenden Gebiet; dort sind inzwischen ebenfalls Kämpfe entbrannt.[14] Nkunda selbst, der sich schon zum Anführer eines landesweiten Aufstandes stilisiert, kämpft für das eng mit Deutschland verbündete Ruanda, das in Berlin stetig wachsende Unterstützung erfährt. Dabei wird die deutsche Position vor Ort durchaus wahrgenommen. Erst kürzlich plädierte ein Sprecher Nkundas dafür, einen Vermittler einzuschalten, und schlug die deutsche Regierung vor.[15] Mit Maßnahmen, die der ruandischen Kriegspartei und ihrem Parteigänger im Kongo Nachteile einbringen, ist von deutscher Seite nicht zu rechnen.

[1] IRC Study Shows Congo's Neglected Crisis Leaves 5.4 Million Dead; www.theirc.org 22.01.2008
[2] s. dazu Kriegsressourcen (I), Kriegsressourcen (II), Kriegsressourcen (III) und Interview mit Dr. Helmut Strizek
[3] s. dazu Schwerpunktpartner und Kriegspartner
[4] s. dazu Staatsbesuch und Transatlantische Front
[5] s. dazu Mit Rebellen gegen Khartum, Transatlantische Front und Staatsaufbau
[6] s. dazu Haftbefehle und Staatsbesuch
[7] Appell an UNO: Kongo fordert Abzug von Ruandas Armee; RIA Nowosti 10.10.2008
[8] Kongos Krieger auf irakischen Abwegen; taz 07.10.2008
[9] Rwanda: German Minister Vows to Woo European Investors; The New Times 02.10.2008
[10] Rwanda: Rwanda, Germany Sign Financial Cooperation Pact; The New Times 16.10.2008
[11] s. dazu Sie stehen bereit, Haftbefehle und Die Mine Lueshe
[12] Congo-Kinshasa: Congolese General 'Summarily' Executing Civilians; Rwanda News Agency 21.07.2008
[13] s. dazu Im Kriegsgebiet und Kriegsfinanziers
[14] Kongos mörderisches Muster; Süddeutsche Zeitung 13.10.2008
[15] Massenflucht im Kongo; Frankfurter Rundschau 17.10.2008

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