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Rußland »verschaukelt«

Von Rainer Rupp

Quelle: jungeWelt vom 16.07.2007

Rußlands Präsident Wladimir Putin legte am Samstag das Abkommen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag) vorläufig auf Eis und löste damit geharnischte Kommentare von Politik und Medien im Westen aus. Als »bislang schwersten Rückschlag bei den Abrüstungsbemühungen seit dem Kalten Krieg« wertete die Agentur AP die Maßnahme. Die NATO gab sich »enttäuscht« und sprach von einem »Schritt in die falsche Richtung«. Bundesaußen­minister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich in »großer Sorge« über Putins Ankündigung, die in 150 Tagen wirksam werden kann. Dabei kam diese keinesfalls überraschend: Bereits im April hatte Putin die NATO gewarnt, entweder die Neufassung des KSE-Vertrages zu ratifizieren – oder Rußland werde aus dem Abkommen von 1992 aussteigen. Die NATO blieb seitdem untätig. Unter Berufung auf »außergewöhnliche Umstände«, die die russischen Sicherheitsinteressen betreffen, setzte Moskau nun das Abkommen außer Kraft.

Der Vertrag schreibt Obergrenzen für konventionelle Waffen und Truppen ebenso fest wie die geographischen Regionen, wo diese stationiert werden dürften. Er mußte nach der Auflösung des Warschauer Vertrags (WV) und des anschließenden Beitritts der meisten WV-Staaten sowie der ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken in die NATO neu ausgehandelt werden. Das daraus resultierende Anpassungsabkommen (AKSE) wurde 1999 unterzeichnet und 2004 von Rußland ratifiziert. Die ­NATO folgte dem nicht, sondern stellte zusätzliche Vorbedingungen. Demnach hätte Rußland zuerst seine Truppen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien und Moldawien abziehen müssen, obwohl diese dort per gültigen Abkommen stationiert sind. Putin beugte sich diesen Forderungen nicht. Doch obwohl der Vertrag bis heute nicht in Kraft getreten ist, hielt sich Moskau seit 2004 daran.

Zuletzt hatte Putin auf seiner im Westen weitgehend verschwiegenen Pressekonferenz Anfang Juni unmittelbar vor dem G-8-Gipfel (das Wortprotokoll liegt jW vor) deutlich gemacht, daß sich Moskau vom Westen verschaukelt fühlt. »Wir haben alle unsere schweren Waffen aus dem europäischen Teil Rußlands abgezogen und hinter dem Ural stationiert. Wir haben unsere Streitkräfte um 300.000 Mann reduziert. Wir haben mehrere andere Schritte unternommen, die vom AKSE verlangt werden«, sagte Putin damals und fragte: »Aber was haben wir dafür bekommen? Osteuropa erhält neue Waffen, zwei neue Militärbasen werden in Rumänien und Bulgarien errichtet, und es gibt zwei neue Areale für Raketenstarts. ... Während Rußland einseitig abrüstet, wird Europa mit neuen Waffensystemen vollgepumpt. Und natürlich bleibt uns nichts anderes übrig, als besorgt zu sein.«

Mit der Kündigung der AKSE kann der Kreml nun seine konventionellen Streitkräfte umstrukturieren und beispielsweise an neue Standorte an der russischen Westgrenze verlegen, ohne der NATO darüber Auskünfte geben oder Inspektionen zulassen zu müssen. Das russische Außenministerium hält jedoch die Tür zum Dialog offen und will im Falle einer Ratifizierung des AKSE durch die NATO ziemlich schnell die Erfüllung des Vertrags wieder gewährleisten. Die weitere militärpolitische Entwicklung in Rußland hänge nun aber »von der Bereitschaft anderer Länder ab, eine angemessene Zurückhaltung zu zeigen«.

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