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In
der Sackgasse
Der
Anfang vom Ende des US-Imperialismus? Das globale Kräfteverhältnis
verschiebt sich zuungunsten von Washington
Von
Rainer Rupp
Quelle:
jungeWelt vom 20.12.2006
| „Offensichtlich haben im Kreml die
nationalen Interessen Rußlands wieder Priorität, und damit gerät
Moskau automatisch auf Kollisionskurs mit den globalen, imperialen
Ambitionen Washingtons. Der US-Konfrontationskurs gegen den Kreml
wird jedoch die US-Handlungsspielräume in der Welt nicht erweitern,
sondern eher einschränken, denn Druck erzeugt Gegendruck.“ |
In
der Sackgasse
Der
Anfang vom Ende des US-Imperialismus? Das globale Kräfteverhältnis
verschiebt sich zuungunsten von Washington
Von
Rainer Rupp
Quelle:
jungeWelt vom 20.12.2006
Irak
ist bereits ein Debakel für die USA, und Afghanistan ist auf dem besten
Weg, eines zu werden. Der damit einhergehende reale Macht- und
Prestigeverlust Washingtons – und, soweit es Afghanistan angeht, auch
der NATO – ist der Bush-Administration und ihren Verbündeten in Europa
mittlerweile schmerzlich bewußt geworden. Denn inzwischen gilt
Washingtons Wunsch dem Rest der Welt längst nicht mehr als Befehl, dem
Folge geleistet werden muß, will man nicht zum Schurkenstaat erklärt
werden. Insbesondere in den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens
sind die Grenzen US-amerikanischer Macht deutlich geworden. Die
Entwicklungen in Libanon, bei denen die Regierung Bush ohnmächtig zusehen
muß, wie »ihr Mann in Beirut«, der neoliberale Ministerpräsident Fuad
Siniora, in eine immer ausweglosere Lage gerät, verdeutlichen das. Aber
auch die Besuche von George W. Bush in Jordanien, von Vizepräsident
Dick Cheney in Saudi-Arabien und von US-Außenministerin Condoleezza Rice
in Jordanien, im besetzten Palästina und in Jerusalem Ende
November/Anfang Dezember haben den Machtverlust der Vereinigten Staaten
auf eindrucksvolle Weise dokumentiert.
Bei
Bushs Visite im jordanischen Amman ist zum ersten Mal in der Geschichte
ein US-Präsident von dem Anführer eines Marionettenstaates, nämlich dem
irakischen Ministerpräsidenten Nuri Al Maliki, versetzt worden. Weil er
entgegen dem amerikanischen Plan nicht in Anwesenheit des jordanischen Königs
Abdullah II. mit Bush die Lage in Irak erörtern wollte, traf Maliki erst
einen Tag später als geplant in der jordanischen Hauptstadt ein. Tags
zuvor hatte Abdullah II. Bush prognostiziert, daß bei Fortführung seiner
Politik im nächsten Jahr bereits drei Bürgerkriege im Mittleren Osten wüten
könnten, nämlich in Irak, in Libanon und in Palästina. Derweil war Außenministerin
Rice in das von Israel besetzte Jericho zum Palästinenserpräsidenten
Machmud Abbas gereist. Dessen korrupte Fatah-Partei verliert wegen ihrer
Kollaboration mit Washington und Israel immer an Ansehen in der Bevölkerung.
Somit ist Abbas unfähig, die Hamas-Bewegung, wie von Washington gewünscht,
zu marginalisieren.
Das
Prestige und die Macht der Hamas, die mit Tel Aviv weder über das
Besatzungsregime noch über Israels Landraub verhandeln will, ist
inzwischen in Palästina derart gestiegen, daß kein Weg mehr an ihr
vorbei führt. Und so lange Washington Gespräche mit der Partei ablehnt,
beraubt sich die Bush-Administration im Palästina-Konflikt selbst ihres
Handlungsspielraums. Daher ist die »neue Friedensinitiative« von Frau
Rice, die an Hamas vorbei unternommen wurde, um die sogenannten »gemäßigten«
arabischen Freunde der USA im Mittleren Osten zu besänftigen, ins Leere
gestoßen.
Riad verärgert
Vizepräsident
Cheneys Besuch im saudischen Riad war nicht viel günstiger verlaufen als
der von Bush und Rice. In Saudi-Arabien mußte er sich diesmal belehren
lassen, statt dies wie üblich selbst zu tun. Das absolutistische
Feudalregime in Saudi-Arabien, dessen Überleben maßgeblich vom Schutz
durch die Vereinigten Staaten abhängt, ist über den Niedergang der
amerikanischen Macht in Mittleren Osten, der einhergeht mit der Zunahme
des iranischen Einflusses in der Region, zutiefst besorgt. Zugleich sind
die Saudis darüber verärgert, daß die US-amerikanische Irak-Politik
zugunsten der Schiiten die Position des Irans im Kräftegleichgewicht der
Golfregion weiter gestärkt hat, und das zuungunsten der sunnitisch
kontrollierten Feudalstaaten am Golf. Insbesondere aber befürchtet Riad,
daß das Feuer des von den US-Besatzern in Irak gelegten,
sunnitisch-schiitischen Konflikts über die Grenzen des Zweistromlandes
auf Saudi-Arabien und die Golfemirate übergreifen könnte, denn dort
leben nicht zu vernachlässigende schiitische Minderheiten.
Nicht
zuletzt teilen die Saudis mit den Amerikanern ihre Sorge über die Erfolge
der libanesischen Hisbollah. Moralisch, politisch und auch strategisch
gestärkt ist die Partei nicht nur als Sieger aus dem israelischen
Aggressionskrieg gegen Libanon hervorgegangen, sondern ihre Kämpfer und
ihr Anführer Hassan Nasrallah werden in allen arabischen und islamischen
Staaten vom Gros der Bevölkerung als Helden verehrt. Wegen der »Ansteckungsgefahr«
der eigenen Bevölkerung wird die Hisbollah von den »gemäßigten«, am
US-Gängelband geführten feudalen oder autokratischen Regierungen Ägyptens,
Jordaniens, Saudi-Arabiens und der Golfemirate als direkte Bedrohung
gesehen. Aber auch gegen diese »Bedrohung« ist die Regierung Bush
weitgehend machtlos, denn durch ihre einseitige Unterstützung der
israelischen Aggression im Sommer hat sie im Libanon alle während der
sogenannten Zedernrevolution erzielten strategischen Gewinne wieder
verspielt. So kann Washington derzeit nirgendwo mehr seine Hebel ansetzen,
weder im Libanon noch in Palästina.
Iran-Politik gescheitert
Auch
in der Iran-Frage haben sich die USA in eine Sackgasse manövriert. Da
Washington sich keine Alleingänge mehr leisten konnte, hat die
Bush-Administration im zurückliegenden Jahr insbesondere auf die
Kollaboration der EU-3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) im
UN-Sicherheitsrat gesetzt. Aber trotz aller Warntöne aus Europa beharrt
Iran auf seinem völkerrechtlich verbrieften Recht, Atomanlagen für
zivile Zwecke zu entwickeln. Zugleich haben die EU-3 ein deutliches Signal
an Washington gesandt, daß sie eine militärische Lösung des Konfliktes
ausdrücklich ablehnen. Dennoch hat Washington mit unverhüllten
Kriegsdrohungen im Oktober dieses Jahres den Druck erhöht, als es im
Persischen Golf drei Flugzeugträgerverbände und die Iwo Jima Strike
Group, einen Spezialkampfverband für seegestützte Invasionen, im Oktober
still und heimlich im Golf zusammenzog. Zugleich hatte sich die
Flugaktivität auf den US-amerikanischen Basen im Mittleren Osten erhöht.
Alles deutete auf einen Krieg hin. Zumindest sollten Iran, aber auch Rußland
und China das glauben. So wollte man Iran zu politischen Zugeständnissen
zwingen und zugleich Rußland und China dazu bringen, im UN-Sicherheitsrat
auf amerikanische Sanktionsforderungen einzuschwenken, um den Krieg noch
zu verhindern.
Weder
Teheran noch Moskau oder Peking sind jedoch auf den Bluff Washingtons
hereingefallen, und inzwischen sind die Kampfverbände der US-Marine
wieder aus dem Persischen Golf verschwunden. Derweil hat die russische
Regierung den Verkauf moderner Flugabwehrsysteme an Iran bestätigt, und
sie hilft Teheran auch weiter beim Bau des Atomkraftwerks bei Buschehr.
Auch China kooperiert eng mit Iran, mit dem es ein weitreichendes
Energieabkommen im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar abgeschlossen
hat. Weitere gigantische Kooperationsprojekte sind in Planung, der Iran
hat im chinesischen Programm zur langfristigen Energiesicherheit einen
hohen Stellenwert. Folglich sind weder China noch Rußland an einem
Regimewechsel in Teheran interessiert.
Die
negativen Auswirkungen des Irak-Kriegs für die USA gehen inzwischen weit
über das von ihnen im Zweistromland angerichtete Chaos hinaus. Selbst
US-Experten wie Richard Haass, der derzeitige Präsident des »United
States Atlantic Council«, einer der einflußreichsten Denkfabriken des
Landes, schätzen, daß die Vereinigten Staaten ihren Einfluß im
Mittleren Osten verlieren werden, und daß der Schaden, den die
Bush-Administration US-amerikanischen Interessen zugefügt hat, erst in
Jahrzehnten wieder behoben werden kann. In der November-Ausgabe des außenpolitischen
Magazins Foreign Affairs schreibt Haass sogar, daß »das Ende der
US-Dominanz im Mittleren Osten gekommen ist«. Richard Haass muß es
wissen, denn bis 2003 war er in der Bush-Administration Leiter der
politischen Planungsabteilung im US-Außenministerium.
Selbst
Ankara, das lange Zeit als einer der engsten Verbündeten Washingtons
galt, ist inzwischen auf Distanz gegangen. Das Vorgehen der USA im
Mittleren Osten fand ohne Rücksicht auf die strategischen Interessen der
Türkei statt. Folglich ist Ankara auch nicht an einem US-Angriff auf Iran
interessiert, mit dem die Türkei enge wirtschaftliche Verbindungen unterhält.
Vorsorglich hatte der türkische Außenminister Abdullah Gül bereits
Anfang Mai erklärt, daß die USA ihre Basen in der Türkei nicht für
einen Krieg gegen Iran benutzen dürften. Derweil hat sich das Image der
einst bewunderten USA in der türkischen Bevölkerung zum Feindbild
gewandelt. Fiktive Geschichten, in denen türkische Helden todesmutig
gegen gemeine und arrogante US-amerikanische Besatzer kämpfen, sind seit
einiger Zeit Kassenschlager in den Kinos und auf den Büchermärkten des
Landes.
Verhältnis Rußland–USA
Seit
Monaten häufen sich in US-Medien Vorwürfe gegen Rußlands Regierung
wegen angeblichen »Demokratieabbaus«. Sogar das Thema »Menschenrechte
in Tschetschenien« hat man wieder entdeckt. Anfang Dezember bezeichnete
der US-Senator Lindsey Graham die Putin-Regierung als »Ein-Mann-Diktatur«.
Der russische Präsident werde zunehmend zu einem »Problem«, weil er den
USA bei der Lösung von Krisen wie Iran nicht helfe. Deshalb forderte der
Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des nächsten US-Senats, Joseph
Biden, auch, »Putin herauszufordern«. Den Startschuß für die neue
Schmutzkampagne gegen Rußland hatte US-Vizepräsident Dick Cheney
gegeben, als er im Mai dieses Jahres in Litauen vor Regierungschefs des »Neuen
Europas« die Putin-Regierung rüde als »Gegner von demokratischen
Reformen« angriff. Sie wolle »die Fortschritte des letzten Jahrzehnts
zurückdrehen und die Rechte des Volkes auf unlautere und unsaubere Weise
beschneiden«, so der US-Vizepräsident. Dann griff Cheney Putin auch persönlich
an, weil dieser angeblich »seine Nachbarn erpreßt und einschüchtert«.
Allerdings setzt sich der um die russischen Menschenrechte besorgte Cheney
in den heimischen USA vehement für das Recht auf Gefangenenfolter ein.
Derweil
dient der mysteriöse Tod des ehemaligen russischen FSB-Offiziers
Alexander Litwinenko in London als willkommener Anlaß, den russischen Präsidenten
in den westlichen Massenmedien zu diskreditieren und Rußland als »Gangsterstaat«
anzuprangern. Das mafiöse Umfeld jedoch, in dem Litwinenko sich bewegte,
insbesondere das Zusammenspiel zwischen ihm und dem aus Rußland
geflohenen Mafia-Paten und Multimilliardär Boris Beresowski, in dessen
Sold Litwinenko stand, wird in den meisten Berichten bei der Tätersuche
tunlichst ausgespart.
Die
Vehemenz der giftigen Propagandakampagne gegen Putin reflektiert die Wut
der westlichen Imperialisten, daß er ihnen bei ihren Plänen zur billigen
Aneignung der russischen Bodenschätze einen Strich durch die Rechnung
gemacht hat. Spätestens seit Putin den Betrüger und Yukos-Chef Michail
Chodorkowski daran gehindert hat, die von dem über Nacht zum
Multimilliardär Gewordenen zusammengeklauten russischen Ölfelder (etwa
die Hälfte der russischen Ölreserven) in einem gigantischen Deal an den
Westen zu verschachern, sind die neuen Fronten klar. Nach den wilden
Privatisierungsorgien unter US-Freund Boris Jelzin hat Putin seit Beginn
seiner Amtszeit die russischen Bodenschätze wieder zunehmend unter
staatliche Kontrolle gebracht. Über diese Unterdrückung der
kapitalistischen »Menschenrechte« sind die westlichen Imperialisten höchst
empört, und sie nutzen daher jede Gelegenheit, Chodorkowski und nun auch
Litwinenko der westlichen Öffentlichkeit als Märtyrer und Opfer »Putins
des Schrecklichen« zu verkaufen.
Präsident
Putin hat auf die wilden Attacken aus dem Westen bisher souverän reagiert
und diese einfach ignoriert. Lediglich in seiner Rede zur Lage der
russischen Nation Mitte Mai bemerkte er, daß »das Gerede vom Ende des Rüstungswettlaufs
offensichtlich verfrüht« gewesen sei. Allerdings hat die Stärkung der
russischen Streitkräfte unter Putin wieder einen hohen Stellenwert
bekommen, und in einer direkten Spitze gegen Washington steht auch die
Intensivierung der russisch-kubanischen Beziehungen auf der Agenda
Moskaus.
Offensichtlich
haben im Kreml die nationalen Interessen Rußlands wieder Priorität, und
damit gerät Moskau automatisch auf Kollisionskurs mit den globalen,
imperialen Ambitionen Washingtons. Der US-Konfrontationskurs gegen den
Kreml wird jedoch die US-Handlungsspielräume in der Welt nicht erweitern,
sondern eher einschränken, denn Druck erzeugt Gegendruck.
Dümmliche Kränkung der Chinesen
Die
Reihe dümmlich-arroganter Kränkungen, die der chinesische Präsident Hu
Jintao während seines Besuchs in Washington Ende April dieses Jahres vor
den Augen der Welt erdulden mußte, hat in Peking all jene Kräfte bestärkt,
die sich über den wahren Charakter und die Absicht der US-Politik keine
Illusionen machen. Unbeeindruckt von der einzig verbliebenen Supermacht,
weitet Peking derweil seine wirtschaftlichen, politischen und sogar militärischen
Beziehungen in einem breiten Band von Ländern aus, sogar in jenen, die
sich traditionell im Fahrwasser der Vereinigten Staaten befunden haben.
Und Washington muß ohnmächtig zusehen. Das gilt sogar für
Saudi-Arabien und Lateinamerika.
Zugleich
hat der Widerstand gegen die Willkür der ungezügelten Machtentfaltung
der USA in der Region Zentralasien eine strategische Dimension mit
formeller Organisation bekommen. So gehören Kirgisien, Kasachstan,
Tadschikistan und Usbekistan bereits zu der von Rußland und China ins
Leben gerufenen Schanghai Kooperationsorganisation (SCO), deren Ziel es
ist, die Expansion der USA in Zentralasien zurückzudrängen. Der Rauswurf
der US-Luftwaffe aus ihrer Basis in Usbekistan im November 2005 ist ein
direktes Resultat dieser Politik. Ebenso die Einschränkung der
US-Operationsmöglichkeiten auf ihrem Stützpunkt in Kirgisien,verbunden
mit der Erhöhung der dafür zu entrichtenden Jahresmiete von zwei auf 150
Millionen. Zugleich setzt sich Moskau innerhalb der SCO für die Aufnahme
Irans ein.
Lateinamerika auf »Abwegen«
Bis
vor kurzem noch galt diese Region unbestritten als US-amerikanischer
Hinterhof. Inzwischen schlägt das politische Pendel jedoch gegen Washington
aus. Nach über einem Jahrzehnt der von den USA aufgezwungenen
neoliberalen Wirtschaftspolitik ist die Region so arm wie zuvor, nur daß
die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher geworden sind. Als
Resultat hat sich an der Basis in ganz Lateinamerika ein scheinbar
unaufhaltsamer Gegentrend entwickelt, der zur Folge hatte, daß sich
inzwischen die wichtigsten politischen Entwicklungen außerhalb der
direkten Einflußmöglichkeiten der US-Regierung abspielen.
Die
große Linie wird nicht mehr von der US-Regierung vorgegeben. Statt dessen
wird die Entwicklung charakterisiert durch einen Wettbewerb zwischen zwei
verschiedenen linken Richtungen, nämlich zwischen den eher europäisch-sozialdemokratisch
gefärbten sozialistischen Regierungen Brasiliens und Argentiniens
einerseits und den linkssozialistischen Regierungen in Venezuela und
Bolivien andererseits. Und in jüngster Zeit sind Nikaragua und Ecuador
hinzugekommen, deren neue Staatsführungen irgendwo zwischen diesen beiden
linken Richtungen liegen. In all diesen Ländern sind linke Kräfte in
demokratischen Wahlen an die Regierung gekommen. Sie alle lehnen das von
den Vereinigten Staaten und dem Internationalen Währungsfonds (IWF)
aufgezwungene Ausbeutersystem der neoliberalen »freien Marktwirtschaft«
ab, was für Washington eine ständige Provokation darstellen muß. Da der
US-Imperialismus sich aber im irakischen Morast festgefahren hat, scheint
ihm in Lateinamerika die Kontrolle entglitten zu sein. Und zu allem Überfluß
hat auch noch China begonnen, das von den USA hinterlassene Vakuum in der
Region zu füllen.
Für
viele Länder wie Brasilien und Argentinien ist China bereits in den
Rang des wichtigsten Handelspartners aufgestiegen. Und das war erst der
Anfang, denn Peking plant gemeinsam mit den Regierungen der Region
innerhalb der nächsten zehn Jahre 100 Milliarden US-Dollar in Südamerika
zu investieren. Besonders verärgert ist Washington jedoch darüber, daß
China in die traditionell den USA vorbehaltene Rolle geschlüpft ist und
damit begonnen hat, etliche lateinamerikanische Armeen auszubilden und
auszurüsten.
Der
Versuch der neokonservativen Kriegstreiber der Bush-Administration, mit
Hilfe des Irak-Krieges die strategischen Energiereserven des Mittleren
Osten unter US-Kontrolle zu bringen und zugleich Irak zum Ausgangspunkt für
die gewaltsame Umgestaltung des »Größeren Mittleren Ostens« zu machen,
der in das neoliberale Globalisierungskonzept der US-Konzerne gezwungen
werden sollte, ist gescheitert. Zugleich ist das von den Neokonservativen
propagierte Ziel der »Full Spectrum Dominance«, d.h. der globalen
Dominanz der USA auf allen Gebieten und in allen Regionen, zu einer Schimäre
geworden. Zwar hat der schnelle Sieg über die marode irakische Armee die
Überlegenheit der US-Militärtechnik erneut demonstriert, aber die
anschließende Unfähigkeit Washingtons, dem besiegten Land seinen Willen
aufzuzwingen und es zu kontrollieren, hat der Weltöffentlichkeit gezeigt,
daß die amerikanische Supermacht auf tönernen Füßen steht.
Nach
Angaben des Pentagon führt der irakische Widerstand derzeit im
Tagesdurchschnitt über 100 Angriffe gegen die US-Besatzer durch.
Washington, unterstützt von den westlichen Medien, versucht dagegen, den
Widerstand zu delegitimieren, indem es ihn pauschal auch für die
verbrecherischen und sektiererischen Terroranschläge gegen irakische
Zivilisten auf belebten Marktplätzen und in Moscheen verantwortlich
macht. Wer jedoch tatsächlich hinter diesen Anschlägen steckt, ist nach
wie vor unklar. Die Frage nach dem »Qui bono«, den Nutznießern, ist
trotz aller gegenteiligen Verlautbarungen Washingtons klar zu
beantworten, folgt die US-Strategie in dem Land doch dem uralten Prinzip
aller Imperialisten, nämlich zu teilen und zu herrschen. Aber wie auch
immer man zum irakischen Widerstand stehen mag, die Tatsache, daß die
Welt heute ganz anders aussieht als wir noch vor wenigen Jahren bei der
extrem aggressiven Haltung der USA befürchtet hatten, die Tatsache, daß
die Vertreter Washingtons auf internationalen Foren inzwischen
bescheidener auftreten, und die Tatsache, daß die USA seither keine
weiteren Kriege, z.B. gegen Iran und Syrien, geführt haben, das alles ist
zum größten Teil dem völkerrechtlich legitimierten irakischen Kampf
gegen die brutalen und schießwütigen US-Besatzer zu verdanken. |