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»Schämt
ihr euch denn nicht?«
von
Uri Avnery
jungeWelt
vom 11.05.2005
Der
PKW hielt für einen Augenblick. Eine ältere Dame steckte ihren Kopf
aus dem Fenster und schrie: »Schämt ihr euch nicht? Heute ist
Holocaust-Tag! Und ihr demonstriert für die Araber?!«
Die
Ursache für ihren Zorn war eine große Gruppe von Demonstranten gegenüber
dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv am vergangenen Donnerstag, dem
offiziellen Gedenktag in Israel.
Vieles
geschah an diesem Tag. Tausende Israelis flogen nach Polen, um am jährlichen
»Marsch der Lebenden« zwischen den beiden Todeslagern teilzunehmen,
deren Namen allein schon Angst und Schrecken hervorrufen: Auschwitz und
Birkenau. In Auschwitz wurde eine offizielle Feier abgehalten. Israels
Premier Ariel Scharon hielt eine politische Rede, um seine politische
Agenda zu fördern. Er erinnerte die Israelis daran, daß die Welt während
des Holocausts geschwiegen habe und meinte, wir sollten der Welt auch
jetzt nicht vertrauen. Für die Ehrengäste waren je nach Rang in der
ersten Reihe weiße Plastikstühle reserviert. Es war eine weitere
offizielle Zeremonie wie Hunderte andere offizielle Feiern, die für
irgendeinen Zweck oder zu irgendeinem Anlaß gehalten werden - eine
Gelegenheit, bei der Politiker ihre Platitüden äußern können. Der
wirkliche Sinn, die weltumfassende menschliche Lektion des Holocaust,
war zwischen den Zeremonien und Worten verloren gegangen.
Basketball statt Reden
Zur
selben Zeit flog eine andere Gruppe - 7000 Israelis - nach Moskau.
Nicht, um den Sieg über die Faschisten vor 60 Jahren zu feiern, einen
Sieg, bei dem die Rote Armee eine überaus wichtige Rolle spielte. Auch
nicht, um den Veteranen zu danken, die die Todeslager befreiten und so
der Vernichtung ein Ende bereiteten. Sie begleiteten ein Basketballteam.
Israel ist eine Basketballweltmacht. Die Siege seines Teams im Ausland
erfüllen den durchschnittlichen Israeli mit nationalem Stolz. Das Spiel
in Moskau war sehr wichtig, und während es lief, war das Leben im Lande
fast zum Stillstand gekommen. Beinahe jeder verfolgte im staatlichen
Fernsehen das Spiel.
Ist
die Beschäftigung mit Basketball am Holocaust-Gedenktag –
ausgerechnet an diesem Tag – angemessen? Auf den ersten Blick nicht.
Der Holocaust war das prägende Ereignis der jüdischen Geschichte des
letzten Jahrhunderts, ja, vielleicht aller Zeiten. Er war eine Warnung
an die ganze Menschheit. Ist es angemessen, sich an solch einem Tag mit
einem Sportwettkampf zu beschäftigen ?
Meine
Antwort ist: Ja. Ich bin kein besonders begeisterter Sportfan. Aber auch
Sport symbolisiert die Tatsache, daß die Juden den Holocaust überlebt
haben, daß jüdisches Leben an vielen Orten weltweit weitergeht. Adolf
Hitler schwor, »das Weltjudentum« ein für alle Mal auszurotten,
zusammen mit den »asiatischen Horden« Rußlands. Und jetzt spielen
israelische Sportler in Moskau - 60 Jahre nach Hitlers schäbigem Tod im
Berliner Bunker. Darüber kann man sich nur freuen.
Zurück
zur spontanen Kundgebung vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv,
mit der gegen die Tötung von zwei palästinensischen Jungen, 14 und 15
Jahre alt, in Beit Likiya protestiert wurde. Die beiden Jungen hatten
gegen die israelische Sperrmauer demonstriert.
Beit
Likiya liegt einige Kilometer südlich von Bilin. Auch das Land von Beit
Likiya wird vom »Zaun« gestohlen. Die Bulldozer arbeiten von morgens
bis abends, ihr Geratter wird in allen benachbarten Dörfern gehört.
Die Einwohner wissen, daß jenseits der Mauer, auf ihrem Land, der
Existenzgrundlage vieler Generationen, ein neuer Ortsteil der nahen jüdischen
Siedlung gebaut werden wird. Wie die Dorfbewohner von Bilin protestieren
sie jeden Tag. Männer, Frauen und Kinder marschieren mit Lautsprechern
auf die Soldaten zu, legen sich auf den Boden, ketten sich an Olivenbäume,
manchmal werfen Jugendliche Steine, bis sie von Soldaten brutal
vertrieben werden.
Schüsse auf
Jugendliche
Wenn
jüdische Israelis an den Demonstrationen teilnehmen, verwenden die
Soldaten meist Tränengas, Lärmgranaten, gummiummantelte Stahlkugeln
und neuerdings auch Salzkugeln. Wenn keine Israelis dabei sind,
verwenden sie auch scharfe Munition.
Dieses
Mal stand eine Gruppe Soldaten der steinewerfenden Dorfjugend gegenüber.
Keiner
der Soldaten wurde ernsthaft verletzt. Keiner war in Lebensgefahr. Aber
der Kommandeur, ein Leutnant, schoß mit scharfer Munition. Ein Junge
wurde sofort getötet.
Der
andere wurde nur am Oberschenkel verletzt. Die Wunde war vermutlich
nicht tödlich, aber man ließ den Jungen verbluten. Die Armee hat ihn
nicht behandelt, wie sie es getan hätte, wenn es sich um einen
verwundeten israelischen Soldaten gehandelt hätte.
Rassistische Gesinnung
Innerhalb
weniger Stunden haben israelische Friedensaktivisten eine Protestaktion
organisieren können. Der Aufruf wurde von Mund zu Mund, durch
Telefonanrufe und E-mails weitergegeben. Über 250 Männer und Frauen
versammelten sich vor dem Verteidigungsministerium, viele junge Leute
und nicht wenige Ältere, unter ihnen einige der Holocaust-Generation.
Einige Autofahrer, die diese Hauptverkehrsader durch Tel Aviv benutzten,
erhoben ihre Daumen oder hupten aus Zustimmung. Andere drückten ihre Mißbilligung
aus wie die schreiende Frau.
Wie kann man
ausgerechnet am Holocaust-Tag für die Araber demonstrieren?
Das
ist eine gute Frage. Und es gibt eine gute Antwort darauf. Sie ist eine
der Lektionen aus dem Holocaust, eine Lektion, die man wie ein Banner am
Holocaust-Tag hochhalten sollte: Daß anständige Leute einer verfolgten
Minderheit zu Hilfe kommen sollten. Daß Loyalität gegenüber dem
eigenen Land nicht heißt, daß man mit der Besatzung eines anderen
Landes und der Unterdrückung eines anderen Volkes einverstanden ist. Daß
man die Ideologie nicht annehmen muß, die einem einflößt, man gehöre
zu einem Herrenvolk, einer überlegenen Rasse, einem auserwählten Volk.
Mit
scharfer Munition auf palästinensische Demonstranten zu schießen, wenn
sie nur Steine werfen, drückt abgrundtiefe Verachtung gegenüber dem
Leben von Nicht-Juden aus. Dieser Offizier hätte unter ähnlichen Umständen
nicht auf jüdische Demonstranten geschossen. Solch ein Gedanke wäre
ihm gar nicht gekommen. Aber Palästinenser - und Araber im allgemeinen
- werden nicht als vollwertige Menschen betrachtet.
Das
Feuern auf unbewaffnete Vierzehn- und Fünfzehnjährige zeigt eine tief
verwurzelte rassistische Gesinnung. Das Alter war für den schießenden
Offizier deutlich erkennbar. Sie konnten sein Leben nicht gefährden,
wie er behauptete, da sie nicht nah genug waren. Er hätte andere Möglichkeiten
genutzt, um die Demonstranten zu vertreiben, wenn es sich um Kinder
orthodoxer Juden oder von Siedlern gehandelt hätte.
Der
Schutz der Kinder ist ein tief verwurzelter menschlicher Instinkt. Ein
Mensch muß ein von Haß getriebener Rassist sein oder psychisch krank,
wenn dieser Instinkt nicht mehr funktioniert. Es gibt keinen passenderen
Tag, um gegen solch einen Akt und die dahinter lauernde geistige Haltung
zu protestieren, als den Holocaust-Gedenktag.
(Übersetzung:
Ellen Rohlfs)
[Junge Welt, 11.05.2005]
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