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Gerechtigkeit,
Gas und Tränen
Von
Uri Avnery
In
der Stille des Gerichtssaales gab es ein hörbares Aufatmen der Überraschung
, als der Oberste Richter Aharon Barak die Gerichtsentscheidung vorlas und
zu den folgenden Worten kam: „Der Militärkommandeur hat seine Verfügungsfreiheit
nicht, wie erforderlich, in angemessener Weise, angewandt.“
In
diesem Augenblick erkannten die erfahrenen Friedensaktivisten, die den
Saal füllten, dass sie gewonnen hatten.
Vier
Tage vorher hätten wir dies nicht zu träumen gewagt. Wir waren von der
Stille des wunderschönen Gebäudes des Obersten Gerichtshofes weit
entfernt - geographisch zwar nur wenige Kilometer, gedanklich aber
Lichtjahre entfernt.
Zu
jener Zeit liefen wir mitten in A-Ram mit brennenden Augen durch Wolken
von Tränengas, schnappten nach Luft und husteten.
Zu
unser aller Überraschung fing alles in einer freundlichen Atmosphäre an.
Wir waren aus allen Teilen des Landes in einem Buskonvoi angekommen, um am
Vorabend der Gerichtsentscheidung gemeinsam mit den Einwohnern gegen die
Mauer zu demonstrieren.
Wir
erwarteten, dass wir an der Straßensperre vor A-Ram aufgehalten würden.
Die Demonstration war kein Geheimnis. Wir hatten sie in den Medien angekündigt.
Wir waren bereit, die Busse schnell zu verlassen und zu Fuß um die Straßensperren
herum weiterzugehen. Wir waren deshalb überrascht, dass die
Grenzpolizisten alle freundlich schauten und lächelten. Der eine, der in
unsern Bus kam, schien ein Sympathisant zu sein. „Wisst Ihr, wo ihr
hineingeht?“ fragte er uns in freundlichem Ton. Als wir antworteten, wir
wüssten das, sagte er: „Nun, dann habt einen schönen Tag!“ und
winkte uns durch.
Im
Zentrum von A-Ram warteten Tausende von Palästinensern auf uns. Wir
hatten vor, auf der Hauptstraße zu gehen, auf der geplanten Route der
Mauer, die das dicht bevölkerte städtische Areal in zwei Teile teilen
sollte. Die großen Betonblöcke für die Mauer lagen schon dort und
warteten auf den Augenblick, dass das Gericht die vorläufige gerichtliche
Verfügung aufheben würde, die die Bautätigkeit aufhielt.
Natürlich
war die Demonstration vollkommen gewaltfrei beabsichtigt. Der Beweis: in
der ersten Reihe gingen ein christlicher orthodoxer Priester, ein
ranghoher muslimischer Scheich, lokale Würdenträger und gegenwärtige
und frühere Abgeordnete der Knesset und des palästinensischen Parlaments
und vor uns die Pfadfinderkapelle von A-Ram.
Als
symbolischen Akt hatten wir im voraus fünf große Hämmer mitgenommen.
Einige der Demonstranten hatten vor, auf die Betonblöcke einzuschlagen,
die dort am Boden lagen.
Wir
kamen in der brennenden Sonne nur langsam voran. Plötzlich erschien auf
der Anhöhe eine Reihe von Grenzpolizisten, die von dort die Straße gut
überblicken konnten. Bevor uns klar war, was geschah, wurde eine Salve
von Tränengasgranaten gegen uns abgeschossen - eine, zwei, drei,
Dutzende. In wenigen Augenblicken waren wir in eine dichte Wolke von Gas
gehüllt, die auch alle Fluchtwege füllte.
Wir
liefen in alle Richtungen auseinander, aber die Gasgranaten explodierten
weiter um uns herum. Diejenigen unter uns, die auf ihrer Flucht den
Hauptplatz der Stadt erreichten, wurden mit Tränengas, mit Wassergüssen
aus Wasserkanonen und mit Gummi-ummantelten Kugeln angegriffen.
Der
Platz ähnelte einem wirklichen Schlachtfeld - Gaswolken, der Lärm
explodierender Granaten und das Schießen, das Sirenengeheul palästinensischer
Ambulanzwagen, brennende Kisten entlang der Straße, liegen gebliebene
Poster, geschlossene Läden. Als die palästinensischen Sanitäter mit den
Tragbaren zu den Ambulanzen eilten, tauchten plötzlich Jungs aus den
Gassen auf und warfen Steine auf die Grenzpolizisten (eine in den palästinensischen
Gebieten allgemein verhasste Söldnergruppe). Von Zeit zu Zeit stürmten
Gruppen von Grenzpolizisten auf uns zu, griffen sich männliche oder auch
weibliche Demonstranten und zogen sie zu ihren gepanzerten Jeeps. Einer
der Ambulanzwagen brannte. In Zivil verkleidete Polizisten mit Pistolen in
der Hand schlugen auf Leute ein und warfen sie zu Boden.
All
dies dauerte länger als zwei Stunden. Während der ganzen Zeit quälte
mich eine Frage: Warum geschieht dies? Wir waren deutlich in eine gut
vorbereitete Falle geraten. Was sollte damit erreicht werden?
Auf
dem Rückweg hörten wir im Radio die Nachrichten. Ein Sprecher der
Polizei verkündete, dass die Grenzpolizei von den Demonstranten
angegriffen worden sei, die Äxte und Hämmer auf sie geworfen hätten. In
unserm Bus brach schallendes Gelächter aus.
Das
Rätsel wurde zwei Tage später im Gerichtshof gelöst, als sich die
Richter mit A-Ram befassten. Die Anwälte der Regierung verlangten, dass
die einstweilige Verfügung, die den Bau aufhielt, aufgehoben werde. Sie
hatten ein vernichtendes Argument: vor zwei Tagen, so sagten sie, seien
die die Maschinen bewachenden Grenzpolizisten bösartig von Demonstranten
angegriffen worden. Ihr Leben sei in Gefahr gewesen. Deshalb müsste, um
das Leben der Polizisten vor den Übertätern - nämlich vor uns - zu
retten, der Bau der Mauer schnell fortgesetzt werden. Die Richter waren
anscheinend unbeeindruckt. Sie verkündeten, dass das Gericht innerhalb
der nächsten zwei Tage, also am Mittwoch, eine Reihe von Prinzipien
herausgeben würde, die von jetzt an während des ganzen Mauerbaus,
einschließlich A-Rams, Gültigkeit haben würden.
Und
tatsächlich wurde am Mittwoch die Entscheidung getroffen, die alle Zuhörer
im Raum hörbar aufatmen ließ. Wir wussten im voraus, dass das Gericht
nicht den ganzen Mauerbau verbieten konnte. Das wäre eine zu große
Herausforderung für die Regierung, das Militär und den nationalen
Konsens gewesen. Wir erwarteten auch keine Entscheidung, die verfügt hätte,
dass die Mauer auf die Grüne Linie - die 1967er Grenze - gesetzt würde.
Wir
rechneten höchstens damit, dass der Verlauf der Mauer ein paar Kilometer
hier und dort verschoben wird. Aber die tatsächliche Entscheidung ging
viel weiter: sie forderte große Veränderungen auf der ganzen Barrierenlänge
von 750km, um sie aus der Nähe palästinensischer Dörfer zu entfernen
und ihr Land freizugeben.
Die
Richter akzeptierten tatsächlich die meisten Argumente, die wir in
Dutzenden von Demonstrationen hatten laut werden lassen:
a)
dass die Mauer internationales Recht verletze
b)
dass sie die Lebensstruktur der palästinensischen Bevölkerung zerstöre
und ihr Leben zur Hölle mache
c)
dass dieser Verlauf nicht Sicherheitserwägungen berücksichtige,
sondern vielmehr die Siedlungen vergrößere, Land an Israel annektieren
und die Palästinenser vertreiben wolle.
Der
Richter Barak, der Präsident des Obersten Gerichthofes, der die
Entscheidung abgefasst hatte, vollführte einen Balanceakt. Einerseits
provozierte er das mächtige Militärestablishment und einen großen Teil
der öffentlichen Meinung. Andrerseits wollte er seinen guten Ruf in der
internationalen Gemeinschaft der Juristen nicht aufs Spiel setzen.
Vor
Jahren hatte ich ihn ausführlich interviewt. Ein Satz, den er damals
aussprach, hat sich mir ins Gedächtnis eingeprägt: „Der Gerichtshof
hat keine Divisionen, die seine Entscheidungen durchsetzen können. Seine
Macht liegt allein im Vertrauen der Öffentlichkeit. Deshalb kann sich das
Gericht nicht zu weit von der Öffentlichkeit entfernen.“
Dies
wurde in dieser Woche wieder deutlich. Barak ging sehr weit. Aber er
wusste, wo er anhalten musste: auf halbem Weg zwischen der geplanten Route
und der Grünen Linie. Dabei wurde ihm vom „Rat für Frieden und
Sicherheit“, einer Friedensgruppe von im Ruhestand befindlichen,
ranghohen Armeeoffizieren, geholfen. Sie schlug eine alternative Route
vor.
Barak
weiß genau, dass er ein Risiko eingeht. Wenn jetzt ein Selbstmordattentat
innerhalb Israels geschieht, wird sicher der rechte Flügel dem Gericht
die Schuld geben.
Tatsächlich
geschah dies schon. Nur wenige Minuten nachdem die Gerichtsentscheidung
verlesen worden war, sagte der Oberst (in Reserve) Danny Tirzeh, ein die
Kipa tragender für den Mauerbau verantwortlicher Offizier im Ministerium,
dass die Gerichtsentscheidung Schuld sei, wenn Juden ermordet würden. Der
Mann wurde - Gott bewahre! - nicht auf der Stelle gefeuert, sondern nur
von seinem Minister getadelt.
Ariel
Sharon mag mit der Gerichtsentscheidung zufrieden sein. Es stimmt zwar,
dass der Verlauf der Mauer neu geplant werden muss, dass dies mehr Geld
und Zeit kostet. Aber in einer Woche wird der Internationale Gerichtshof
in Den Haag seine Entscheidung über die Mauer verkünden, und die
Angelegenheit wird an die UN zurückgegeben. Dort werden die israelischen
und amerikanischen Diplomaten argumentieren, dass das israelische Gericht
schon die Ungerechtigkeiten, die angesprochen werden mussten, ausgeglichen
habe.
In
A-Ram und auch in den anderen Vororten von Jerusalem wird der Verlauf der
Mauer geändert werden müssen. Ich hoffe, dass sie von der Hauptstraße,
auf der wir am letzten Samstag demonstriert haben, entfernt wird. Ich möchte
nicht noch einmal Gas inhalieren müssen.
(Aus
dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
03.
Juli 04 |