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Interview
eines Spaniers mit dem Historiker Professor Shlomo Sand (Israel)
„Wann
und wie das jüdische Volk erfunden wurde“ - eine Auseinandersetzung
mit zionistischen Mythen
von:
Eugenio Garcia Gascon, Tel Aviv
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Quelle:
Publico.es in: Tribuna
Popular
Shlomo Sand, Professor für Europäische
Geschichte an der Universität Tel Aviv, publizierte in Israel „Wann
und wie das jüdische Volk erfunden wurde“. In diesem Buch stellt er
einige Grundsätzlichkeiten der offiziellen zionistischen
Geschichtsdarstellung in Frage.
Das Buch war vier Wochen lang auf der Liste
der meistverkauften Bücher in Israel. Dies ist etwas, was Sand nicht
versteht. Andererseits musste er draufzahlen, indem er anonyme Drohungen
und Belästigungen erhielt, in denen er als „kelev“, „natzi“,
„masria“ (Hund, Nazi, Abtrünniger) und anderes Unschönes
beschimpft wurde. Dennoch kümmert ihn dies scheinbar nicht sonderlich.
Das Buch enthält zwei Thesen, die in der Vergangenheit einen gewissen
Ruf auch unter zionistischen Geschichtswissenschaftlern hatten. Aber
heute sind sie archiviert worden: dass die gegenwärtigen Juden aus
fernen Völkern abstammen, sich fernab Palästinas zum Judentum
konvertiert haben, und somit nicht von den einstigen Juden abstammen.
Und dass die arabischen Palästinenser die einzigen Menschen sind, die
von den einstigen Juden abstammen.
Eugenio
Garcia Gascon EGG: Auszusprechen, dass das jüdische Volk eine
Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, scheint eine Provokation zu sein.
Shlomo
Sand SHS: Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts
entstand der Nationalismus. Und in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts wurde die Idee des jüdischen Nationalismus zementiert. Die
Franzosen wussten, dass ihr Volk seit den Galliern existierte. Die
Deutschen wussten, dass ihr Volk seit den Teutonen existierte. Und die
Juden begannen zu denken, dass sie ein Volk seit dem zweiten Tempel
waren.
EGG:
Und nach Ihrer Meinung ist das nicht richtig.
SHS:
Ich vertrete, dass dies eine „Erfindung“ ist. Gleichfalls glaube ich
nicht, dass es vor 250 Jahren ein französisches Volk gab. Die Mehrheit,
die im französischen Königreich lebte, wusste gar nicht, dass sie
Franzosen waren. Sogar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wussten sie es noch nicht.
Dennoch
haben die Juden immer eine Identität gehabt.
Ich
glaube nicht, dass es bis vor kurzem ein jüdisches Volk gegeben hat.
Ich würde Ihnen sogar sagen, dass ich nicht einmal denke, dass es heute
ein jüdisches Volk gibt.
EGG:
Warum?
SHS:
Die Bibel ist kein Geschichtsbuch. Sie ist ein Buch der Theologie. Es
waren die Protestanten und später die Juden, die aus der Bibel ein
Geschichtsbuch machten.
EGG:
Das jüdische Volk ist eine christliche Erfindung?
SHS:
Genauso ist es. Nehmen wir mal als Beispiel die sogenannte jüdische
Vertreibung. Die Vertreibung gab es nie. Als die Römer den Tempel im
Jahr 70 der christlichen Ära zerstörten, da vertrieben sie die Juden
nicht mit Gewalt. Die Römer vertrieben niemals Völkerschaften. Dies
taten jedoch die Syrer und die Babylonier mit einigen Eliten.
EGG:
Wann begann denn diese Version der Geschichte?
SHS:
Die zionistische Geschichte griff einen christlichen Mythos des Märtyrers
Justino auf, welcher als erster im 3. Jahrhundert sagte, dass Gott die
Juden mit der Vertreibung bestrafte, weil sie Jesus nicht akzeptierten.
Da wird erstmals bestätigt, dass die Juden vertrieben wurden.
EGG:
Ja, aber, es gab keine Deportation ...
SHS:
Richtig ist, dass die Römer den Juden nicht erlaubten, dass sie in
Jerusalem lebten. Aber die Christen brachten die Phantasie hervor, dass
ihnen nicht erlaubt worden war, in ganz Judäa zu leben. Die Wurzel des
Mythos von der jüdischen Vertreibung ist christlich. Es gab niemals
eine Vertreibung. Es gibt kein wissenschaftliches Buch, welches von
Vertreibung spricht. Auf den Geldscheinen von 50 Schekeln wird gesagt,
dass Titus die Juden vertrieben hatte. Aber dies ist ein Mythos.
EGG:
Dies steht dem gegenüber, was gemeinhin gesagt wird.
SHS:
So ist es. Obwohl es jetzt Historiker gibt, die sagen „Gut, es gab
keine Vertreibung, aber es gab Abwanderung“. Richtig ist, dass mit den
Griechen und den Phöniziern die Juden durch den Mittelmeerraum
reisten...
EGG:
Vielleicht ist das nicht richtig? In Spanien hatte es in jener Epoche
schon Juden gegeben.
SHS:
Vor Jesus Christus gab es in Palästina zwischen einer halben
Million und eine Million Juden. Die überwältigende Mehrheit, 90
Prozent oder vielleicht 95 Prozent waren Bauern. Die Juden waren nicht
wie die Phönizier oder die Griechen, sie reisten nicht wie jene über
das Meer. Der Anteil jener von ihnen, die abwanderten, ist unendlich
klein.
EGG:
Auch nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70?
SHS:
Auch dann noch. Vor dem Jahre 70 in der Zeit von den Makabäern bis
Hadrian erfolgte der Beginn des Zerbröselns des Judentums. Aber
aufgepasst: Das Judentum zerbröselte, nicht die Juden! Es ist richtig,
dass Kaufleute und Söldner abwanderten. Sie nahmen die monotheistische
Idee mit sich. Aber das waren nicht viele. Die Makabäer eroberten Edom
und erzwangen mit Gewalt bei dessen Bewohnern, zum Judentum zu
konvertieren. Dasselbe passierte in Galilea. Seit dem 2. Jahrhundert vor
Christus bis zum 2. Jahrhundert nach Christus war das Judentum der erste
bekehrende Monotheismus.
EGG:
Ereignete sich dasselbe in der Diaspora?
SHS:
Im Mittelmeerraum Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus gab es 4
Millionen Angehörige des jüdischen Glaubens. In jener Bekehrungszeit
festigt sich das Judentum im Mittelmeerraum.
EGG:
Wollen Sie damit sagen, dass die Mehrheit der Juden des Mittelmeerraumes
nicht aus Palästina kamen?
SHS:
Ganz genau, die ganz grosse Mehrheit kam nicht aus Palästina. Sie
wurden bekehrt. Seit der Epoche von Hadrian im 2. Jahrhundert erfuhr man
einen drastischen Fall der Zahl an Juden, weil viele zum Christentum übertraten.
Von 4 Millionen jüdischen Gläubigen sank die Zahl auf eine Million.
EGG:
Sie konvertierten zum Christentum?
SHS:
Und was ich jetzt sagen werde ist auf Spanien bezogen. Zu Beginn des 4.
Jahrhunderts erfolgte der Sieg des Christentums mit Konstantin und
vermindert sich die Zahl der Juden. Das Judentum überwiegt vor allem in
Palästina, in Babylonien und in Nordafrika. In Nordafrika kämpften im
7. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Islam die Juden gegen den Islam. Es
gab eine jüdische Berberkönigin, Dahia Kahina, die gegen die Muslime kämpfte.
Der arabische Historiker Ibn Jaldun erwähnt, dass es in dem Gebiet sehr
volkreiche jüdische Stämme gab. Die Königin Kahina starb im Kampf
gegen die Muslime im Jahr 694. Tariq ibn Ziyad, der Eroberer Spaniens im
Jahre 711, war Berber. Es gibt viele christliche Zeugnisse, die besagen,
dass die Eroberer Juden und Muslime waren. Viele Juden reihten sich in
das muslimische Heer ein, denn sie litten sehr unter den visgotischen Königreichen.
EGG:
Erst dann kamen die Juden massenhaft nach Spanien?
SHS:
Ich habe mich oft gefragt, warum es soviele Juden in Spanien und nicht
in Frankreich oder Italien gegeben hatte. Warum hatte es so viele Juden
in einem von Palästina geographisch entfernteren Gebiet gegeben? Es ist
offensichtlich, dass es einige Söldner und Kaufleute gab, die sich
bekehren liessen, wie in Frankreich oder Italien. Aber, warum gibt es so
plötzlich soviele Juden in Spanien? Ich glaube, dass die Antwort in der
Berbereroberung der Juden und Muslime ganz bestimmt zu suchen ist. Der
Eroberer Tariq ibn Ziyad gehörte zum Stamm der Nafusa. Derselbe Stamm,
dem die Königin Kahina angehörte. Wenn im Jahre 711 Tariq einen so
hohen Posten bekleidete, ist es gut möglich, dass er im Jahre 694 ein Söldner
im Judenheer von Kahina war. Es kann nicht anders sein. Mit großer
Sicherheit war Tariq ein Jude, der zum Islam konvertierte. Wenn man frühere
Zeugnisse liest, dann sieht man, dass die Christen sowohl die Muslime
als auch die Juden wegen der Eroberung Spaniens anklagten. Ich glaube,
dass deshalb die Zahl der Juden in Spanien sehr stark über der Zahl der
Juden in Frankreich oder Italien lag.
EGG:
Dann kam also die Mehrheit der spanischen Juden aus den zum Judentum
konvertierten Berbern?
SHS:
Genauso ist es gewesen. Ich nehme mal ein anderes Beispiel, das der
Juden im Jemen. Es gab auch ein jüdisches Königreich im Jemen, 120
Jahre lang, Ende des 5. Jahrhunderts und zu Beginn des 6. Jahrhunderts,
als ein Stamm zum Judentum konvertierte.
EGG:
Sie erwähnen auch das Königreich der Jasaren, eines Volkes mit
Herkunft aus Zentralasien, welches zum Judentum konvertierte.
SHS:
Mit den Jasaren geschah exakt dasselbe. Es war das Judentum und nicht
die Juden, was sich ausdehnte. Die demographische viel zahlreichere
Masse ist die der Jasaren. Es ist kurios, dass der Zionismus die
Bedeutung der Jasaren bis 1697 anerkennt, und dies dann keine legitime
These mehr ist.
EGG:
Von den Jasaren stammen die aschkenazischen Juden Europas ab?
SHS:
So ist es. Die Mongolen vertrieben die Jasaren nach Europa. Es kann
nicht sein, dass die Juden Polens aus Deutschland kamen. Denn in
Deutschland im 12. und 13. Jahrhundert gab es kaum ein paar hundert
Juden. Und von daher kann es nicht geschehen, dass über Nacht drei
Millionen Juden in Polen sind. Das ist einfach unmöglich. Die Juden
Polens und der anderen osteuropäischen Länder können nur von den
Jasaren abstammen. Noch 1961 gab es einen angesehenen israelischen
Historiker, der bestätigte, dass die Jasaren die Vorgänger der Juden
Osteuropas waren. Somit akzeptierte man, dass sie nicht aus Deutschland
kamen.
EGG:
Ihre Theorie ist es, dass die enorme Mehrheit der Juden von heute nicht
aus Palästina kommen, sondern aus anderen Völkern stammen, die sich
zum Judentum konvertierten.
SHS:
Genaus ist es. Aber es gibt eine weitere wichtige Frage. Wenn es denn
keine Vertreibung in Palästina gab, wenn die Römer die Juden nicht
vertrieben, - was geschah mit den Juden Palästinas? Es gibt viele
israelische Historiker, darunter Yitzhak ben Zvi, den zweiten Präsidenten
von Israel, oder David ben Gurion, die bis 1929 bestätigen, dass die
arabischen Palästinenser die wahren Abstammenden der Juden sind. Diese
These der meisten Zionisten wurde 1929 begraben. Noch 1918 schrieben Ben
Zvi und Ben Gurion zusammen ein Buch, wo bestätigt wird, dass die Palästinenser
die authentischen Abstammenden der Juden sind. Trotzdem, so etwas heute
zu sagen, ist ein Skandal!
EGG:
Der Zionismus akzeptiert das nicht.
SHS:
Man muss verstehen, dass es zwei Versionen des Nationalismus gibt: eine
vom Fluss Rhein nach Westen, und eine andere vom Fluss Rhein nach Osten.
In allen Teilen beginnt der Nationalismus mit einem ethnozentrischen
rassistischen Phänomen. Aber im Westen mündet er in eine zivile
politische Bewegung. Demgegenüber überwiegt im Osten sein
ethnozentrisches Wesen. In beiden Teilen gibt es Rassismus. In
Frankreich bist du Franzose, wenn du die französische Staatsangehörigkeit
hast, dank der republikanischen Werte. Aber in Deutschland, selbst wenn
du die Staatsangehörigkeit hast, bist du nicht unbedingt Deutscher. In
Polen, seit 1919, wenn du nichtkatholisch bist, dann bist du auch kein
Pole. Der Zionismus wurde zwischen Deutschland und Polen geboren. Und
deshalb erhielt er eine halb deutsche und halb polnische Form.
EGG:
Aber ein Jude ist das Kind einer jüdischen Mutter.
SHS:
Ja, nach dem religiösen Gesetz. Aber für den Zionismus ist das
Judentum Volk und Nation. Man kann nicht eintreten und ebensowenig
austreten. Nur eintreten kann man, wenn du dich religiös konvertierst.
Der Zionismus war nicht religiös. Aber er benutzte die Religion. Denn
er verfügte nicht über andere Mittel, um das Judentum einzugrenzen.
Meine These ist, dass der Zionismus die ethnisch-religiösen Komponenten
der Polen mit den ethnisch-biologischen der Deutschen zusammenbrachte
und damit eine Art in sich abgeschlossenen Nationalismus schuf, der
weder politisch noch zivil ist, wie es die westlichen Nationalismen
sind.
EGG:
Und was sind Ihre Prognosen für die Zukunft?
SHS:
Heute bewahrt der Zionismus sein ethnisch-religiöses Wesen. Und ich
glaube, dass dies den Staat Israel zerstören wird.
EGG:
Warum?
SHS:
Der Staat Israel sagt, dass er der Staat des jüdischen Volkes ist, und
dass er ein demokratischer und jüdischer Staat ist. Und dies ist eine
Quadratur des Kreises, ein Widerspruch. Ein demokratischer Staat gehört
allen seinen Bürgern. Ein Viertel der Bürger Israels sind nicht jüdisch.
Aber der Staat sagt, dass er allein den Juden gehört. Es gibt Gesetze,
die sagen, dass der Staat jüdisch ist. Und dass der Staat nicht Anderen
offensteht. Der Zionismus erkennt die nichtjüdischen „Israelis“
nicht an. Und dies kann so nicht weitergehen. Auch wenn Israel aus den
besetzten Gebieten abzieht, wird es keine Ruhe geben. Die Araber leben
in einem Staat, der sagt, dass er nicht ihr Staat ist. In dessen
Nationalhymne vom „jüdischen Geist“ gesungen wird. Wie lange kann
diese Situation andauern?
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Quelle:
Publico.es in: Tribuna
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