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Ehrenbürgerschaft
auf dem Mond
Von
Amira Hass
Quelle:
Gesellschaft
der Freunde Palästinas
„Daniel
Barenboim, der weltbekannte israelische Pianist und Dirigent, ist zum
palästinensischen Ehrenbürger ernannt worden“ und hat einen palästinensischen
Pass erhalten, berichtete Haaretz in der Englischausgabe am Montag und
verwendete eine Geschichte von Reuters. Die Ynet-Version sagte, das die
palästinensische Behörde Barenboim die palästinensische Staatsbürgerschaft
gewährt habe, wogegen die New York Times berichtete, dass der aus
Argentinien gebürtige israelische Pianist und Dirigent damit
einverstanden war, die palästinensische Staatsbürgerschaft und auch
einen palästinensischen Ehrenpass anzunehmen.
Der
Pass wurde ihm zum Abschluss eines Konzertes in Ramallah gegeben in
Anerkennung der Art und Weise ( und dies ist die Version der Autorin
dieses Artikels), mit der Barenboim seit Jahren die musikalischen
Initiativen mit seiner klaren Gegnerschaft zur israelischen Besatzung
verbindet; für seine Bereitschaft nach Ramallah zu einer Zeit zu
kommen, in der die meisten Israelis dieses als eine Bastion des Terror
ansehen; und für die Art und Weise, mit der er mit prominenten Palästinensern
freundschaftlich verbunden ist, die den meisten Israelis nicht - so wie
Eduard Said - bekannt sind.
Er
erhielt die Staatsbürgerschaft, er war einverstanden, die Staatsbürgerschaft
zu bekommen, Staatsbürgerschaft wurde gewährt. Was für ein
Unterschied in der Formulierung. Man hätte genau so gut sagen können,
dass die Palästinensische Behörde (PA) ihm die Staatsbürgerschaft des
Mondes gewährt, da die PA gar keine Autorität hat, die Staatsbürgerschaft
irgend jemandem zu gewähren (oder in der korrekteren Definition: das
palästinensische Wohnrecht). Weder Yasser Arafat, noch an Mahmoud Abbas
und auch keiner 80 jährigen Flüchtlingsfrau, die in Ein el-Hilveh im
Libanon lebt und die sich immer noch nach den von ihrem Großvater
gepflanzten Mandelbäumen im Dorf Lubia ( heute der Kibbuz Lavia) sehnt.
Arafat
und Abbas - wie mehrere tausend andere Aktivisten der Palästinensischen
Befreiungsorganisation, die 1994 nach Israel zurückgekehrt sind,
erhielten ihre palästinensische Staatsbürgerschaft und ihre palästinensische
Identitätskarte (ID)( auf arabisch und hebräisch geschrieben), weil es
Israel erlaubte. Weil ein Angestellter der israelischen Zivilverwaltung
ihre Details in den Computer des israelischen Innenministerium eingab,
sodass das Ministerium dem palästinensischen Innenminister erlauben
kann, die ID in seiner Druckerei zu drucken. So erscheinen dann auch
alle Daten auf dem Computerschirm des letzten Soldaten am kleinsten
Kontrollpunkt.
Die
PA hat keine Macht palästinensische Staatsbürgerschaft denen zu gewähren,
die im britischen Mandatsgebiet Palästina also vor 1948 geboren wurden;
sie hat auch keine Macht, denen die Staatsbürgerschaft zu gewähren,
die nach 1948 innerhalb der Grenzen Israels geboren wurden. Sie hat
nicht einmal die Macht, die Staatsbürgerschaft der etwa 400 000 Leute
zu erneuern, die in der Westbank und im Gazastreifen nach 1948 geboren
wurden. Und Israel tut seit Jahren sein Möglichstes, dass sie ihr
Wohnrecht verlieren: es erwirkte gerichtliche Verfügungen, die ihr
Recht, im Ausland zu bleiben, begrenzt, es verhinderte ihre fristgemäße
Rückkehr aus dem Ausland und nahm keine Rücksicht auf die, die bei der
Volkszählung im August 1967 nicht anwesend waren.
Zehntausende
von ihnen leben heute im Gazastreifen und auf der Westbank in ihren Häusern
und Dörfern - aber ohne offizielle Papiere. Sie haben zeitlich
begrenzte Reisedokumente aus verschiedenen arabischen Ländern, wenn sie
ins Ausland fahren, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Sie kehren
dann als Touristen in ihre Heimat zurück. Wenn die befristeten
Dokumente ausgelaufen sind, dann sind sie in jeder Weise Gefangene in
ihren Wohnorten. Wenn sie an Kontrollpunkten angetroffen werden, werden
sie ausgewiesen. Nur durch einen strapaziösen Prozess der
„Familienzusammenführung“, der von Israel kontrolliert wird, können
einige von ihnen „Bürger“ ihres Heimatlandes werden. Während der
letzten sieben Jahre hat der Prozess nur für 3500 Leute Erfolg gehabt -
aber es sind noch 65 000 in einer ähnlichen Situation.
Die
PA hat nicht einmal die Macht, die Wohnadresse vom Gazastreifen zur
Westbank zu verändern, wenn nicht ein Angestellter der Zivil-Verwaltung
(und hinter ihm ein Mitglied des Shin Bet-Sicherheitsdienstes und hinter
ihm das israelische Innen- und Verteidigungsministerium) damit
einverstanden ist. Hat also die PA Barenboim die Staatsbürgerschaft gewährt?
Trotz
der Menge an Informationen, die in den letzten Jahren besonders von
Haaretz über Israels Kontrolle des palästinensischen Bevölkerungsregisters/
Einwohnermeldeamtes veröffentlicht wurden, sind die Fakten nicht
aufgenommen worden. Die PA wird als „Staat“ angesehen mit dem souveränen
Recht, „Staatsbürgerschaft“ zu gewähren. Für Israelis ist es
besonders schwierig zu begreifen, wie weit unsere Herrschaft über die
Palästinenser geht. Schließlich hat jeder Jude das Recht, nach Israel
zu kommen, und erhält innerhalb weniger Tage die israelische Staatsbürgerschaft.
Er hat nicht nur das Recht in Israel selbst zu wohnen, sondern auch in
irgend einer illegalen Siedlung und irgend einem illegalen und
ungenehmigten Außenposten.
Haaretz,
16.01.2008
(dt.
Ellen Rohlfs) |