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Richard-Goldstone-Straße
Von
Thomas Immanuel Steinberg
Steinberg-Recherche
vom 17. Februar 2010 – Richard
Goldstone, der zweiundsiebzigjährige UN-Berichterstatter, hat sich
verdient gemacht. Ihm ist ein langes, aktives Leben zu wünschen. Doch
eines Tages wird Freund Hein auf dem grünen Finger pfeifen. Sollten bis
dahin die Israelis zur Besinnung kommen, so werden sie eine Straße in
Tel Aviv nach ihm benennen.
Geht
es jedoch nach Alan Dershowitz, der den Rufmord an Norman Finkelstein
und dessen Arbeitslosigkeit zu verantworten hat, so wird uns Goldstone
nicht lange erhalten bleiben. Dershowitz, einflußreicher
Harvard-Professor und glühender Zionist, hat den Richter Goldstone zum
„Moser“ erklärt, zum „Verräter am jüdischen Volk“, den zu
vernichten religiös-zionistischen Yeshiva-Schülern ausdrücklich
erlaubt ist. Rückendeckung bietet ihnen der israelische Staat. Er tötet
rundum. Er massakriert Palästinenser in Gaza und im Libanon und
ermordet ausgesuchte Feinde, zuletzt in einem Hotel in Dubai das
Mitglied der militärischen Führungsriege der Hamas, Mahmoud Al-Mabhoud.
Doch
für Mordanschläge bedarf es nicht einmal staatlich trainierter oder
geduldeter Kommandos. Verleumdung und Verunglimpfung, auf neuralgische
Punkte gerichtet, schaffen Stimmung in anfälligen Kreisen. Einer von
denen greift schließlich zur Waffe.
So
war es Ende der Sechziger Jahre im Westen. Springers Blätter hatten
verbreitet, die US-Amerikaner würden in Vietnam die Freiheit
Westberlins verteidigen; die studentischen Kriegsgegner, vor allem Rudi
Dutschke, seien die Feinde im Innern. Als Benno Ohnesorg von einem
Polizisten erschossen worden war, verteilte ich an der Zehlendorfer
Eiche Flugblätter, die wir in der Freien Universität hektographiert
hatten. Ich wurde dafür von Passanten bespuckt. Es herrschte
Pogromstimmung.
Acht
Monate später brach sie sich Bahn, im Attentat auf Rudi Dutschke, verübt
von einem Menschen, der Ausschnitte aus der National-Zeitung in der
Tasche hatte, darunter die Titelzeile „Stoppt den roten Rudi jetzt“
und Fotos von Dutschke. Wir marschierten zum Springer-Hochhaus und
skandierten: „Bild hat mitgeschossen.“ Dutschke starb 1979 an den Spätfolgen
des Attentats.
Jahrzehnte
später kamen die Deutschen etwas zur Besinnung. So heißt heute eine
Straße im Berliner Zeitungsviertel nach Rudi Dutschke.
Doch
wieder wird Pogromstimmung geschürt. Im Namen der Freiheit diffamieren
Anhänger der israelischen Staats- und Regierungspolitik Kritiker und
Gegner, verleumden sie und veröffentlichen ihre Fotos steckbriefartig.
Tageszeitungen beschimpfen Kriegsgegner als Antisemiten.(1) Die
Kanzlerin und der Linksparteipolitiker Gysi erklären das Eintreten für
Israels Staats- und Regierungspolitik zur deutschen Staatsräson, und
Kulturzentren, Kirchen, Parteistiftungen und Hotels sperren ihre Räume
für die, die das Gaza-Massaker beim Namen nennen und die Verwüstung
des Iran verhindern wollen.
In
der Partei Die Linke kann von Diskussionskultur nicht mehr die Rede
sein, wie Erhard Crome vom Institut für Gesellschaftsanalyse der
Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt. Vielmehr greifen die falschen Freunde
Israels alle an, die sich ihnen entgegenstellen, ob
Bundestagsabgeordnete der Linken, renommierte israelische und
US-amerikanische Wissenschaftler, Journalisten, Studenten oder
Hartz-IV-Empfänger. An führender Stelle agitiert der
Bundesarbeitskreis Shalom der Linksjugend, also der Linksparteijugend.
Und irgendwo wetzt einer schon sein Messer.
Ach
könnten doch die Deutschen einmal beizeiten zur Besinnung kommen. So
viele Straßen tragen schon die Namen von Ermordeten.
T:I:S,
17. Februar 2010
Anmerkung
(1)
In eigener Sache: Neben der Hamburger Morgenpost hat nun auch ein
Springer-Blatt den Artikel getilgt, der die Behauptung enthielt, Jürgen
Elsässer und ich hätten sich judenhasserisch geäußert. Was aussteht,
sind Richtigstellung und Entschuldigung, die ich ebenfalls gefordert
habe.
(2)
Wer sich vom Ausmaß der zionistisch inspirierten Kriegtreiberei in Großbritannien
ein Bild machen will oder wer einfach Freude an der englischen Sprache
hat, dem sei Baroness Tonges Interview auf TVPress Iran ans Herz gelegt.
In King’s English schildert das Mitglied des Oberhauses, wie Israelis
Palästinenser alle Tage demütigen. Die Dame wurde aktiv und von ihrer
Partei dafür bestraft. Video,
neun Minuten.
URL
dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com
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Eiszeit
Von
Thomas
Immanuel Steinberg (Hamburg)
Steinbergrecherche
vom 13. Februar 2010 – Die
Außenalster ist zugefroren, Schollen türmen sich am Strandweg, die
Jungen rutschen aus, die Alten hocken zu Haus.
Es
wird kalt bleiben in Hamburg, und nicht nur hier. Im März, im Sommer,
im nächsten Jahr wird der Finanz-Tsunami Schuldenberge an den Ufern der
Themse und am Main auftürmen, höher als die Geest und der Sülberg in
Blankenese. Sie werden Bahnstrecken einfrieren, den Überwachungskameras
Frostschutz verpassen und der Bundeswehr Heizdecken an den Hindukusch
schicken. Die Sozialgesetze werden in weißem Phosphor verschmirgeln,
und die Bürgerrechte am Taser zucken. Der Mantel des Lügens und des
Schweigens wird den Klimawandel zudecken und das, was ihn bewirkt und
vorantreibt.
Der
Grund heißt Kapitalismus in hohem Stadium, heißt Neokonservativismus
und Imperialismus. Die Schaftstiefel vergammeln im Keller, keiner brüllt
Hipp-Hipp, und freundlich spricht die Marionette ins Mikrofon, den
Teleprompter vor Augen. Es ist Obama-Zeit, Gysi-Zeit, Merkel-Zeit.
Noch
haben wir mehr zu verlieren als unsere Ketten: Wohnung, Kleidung,
Nahrung. Noch ist die feine Hamburger Bücherhalle am Hühnerposten geöffnet,
mit völlig veraltetem Bestand zwar, aber immerhin. Noch bietet Bäderland
Spaß in der Alsterschwimmhalle – gegen hohen Eintritt. Noch stehen
ein paar lesbare Artikel in der Frankfurter Allgemeinen – neben
sozialrassistischem, kriegshetzerischem Dreck. Noch darf Amira Hass eine
Kolumne in Ha’aretz füllen – um den Preis, daß sie von ihrer
Regierung als Renommier-Dissidentin vorgeführt wird. Noch wird nicht
eingesperrt, wer einem Hetzer und Lügner im Bundestag den Applaus
verweigert.
Noch.
Alan Dershowitz, Harvard-Professor an der Law School hat verraten, wohin
der Winterhase läuft. Er hat den Richter Goldstone, Verfasser des
UN-Berichts über das Gaza-Massaker, einen „moser“ genannt. Ytzchak
Rabin wurde 1995 von einem Zionisten, der seinen Wehrdienst als
Religionsstudent und Golani-Brigadist absolviert hatte, zum „moser“
erklärt und ermordet: Für den Mörder war Rabin ein „moser“, ein
Verräter am jüdischen Volk, den auszulöschen keine Sünde ist. Nach
einer lauwarmen Welle der Erregung über Dershowitz’ Aufruf zum Mord
an Goldstone schrieb Dershowitz, das Wort „moser“ sei ihm von einem
Journalisten in den Mund gelegt worden. Er habe es nicht gekannt. M. J.
Rosenberg zeigt auf TPM,
daß der Jurist, Ultra-Zionist und Harvard-Professor genau wußte, was
er sagt.
Hiezulande
werden Friedens- und Freiheitskämpfer noch nicht mit dem Tode bedroht,
nicht öffentlich. Befassen sie sich allerdings mit der ungeheuren,
staatenvernichtenden Kapitalakkumulation, mit dem Lügengebäude über
das nächste Angriffskriegsziel oder mit dem Testfeld Nummer Eins auf
der Welt für Aufstandsbekämpfung, Kidnapping, Einzel- und Massenmord,
also mit der israelischen Kolonialisierung und schrittweisen Annexion
ganz Palästinas, dann kriegen sie die Antisemitismus-Keule übergebraten.
Der Rufmord soll sie mundtot machen, ihre bürgerliche Existenz auslöschen,
ihre sozialen Beziehungen vernichten.
Wer
sich nicht wehrt, lebt verkehrt, hieß es einst. Wir haben uns nicht
gewehrt. Wir leben noch, und werden überleben als Gliederpuppen wie
Obama, Gysi und Merkel: mit eingefrorenem Lächeln. Die Fäden werden
uns bleiben – und nichts, womit wir sie zerreißen könnten.
Gregor
Gysi zu Imperialismus und
Staatsräson
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