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Wer
bereute? Wer hat gebüßt? Eine Bilanz
Quelle:
Freunde-Palästinas
„Mission
has been effectively accomplished“, sagte Hauptmann Jacob Dallal,
Sprecher der israelischen Armee. (Washington
Post, 16. Oktober). „Mission erfolgreich ausgeführt“-
vielleicht war es ein Zufall, daß die gleichen Worte seinerzeit auf
einem US-Flugzeugträger auf ein Transparent geschrieben waren, vor dem
US-Präsident Bush das - wie er dachte - Ende des Irak-Krieges verkündete.
Doch vielleicht ist die Sprache gewisser Politiker und Militärs einfach
so.
Der
„Mission“, die am 29. September begann, hatte man den Namen
„Operation Days of Penitence“ verpaßt, was in Deutschland von den
meisten Medien mit „Tage der Reue“ übersetzt wurde. Doch wer sollte
was bereuen? Penitence heißt auch „Buße“, und das ist logischer:
Die Palästinenser sollten „büßen“ - konkret für den Abschuß
einer Qassam-Rakete auf die israelische Stadt Sderot, die zwei Kinder tötete.
Vielleicht sollten sie aber auch dafür büßen, daß sie sich immer
noch nicht den Besatzern und Aggressoren unterwerfen.
Ziel
der 17-tägigen „Mission“ waren das Flüchtlingslager Jabalya im
Norden des Gaza-Streifens und die beiden benachbarten Orte Beit Lahiya
und Beit Hanoun, gegen die 60-Tonnen-Panzer Typ „Merkava“ und
AH-64-Apache-Hubschrauber eingesetzt wurden. Amira Hass in Ha’aretz (13.
Oktober):„Wer erinnert sich daran, daß acht Kinder unter siebzehn am
30. September getötet wurden, als eine Panzergranate aus einer Schule
in eine überfüllte Straße abgefeuert wurde? Eine Granate aus der
Entfernung von nur wenigen Metern abzufeuern, ist zur Gewohnheit
geworden, legitim und ganz gefechtsmäßig, denn jene, die die Granaten
abschießen sind Israelis, geschützt in ihren Panzern, und die Ziele
sind Palästinenser in ihren nackten Betonhäusern.“
17
lange Tage hindurch waren etwa 50 000 Menschen von der Außenwelt
abgeschnitten, also auch von der Versorgung mit Lebensmitteln, von
Elektrizität und teilweise auch von Trinkwasser. Wie die UNO mitteilte,
sind 91 Gebäude, in denen 143 Familien wohnten, zerstört worden und
mehr als vierhundert beschädigt. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen
seien Flüchtlinge. Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser werde rund
zwei Millionen Euro kosten. Die dürren Statistiken sprechen von mehr
als 140 Toten, davon waren dem Sprecher der israelischen Armee zufolge
„80 Bewaffnete“, also mit anderen Worten: 60 unbeteiligte
Zivilisten! Es wurden zehn Kinder unter 14 Jahren getötet (auch dem
Sprecher der israelischen Armee zufolge). Es wird von 422 Verletzten
berichtet, davon 138 Kindern. Eines der letzten Opfer der „Mission“
war die 65jährige Fatima Mohammed Hussein Asalia. Augenzeugen
berichteten von schwerem Maschinengewehrfeuer gegen Wohnhäuser im Flüchtlingslager
Jabalya, als ein Geschoß Fatima in den Kopf traf. Sie war auf der
Stelle tot. Sie hatte sich gerade aufs Fastenbrechen am ersten Tag des
Ramadan vorbereitet.
„Mission effectively accomplished“. Dann durften erstmals
wieder Journalisten nach Gaza. Die Frankfurter
Rundschau berichtete (am 18. Oktober): „‘Hier stand mein
Haus’, sagt Said Abunon und zeigt auf Sand, Schutt und Trümmer
ringsum. Der alte Mann hat sich im Schneidersitz auf seinen letzten
Habseligkeiten niedergelassen, einer geblümten Matratze und zwei rosa
Kissen. Ein verbogenes Wellblech spendet ihm am Rand des Flüchtlingslagers
Jabalya ein wenig Schatten in der Mittagshitze. ‘Es war schlimmer als
die Vertreibung 1948’, sagt Abunon bitter, den es damals als Flüchtling
aus dem neu entstandenen Staat Israel nach Gaza verschlug. ‘Damals
waren wir nur vier Leute. Heute sind wir zwanzig in meiner Familie und
haben wieder alles verloren.’ Das Flüchtlingslager gehört mit seinen
etwa 110 000 Einwohner zu den dichtest besiedelten Gegenden der Welt und
liegt im Norden des Gazastreifens. Seit 45 Jahren lebte Abunon dort mit
seiner Familie in dem zweigeschossigen Heim, das wie die gesamte nähere
Nachbarschaft während der israelischen Militäroffensive völlig zerstört
wurde. Erst am Freitag hatte sich die Armee nach zwei Wochen
Dauereinsatz in Jabalya in ihre Stellungen an der israelischen Grenze
zurückgezogen und den Einsatz als ‘Erfolg’ deklariert. Mit Beginn
des moslemischen Fastenmonats Ramadan wagten sich die Menschen erstmals
wieder auf die Straße, um die Schäden zu besichtigen. Auf dem Markt öffneten
die Stände, und die Kinder gingen wieder zur Schule. In Abunons
Wohngegend im Osten des Flüchtlingslagers gleicht die Verwüstung der
nach einem Erdbeben. Israelische Panzer und Bulldozer hätten dutzende Häuser
und Bäume überrollt, als seien sie aus Pappe, erzählen die Anwohner.
Daß hier einst eine Straße verlief, ist kaum zu erkennen. Die Menschen
suchen im Geröll verzweifelt nach Dingen aus ihrem bisherigen Leben,
das ohnehin schon von Armut geprägt war. ‘Wir waren alle im Haus, als
wir plötzlich bemerkten, daß die Wände wackeln und Bulldozer sie
eindrücken’, berichtet Abunons Nachbar, Jamil Nedija. Er und seine
Familie flohen auf die Dächer der entfernteren Nachbarhäuser und mußten
von dort mit ansehen, wie in ihrem ganzen Viertel innerhalb einer Stunde
kein Stein mehr auf dem anderen stand.“
„Die
Hinterbeine von einem Stoffhund, ein weißer Plastikkleiderbügel, der
Anorak eines vielleicht sechsjährigen Jungen und eine blaue, noch
unbeschädigte Schulmappe liegen auf den Trümmern der zerstörten Häuser
im Flüchtlingslager Jabalya,“ hieß es in der tageszeitung
(20. Oktober). „Am 30. September, gleich zu Beginn der israelischen
Militäroperation, forderten Soldaten über Lautsprecher die Bevölkerung
auf, ihre Häuser zu verlassen. ‘Wir hatten ganze sieben Minuten’,
berichtet Rafad Abu-Ohn, der mit ein paar Nachbarn auf einer Matratze
sitzt, wenige Meter von der Ruine seines Hauses entfernt. Zwei Blechdächer,
provisorisch aneinander gebunden, bieten den Männern Schutz vor der
Sonne. (...) 40 Jahre wohnte Rafad in dem Haus, ein - so weit das von
den Bomben verschonte Gerüst erkennen läßt - einfacher, unverputzter
Bau mit zwei Stockwerken und einer Außentreppe. Die Häuser stehen
dicht an dicht. (...) Die Reste der jüngsten Militäroperation, des
dreiwöchigen Wütens von Bulldozern, Panzern und aus der Luft
abgegebenen Raketen liegen auf dem vielleicht 50 mal 70 Meter großen
Platz verteilt: Steinhaufen, Geröll, Sand, dazwischen kleine Reste
Hausrat, kaputte Matratzen, Kissen, das Gitter der Rückwand eines Kühlschranks.
44 Häuser seien hier zerstört worden, berichten die Männer, die aus
ihrem Zorn und ihrer Vergeltungslust keinen Hehl machen. ‘Was erwartet
ihr’, fragt einer von ihnen, ‘daß ich nun, da mein Haus kaputt ist,
Scharon freundlich Hallo sage? Nein, ich will ihn töten.’ Eine
Verbindung zwischen den Qassam-Raketen, die unmittelbar vor der Militäroperation
in der israelischen Kleinstadt Sderot zwei Kinder getötet hatten und
die Invasion auslösten, will keiner der Männer wahrhaben. Alle sind
sich einig: Die Qassams sind nur ein Vorwand. Die Soldaten wären
ohnehin gekommen. ‘Von unseren Häusern sind keine Raketen abgegeben
worden’, beharrt Rafad, ‘von hier aus ist es viel zu weit’ bis
nach Sderot. Die Qassams verfügten über ‘keine sehr große
Reichweite’. Selbst wenn die Hamas-Kämpfer gekommen wären, hätte
man sie weggeschickt. ‘Die Leute die hier wohnen, sind dagegen.’
(...) Das kleine Al-Awda-Krankenhaus, das auf halbem Weg zwischen
Jabalya und Beit Hanoun liegt, mußte 250 Verletzte versorgen. 30
Menschen seien entweder schon tot eingeliefert worden oder in den ersten
Stunden der Behandlung gestorben. Besonders auffallend sei die ‘hohe
Zahl an Amputationen’ gewesen, berichtet Dr. Nasser Abu Samah,
Chefarzt in der Notaufnahme. Rund 65 der behandelten Patienten hätten
ein oder mehrere Gliedmaßen verloren. Andere litten an schweren inneren
Verletzungen, die ‘vermutlich durch den bei Raketeneinschuß
entstehenden Luftdruck’ verursacht wurden. 40 Prozent der
Eingelieferten seien zudem ‘jünger als zwölf Jahre’ gewesen.“
„Mission
effectively accomplished“ - das ist nur die halbe Wahrheit. Kaum
hatten sich israelischen Soldaten im Norden des Gaza-Streifens zurückgezogen
(nicht ganz, nicht auf die Ausgangspunkte ihrer „Operation“) rückten
sie erneut im Süden vor, nahmen wieder Rafah ins Visier. Täglich
werden Militäreinsätze von der Westbank gemeldet. Und die massive
Behinderung der Olivenernte - Oliven sind für zehntausende Palästinenser
eine unverzichtbare Quelle ihres Lebensunterhalts - durch das Militär
und durch von der Armee unterstützte rabiate Siedler scheint in diesem
Jahr einem Höhepunkt zuzusteuern.
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Kinder
im Fadenkreuz
Zuerst
die Statistiken. Der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem
zufolge lag die Zahl der in den vier Jahren der Intifada getöteten palästinensischen
Kinder unter 18 Jahren bei 557; 42 von ihnen waren zehn Jahre alt, 20
sieben, und acht waren gerade mal zwei Jahre alt, als sie von
israelischen Soldaten getötet wurden. Die jüngsten Opfer waren 13
Neugeborene, die an israelischen Kontrollposten gestorben sind, weil die
Mütter auf dem Weg ins Krankenhaus aufgehalten wurden und die
israelischen Soldaten jede Hilfe verweigerten.
Vom
29. September bis 13. Oktober wurden im Gaza-Streifen 29 Kinder getötet,
so das Mezan Center for Human Rights in Gaza (14. Oktober). Das 19. Kind
auf dieser Liste war Islam Duweidar aus Tal Al Zaatar, einem Hügel
neben Jabalya. Ihr Vater Nader Duweidar berichtete, was am 6. Oktober
geschah: „An diesem Tag wurde etwas weniger geschossen als sonst.
Islam kam wie stets von der Schule nach Hause, sie rannte durch den
Schutt der zerstörten Häuser und versuchte verirrten Schüssen, die
israelische Scharfschützen möglicherweise abfeuern würden,
auszuweichen. Als sie zu Hause ankam, hörte ich gerade einen lokalen
Radiosender. Sie sagten, die Invasion könne längere Zeit andauern,
also dachte ich daran, einen Lebensmittelvorrat anzulegen, falls die
Besatzungstruppen wieder eine Ausgangssperre verhängen. Ich sagte
Islam, sie solle ihre Schulkleidung ausziehen und dann etwas Brot aus
dem Laden auf der anderen Straßenseite holen. Aber sie rannte sofort
los, ohne sich umzuziehen.“ Minuten später knatterten draußen ohne
jede Vorwarnung Schüsse aus der Richtung der israelischen Panzer.
Duweidar hörte Leute rufen, ein Mädchen sei verwundet worden. „Ich
rannte zu Fenster, hoffte und betete, es möge nicht Islam sein. Als ich
aus dem Fenster blickte, sah ich sie auf dem Boden nur Meter vor der Tür.
Es war Blut um ihren Kopf, ich konnte es nicht fassen, ich brach
zusammen.“ Abu Salem, der Besitzer des Ladens auf der anderen Straßenseite
schwört, daß sie nicht nach dem Beginn der Schießerei getötet wurde:
„Ich bin hundertprozentig sicher, es war nur eine Kugel. Es war eine
leise Kugel, die abgefeuert wurde, bevor der Geschoßhagel aus dem
Panzer begann. Ich sah, wie Islam über die Straße zu ihrem Haus ging,
als sie plötzlich zu Boden fiel. Zuerst dachte ich, sie sei gestolpert
und hingefallen. Als ich aus dem Laden ging, begann der Panzer zu feuern
und ich mußte zurück in Deckung laufen.“ Als das Schießen aufhörte
schaute Abu Salem nach Islam. „Sie war zwischen Leben und Tod, als wir
sie aufnahmen und versuchten, sie in ein Krankenhaus zu bringen.“ Dr.
Mahmoud Al Asali, Direktor des Kamal-Adwan-Hospitals in Jabalya, sagt,
Islam sei kurz nachdem sie getroffen wurde, gestorben. „Sie erhielt
einen Schuß in den Kopf, eine tödliche Verletzung. Das verweist mit
Sicherheit auf eine Absicht, zu töten.“ (Quelle: Palestine
Report, 6. Oktober)
Meldung
in der Neuen Zürcher Zeitung
(5. Oktober): „Israelische Soldaten haben eine 13-jährige palästinensische
Schülerin im südlichen Gazastreifen mit knapp zwei Dutzend Schüssen
regelrecht durchsiebt. Ein Augenzeuge berichtete, die 13-Jährige sei
zusammen mit zwei weiteren Kindern auf dem Weg zur Schule in Rafah
gewesen, als Soldaten von einem Wachturm das Feuer eröffnet hätten.
Daraufhin habe das Mädchen seinen Schulranzen zu Boden geworfen und die
Flucht ergriffen, sagte Omar Chalifa, der nahe dem Ort des Angriffs eine
Werkstatt betreibt. ‘Dann stiegen drei Soldaten aus einem Panzer am Fuß
des Wachturms und eröffneten das Feuer auf das Mädchen.’ Erst eine
halbe Stunde später hätten die Soldaten palästinensischen Rettungskräften
erlaubt, die Leiche abzutransportieren. Nach Angaben des Arztes wies das
Kind fünf Kopfschüsse auf. Die israelische Armee rechtfertigte die
Tat. Die Soldaten hätten auf ein Mädchen geschossen, das in eine
verbotene Zone eingedrungen sei und ‘etwas ablegte, was ein Sprengsatz
zu sein schien’. In dem Moment, als die 13-Jährige geflohen sei, hätten
Palästinenser aus dem Tal-al-Sultan-Viertel das Feuer auf den
Armeeposten eröffnet.“ Lügen vom ersten Augenblick an: „Iman
al-Hamas, das 13jährige Mädchen, das vorige Woche bei einem
IDF-Vorposten [IDF = israelische Armee] an der Philadelphi-Route bei
Rafah getötet wurde, war höchstwahrscheinlich ein Köder, um die
Soldaten aus ihrem Vorposten in die Reichweite palästinensischer
Scharfschützenfeuers zu locken, teilte Generalstabschef
General-leutnant Moshe Ya'alon am Sonntag dem Kabinett mit.“ (Jerusalem
Post, 11. Oktober).
„Inzwischen
hat die Untersuchung [dieses Falles] eine dramatische Wendung genommen,
als Soldaten dem täglichen Massenblatt Yedioth
Ahronoth sagten, daß der
Kompaniechef, der an der Schießerei von weitem teilgenommen hatte,
dicht an den Körper des Mädchens herantrat und, obwohl er sah, daß
sie ein Mädchen war, ‘sein Magazin auf sie leerte’ und ‘die Tötung
bestätigte’, indem er auf ihren Kopf schoß.“ (Ha’aretz,
11. Oktober).
Immerhin:
Soldaten haben einer Zeitung berichtet, wie ihr Kompaniechef zum Mörder
wurde. Der Skandal ist da. Ein Skandal? „Die Militärführung unterstützt
die Entscheidung, dem Givati-Kompaniechef, der gegenwärtig wegen der
Erschießung der 13jährigen Iman al-Hamas aus nächster Nähe unter
Untersuchung steht, weiter das Kommando führen zu lassen, bis die
Untersuchung durch den Givati-Brigade-Kommandeur Eyal Eizenberg
abgeschlossen ist.“ (Jerusalem
Post, 12. Oktober). Dann aber: „IDF-Generalstabschef Moshe Ya'alon
bestätigte am Freitag die Beurlaubung des Givati-Brigade-Kompaniechefs,
Hauptmann R., nach dem Zwischenfall, bei dem ein 13jähriges Mädchen,
Iman al-Hamas am 5. Oktober im südlichen Gazastreifen erschossen wurde.
Ya’alon hat unterstrichen, daß es zu diesem Zeitpunkt keine Bestätigung
für die Behauptungen von Soldaten gibt, daß ihr Kompaniechef eine
‘Prozedur zur Bestätigung des Todes’ [auf
deutsch würde man sagen: Fangschuß] durchgeführt habe, indem er
das Mädchen aus nächster Entfernung erschoß, nachdem sie von der
Truppe getroffen worden war und hingestreckt auf dem Boden lag. (...)
Die Entscheidung zur Beurlaubung fiel angesichts anderer Probleme, die
die Untersuchung zutage förderte und die als ‘Fehler bei der Führung’
beschrieben wurden, eine gewalttätige und zügellose Atmosphäre
seitens der älteren Soldaten in der Kompanie, eine schwierige Beziehung
zwischen ihnen und dem Kompaniechef und der Unfähigkeit des
Kompaniechefs, sie zu kontrollieren.“ (Ha’aretz,
17. Oktober).
„‘Ich
kann nicht glauben, daß ein Kompaniechef in der IDF in dieser Weise
handeln kann und ich hoffe um Israels und der Armee willen, daß die
Ergebnisse, die in der Untersuchung erzielt wurden, endgültig sind,’
erklärte Verteidigungsminister Shaul Mofaz in Kanal 2... Mofaz sagte,
er wende sich gegen Forderungen nach Untersuchungen durch eine unabhängige
Körperschaft...“ (Jerusalem
Post, 17. Oktober).
„Der
israelische Kompanieführer, der von Soldaten seiner Einheit angezeigt
worden war, nachdem er am 5. Oktober im Gazastreifen das verwundet am
Boden liegende 13jährige palästinensische Mädchen Iman al-Hamas aus nächster
Nähe mit mehreren Schüssen getötet hatte, hat laut einer
Untersuchungskommission der Armee ‘nicht unethisch gehandelt’. Die
Tatsache, daß der Offizier dennoch seinen Posten als Kompaniechef
verlor, wurde mit ‘mangelnden Führungsqualitäten’ begründet. Dies
scheint der Logik zu folgen, daß ein Offizier mit guten Führungsqualitäten
niemals von seinen eigenen Soldaten angezeigt worden wäre.“ (Junge
Welt, 19. Oktober)
„Kinder
töten, ist keine große Sache mehr“, schrieb Gideon
Levy (Ha’aretz, 17.
Oktober). „Eine Armee, die so viele Kinder tötet, ist eine Armee ohne
Hemmungen, eine Armee, die ihren Moralkodex verloren hat.“ Die Armee
rede sich mit Irrtümern heraus. „Nein, das ist kein Irrtum sondern
die verheerende Folge einer Politik, die haupt-sächlich von einer
erschreckend leichten Finger-am-Abzug-Mentalität bestimmt wird und von
der Dehumanisierung der Palästinenser. Auf alles zu schießen, was sich
bewegt - einschließlich auf Kinder - ist zur Norm geworden. Sogar die
augenblickliche Mini-Aufregung, die über die ‘Bestätigung des Tötens’
des 13jährigen Mädchens, Iman al-Hamas, ausbrach, dreht sich nicht um
die wahre Frage. Zum Skandal hätte allein der Akt des Tötens selbst
werden sollen, nicht das, was ihm folgte. Iman war nicht die einzige.
Mohammed Aaraj aß ein Sandwich vor seinem Haus, dem letzten vor dem
Friedhof des Balata-Flüchtlingslagers bei Nablus, als ihn ein Soldat
aus nächster Nähe erschoß. Christine Saada saß im Auto ihrer Eltern,
die von einem Verwandtenbesuch auf dem Weg nach Hause waren, als die
Soldaten den Wagen von allen Seiten mit Kugeln beschossen. Sie war 12
als sie starb. Die Gebrüder Jamil und Ahmed Abu Aziz fuhren mitten am
Tag auf ihren Fahrrädern, um sich Süßigkeiten zu kaufen, als sie
direkt von einer Salve getroffen wurden, die von einer israelischen
Mannschaft eines Panzers abgeschossen wurde. Jamil war zur Zeit seines
Todes 13, Ahmed sechs. Muatez Amudi und Subah Subah wurden von einem
Soldaten getötet, der auf dem Dorfplatz von Burkin stand und der auf
jeden feuerte, der in der Nähe von Steinewerfern war. Radir Mohammed
aus dem Flüchtlingslager Khan Younis saß in ihrem Klassenzimmer, als
sie zu Tode kam. Sie war 12, als sie starb. Alle diese hatten nichts Böses
getan und wurden von Soldaten getötet, die in unserem Namen handeln.“
Weiter
hieß es bei Gideon Levy:
„Wenigstens in einigen Fällen mußte den Soldaten klar gewesen sein,
daß sie auf Kinder zielten, aber das hielt sie von ihrem Tun nicht ab.
Palästinensische Kinder haben keinen Schutzraum: tödliche Gefahr
lauert in ihren Wohnungen, in ihren Schulen und auf der Straße. Nicht
eines der Hunderte von Kindern, die getötet worden sind, verdienten den
Tod. Die Verantwortung für ihr Töten sollte nicht anonym bleiben. Doch
die Botschaft, die den Soldaten übermittelt wird, lautet so: Es ist
keine Tragödie, Kinder zu töten - und keiner von euch macht sich
deshalb schuldig. (...) Die allgemeine Gleichgültigkeit, die diese
‘Schau’ von unglaublichem Leiden begleitet, macht alle Israelis zu
Komplizen eines Verbrechens. Selbst Eltern, die wissen, was Angstzustände
für das Leben eines Kindes bedeuten, wenden sich weg und wollen nichts
von den Ängsten hören, die sich bei den Eltern auf der anderen Seite
des Zaunes ansammeln. Wer hätte glauben wollen, daß israelische
Soldaten Hunderte von Kindern töten würden – und daß die Mehrheit
der Israelis dazu schweigt? Selbst die palästinensischen Kinder sind
ein Teil der Dehumanisierungskampagne geworden: Hunderte von ihnen zu töten,
ist keine große Sache mehr.“
Ein Nachsatz: Die zunehmende Gewaltbereitschaft, die sich in den
oben aufgeführten Fällen zeigt, wirkt auch auf die israelische
Gesellschaft zurück. Die Jerusalem
Post (13. Oktober) berichtete: „Die Zahl der Fälle von Gewalttätigkeit
gegen Kinder hat sich in Israel seit Ausbruch der Intifada vervielfacht,
stellte die israelische Eli Child Protection Organization fest. Sie habe
sich 2003 mit 3599 solchen Fällen beschäftigen müssen, gegenüber 699
im Jahre 2000. 39 Prozent der Fälle betrafen Gewalt, die durch durch Mütter
ausgeübt wurde, 16 Prozent durch Väter und 13,4 Prozent durch beide
Elternteile. Etwa 33 Prozent der Fälle betrafen Kinder unter 5 Jahren,
und insgesamt 72 Prozent Kinder unter 12. Eli-Präsidentin Tzimmerman
sagte, die wirtschaftliche Lage und die Sicherheitsprobleme würden
offensichtlich den Druck auf die Eltern erhöhen und zu immer mehr
Gewaltbereitschaft führen.“
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Die
„Outposts“ auf der Westbank:
Es
wird nicht geräumt - es wird
weiter gesiedelt...
Zwar
hat Scharon - amerikanischen Wünschen folgend - angekündigt, er wolle
alle seit seinem ersten Regierungsantritt im März 2001 gebauten
„illegalen“ Outposts auf der Westbank räumen lassen, aber bislang
ist es fast stets bei Worten geblieben. Ein Abriß geschah bisher nur
bei 25, die aber nach ihrem Abbruch über Nacht oft wieder aufgebaut
wurden. Neue „illegale Siedlungen“ entstehen. So hat z.B. das
Wohnungsbauministerium ihren Ausbau zwischen Januar 2000 und Juni 2003
mit etwa sechs Millionen Euro gefördert; 77 Bauprojekte in 33 Orten,
darunter in 18 „illegalen Nachbarschaften“ wurden genehmigt. Israels
oberster Rechnungsprüfer Eliezer Goldberg erklärte, die Regierung habe
sogar noch Außenposten durch Hilfen für Straßen und Gebäude unterstützt,
die von anderen Mitgliedern derselben Regierung für den Abriß
freigegeben worden waren.
Ein
Bericht von Staatsanwalt Talia Sasson, von Scharon beauftragt, den
rechtlichen Status der Westbank-“Outposts“ zu untersuchen, kam jetzt
zu der Schlußfolgerung, diese „Vorposten“ der Siedlungen seien
„mit massiver Unterstützung verschiedener Ministerien und der
israelischen Armee errichtet worden. Die Ministerien hätten „zehntausende
Schekel“ für die Outposts gezahlt, das Erziehungsministerium
beispielsweise für Kindergärten, das Energieministerium für die
Stromversorgung und schließlich habe die Regierung den Straßenbau
finanziert. Wenn die Armee heute die Siedlungen bewache, so unter dem
Vorwand sie müsse „alle israelischen Bürger schützen“. Der
Bericht stellt jedoch nun fest, daß „regionale Brigadekommandeure und
manchmal sogar noch höhere Offiziere stillschweigende Vereinbarungen
mit den Siedlern über die Errichtung von Outposts erzielt hätten,
genau wie das Verteidigungsministerium. Später half die Zivilverwaltung
[der besetzten Gebiete] die Outposts an das Infrastruktursystem
anzuschließen.“ Der Sasson-Bericht rettete sich dann in die
Feststellung, es sei „schwierig, illegales Bauen in den [besetzten]
Territorien zu definieren, weil die rechtliche Lage sowohl unklar wie
auch komplex“ sei. Außerdem habe sich ein Großteil der illegalen
Bautätigkeit nicht in den „Vorposten“ sondern in den „alten“
Siedlungen abgespielt - in Übereinstimmung mit den Masterplänen, aber
ohne Baugenehmigung. (Häuser von Palästinensern, die ohne
Baugenehmigung wurden, werden kurzerhand abgerissen!) - Schlußfolgerung:
„Die Durchsetzung der Baugesetze erfolgt sehr nachlässig.“ (Ha’aretz,
21. Oktober).
Siedler
und Regierungsbeamte treiben ein „Spiel mit dem Staat“, hieß es in
einem Artikel der Frankfurter
Allgemeine (13. Oktober): „Die israelische Regierung will die
ungenehmigten Kleinsiedlungen abbauen, die seit Anfang 2001 entstanden
sind. (...) Doch das Vorhaben kommt nicht voran. Tatsächlich entstehen
weiter verbotene Siedlungen, wenn auch nicht mehr mit derselben Hast wie
in den ersten beiden Jahren des palästinensischen Aufstands, als die
Siedler im Schatten des Terrors Hügel um Hügel besetzten. Dror Etkes
von der Gruppe ‘Frieden jetzt’ findet aber noch immer jeden Monat
neue ‘Nachbarschaften’. Neben dem demokratischen Israel gedeiht
offenbar im palästinensischen Westjordanland weiter ein Siedlerstaat,
der so wirkt, als sei er unabhängig. Diese sogenannten Außenposten
bestehen manchmal nur aus einem Wasserturm, einer Antenne oder einem
Container. Einen dieser rostroten Behälter stellten die Bewohner der
illegalen Siedlung Migron neben ihre illegale Zufahrtsstraße, um dort
eine illegale ‘Nachbarschaft’ zu markieren, von der aus einmal die
Straße gesichert werden kann. Migron findet sich auf keiner offiziellen
Israel-Karte. Dennoch leben in diesem umzäunten Ort gut vierzig streng
nationalreligiöse Familien seit zwei Jahren auf einem Hügel östlich
von Ramallah. Neben den Häusern und Antennen ist nichts auf der Höhe
außer Geröll und Gestrüpp. (...) Dror Etkes zählt mehr als 100
ungenehmigte Siedlungen, die nicht nur nach dem Völkerrecht, sondern
auch nach dem israelischen Gesetz illegal sind. Monatelang waren die
Zahlungen an Siedler nach dem Goldberg-Bericht unterbrochen. Dann hob
das Justizministerium das Moratorium wieder auf, weil ein neues Überwachungssystem
eingeführt worden ist. Das aber scheint auch nicht recht zu
funktionieren, denn an Geld für ihr illegales Tun fehlt es den Siedlern
bis heute nicht. (...) Die Siedler spielen mit dem Staat. Seit 1991 wächst
Rahelim östlich von Ariel als zunächst illegaler Außenposten zu einer
illegalen Siedlung heran. Ein ordentliches Straßenschild weist von der
nur den Siedlern vorbehaltenen Hauptstraße den Weg dorthin. Poster am
Straßenrand werben für den Kauf von Boden und Villen: gute Preise,
gute Luft, herrlicher Ausblick auf verwunschene arabische Ortschaften in
sicherer Ferne. Um die eigene Existenz nicht zu gefährden, stellte die
illegale Gemeinde Rahelim auf zwei planierte Stücke Land in ihrer
Nachbarschaft weitere Container für zwei neue Außenposten. ‘Wäre
Rahelim legal, dann würde es diese beiden Nachbarschaften als einen
Teil seiner Siedlung ausgeben’, erklärt Dror Etkes. ‘Da Rahelim
aber ein verbotener Ort ist, sind für ihn diese bei den Posten
Verhandlungsmasse für den Streit mit dem Staat. Rahelim wird bereit
sein, diese beiden Nachbarschaften aufzulösen, um dafür Rahelim
rechtlich anerkannt zu bekommen’, sagt der Sprecher von ‘Frieden
jetzt’. Damit hätten beide Seiten ihr Gesicht gewahrt - und die
Siedler siegen.“
Weiter
hieß in der Frankfurter
Allgemeinen: „Bisher verfolgte die Polizei den Ausbau illegaler
Neugründungen nur als Verletzung des Plan- und Baurechts. Jetzt wurde
erstmals die Polizei eingeschaltet, als Siedler mit drei weiteren
Containern Givat Assaf östlich von Ramallah ausbauen wollten, das zur Räumung
vorgesehen ist. Die Polizei drang im ‘Landkreis Benjamin’ in das Büro
der Siedlerverwaltung ein und fand heraus, daß die
Siedlerbauorganisation Amana für die drei mobilen Wohncontainer zuständig
sei. Ihr Generalsekretär Zeev Hever - noch vor Monaten ein häufiger
Gast bei seinem Freund Ariel Scharon - lehnte aber jede Verantwortung für
die Container ab. Die Polizei verdächtigt gleichwohl Amana des Ausbaus
von Givat Assaf. ‘Mit gutem Grund, denn diese Gruppe hat beste
Kontakte in viele Ministerien und gewiß auch noch ins Amt des
Ministerpräsidenten und sucht jede Chance. Sie wird schon von irgendwo
eine Genehmigung erhalten und nachreichen können’, vermutet Dror
Etkes. Die Hauptstadt der Siedler im nördlichen Westjordanland ist
Ariel. Zwanzig Kilometer von der ‘Grünen Linie’ entfernt in
arabischem Gebiet beginnt Ariel und erstreckt sich mehr als sieben
Kilometer weiter nach Osten. Das ist schon kein Behelfsort mehr, sondern
eine steinerne Landschaft mit mehr als 15 000 Einwohnern. Unter ihnen
sind viele, die aus Rußland stammen, zudem meist unideologische
Israelis, die nicht die teuren Wohnungen in Israel bezahlen wollen, aber
täglich dorthin zur Arbeit fahren. Früher gab es nur einen Eingang von
Westen her in die Siedlung Ariel. Das hat sich jetzt durch illegale
Siedlerposten wie Rehalim und ihre neue Straße geändert. Sie verbindet
Ariel mit der Nord-Süd-Achse für die Siedler im Osten. Nun können die
Bewohner von Siedlungen wie Shilo, Eli oder Maale Levona in wenigen
Minuten nach Ariel fahren, wo es eine weiterführende Schule gibt, Kinos
und Cafes. Nach den neuesten Plänen Scharons soll Ariel, obwohl es im
Herzen des Westjordanlandes liegt, von einer Mauer umschlossen und womöglich
durch einen Zaun mit den Grenzanlagen weiter westlich längs der ‘Grünen
Linie’ verbunden werden. (...) Das wäre dann eine Art ‘Finger’,
der an dieser Stelle mehr als die Hälfte des Westjordanlandes nördlich
von Jerusalem teilt. Würde er auch noch Rehalim und die übrigen
Siedlungen östlich von Ariel einschließen, dann wäre für die Palästinenser
eine territoriale Kontinuität unmöglich. ‘Das wollen die Siedler natürlich
erreichen’, sagt Dror Etkes. Auf den Karten von ‘Frieden jetzt’,
die er vor kurzem dem für humanitäre Fragen zuständigen General im
Verteidigungsministerium, Baruch Spiegel, vorlegte, zeigt sich, daß die
Neugründungen nicht nur bestehende Siedlungen verstärken. Mit ihren
Verbindungsstraßen sollen sie auch weitere Achsen in das Land
schneiden, um palästinensisches Wohnen nur noch in rundum
‘verschlossenen Säcken’ möglich zu machen - mit renovierungsbedürftigen
Wegen, die Israel jetzt die EU auszubessern bat. Dabei dehnen sich die
bestehenden Siedlungen noch weiter aus. Ofra zum Beispiel, nordöstlich
von Ramallah und eine der ältesten Siedlungen, nahm sich jüngst einige
hundert Quadratkilometer Land hinzu, zog einen neuen weiten Zaun, der
regelmäßig von einer eigenen Polizei kontrolliert wird. Die Bauern von
Ein Yabrud auf der anderen Straßenseite verloren dabei ihr Weideland.
Zwischen Ariel und der früheren ‘Grünen Linie’ liegt neben dem
arabischen Bruqin das jüdische Bruchin der Siedler. Der Ort wurde vor
Scharons Machtantritt 2001 gegründet. ‘Legal ist die Siedlung nicht,
aber ihren Abriß brauchen die Bewohner auch nicht zu fürchten’,
beschreibt Dror Etkes diesen Ort junger nationalreligiöser Bewohner.
Zunächst waren die Siedler in Wohnmobile längs einer staubigen Straße
auf ihre Anhöhe gezogen. Vor einem Monat wurden die ersten Reihen der
neuen rostrot getünchten Häuser bezogen mit einem Blick bis nach Tel
Aviv und zum glitzernden Mittelmeer. Solche Häuser würden in
Kern-Israel das Doppelte kosten. Hier entstanden sie günstig mit
staatlichen Hilfen. Das Obergeschoß ist noch gar nicht ausgebaut. Noch
haben die jungen Familien hier nur ein oder zwei Kinder. In ein paar
Jahren werden die noch vermauerten Fensterhöhlen geöffnet und Fenster
eingesetzt, um einer neuen Siedlergeneration ein gutes Leben möglich zu
machen. In seinem Brief an Ministerpräsident Scharon sicherte der
amerikanische Präsident Bush im vergangenen April zu, bei den
Verhandlungen über einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern
werde man nicht an den ‘Realitäten’ der Siedlungen im
Westjordanland vorbeikommen. Ermutigt stellen die Siedler fest, daß
jeder feste Stein ein Stück dieser Wirklichkeit sein kann. So bauen sie
weiter, auch wenn sie dafür keine Genehmigung haben.“ |
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