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In
der Höhle des Löwen
»Mittendrin
in der NATO« – Erinnerungen des Topspions »Topas«
Von
Rainer Rupp
Quelle; JungeWelt
vom 05.09.2011
Auf Kommunisteen –online am 6. September
2011 – Einen wesentlichen
Beitrag dazu, daß der »Kalte Krieg« nicht zu einem heißen wurde,
leisteten die Nachrichtendienste der DDR. Das soeben im Berliner Verlag
edition ost erschienene Buch »Militärspionage. Die DDR-Aufklärung in
NATO und Bundeswehr« dreier ausgewiesener Kenner der Thematik – Klaus
Eichner, Karl Rehbaum und Rainer Rupp – vermittelt einen interessanten
Einblick in die Arbeit der Kundschafter. Am 7. September 2011, 19 Uhr,
findet im Rosa-Luxemburg-Saal des Karl-Liebknecht-Hauses (Kleine
Alexanderstraße 28, Berlin-Mitte) die Buchpremiere in Anwesenheit der
Autoren statt.
Wir
veröffentlichen einen stark gekürzten Auszug eines Beitrags von Rainer
Rupp, der lange Zeit als Spitzenquelle im NATO-Hauptquartier unter dem
Decknamen »Topas« tätig war.
Am
15. Januar 1990 war der Leiter der militärpolitischen Auswertung der
Abteilung VII in der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung,
Auslandsnachrichtendienst der DDR, d.Red.), Oberst Dr. HeinzBusch, zum
Bundesnachrichtendienst übergelaufen und hatte als Morgengabe sein
Wissen über eine Quelle namens »Topas« mitgebracht. Zuerst glaubte
man im BND-Hauptquartier in München, es handelte sich bei Busch um
einen Angeber, als er deren Verhörspezialisten glauben machen wollte,
daß »die NATO so durchlässig« sei »wie ein Sieb«. (…)
Als
Oberst Dr. Busch dann jedoch zu erzählen begann und seine auf Grundlage
der »Topas«-Dokumente über viele Jahre erworbenen, intimen und
umfangreichen Kenntnisse über die militärische Planung der NATO und
ihrer Mitgliedstaaten zum Besten gab, gingen den BND-Zuhörern die Augen
über. Schleunigst wurde Anfang 1990 eine hochrangige Arbeitsgruppe
zusammengestellt, die sich aus Vertretern des BND, der
Staatsschutzabteilung des BKA, des Bundesverfassungsschutzes, des Militärischen
Abschirmdienstes und der Bundesanwaltschaft zusammensetzte, die die
Suche nach »Topas« mit einer ebenfalls zu diesem Zweck neu gegründeten
Gruppe im NATO-Hauptquartier in Brüssel koordinieren sollte. Im
April/Mai 1990 lief die Operation nach dem meistgesuchten Mann der BRD,
die zur »größten Suchaktion« der bundesrepublikanischen
Geheimdienste werden sollte, bereits auf Hochtouren. Aber die Dienste wußten
nicht genau, wonach sie suchen sollten. (…)
Erst
nachdem es der CIA nach jahrelangen Bemühungen im Frühling 1993
gelungen war, die drei im Rahmen der später sogenannten »Operation
Rosenholz« für angeblich eine Million Dollar aus bisher ungeklärten
Quellen erworbenen Personaldateien der HVA zu dechiffrieren und
gegenseitig abzugleichen, wurde »Topas« schließlich im Juni 1993
enttarnt.
Am
28. Juli 1993, als ich mit Frau und drei kleinen Kindern von Brüssel
zum Geburtstag meiner Mutter in meinen Heimatort in der Nähe von Trier
kam, schlug die Falle zu. Über 70 Mitarbeiter des BKA-Staatsschutzes
und der Polizei waren im Einsatz und hatten die Umgebung um das
Elternhaus weiträumig gesichert. Meine Ehefrau und ich wurden
verhaftet.
»GAU« für die NATO
Kaum
jemand hatte in der NATO einen derart umfangreichen Zugang zu
Informationen und zu den Dokumenten aller Abteilungen des NATO-Hauptquartiers
wie ich. In seiner Urteilsbegründung hielt mir daher das
Oberlandesgericht Düsseldorf denn auch vor, daß die von mir an den
Osten gelieferten Informationen für die NATO »den GAU«, also den größten
anzunehmende Unfall, bedeutet habe, der im Ernstfall »kriegsentscheidend«
gewesen wäre.
Mit
dieser sicherlich etwas unreflektierten Formulierung hatte das Hohe
Gericht nicht bedacht, daß es in Deutschland, wo sich die beiden mit
Atomwaffen aller Art hochgerüsteten Blöcke hautnah gegenüberstanden,
aber auch in Europa bei einem Krieg auf keiner Seite Gewinner gegeben hätte,
sondern nur Verlierer. Bei meiner Aufklärungsarbeit gegen die NATO ging
es nicht darum, für den Warschauer Vertrag »kriegsentscheidende«
Vorteile auszukundschaften, um einen Krieg zu gewinnen, sondern darum,
einen Krieg zu verhindern, der im Zentrum Europas, insbesondere in
Deutschland, Hunderttausenden Soldaten und Zigmillionen Zivilisten das
Leben gekostet hätte. (…)
Meine
Arbeit im NATO-Headquarter in Brüssel-Evere hatte ich am Mittwoch, dem
5. Januar 1977, im Wirtschaftsdirektorat als Country Rapporteur, also
als Sachbearbeiter für bestimmte NATO-Länder begonnen. (…)
Bei
meiner Arbeitsaufnahme im Januar 1977 wurde ich im Rahmen der Zuarbeit für
die Defence Review für die NATO-Mitgliedsstaaten Bundesrepublik
Deutschland, Griechenland, Türkei und Portugal zuständig. Die Arbeit
bestand darin, Analysen über wirtschaftliche Faktoren und Entwicklungen
in diesen Ländern anzufertigen, welchen die betroffenen Länder im DRC
(Verteidigungsüberwachungsausschuß, d.Red.) zustimmen mußten. Die
Kunst war es, im Rahmen dieser Prozedur den Ländern keine ökonomische
Entschuldigung zur Absenkung der Wachstumsraten der Militärausgaben zu
geben bzw. den NATO-Planern in Brüssel starke Argumente in die Hand zu
geben, um in den NATO-Ausschüssen noch höhere Rüstungsausgaben aus
den Mitgliedsländern zu pressen.
Für
die HVA bedeutete meine neue Position in der NATO, daß ich in den
ersten drei Jahren alle Dokumente, die für die Streitkräfteplanungszyklen
der von mir zu bearbeitenden Länder relevant waren, auch
nachrichtentechnisch sichern konnte. (…) Dennoch war mein Einblick in
die NATO zu jener Zeit immer noch relativ begrenzt. Aber das sollte sich
bald ändern
Der Durchbruch
Weil
mir die Arbeit zügig von der Hand ging und ich zudem einen besonderen
Stil entwickelt hatte, zeitraubende Probleme mit meinen Kollegen in den
Ministerien in den nationalen Hauptstädten direkt und schnell zu klären,
bekam ich nach und nach immer mehr Aufgaben aus anderen Bereichen und in
Zusammenarbeit mit anderen Ausschüssen und Direktoraten zugeschoben.
Besonders schätzte mein Chef, der sich angesichts des Personalabbaus
von 20 auf zwölf Mitarbeiter Sorgen um Bedeutung und Zukunft unseres
Wirtschaftsdirektorats machte, meine Fähigkeit, quer zu denken.
Ungeahnt weitreichende Folgen hatte schließlich meine Initiative, ihn
auf Entwicklungen und Fragestellungen in anderen NATO-Ausschüssen
hinzuweisen, wo nicht nur unser ökonomischer Sachverstand von großem
Nutzen gewesen wäre, sondern damit auch das Ansehen und die
Sichtbarkeit der Wirtschaftsabteilung gefördert würde.
Nachdem
mein Chef zwei, drei meiner Vorschläge mit Erfolg aufgegriffen hatte,
kam er auf die glorreiche Idee, zur Zentralregistratur zu gehen und mich
auf die Empfängerliste aller CM- und DPC-Dokumente (Memoranden des
NATO-Rats und Dokumente des NATO-Verteidigungsplanungsrats, d.Red.) zu
setzen. Das Resultat war, daß in unserem Direktorat außer bei ihm nun
auch noch ein zweiter Satz dieser die gesamten aktuellen Arbeiten der
NATO umfassenden Dokumentenserien in meinem Büro lag, weshalb mein
Panzerschrank um zwei weitere Einheiten aufgestockt werden mußte. Meine
zusätzliche Aufgabe bestand nun darin, alle neu eingehenden Dokumente
auf Möglichkeiten zu überprüfen, wo sich unser Direktorat in anderen
NATO-Foren prestigefördernd einbringen konnte. (…)
Neben
den Ministerrichtlinien und der Bedrohungsanalyse des MC (NATO-Militärausschuß,
d.Red.) lieferte ich bis Ende 1989 regelmäßig und vollständig sämtliche
Enddokumente des NATO-Streitkräfteplanungsverfahrens für alle
NATO-Mitgliedsstaaten, einschließlich der sogenannten Länderkapitel
der Force Goals und der Annual Defence Review mitsamt den umfangreichen
statistischen Anhängen und Zusatzdokumenten (Enclosures).
Zu
der Wertigkeit der einzelnen Dokumentenserien hieß es im Urteil des OLG
Düsseldorf: »Die Force-Goal-Länderkapitel ließen durch die
Festlegung der künftigen Sollwerte die bisherigen Schwachstellen
(TST-Werte) erkennen und gaben dadurch dem Gegner außerordentlich
wertvolle Hinweise sowohl in militärisch-operativer Hinsicht als auch für
seine eigene Planung. (…) Der Force-Goal-Generalbericht (General
Report) stellte eine verbindliche Trendbestimmung für das gesamte Bündnis
dar.«
Zu
den Ministerrichtlinien hieß es, daß sie zwar »keine konkreten militärischen
Einzelheiten« wiedergaben, aber die Staaten des Warschauer Paktes dank
der darin enthaltenen Angaben doch »die Möglichkeit« hatten, »ihre
Kenntnisse von den Vorhaben der NATO zu verbessern und das dadurch
gewonnene Bild den eigenen Rahmen- und Gesamtplanungen zugrunde zu legen«.
»Umfassender Überblick«
Über
die Kenntnis der Länderkapitel der jährlichen Defence Review urteilte
das OLG, daß sie »dem potentiellen Gegner annähernd alle für seine
operationellen Planungen wesentlichen Aufschlüsse über die Streitkräfte
des jeweiligen Mitgliedstaates« gegeben habe, insbesondere »im
Hinblick auf die Fülle von Details im ›Statistischen Anhang‹. Das
Ergebnis dieser jährlichen Verteidigungsüberprüfung in den
NATO-Mitgliedsländern vermittelte dem Gegner einen umfassenden Überblick
über den aktuellen Stand der Streitkräfte in dem jeweiligen
Mitgliedsstaat sowie deren kritische Schwachstellen.« (…)
Insbesondere »die kontinuierliche Lieferung der Enddokumente aus dem
Streitkräfteplanungsverfahren über einen Zeitraum von zwölf Jahren
hatte zur Folge, daß der potentielle Gegner ›alle Karten kannte‹.
Der Sachverständige, Oberst i.G. Mayer, hat diesen Verrat überzeugend
als die Gefahr des ›GAU‹ für die NATO bezeichnet, der sich im
Kriegsfall kriegsentscheidend hätte auswirken können.«
Der
militärische Gesamtüberblick über das Bündnis wurde durch die lückenlose
Aufklärung der Arbeiten in den Ausschüssen der NATO-Abteilungen für
Politische Angelegenheiten, für Rüstung und für Wissenschaft, die in
CM-Dokumentenserie einflossen, umfassend ergänzt. Die einzelnen
Sachgebiete aufzuzählen, wäre zu umfangreich und würde hier zu weit führen.
Zur Illustration folgen daher lediglich einige, unter anderem auch im
OLG-Urteil aufgeführte Fallbeispiele: Die vergleichende Ost-West-Studie
des Politischen Ausschusses, Beschlußentwürfe des NATO-Rates,
Jahresberichte und Tageseinschätzungen des NATO-Generalsekretärs,
Berichte über die Entwicklung des Ost-West-Verhältnisses nach der
Machtergreifung Gorbatschows, zusammenfassende Berichte der
NATO-Ministerratssitzungen, die Krisenhandbücher, Inventur der von der
NATO geplanten Präventivmaßnahmen, die halbjährlich aktualisierten
politischen Berichte über Lage in verschiedenen Regionen der Welt,
beispielsweise in Nordafrika, im südlichen Afrika, in der Karibik und
in Lateinamerika, in China, in Südost- und Ostasien usw. Aus der Rüstungsabteilung
gab es Papiere über neue militärische Pipelines oder über
Fortschritte von gemeinsamen NATO-Rüstungsprojekten. (…)
Als
Mitglied der Current Intelligence Group (CIG), der geheimen
Nachrichtengruppe, versah ich etwa alle sechs bis acht Wochen jeweils
eine Woche lang Dienst im Lagezentrum des NATO-Situation Center (SITCEN).
Allerdings hatte ich jederzeit auch vollen Zugriff auf die Dokumente,
die während meiner Abwesenheit eingegangen waren. Das SITCEN war das
innerste Sanktum, in dem im Krisenfall alle Nervenstränge der NATO
zusammenliefen. Nur wenige NATO-Mitarbeiter hatten Zutritt und das nur
mit einem speziellen Paß. (…)
Das Sahnehäubchen
Als
besonders erschwerend wurde mir im Urteil des OLG die Lieferung des als
»NATO-CO
SM
IC – Top Secret« eingestuften, 480 Seiten umfassenden Berichts des
Militärausschusses der Allianz, einschließlich eines Anhangs (enclosure)
von 478 Seiten, ausgelegt. Dabei handelte es sich um das Dokument MC-161
samt einem der wichtigsten Anhänge. Dieser jährlich unter Federführung
der nachrichtendienstlichen Abteilung des Internationalen Militärstabs
erstellte Bericht umfaßte laut dem vom OLG bestellten militärischen
Gutachter Oberst Mayer von der Bundeswehr »das gesamte Wissen der NATO
über das militärische Potential des Warschauer Paktes«. Kein Wunder,
daß dieses Dokument – wie in dem bekannten DEFA-Film »For Eyes Only«
– nur zur persönlichen Kenntnisnahme war. Selbst registrierte Kopien
des Dokumentes durften nicht gemacht werden, und Einsicht in das
umfangreiche Papier konnte nur in der Räumlichkeiten der Registratur in
Anwesenheit einer Aufsichtsperson genommen werden. Dennoch gelang es
mir, das Dokument in seiner Gänze fotografisch zu sichern.
Insgesamt
kamen in der NATO alljährlich etwa vierzig Gruppen, die sich überwiegend
aus Experten der Militäraufklärung der NATO-Länder zusammensetzten,
in Brüssel zusammen, um MC-161 zu aktualisieren. Dazu wurden alle
Erkenntnisse der NATO-Länder zu unterschiedlichen Bereichen der für
die Verteidigung der Sowjetunion und des Warschauer Vertrags relevanten
politischen, ökonomischen, technischen, aber insbesondere militärischen
Entwicklungen im Osten auf den neuesten Stand gebracht. Dabei ging es
u.a. um Einschätzungen bezüglich personeller Veränderungen im
Generalstab der Roten Armee oder ihren Teilstreitkräften und deren mögliche
Auswirkungen auf Strategie und Taktik. Ein anderer Unterausschuß beschäftigte
sich mit militär-technischen Entwicklungen. Ein Dritter kümmerte sich
um die Verbesserung der gegnerischen Waffenwirkungen, wie etwa
Reichweiten, Feuergeschwindigkeit etc. Die Ergebnisse dieser Arbeiten
wurden in Anhängen zu MC-161 festgehalten, während das Kondensat
dieser Arbeit in das MC-161-Hauptdokument einfloß und somit eine alljährlich
aktualisierte Gesamteinschätzung bot. (…)
In
der Tat ist jedem Strategen klar, daß die Bedeutung der MC-Dokumente für
den Warschauer Vertrag und die Sowjetunion nicht wichtig genug eingeschätzt
werden konnte. Aus diesem Dokument konnten die Auswerter in Ost-Berlin
und Moskau herauslesen, auf welchen Bereichen die NATO korrekt über die
Stärken des Gegners informiert war, wo sie diese überschätzte bzw.
unterschätzte und – noch wichtiger – von welchen Entwicklungen im
Osten die NATO überhaupt noch nichts wußte. Zu diesem Vorteil kam das
genaue und umfassende Wissen über die Aufstellung der NATO-Streitkräfte
und ihrer Stärken und Schwächen hinzu, was durch die regelmäßigen
Lieferungen der alljährlich von den NATO-Ausschüssen aktualisierten
Dokumente der NATO-Streitkräfteplanung gegeben war. (…)
»Krieg der Sterne«
Wer
viel Arbeit schnell und effizient erledigt, bekommt von seinen Chefs in
der Regel gerne noch mehr aufgebürdet. So war das auch bei mir. Neue
Aufgaben nahm ich in der Regel auch an, allerdings immer nur unter
Protest, selbst wenn das neue Projekt aus dem Blickwinkel potentieller
Aufklärungsergebnisse sehr vielversprechend erschien. Ein Protest war nötig,
denn niemand übernimmt gerne zusätzliche Arbeit, erst recht nicht in
einem Umfeld, in dem die Atmosphäre von Regierungsamtsstuben
vorherrschte und Fleiß und Einsatz nur äußerst selten mit einer Beförderung
belohnt wurden.
Wenn
ich schließlich doch eine neue Aufgabe übernahm, bat ich mir im
Gegenzug einige Bedingungen aus. In der Regel gehörten dazu auch »Fortbildungsmaßnahmen«,
die mir vorgeblich erlauben würden, die neuen Herausforderungen auf
entsprechend hohem Niveau zu bewältigen, die mir aber zugleich zu
Zwecken der Aufklärung einen tieferen Einblick in die anstehende
Problematik gewährten. So wurde z.B. Anfang der 80er Jahre in der Rüstungsabteilung
(»Defence Support«) eine NATO-Arbeitsgruppe für das
Sternenkriegsprogramm von Ronald Reagan gegründet. Die Strategische
Verteidigungsinitiative (SDI) des US-Präsidenten hatte vor dem
Hintergrund der rabiat-aggressiven Politik und andauernder militärischer
Provokationen der USA gegen sowjetisches Territorium im Kreml für große
Unsicherheit gesorgt.
Bezüglich
SDI war ich bereits wiederholt von der HVA darauf hingewiesen worden, daß
die Freunde in Moskau dringend Informationen dazu suchten. Bis zu diesem
Zeitpunkt war jedoch der »Krieg der Sterne« ein rein US-amerikanisches
Projekt und keine NATO-Angelegenheit.
Erst
die SDI-Arbeitsgruppe sollte das ändern. Sie war auf Druck der europäischen
NATO-Länder zustande gekommen, die befürchteten, durch die
SDI-Initiative im Bereich der Weltraumforschung und -waffen von den USA
restlos abgehängt zu werden. Washington hatte die europäische
Initiative nur zögerlich aufgegriffen, aber dann erwartete es von
einigen europäischen technologischen Entwicklungen doch
vielversprechende Beiträge zum Erfolg seines »Sternenkrieges«. (…)
Als
(der deutsche beigeordnete Sekretär für politische Angelegenheiten,
d.Red.) Fredo Dannenbring mir dann verkündete, daß ich auf seinen
Wunsch hin in der SDI-Arbeitsgruppe mitarbeiten sollte, gab ich mich natürlich
ablehnend und verwies auf meine anderen, bereits zusätzlich zu meiner
Arbeitsplatzbeschreibung übernommenen Aufgaben. Zögerlich ließ ich
mich dann von der Wichtigkeit meiner Teilnahme überzeugen. Allerdings
verwies ich auf ein großes Hindernis. Ich gab zu erkennen, daß ich mir
gegenüber all den Experten, die aus den verschiedenen Hauptstädten in
der NATO-SDI-Gruppe zusammenkommen würden, laienhaft und unsicher
vorkommen würde. Wenn ich mich dagegen vorher 14 Tage lang in
Washington in Gesprächen mit den führenden Leuten zum Thema schlau
machen könnte, dann wäre ich zuversichtlich, in der SDI-Gruppe meiner
Aufgabe gerecht zu werden.
So
geschah es, daß ich zwei Wochen in Washington in jeder SDI-relevanten
Regierungsstelle, von Pentagon und DIA über das Department of State und
die CIA, über Denkfabriken wie Brookings bis hin zu den Verfechtern und
Kritikern von SDI im Kongreß vorstellig wurde und mit den dortigen
Experten sprach. Vorbereitet waren die Treffen von der US-Botschaft in
der NATO.
Die
Tage in Washington waren von morgens bis abends mit Gesprächen gefüllt.
Immer neue Aspekte und Probleme offenbarten sich, die zu weiteren,
tiefgründigeren Fragen führten. Am Ende der zwei Wochen war ich in
Hochstimmung, denn ich fühlte mich – soweit es die Gesamtübersicht
über das SDI-Programm betraf – als hervorragend informiert.
Am
wichtigsten aber war, daß ich von maßgeblichen Stellen erfahren hatte,
daß es sowohl technisch als auch konzeptuell viele, in absehbarer Zeit
nicht zu bewältigende Probleme mit SDI gab. Damit war das Projekt als
reine US-Propagandakampagne enttarnt, also als ein weiteres Element der
breiten Palette von Maßnahmen, mit denen die eiskalten Krieger der
Reagan-Administration in jenen Jahren den Kreml verunsichert haben.
Zugleich
erfuhr ich von den US-Experten, mit denen ich gesprochen hatte, daß
sich die strategische Planung der USA niemals auf SDI vollkommen
verlassen könnte – selbst wenn das System irgendwann mal rein
technisch funktionieren würde. Damit schied es als zuverlässiges
US-Abwehrsystem zum Unterlaufen der sowjetischen Zweitschlagkapazität
aus.
Wieder
zurück in Brüssel, verfaßte ich einen Bericht für meinen Chef in der
NATO und einen weitaus ausführlicheren für die Genossen in der HVA und
die Freunde in Moskau.
Ein
ähnlicher Coup sollte mir ein Jahr später im Zusammenhang mit der
Volksrepublik China gelingen. Von der HVA hatte ich erfahren, daß
Moskau schon lange über ernst zu nehmende Hinweise besorgt war, daß es
zwischen den USA und China eine militärische Zusammenarbeit gäbe, die
auch den Transfer von Waffensystemen mit einschloß. Der Kreml befürchtete,
daß sich die Amerikaner auf die chinesischen Schultern stellen könnten,
um im richtigen Augenblick auch von dieser Seite gegen die Sowjetunion
loszuschlagen.
Es
traf sich, daß just zu jener Zeit in der Politischen Abteilung der NATO
ein Nachfolger für die Leitung des China-Ausschusses des Bündnisses
gesucht wurde und ich ins Blickfeld meiner Vorgesetzten kam. (…)
Auch
diesmal bereitete die US-Botschaft in der NATO alle Treffen mit den von
mir gewünschten Personen in Washington vor. So gelang es mir, in Gesprächen
mit Mitarbeitern der CIA, der DIA und des Geheimdienstes des US-Außenministeriums,
aber auch mit politischen Vertretern aus den verschiedenen Ministerien
der Reagan-Administration und Mitgliedern von Kongreßausschüssen die
US-amerikanischen Beziehungen zu China umfassend aufzuklären.
Höhepunkt
war ohne Zweifel, daß es mir sogar gelungen war, bis ins Net Assessment
Zentrum des Pentagon vorzudringen, wo ich dem zuerst äußerst zurückhaltenden
Oberst N. schließlich die lang gesuchten Informationen über die
Details der tatsächlich stattfindenden militärischen Zusammenarbeit
zwischen den USA und der Volksrepublik China entlocken konnte.
Washington versorgte Peking nicht nur mit Waffen zur Panzerabwehr,
sondern es gab bereits eine enge Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
elektronischen Aufklärung, zum Beispiel eine gegen die UdSSR gerichtete
gemeinsame Abhörstation auf dem Gebiet der Inneren Mongolei. (…)
Aufgabe Friedenssicherung
Abschließend
gelangte das OLG Düsseldorf zu der Überzeugung, daß namentlich die
alljährlich aktualisierten Länderkapitel der Streitkräfteziele (Force
Goals) und der Verteidigungsüberwachung schon jedes für sich, umso
mehr aber im Verbund eines Planungszyklus ein Staatsgeheimnis
darstellten. Insbesondere durch die kontinuierliche Lieferung der
betreffenden Enddokumente, die es jeweils ermöglichten, die bisher
gewonnenen Erkenntnisse über die Stärken und Schwächen der NATO zu überprüfen,
zu ergänzen und zu aktualisieren, habe die Sowjetunion als Führungsmacht
des Warschauer Paktes dank Rainer Rupp ein umfassendes, stets aktuelles
Bild über die Streitkräfteplanung der NATO gehabt. Zu diesem Vorteil
kam das genaue und umfassende Wissen über die Aufstellung der
NATO-Streitkräfte und ihrer Stärken und Schwächen durch die Lieferung
des Dokuments MC-161 hinzu.
Obwohl
im Urteil des OLG etliche Zitate aus dem Dokument MC-161 aufgeführt
wurden, wurde die wichtigste Stelle, nämlich eine Passage aus dem Teil
IV – Militärdoktrin der Sowjetunion – nirgendwo erwähnt, obwohl
ich in der Verhandlung nachdrücklich darauf hingewiesen hatte.
Das
war verständlich, denn darauf einzugehen hätte bedeutet, das
jahrzehntelang im Westen gepflegte Propagandabild von der »aggressiven«,
uns alle bedrohenden Sowjetunion zu widerlegen. In Teil IV von MC-161
hieß es nämlich, daß die Sowjets keine militärische Aggression gegen
den Westen planten. Nur im Falle eines Angriffs aus dem Westen würden
sie sofort und mit aller Macht offensiv vorgehen, um nach den
schrecklichen Erfahrungen der UdSSR im Zweiten Weltkrieg den nächsten
Krieg nicht auf dem Boden des sozialistischen Lagers, sondern auf dem
Territorium des Gegners auszufechten.
Abschließend
möchte ich daher nochmals betonen, der Zweck meiner gemeinsamen Aufklärungsarbeit
mit der HVA und meinen vielen anderen Genossinnen und Genossen an der
geheimen Front war nicht, einen Krieg zu gewinnen, sondern ihn zu
verhindern!
Rupp,
R.; Rehbaum, K.; Eichner, K.: Militärspionage. Die DDR-Aufklärung in
NATO und Bundeswehr, edition ost, Berlin 2011, brosch., 288 S., 14,95
Euro. Auch im jW-Shop erhältlich |