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Umweltkrieger
(II)
Quelle:
german-foreign-policy
vom 05.12.2008
BERLIN/ESCHBORN/MAINZ
(Eigener
Bericht) - Berlin erklärt den Klimawandel zur Bedrohung der
"nationalen Sicherheit" und fordert ein globales
"Klimaregime". Eine entsprechende "strategische
Positionierung" habe vor allem die deutsche Entwicklungspolitik
vorzunehmen, verlangt die Bundesregierung. Dabei müsse das
Hauptaugenmerk auf die "fragilen Staaten" der sogenannten
Dritten Welt gerichtet sein, heißt es in einer Studie der bundeseigenen
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).
"Umweltstress", durch Naturkatastrophen sowie Wasser- und
Nahrungsmittelknappheit verursacht, könne in zahlreichen Entwicklungsländern
die Anfälligkeit für "Terrorismus, Extremismus und
Rebellion" erhöhen und außerdem Wanderungsbewegungen in die
westlichen Metropolen befördern, erklären die Autoren. Um solchen
Szenarien zu begegnen, verlangen sie eine "proaktive
Migrationssteuerung" und eine gezielte Einflussnahme auf die
Innenpolitik von Staaten in den Armutsregionen der Welt. Die Eingriffe
sichern die westliche Kontrolle über die Länder des Südens für den
Fall, dass die Armutsbevölkerungen dort weiteren Belastungen - etwa Dürre
- ausgesetzt werden und ihrer Lage durch Flucht oder Rebellion zu
entkommen suchen. Mit der Thematik befasst sich auch die Bundeswehr.
Wie
die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in
ihrer Studie "Klimawandel und Sicherheit. Herausforderungen für
die deutsche Entwicklungszusammenarbeit" schreibt, stelle der
globale Klimawandel mittlerweile eine ernsthafte "Bedrohung der
nationalen und internationalen Sicherheit" dar. Die Organisation
mit Sitz in Eschborn bei Frankfurt am Main (Bundesland Hessen) hat das
Papier [1] im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) erarbeitet. Die Autoren kommen von
der Berliner Politikberatungsagentur "Adelphi Consult", die
sich bereits mehrfach im Auftrag der Bundesregierung mit der Thematik
"Klimawandel und Sicherheit" befasst hat.
Spannungen
Die
zentrale These der GTZ-Studie lautet, dass Naturkatastrophen,
"Ressourcenverknappung" und "Umweltdegradation" in
den Ländern der sogenannten Dritten Welt zu "sozialen und
politischen Spannungen" und letztlich sogar zu Kriegen und Bürgerkriegen
führen werden. Dies könne zwei gravierende Konsequenzen haben, heißt
es: Zum einen sei mit verstärkten "Migrationsbewegungen" aus
den Armutsregionen der Welt in die westlichen Metropolen zu rechnen; zum
anderen werde der Zugriff der westlichen Industrienationen auf Rohstoffe
gefährdet. Die Autoren suchen nach Lösungen, ohne das Ausbeutungsverhältnis
in den Blick zu nehmen, das der Armut in der sogenannten Dritten Welt
zugrunde liegt. So unterbleiben etwa Analysen über die Rolle der europäischen
Industriefischerei, die ganze Wirtschaftszweige afrikanischer Staaten in
den Ruin getrieben hat.[2] Derlei Vorgänge werden nicht kritisiert.
Alternative
Siedlungsgebiete
Insbesondere
den vermuteten Ansturm von Armutsflüchtlingen stellen die Autoren als
Schreckensszenario dar. Ein solcher Ansturm könne zu einer "Veränderung
der ethnischen Balance" in den "Zielgebieten" und zu
"Spannungen" bis hin zum "Zusammenbruch der öffentlichen
Ordnung" führen. Die GTZ fordert daher eine Politik der "proaktiven
Migrationssteuerung" [3]; im "Extremfall" müsse sie auch
die "Suche nach alternativen Siedlungsgebieten" beinhalten,
sofern für potenzielle Armutsmigranten "im ländlichen Raum keine
klimaunabhängigen Einkommensalternativen existieren".
Konfliktexport
Befürchtet
wird außerdem, dass mit den Flüchtlingen auch "Problemlagen"
ihrer Länder in die Zielstaaten transportiert werden. Es drohe ein
"Export fragiler Staatlichkeit", die sogar "vermeintlich
stabile Staaten" erfassen könne. Die GTZ warnt vor einer
"Transnationalisierung" von Gewaltkonflikten, wenn es bei
klimabedingten Auseinandersetzungen zu "grenzüberschreitende(n)
Truppenbewegungen von Regierungs- und Rebellentruppen" komme. Durch
Kriege und Bürgerkriege wiederum werde die
"Ressourcendegradation" in den betroffenen Ländern
vorangetrieben - eine "Bedrohung" der deutschen
"Energiesicherheit", urteilt die Entwicklungsorganisation GTZ.
Länderrisiken
Weil
eine rein "militärisch orientierte Sicherheitspolitik"
angesichts solch komplexer Zusammenhänge "strukturell überfordert"
sei, verlangen die Autoren ausdrücklich eine geostrategische
Ausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik. "Länderrisikoanalysen"
der vom Klimawandel am meisten betroffenen Gebiete müssten bestehende
"Analysen durch geheimdienstliche oder militärische
Institutionen" ergänzen; die Ergebnisse seien in entsprechenden
"Datenbanken" zu erfassen.
Krisenhotspots
Die
Studie befasst sich mit vier Regionen, von denen angeblich die stärksten
"Bedrohungen der nationalen und internationalen Sicherheit"
ausgehen: der Mittlere Osten und Nordafrika ("MENA-Region"),
Afrika südlich der Sahara, Asien/Pazifik sowie Lateinamerika und die
Karibik. In Bezug auf den Mittleren Osten heißt es, ökologische und
soziale "Verwerfungen" könnten aufgrund der "geostrategische(n)
Bedeutung" des Gebiets "externe Akteure auf den Plan
rufen", "die ihre (Ressourcen)Interessen gefährdet
sehen". Afrika wird eine "besondere Anfälligkeit" für
"Klimastress" attestiert; dieser könne eine
"katalytische Wirkung für Konflikte" entfalten, was eine
"Verstärkung von Migrations- und Flüchtlingsbewegungen in
Richtung Europa" befürchten lasse. In Südasien reihen sich nach
Auffassung der Autoren ganz wie in Afrika etliche "Krisenhotspots"
aneinander. So sei, zumal es in China bereits jetzt aufgrund von
Umweltverschmutzung zu "vielfältigen sozialen Spannungen"
komme, von einem "zunehmende(n) Verlust der Steuerungsfähigkeit
der chinesischen Regierung" auszugehen. Als hauptsächliches
Problem Lateinamerikas gilt das "unzureichend kontrollierte"
Wachstum der dortigen Großstädte, das zur "Ausdehnung recht- und
staatenloser Zonen" führe.
Klimaregime
Ziel
der Autoren ist es, unkontrollierte Eskalationen in den Armutsgebieten
sowie Rückwirkungen auf die westlichen Wohlstandszentren zu verhindern
- mit einer weltumspannenden Umweltpolitik und einem globalen
"Klimaregime". Zugleich warnen sie vor den Risiken einer
entsprechenden "inhaltlichen und strategischen
Positionierung": So könne die Diskussion über weltweiten
Klimaschutz "instrumentell missbraucht werden, indem die
Verantwortung für Konflikte in Entwicklungsländern an die
Industriestaaten als Hauptverursacher des Klimawandels delegiert
wird". Forderungen der Entwicklungsländer nach
"Kompensationszahlungen" würden immer
"wahrscheinlicher", urteilt die GTZ.
Bundeswehr
Sollte
es nicht gelingen, den befürchteten Entwicklungen mit Mitteln von
Klima- und Entwicklungspolitik beizukommen, steht die Bundeswehr bereit.
Das rheinland-pfälzische Umweltministerium führt am heutigen Freitag
unter dem Motto "Klimawandel und Sicherheit" eine
"Wissenschaftskonferenz" durch. Die Tagung ist Teil einer
strategischen Kooperation des Ministeriums mit der Bundeswehr, die schon
seit mehreren Jahren besteht (german-foreign-policy.com berichtete [4]).
Sie wird mit dem Vortrag eines Bundeswehrgenerals eröffnet.
[1]
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (Hg.): Klimawandel und
Sicherheit. Herausforderungen für die deutsche
Entwicklungszusammenarbeit. Eschborn, April 2008
[2] Seit 1981 beuten hochmoderne industrielle Fangflotten aus EU-Staaten
den natürlichen Reichtum vor der Küste Westafrikas aus und wildern
auch in senegalesischen Gewässern. Die technologisch weit überlegenen
europäischen Schiffsverbände entziehen den senegalesischen Fischern
nicht nur Exportgelegenheiten, sondern vernichten auch die
westafrikanischen Fischbestände. Inzwischen ist die Fangquote, die
senegalesische Fischer erzielen können, so gering, dass größere
Familienverbände davon nicht leben können. Immer mehr Einwohner setzen
ihre Fischerboote als Flüchtlingskähne ein. S. dazu Drei
Fronten
[3] s. dazu unser EXTRA-Dossier Festung
Europa
[4] s. dazu Umweltkrieger
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