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Dadurch brodelt es unter dem  Deckel, die Diskussion wird nicht rational geführt, und dadurch ­  begünstigt durch die unkritische Solidarität der jüdischen Gemeinschaft  mit Israels Politik ­ entsteht ein neuer Hass gegen Juden.“

Rolf Verleger über den Nahostkonflikt, zu der Erklärung Shalom 5767 und seine Kritik an Israel. 

Ein Interview

Quelle: d-a-g (Deutsch Arabische Gesellschaft)

(Rolf Verleger ist Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Deutschen Juden, Professor für Neurophysiologie an der Universität zu Lübeck und früher auch  Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung,)

In einer „Berliner Erklärung“ der deutschen Juden wird die Bundesregierung  aufgefordert, „die israelische Besatzungspolitik nicht länger zu  tolerieren“.

Fragen an das Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Deutschen Juden  Rolf Verleger

Frage: Was hat Sie zu dieser Erklärung veranlasst?

Rolf Verleger: Anlass ist die Ungerechtigkeit der israelischen  Besatzungspolitik und der tiefe dunkle Schatten, den sie auf das Judentum  wirft. Das Judentum, das über Jahrtausende hinweg das Gebot der  Nächstenliebe hochhielt, das in der chassidischen Tradition durch freudige  Erfüllung der Gebote die Heilung der Welt bewirken wollte, das über  Jahrhunderte hinweg unter christlicher Herrschaft und zuletzt unter  Nazi-Terror erfahren hat, was Diskriminierung bedeutet ­ dieses Judentum  kann sich nicht mit diesem Unrecht identifizieren.

 Frage: Was finden Sie besonders schwer zu ertragen?

Rolf Verleger: Das fehlende Unrechtsbewusstsein. Man findet es normal,  Mauern auf fremdem Gebiet zu errichten, der palästinensischen Regierung  das ihr zustehende Geld vorzuenthalten, Aktivisten umzubringen.  Die »Berliner Erklärung« fordert auch die Beendigung des Boykotts der  palästinensischen Autonomiebehörde und einen lebensfähigen  Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967.

Frage: Halten Sie die zweite Forderung wirklich für realistisch?

Rolf Verleger: Sie ist durchsetzbar, wenn Deutschland und die EU sich  entsprechend positionieren. Und sie ist wünschenswert für Israel, denn nur  ein friedliches Auskommen mit den Palästinensern garantiert mittelfristig  Israels Existenz.

Frage: Ihr Aufruf wendet sich ausdrücklich auch an Deutsche nichtjüdischen  Glaubens und ruft sie zur Unterzeichnung auf. Warum?

Rolf Verleger: Jeder sieht, dass die israelische Politik im Widerspruch zu  internationalen Rechtsnormen steht. Jeder weiß auch, dass der ungelöste  Nahostkonflikt die wichtigste Quelle des internationalen Terrors ist.  Aber man sagt das alles ungern öffentlich. Dadurch brodelt es unter dem  Deckel, die Diskussion wird nicht rational geführt, und dadurch ­  begünstigt durch die unkritische Solidarität der jüdischen Gemeinschaft  mit Israels Politik ­ entsteht ein neuer Hass gegen Juden. Wir möchten den  Leuten sagen: Hört auf, Euch da rauszuhalten. Denn seit Rabins Ermordung  ist klar, dass nicht alles von alleine gut werden wird und sich in Israel  selbst eine Mehrheit für eine friedliche Politik durchsetzt. Deutschland,  als mächtigste Nation der EU, muss dafür aktiv werden. Wir sind überzeugt  davon, dass die Mehrheit der Deutschen für Frieden und Verständigung im  Nahen Osten ist. Dieser Wunsch soll laut und vernehmlich werden, dafür  haben wir die Initiative ergriffen.

Frage: Wir erleben gegenwärtig eine neue Zuspitzung im Nahen Osten. Meinen  Sie, dass die israelische Regierung die jetzige Eskalation  mitzuverantworten hat?

Rolf Verleger: Das israelische Militär hat den Flughafen von Gaza  zerbombt, es besteht eine Seeblockade, Fabriken wurden zerschossen,  verderbliche Waren für den Export verrotten, das Elektrizitätswerk wurde  zerbombt, die Mehrheit hat keine vernünftige Arbeit mehr, die halbe  Regierung wurde deportiert, Hunderte von Menschen wurden seit Mai  umgebracht. Es wirkt wie ein soziologisches Experiment über die eigene  Vergangenheit: Wie reagieren Menschen unter unerträglichen Umständen in  einem großen Ghetto, wenn sie an den eigentlichen Verursacher dieser  Umstände nicht herankommen?

Frage: Sie haben einmal gesagt, seit Yitzak Rabin ginge es in Israels  Politik ständig bergab, es zähle fast ausschließlich die militärische  Stärke. Gilt das weiterhin?

Rolf Verleger: Ich lasse mich jederzeit gerne eines Besseren belehren. Als  der rabiate Haudegen Yitzak Rabin und Yasser Arafat, der Pate der  Flugzeugentführer, den Weg zum Frieden einschlugen, da standen mir vor  Glück die Tränen in den Augen.

Frage: Wie bewerten Sie, dass ja auch die EU versucht, die gewählte  Hamas-Regierung zu isolieren?

Rolf Verleger: Diese Parteinahme war nicht klug. Die EU hat es in der  Hand, ob die Welt zu einem Krieg zwischen islamisch und christlich  geprägter Welt driftet oder ob wir wie kultivierte Menschen unsere  Streitigkeiten durch Gespräche beilegen.

Frage: Sie haben sich als Mitglied im Direktorium des Zentralrats der  Juden während des Libanonkrieges in einem Brief an das Präsidium gewandt  und geschrieben, die israelische Regierung brauche »nicht mehr Waffen oder  mehr Geld oder mehr Public Relations, sondern mehr Kritik«. Welche  Wirkungen hatte dieser Brief?

Rolf Verleger: Die Hauptwirkung war, dass ich durch das unerwartete  Medienecho und Hunderte von Zuschriften merkte, dass ich hiermit die  Meinung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung vertrete und dass diese  Meinung deswegen besteht, weil Deutschland aus seiner Vergangenheit  gelernt hat.

Frage: Sie mussten Ihr Amt als Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein  aufgeben, dem Direktorium des Zentralrats gehören Sie jedoch weiter an.  Welche Wirkungsmöglichkeiten sehen Sie dort?

Rolf Verleger: Oberflächlich betrachtet kann ich dort nicht viel bewirken,  denn mein Verhalten wird als unsolidarisch angesehen. Jedoch sitzen in  diesem ca. 30-köpfigen Direktorium viele nette, verständige Menschen. So  mancher könnte sich inzwischen gedacht haben, dass ich so Unrecht nicht  hatte mit meiner Kritik am Libanonkrieg.

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