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Vichy
als Warnung für Ramallah
Der
schlüpfrige Abhang
AUTOR: Uri
AVNERY
Übersetzt
von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz
Quelle:
Tlaxcala.
Originalartikel vom 17. Oktober 2009
NATÜRLICH
ist es die Schuld des Richters Richard Goldstone. Ihm muss man die
Schuld geben, er ist an allen unangenehmen Problemen schuld, mit
denen wir uns jetzt auseinander setzen müssen.
Er
ist schuld an den Schwierigkeiten, die wir sowohl mit der UN in New York
als auch in Genf haben. Schuld an der Verschwörung, die darauf abzielt,
unsere politischen und militärischen Führer vor das
Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu stellen; schuld
an der Krise zwischen der Türkei und uns; schuld an den vielen
Initiativen in aller Welt, die einen Boykott Israels organisieren.
Nun
ist er auch schuld an der existentiellen Bedrohung, der sich
Mahmoud Abbas (Abu Masen) gegenüber sieht.
ALS
DER Goldstone-Bericht dem UN-Menschenrechtsrat vorgelegt wurde,
entschied unsere Regierung, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um
auch nur eine Debatte darüber zu verhindern.
Die
Debatte wurde natürlich von den Palästinensern verlangt. Als der
Bericht veröffentlicht wurde, tat der palästinensische Vertreter in
Genf das Selbstverständliche: er verlangte, dass der Bericht mit der
Aussicht debattiert würde, dass er dem Sicherheitsrat vorgelegt werde,
der ihn dann dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag
weiterreichen würde.
Was
dann kam, konnte man voraussehen. Die israelische Regierung übte
starken Druck auf die USA aus. Die USA tat dasselbe gegenüber
Mahmoud Abbas. Abbas gab nach und instruierte seinen Vertreter in Genf
dahingehend, seine Forderung nach einer Debatte zurückzuziehen.
In
jeder anderen Angelegenheit wäre dies stillschweigend geschehen. Aber
da es um den Gazakrieg ging, explodierte die palästinensische Öffentlichkeit.
Während des Krieges sah jeder Palästinenser der Westbank im
Aljazeera-Fernsehen und in anderen arabischen Kanälen jeden Tag und
jede Stunde die Grausamkeiten des Krieges, die übel zugerichteten
Leichen von Frauen und Kindern, die zerstörten Schulen und Moscheen,
die Bomben mit weißem Phosphor....
Für
die Hamasführer war Abbas’ Order, die Forderung zurückzuziehen, ein
Geschenk Allahs. Sie fielen wütend über Abbas her. „Verräter“,
„Kollaborateur“, „Subunternehmer der zionistischen Mörder“
waren die moderateren Schimpfwörter. Sie fanden ein Echo unter
vielen Palästinensern, die nicht unbedingt Hamasunterstützer sind.
Abbas’
legale Position ist unsicher. Nach der einen Version wäre seine
Amtszeit längst zu Ende. Nach einer anderen wird sie in wenigen Monaten
zu Ende gehen. Egal, wie es ist, er wird gezwungen sein, bald Wahlen
abzuhalten. In dieser Situation kann er gegenüber einem wütenden
Ausbruch der Öffentlichkeit gegen ihn nicht gleichgültig
sein. Also zog er die logische Konsequenz: er instruierte seinen Genfer
Vertreter, er möge sein Ersuchen um eine Debatte des
Goldstone-Berichtes erneuern . Diese Debatte endete mit einer
Resolution, den Bericht vor die Vollversammlung zu bringen.
Unsere
frustrierte Regierung reagierte wütend. Die orchestrierten Medien erklärten,
Abbas sei eine „undankbare“ Person, ja, ein Heuchler. Schließlich,
war er es nicht, der die Israelis während des Gazakrieges drängte,
ihre Angriffe auf die Gazabevölkerung zu intensivieren, um die Hamas zu
stürzen? Diese Anklage goss Öl ins Feuer. Für die Palästinenser
bedeutete dies, dass Abbas die von den Israelis begangenen Gräueltaten
nicht genügten und noch mehr verlangte. Man kann sich kaum eine
schlimmere Behauptung vorstellen.
Als
ob dies noch nicht genug wäre, berichteten die israelischen Medien,
dass Jerusalem der Palästinenserbehörde ein Ultimatum
gestellt habe: wenn das Ersuchen nach einer Debatte nicht zurückgezogen
würde, dann würde Israel keine Zuteilung von Frequenzen für das
zweite palästinensische Mobiltelefonnetz „al-Wataniya“ genehmigen,
deren Partner – so wurde hämisch berichtet – Abbas’ Söhne
einschließen. Solch eine Zuteilung von Frequenzen ist Hunderte
Millionen von Dollar wert. Selbst in solch einer Sache sind die
Palästinenser total von den israelischen Besatzungsbehörden abhängig.
DIE
GANZE Affäre wirft ein schonungsloses Licht auf die unmögliche
Situation, in der sich die Palästinensische Behörde selbst
befindet. Zwischen Hammer und Ambos – tatsächlich sogar zwischen
mehreren Hämmern und einem Ambos.
Der
eine Hammer ist Israel. Die Palästinensische Behörde ist völlig abhängig
von den Besatzungsherren. Wie die Telefonaffäre illustriert, kann in
der Westbank nichts ohne israelische Zustimmung geschehen.
Binyamin
Netanyahu spricht über „wirtschaftlichen Frieden“ als Ersatz für
politischen Frieden, also wirtschaftliche Vergünstigungen anstelle von
nationaler Unabhängigkeit. Dies zeigt übrigens, wie weit er sich von
den Lehren seines Idols Se’ev (Vladimir) Jabotinsky entfernt hat, der
sich schon vor 85 Jahren über die zionistischen Führer lustig machte,
die sich der Illusion hingaben, dass das palästinensische Volk gekauft
werden könne. Kein Volk verkauft sich für wirtschaftliche Vorteile,
sagte er.
Der
Ministerpräsident der Palästinensischen Behörde, Salam Fayad, ist in
die Falle gegangen. Er weist auf den wirtschaftlichen Fortschritt hin,
der – seiner Ansicht nach – in der Westbank statt gefunden hat.
Mehrere Straßensperren wurden beseitigt, ein imponierendes
Einkaufszentrum wurde in Nablus eröffnet. Innerhalb von zwei Jahren, so
sagte er, könnten die Palästinenser so weit sein, einen palästinensischen
Staat zu errichten. Er ignoriert die Tatsache, dass die israelische
Armee der de facto Souverän in den besetzten Gebieten ist und all diese
Bemühungen vom einen zum anderen Augenblick beenden kann. Die
Straßenblöcke können wieder zurückversetzt und gar verdoppelt,
die Städte unter Ausgangssperre gesetzt, das Einkaufszentrum zerstört
werden. In der Tat vergrößert jedes neue Einkaufszentrum in der
Westbank die Abhängigkeit vom Wohlwollen der Besatzungsbehörden.
Ein
anderer Hammer sind die Amerikaner. Die Palästinensische Behörde lebt
vom Geld aus den USA und dem ihrer europäischen Handlanger. Die
Sicherheitskräfte der Palästinensischen Behörde werden vom
amerikanischen General Keith Dayton trainiert. Washington behandelt
Abbas, wie es den afghanischen Präsidenten Hamid Karzei und den
irakischen Ministerpräsidenten Nuri Kamal Maliki behandelt. Er
ist „unser Hurensohn“. Er existiert so lange, wie wir wollen – er
verschwindet, wenn wir ihn nicht mehr brauchen.
Bei
einem Zusammenstoß zwischen Washington und Jerusalem würde Ramallah
profitieren. Aber, wie die Goldstone-Epidode zeigt, arbeiten die USA und
Israel vorläufig noch völlig zusammen. Abbas hat keine
andere Wahl, als nach der israelischen Flöte zu tanzen.
Der
Ambos sind die Palästinenser. Im Augenblick ist die palästinensische
Öffentlichkeit passiv. Sie ist müde, völlig fertig, frustriert,
verzweifelt. Doch die Goldstone-Affäre zeigt, dass es unter der Oberfläche
brodelt.

Die
Hamassprecher vergleichen Abbas mit Marschall Pétain, dem französischen
Helden des 1. Weltkrieges, dem Idol des Volkes und der Armee. Im zweiten
Weltkrieg, als die deutsche Armee das französische Militär in einem
Blitzkrieg vernichtete, was die Welt fassungslos machte, löste
sich das politische Establishment in Paris auf. In dieser Stunde des
Elends rief das Volk nach dem greisen Marschall, der vor den Deutschen
kapitulierte, um noch zu retten, was zu retten war. Er war zweifellos
ein französischer Patriot.
Hitler
respektierte den Marschall und behandelte ihn anfangs gut. Etwa ein Jahr
überlegte er, ob er ihn anstelle von Mussolini als Verbündeten
akzeptieren solle. Ein großer Teil Frankreichs blieb „unbesetzt“
als eine Art deutsches Protektorat – und ebenda wurde das Vichy-Regime
errichtet (nach seiner Hauptstadt benannt). Aber bald verschlechterte
sich die Lage, und Petain wurde ein richtiggehender Kollaborateur der
Nazis, der sich sogar an der Vernichtung der Juden beteiligte.
„Vichy“ wurde ein Synonym für Verrat, und nach dem Krieg wurde Pétain
zum Tode verurteilt. Mit Rücksicht auf seine ruhmreiche Vergangenheit
wurde sein Urteil in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

Ich
denke, dass dies kein fairer Vergleich ist, Ramallah ist nicht Vichy.
Khaled Mashal in Damaskus ist nicht De Gaulle in London. Aber
„Vichy“ dient als Warnung, und die palästinensische Behörde
befindet sich auf einem schlüpfrigen Abhang. Ein Regime unter Besatzung
ist immer in der Gefahr, ein Kollaborateur zu werden. Die verbalen
Attacken der Hamas vermehren nur das Elend von Abbas und seinen Verbündeten.
Abbas’
ursprüngliche Order, das Ersuchen für eine Debatte über den
Goldstone-Bericht zurückzuziehen, war auch ein Hindernis für die
Bemühungen, die Spaltung zwischen den palästinensischen Fraktionen zu
überwinden.
Die
Ägypter verbreiten Nachrichten über einen Fortschritt eines internen
palästinensischen Abkommens und lassen seinen Inhalt
durchsickern. Man kann kaum glauben, dass etwas dabei herauskommt. Hamas
wird aufgefordert, die Alleinherrschaft über den Gazastreifen
aufzugeben; doch kann man sich kaum vorstellen, dass sie dies tun
werden. Von Abbas wird erwartet, dass er in freien Wahlen Hamas gegenübertritt
– und auch dies kann man sich kaum vorstellen. Noch weniger kann
man glauben, dass die Amerikaner solche Wahlen riskieren. Sie haben
schon angekündigt, dass sie alles gegen eine Versöhnung tun
werden.
Die
israelischen Medien berichten mit Häme, der Hass zwischen Fatah und
Hamas sei nun stärker als der Hass gegenüber den Israelis. Das ist
kein einzigartiges Phänomen. Als wir gegen das britische
Besatzungsregime in Palästina kämpften, gab David Ben Gurion,
seinen Leuten den Befehl, die Irgunkämpfer der britischen
Polizei anzuschließen, und nur dank der fast unmenschlichen Zurückhaltung
von Menachem Begin wurde ein Bruderkrieg verhindert. Die irischen
Freiheitskämpfer töteten einander mit Leib und Seele, als die Briten
einen Kompromiss anboten. So etwas ist an vielen Orten geschehen.
Falls
die Palästinenser werden wählen müssen, sind sie nicht zu beneiden.
Auf der einen Seite wird die Hamas als nicht korrupte Bewegung
angesehen, die dem Kampf gegen Israel weiterhin treu bleibt.
Aber die fundamentalistischen religiösen Einschränkungen, die sie
jetzt den Bewohnern des Gazastreifens, besonders den Frauen, auferlegen,
sind für viele Palästinenser abschreckend. Auf der andern Seite wird
die palästinensische Behörde von vielen als korrupt und als
Kollaborateur angesehen, aber auch als die einzige Körperschaft,
die amerikanische Unterstützung für die palästinensische Sache
bekommt.
Hamas
bietet heute keine wirkliche Alternative an , da auch sie eine
Feuerpause mit Israel einhält. Doch die Hoffnung, dass Abbas den
Frieden bringen könnte, schwindet.
WAS
MACHT unsere Regierung aus dieser Situation?
Naivlinge
könnten sagen: Israel ist an der Eliminierung der extremen Hamas und
der Stärkung des moderaten Abbas interessiert, der für den Frieden mit
Israel arbeitet. Das ist doch selbstverständlich.
Wenn
es so wäre, warum hindert die israelische Regierung Abbas daran,
politisch etwas zu gewinnen, und wenn es nur symbolisch wäre? Warum hat
ihn Ariel Sharon ein „gerupftes Huhn“ genannt? Warum
wiederholen die israelischen Medien jeden Tag, „Abbas sei
fürs Frieden-machen zu schwach“?
Warum
lässt Netanyahu nicht ein tausend palästinensische Gefangene frei –
als eine Geste des guten Willens, während er mit der Hamas über
die Entlassung von tausend Gefangenen für die Rückgabe des gefangenen
Soldaten Gilad Shalit verhandelt? Warum unterbreitet er Abbas
Bedingungen, deren Akzeptanz für ihn politischer Selbstmord
bedeuten würde? ( z.B. die Anerkennung „Israels als der Staat der jüdischen
Nation“) Warum geht die Erweiterung der Siedlungen in Ostjerusalem und
auf der Westbank mit erhöhter Geschwindigkeit weiter – unter Abbas’
Augen?
Die
politische und militärische Führung Israels besteht nicht aus dummen
Leuten. Weit davon entfernt. Wenn sie etwas tut, dessen Konsequenzen
klar vorausgesehen werden können, muss man vermuten, dass es genau das
ist, was sie will, selbst wenn sie das Gegenteil behauptet. Wenn alle
Regierungsaktionen Hamas stärken und Abbas schwächen, liegt
nicht genau das hinter ihrer Absicht?
Und
tatsächlich: für die augenblickliche israelische Politik ist Abbas gefährlich.
Er genießt die Unterstützung von Präsident Obama, der Israel unter
Druck setzt, mit den Verhandlungen um „zwei Staaten für zwei Völker“
zu beginnen, was mit dem Rückzug aus der Westbank und der Auflösung
der meisten Siedlungen verbunden wäre. Das würde ein Ende von
120 Jahren zionistischer Ausdehnung und einen fundamentalen
Wandel in der Essenz Israels selbst bedeuten.
Eine
Machtübernahme der Westbank würde von diesen
„Gefahren“ ablenken. Kein amerikanischer Druck für einen
Kompromiss. Keine Notwendigkeit für Verhandlungen. Keine „Beschränkung“
der Siedlungstätigkeit wäre nötig oder ein Kompromiss über
Jerusalem. Die Besatzung könnte ungestört weitergehen.
Dies
kann in der Zukunft zu einer Katastrophe führen. Aber wer denkt schon
an die Zukunft?
Quelle:
מדרון חלקלק - The Slippery Slope
Originalartikel
veröffentlicht am 17.10.2009
Über den Autor
Ellen
Rohlfs und Christoph Glanz sind Mitarbeiter von Tlaxcala,
dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung
kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert
wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzer als auch die Quelle
genannt werden.
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